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Full text of "Die Tempellegende und die Goldene Legende"

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge vor mitgliedern 
der anthroposophischen gesellschaft 



RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 



VEROFFENTLICHUNGEN ZUR GESCHICHTE 
UND AUS DEN INHALTEN DER ESOTERISCHEN SCHULE 

1904 BIS 1914 



Die Tempellegende und die Goldene Legende 

als symbolischer Ausdruck vergangener und zukiinftiger Entwickelungs- 
geheimnisse des Menschen. Aus den Inhalten der Esoterischen Schule 

Zwanzig Vortrage, gehalten in Berlin zwischen dem 23. Mai 1904 und dem 
2. Januar 1906 Bibliographie-Nr. 93 

Grundelemente der Esoterik 

Notizen von einem esoterischen Lehrgang in Form von 31 Vortragen, gehalten 
in Berlin vom 26. September bis 5. November 1905 Bibliographie-Nr. 93a 

Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der 
Esoterischen Schule 1904 bis 1914 

Briefe, Rundbriefe, Dokumente und Vortrage Bibliographie-Nr. 264 

Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Ab- 
teilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914 

Briefe, Dokumente und Vortrage Bibliographie-Nr. 265 



Anweisungen fiir eine esoterische Schulung 

Aus den Inhalten der Esoterischen Schule Bibliographie-Nr. 266 



RUDOLF STEINER 



Die Tempellegende 
und die Goldene Legende 

als symbolischer Ausdruck 
vergangener und zukunftiger Entwickelungs- 
geheimnisse des Menschen 

Aus den Inhalten 
der Esoterischen Schule 

Zwanzig Vortrage 
gehalten in Berlin zwischen dem 23. Mai 1904 
und dem 2. Januar 1906 



1991 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Hella Wiesberger 



1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1979 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1982 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1991 



Bibliographie-Nr. 93 

Einbandgestaltung von Benedikt Marzahn 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1979 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-0930-4 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge- 
sellschaft. Er selbst wollte ursprunglich, daB seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlaBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Steno- 
graphierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die 
Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner 
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst 
korrigieren konnte, muB gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt benicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden miissen, daB in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

liber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent- 
lichen Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist 
am SchluB dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei- 
chermaBen auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Vorbemerkungen des Herausgebers 15 



I 

Pfingsten, das Fest der Befreiung des Menschengeistes 

Berlin, Pfingstmontag, 23. Mai 1904 21 

Der Zusammenhang des Pfingstfestes mit dem Gang der Mensch- 
heitsentwickelung gemaB einem Manuskript der Vatikanischen Bi- 
bliothek und des Grafen von Saint- Germain. Die zwei groBen Welt- 
anschauungsstromungen in der fiinften Wurzelrasse: die agyptisch- 
indisch-siideuropaische, beruhend auf der Intuition der Devas; die 
persisch-germanische, beruhend auf der Intuition der Asuras. Ge- 
gensatz dieser beiden Stromungen. Der Beginn der Reinkarnation 
des Menschen in der lemurischen Zeit und damit zusammenhan- 
gende Ereignisse. Der Siindenfall als Bedingung zum Erringen der 
Freiheit. Prometheus als Reprasentant des nach Freiheit strebenden 
Menschen. Die Hindeutung auf das Pfingstmysterium im Johannes- 
Evangelium. Das Pfingstfest als Symbolum fur das menschliche 
Ringen nach Freiheit. 

Der Gegensatz von Kain und Abel 

Berlin, 10. Juni 1904 33 

Der okkulte Kern in der mosaischen Erzahlung von Adam und Eva 
und deren Nachkommen: ungeschlechtliche und geschlechtliche 
Fortpflanzung. Geschlechtliche Fortpflanzung erst seit der Seth- 
Zeit. Der Ubergang von Adam zu Seth: Kain und Abel. Gegensatz 
zwischen Kain (mannlichem Geist) und Abel (weiblichem Geist): 
intellektuelles und inspiratives Prinzip. Die Geburt des Egoismus 
durch den Verstand. Der Kampf gegen die okkulten Feinde der 
Menschheit: das Geschlecht der Rakshasas. Die Erfiillung einer 
Prophezeiung des Nostradamus durch die Grundung der Theo- 
sophischen Gesellschaft und das Wiedererrichten der ursprung- 
lichen Mysterien. Die Lehre von Reinkarnation und Karma. 

Die Mysterien der Druiden und Drotten 

Berlin, 30. September 1904 (Notizen). 42 

Drotten oder Druiden uralte germanische Eingeweihte. Die drei 
Einweihungs stufen. Die Edda als Erzahlung dessen, was sich in 



den alten Drottenmysterien wirklich ereignet hat. Die Druiden- 
priester als Menschheitsbauer; ein schwaches Abbild davon in den 
Anschauungen der Freimaurer. 

Die Prometheussage 

Berlin, 7. Oktober 1904 47 

Die exoterische, allegorische und okkulte Deutungsmoglichkeit 
der Sagen. Die Prometheussage. Ihre Deutung als Mysteriendar- 
stellung der nachatlantischen Menschheitsgeschichte. Die lemu- 
rische, atlantische und nachatlantische Zeit. Die Erfindung des 
Feuers und Prometheus als Reprasentant der nachatlantischen Zeit. 
Der Gegensatz der kama-manasischen Denkart des Epimetheus 
und der manasischen des Prometheus, des in Weisheit und Tat ein- 
geweihten Fiihrers der nachatlantischen Menschheit. 

Das Mysterium der Rosenkreuzer 

Berlin, 4. November 1904 58 

Der von Christian Rosenkreutz im 15. Jahrhundert der Bruder- 
schaft der Rosenkreuzer gegebene Mythos von Kain und Abel, 
von Hiram und Salomo (Tempellegende). Die Legende als sym- 
bolischer Ausdruck des Schicksals der dritten, vierten und fiinften 
Unterrasse der fiinften Wurzelrasse im Zusammenhang mit der 
Entwicklung des Christentums. Der christliche Grundsatz von der 
Gleichheit aller Menschen vor Gott und seine Anwendung im welt- 
lichen Sinn in der Franzosischen Revolution. Der Graf von Saint- 
Germain und die Franzosische Revolution. Das Christentum des 
Gekreuzigten und das zukunftige Christentum des Rosenkreuzes. 
Das Geheimnis des Ehernen Meeres und des Goldenen Dreiecks. 

Der Manichaismus 

Berlin, 11. November 1904 68 

Die Geistesstromung des Manichaismus. Das Leben ihres Begriin- 
ders Mani. Der groBe Bekampfer des Manichaismus: Augustinus. 
Die Legende des Mani und die manichaische Auffassung vom Bo- 
sen. Das Bose als unzeitgemaBes Gutes und das manichaische Prin- 
zip vom eigenen inneren Geisteslicht (Faust) im Gegensatz zum 
Prinzip der auBeren Autoritat (Augustinus und Luther). Das Zu- 
sammenwirken des Guten und Bosen im Zusammenhang mit den 
Prinzipien von Leben und Form. Leben und Form in der Ent- 
wickelung des Christentums. Die Uberwindung des Bosen durch 
Milde als Aufgabe der manichaischen Geistesstromung. Der Kampf 
Augustins gegen Faustus und der Kampf des Jesuitismus gegen 
das Freimaurertum. 



Wesen und Aufgabe der Freimaurerei vom Gesichtspunkt der 
Geisteswissenschaft 

Erster Vortrag, Berlin, 2. Dezember 1904 80 

Die Tempellegende als Grundlage des Freimaurertums. Der Auf- 
nahmeritus in der Johannesmaurerei. Der Meistergrad und die 
Tempellegende. Die symbolischen Vorgange als Abbilder von ok- 
kulten Vorgangen auf dem Astralplan. Die Freimaurer waren in 
alten Zeiten wirkliche Maurer. Die Baukunst im Verhaltnis zur 
Erkenntnis des Weltalls. Die Freimaurerei ist ihrer eigentlichen 
Aufgabe entwachsen; ihre berechtigte Bedeutung in der vierten 
Unterrasse. 

Zweiter Vortrag, Berlin, 9. Dezember 1904 91 

Die Freimaurerei, eine Hiille, zu der der richtige Inhalt fehlt. 
Goethe und die Maurerei. Der Royal Arch-Grad. Die Werkmaure- 
rei und Baukunst. Die Hochgrade. Das Manifest des GroBorients 
der Memphis- und Misraim-Maurerei in Deutschland. Der Sinn 
der Tempellegende, der Werkmaurerei: intuitive Erkenntnis, die 
verlorengehen muBte. Unsere Zeit (fiinfte Unterrasse) als eigent- 
liche Verstandesrasse. Die Durchorganisierung der mineralischen 
Welt mit menschlicher Geistigkeit als der Sinn des Ehernen Mee- 
res. Die Rede des englischen Premiers Balfour iiber elektrische 
Theorie: eine Hindeutung auf einen Wendepunkt in der Entwicke- 
lung des menschlichen Denkens. Das Uralte der freimaurerischen 
Einrichtungen. 

Drifter Vortrag, Berlin, 16. Dezember 1904 103 

Die Hochgradmaurerei. Der vereinigte Ritus von Memphis und 
Misraim. Die Hochgradmaurerei und Cagliostro. Der Stein der 
Weisen (Unsterblichkeit) und das mystische Pentagramm in der 
Lehre Cagliostros. Die Franzosische Revolution und der Graf von 
Saint-Germain. Der Unterschied zwischen dem stufenweisen Er- 
kennen in den Hochgraden und dem demokratischen Handhaben 
von Erkenntnisdingen in der Johannesmaurerei. Die vier Lehr- 
arten des Memphis- und Misraim-Ritus. Das wesendiche der ok- 
kulten Einrichtungen: daB Formen da sind. Die neue Erkennt- 
nis iiber das Atom. Die zukunftige Erkenntnis vom Zusammen- 
hang von Atom, Elektrizitat und menschlichem Gedanken. 



Der den Geheimgesellschaften zugrunde liegende Gedanke von 

Evolution und Involution 

Berlin, 23. Dezember 1904 116 

Die Bedeutung des Geheimwissens: ein bewuBtes Fortleben, Un- 
sterblichkeit, zu vermitteln. Das groBe Gesetz fiir die Entwickelung 
des BewuBtseins. Die Aufgabe unserer Epoche, die mineralische 
Welt mit menschlichem Geist zu durchsetzen. Die vergeistigten 
Naturreiche als zukiinftiger Inhalt der Seele, beruhend auf dem 
Gesetz von Evolution und Involution. Das zukunftige Hinein- 
wirken bis ins Atom. Zusammenhang von Atom, Gedanke und 
Elektrizitat. Der Untergang der fiinften Wurzelrasse durch den 
Kampf aller gegen alle. Formen und ihre Bedeutung im Zusam- 
menhang mit zukunftigen Stufen der Entwickelung. Ihre Ent- 
sprechung in den Hochgraden der Freimaurer. Die fiinfte Unter- 
rasse als reine Verstandesrasse, als Rasse des Egoismus und dessen 
notwendige Uberwindung. 



II 

liber den verlorenen und wiederzuerrichtenden Tempel im Zu- 
sammenhang mit der Kreuzesholz- oder Goldenen Legende 

Erster Vortrag, Berlin, 15. Mai 1905. 129 

Theosophie und Praxis (Beispiel: Tunnelbau). Die notwendige 
Kenntnis der Gesetze des menschlichen Zusammenwirkens fiir den 
Bau der menschlichen Gesellschaft. Die Ablosung der alten Kultur 
der Priesterstaaten durch die Weltklugheitskultur in der vierten 
Unterrasse. Der Trojanische Krieg. Die Grundung Roms. Die er- 
sten sieben Konige Roms als Reprasentanten der sieben Etappen 
der vierten Kulturepoche. Ihr Zusammenhang mit den sieben 
Prinzipien des Menschen. Die Tempellegende und ihr Zusammen- 
hang mit dem verlorenen und wiederaufzurichtenden Tempel. 

Zweiter Vortrag, Berlin, 22. Mai 1905. 143 

Der Salomonische Tempel als Symbol fiir den Menschen als ein 
Haus Gottes. Die Arche Noah, der Salomonische Tempel und die 
MaBe des menschlichen Korpers. Das Innere des Salomonischen 
Tempels. Die Idee des Salomonischen Tempels und die Tempel- 
ritter. Ihre Lehren. Die Zwei Stromungen am Eingang des Men- 



schengeschlechts: Die Weltkinder (Kainssohne) und die Gottes- 
kinder (Abel-Seth-Sohne). Die Rosenkreuzer als Fortsetzer des 
Templerordens wollten nichts anderes, als was auch die Theo- 
sophie will: arbeiten am groBen Tempel der Menschheit. 

Dritter Vortrag, Berlin, 29. Mai 1905. 154 

Die Kreuzesholzlegende und die weltgeschichtliche Bedeutung des 
Salomonischen Tempels. Der Gegensatz der zwei Stromungen in 
der Menschheit: die Gottessohne (Abel-Seth-Nachkommen) und 
die Menschensohne (Kain-Nachkommen). Die Vereinigung beider 
Stromungen in Christus Jesus. Der Bau des dreistufigen Welten- 
tempels (entsprechend dem physischen Leib, Atherleib, Astralleib) 
den ganzen alten Bund hindurch durch die Kainssohne, die Diener 
der Welt. Die Arbeit an der gottlichen Weltordnung durch die 
Gottessohne, die Diener der Bundeslade. Der Salomonische Tempel 
als auBerer Ausdruck dessen, was die Bundeslade sein soil. Die ir- 
dische Entwickelung des Menschen im Zusammenhang mit dem 
Kreuzsymbol. Der paulinische Unterschied zwischen Gesetz und 
Gnade. Der Zusammenhang von Gesetz und Siinde im alten Bund, 
von Gesetz und Liebe im neuen Bund. 

Vierter Vortrag, Berlin, Pfingstmontag, S.Juni 1905. . . 172 

Die Allegorie vom verlorenen und wiederzugewinnenden Wort im 
Zusammenhang mit dem Pfingstfest. Pfingsten, das Fest der Frei- 
heit der Menschenseele. Die Wahlfreiheit zwischen Gut und Bose. 
Der Siindenfall. Die Erdenentwickelung durch Runden, Globen 
und Rassen. Die sieben Konige der Dynastie Salomos wahrend 
der sieben Perioden des astralischen Globus. Der Aufbau des 
Makrokosmos durch Geist, Sohn und Vater; die innere Arbeit des 
Menschen vom Geist aus durch den Sohn zum Vater. Die nach- 
atlantischen Kulturen bis zum Christus-Ereignis in ihrem Zusam- 
menhang mit dem Wirken der drei Prinzipien Vater, Sohn und 
Geist. Die Auferweckung des inneren Wortes, die Auferstehung 
des Atherleibes als Geheimnis des Pfingstfestes. 



Der Logos und die Atome im Lichte des Okkultismus 

Berlin, 21. Oktober 1905 (Notizen). 186 

Die Zukunftsaufgabe der theosophischen Weltstromung. Der Plan 
der Fuhrung der Menschheit durch die Meister der weiBen Loge. 
Logos, Erdenentwickelung und Atome. 



Ill 



Das Verhaltnis des Okkultismus zur theosophischen Bewegung 

Berlin, 22. Oktober 1905 199 

Wesen der okkulten Gesellschaften: hierarchische Gliederung; 
Wesen der Theosophischen Gesellschaft: demokratische Grund- 
lage. Der Zusammenhang beider liegt darin, daB die Theosophi- 
sche Gesellschaft eine Statte sein soil, in der der Okkultismus zur 
Sprache kommt. Aufgabe des eigentlichen Okkultismus: innere 
Schulung; innerhalb der theosophischen Bewegung: die Popu- 
larisierung der okkulten Erkenntnisse. Aufgabe der Theosophi- 
schen Gesellschaft: okkulte Lehren und okkultes Leben verstand- 
nisvoll zu pflegen. Strenger Gegensatz zwischen okkulter Stromung 
und der theosophischen Gesellschaftsorganisation. 

Freimaurerei und Menschheitsentwickelung (Doppelvortrag) 

Berlin, 23. Oktober 1905 (nur vor Mdnnern) 215 

Berlin, 23. Oktober 1905 (nur vor Frauen) 228 

Physische Trennung der Doppelgeschlechtlichkeit in die Zwei- 
geschlechtlichkeit in der lemurischen Zeit. Auf geistiger Ebene 
eine Art Wiederholung in der nachatlantischen Zeit: Teilung der 
Weisheit in eine mannlich und eine weiblich gefarbte Weisheit. 
Kain und Abel als Reprasentanten dieser alten Mysterienlehre und 
die freimaurerische Tempellegende als ihr symbolischer Ausdruck. 
Die freimaurerische Auffassung der Hervorbringungskraft der Zu- 
kunft durch das Wort. Einseitiges Streben in der Freimaurerei und 
im Jesuitismus. Die Uberwindung der alten Weisheit durch die 
neue der Theosophie, die aus dem iibergeordneten Ungeschlecht- 
lichen kommt. 

Die Beziehung der okkulten Erkenntnisse zum alltaglichen Leben 

Berlin, 23. Oktober 1905 (abends) 243 

Das Hereinspielen der okkulten Erkenntnisse in das unmittelbare 
Leben. Der Astralkorper des Menschen. Die Bedeutung der Er- 
ziehung. Die «intermediare» Astralsubstanz. Die Bearbeitung der 
Astralsubstanz durch Gefiihle, Begriffe, Willensentschliisse. Astrale 
Gedankenformen. Individuelle Astralkorper und Astralsubstanz 
des Volkes. Ausdruck der Volksaufgaben auf dem Astralplan. 
Volkstemperament und Volkscharakter. Slawische und amerika- 
nische Volkerschaften am Anfang ihres Volksgedankens. Spirituel- 
ler Volksgedanke im Osten (Slawentum) und psychischer Volks- 
gedanke im Westen (Amerikanertum). Deren Verbindung im 
Osten mit dem Mongolen-, im Westen mit dem Negerelement. 



Die konigliche Kunst in einer neuen Form 

Berlin, 2. Januar 1906 (vor Mannern und Frauen gemeinsam) . . 258 

MiBverstandnisse und Irrtiimer iiber Freimaurerei. Der Taxil- 
Schwindel. Woher die Bezeichnung Freimaurer? Die drei Gebiete 
oder Saulen der Kultur: Weisheit, Schonheit, Starke. Betrachtung 
des 12. Jahrhunderts und der Sage vom Heiligen Gral in freimaure- 
rischem Sinne. Gegensatz zwischen dem mannlich-maurerischen 
und •weiblich-priesterlichen Prinzip: Bemeisterung der Krafte des 
Unlebendigen und Hinnehmen der gottgegebenen lebendigen 
Krafte. Das Symbol des Kreuzes. Der Heilige Gral als Symbol fiir 
die zukiinftige Bemeisterung der Krafte des Lebendigen: die neue 
Form der koniglichen Kunst. 



Notizbucheintragungen zum Vortrag Berlin, 2. Januar 1906 
(Faksimile) 292 

Uber Goethe und sein Verhaltnis zum Rosenkreuzertum 
(vermutlich 1906) 294 



Hinweise 297 

Sonderhinweis zu den AuBerungen iiber das Atom im Zusam- 
menhang mit der Freimaurerei 354 

Erganzungen 358 

Namenregister. 371 



Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften. . 
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe. 



.373 
.375 



VORBEMERKUNGEN DES HERAUSGEBERS 
ZUR 3. AUFLAGE 



Die in dem vorliegenden Band zusammengefaBten Vortrage sind 
ihrem Inhalte nach eigentlich dem Lehrgut von Rudolf Steiners Eso- 
terischer Schule zuzurechnen.* Denn es sollte mit ihnen auf eine 
darin von 1906 an gepflegte Form esoterischen Arbeitens vorbereitet 
werden. 

Durch die Erlauterungen des esoterischen Gehaltes der Bilderspra- 
che von Mythen, Sagen und Legenden, insbesondere mit der Tem- 
pellegende und der Kreuzesholzlegende, von Rudolf Steiner zumeist 
Goldene Legende genannt, sollte eine Grundlage geschaffen werden 
fur die Pflege einer gewissen Kultsymbolik. Alles Kultusartige, «aber 
nicht nur das auBerlich Kultusartige, sondern das Verstehen der Welt 
in Bildern», das Meditieren in Bildern kann erst zu realer Selbst- und 
Welterkenntnis fuhren. (Vortrag Dornach, 27. 4. 1924 in «Esoteri- 
sche Betrachtungen karmischer Zusammenhange», Band II, Bibl.- 
Nr. 236.) Denn aus Bildern, wie sie sich dem imaginativen Denken 
ergeben, ist alles geschaffen. «Bilder sind die wahren Ursachen der 
Dinge, Bilder liegen hinter allem, was uns umgibt. .. diese Bilder 
haben alle gemeint, die von geistigen Urgrunden gesprochen haben» 
(Vortrag Berlin, 6. Juli 1915 in «Menschenschicksale und Volker- 
schicksale», Bibl.-Nr. 157). Diese Bilder wurden von den Wissenden 
friiherer Zeiten in Mythen und Legenden gekleidet. Fur das moderne 
BewuBtsein hangt die rechte Wirkung davon ab, inwieweit die Bild- 
sprache mit dem ideellen Verstandnis durchdrungen werden kann. 

Da die Bilder der Tempellegende und der Goldenen Legende einen 
integrierenden Bestandteil der symbolisch-kultischen Abteilung bil- 

* Die Esoterische Schule bestand von 1904 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges im 
Sommer 1914 in drei Klassen, siehe GA 264, 265 und 266 (friiher 245). Nach zehnjahrigem 
Unterbruch wurde sie im Jahre 1924 neu begriindet als «Freie Hochschule fiir Geistes- 
wissenschaft», siehe «Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 
und der Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft - Der Wiederaufbau des Goethea- 
num», GA 260a. Allerdings konnte Rudolf Steiner infolge seiner bald darauf eingetretenen 
schweren Erkrankung nur noch die erste Klasse einrichten, deren Inhalte in GA 270 
erscheinen werden. 



deten, sind die hier vorliegenden Vortrage vornehmlich ihrer Inter- 
pretation gewidmet. Rudolf Steiner betrachtete es als eine dem Gegen- 
wartsbewuBtsein notwendige Voraussetzung fiir das Arbeiten mit Bil- 
dern respektive mit Symbolik, zuerst den esoterischen Gehalt dem 
ideellen Verstandnis begreiflich zu machen. Das erfordert der von 
ihm gelehrte rosenkreuzerische Schulungsweg, dessen erste Stufe das 
Studium und dessen zweite erst das imaginative Denken ist. 

Zu den AuBerungen iiber die Freimaurerei ist insbesondere eines 
zu beriicksichtigen: Rudolf Steiner stand damals im Begriff, die zweite, 
die symbolisch-kultische Abteilung seiner Esoterischen Schule einzu- 
richten. Da in derselben die sich ihm aus seiner eigenen Geistesfor- 
schung ergebende neue Form der «Koniglichen Kunst» gepflegt wer- 
den sollte, handelte es sich in den vorbereitenden Vortragen darum, 
deren Geschichte und Wesen klarzulegen und daraufhinzuweisen, daB 
die Menschheit vor einer neuen Entwickelungsepoche dieser konig- 
lichen Kunst steht und was deren zukiinftigen Inhalt bilden wird. 

Wenn er sich dagegen in spateren Jahren in Vortragen, die seit 
langem gedruckt vorliegen*, scharf gegen gewisse freimaurerische 
Zusammenhange wendete, so aus dem Grunde, weil er die Verquik- 
kung von Okkultismus und Machtstreben, wo immer sie auch auf- 
trat, streng verurteilte. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte 
ihm erwiesen, daB «die Grundlagen gewisser Erkenntnisse» durch 
bestimmte westliche Geheimgesellschaften «zu Antrieben einer die 
Weltkatastrophe vorbereitenden politischen Gesinnung und Beein- 
flussung der Weltereignisse» miBbraucht wurden. So sah er sich ver- 
pflichtet, darauf hinzuweisen, daB eine urspriinglich gute und im 
Kern notwendige Sache, die «der ganzen Menschheit ohne Rassen- 
und Interessenunterschiede» dienen sollte, zu einer schlechten Sache 

* Vgl. z.B. die siebenbandige Reihe «Kosmische und menschliche Geschichte» (1914 
bis 1917), Bibl.-Nr. 170 bis 174a und b; «Die okkulte Bewegung im 19. Jahrhundert und 
ihre Beziehung zur Weltkultur» (1915), Bibl.-Nr. 254; «Gegenwartiges und Vergange- 
nes im Menschengeiste» (1916), Bibl.-Nr. 167; «Die soziale Grundforderung unserer 
Zeit-In geanderter Zeitlage», (1918), Bibl.-Nr. 186; «Wie kann die Menschheit denChri- 
stus wiederfinden? Das dreifache Schattendasein unserer Zeit und das neue Christus-Licht» 
(1918), Bibl.-Nr. 187; «Gegensatze in der Menschheitsentwickelung» (1920), Bibl.-Nr. 
197; «Heilfaktoren fiir den sozialen Organismus» (1920), Bibl.-Nr. 198. 



werden muB, wenn sie «zur Machtgrundlage einzelner Menschen- 
gruppen» gemacht wird.* 

Uber eine von Gegnern Rudolf Steiners oft miBdeutete Verbin- 
dung in einer ganz bestimmten auBerlichen Form, die er fur die 
symbolisch-kultische Abteilung mit der durch John Yarker vertrete- 
nen Memphis-Misraim-Maurerei eingegangen ist, vergleiche man den 
Dokumentationsband «Zur Geschichte und aus den Inhalten der 
erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule 1904-1914», 
GA 265. 

Da Rudolf Steiner zur Zeit der hier vorliegenden Vortrage noch 
im Rahmen der Theosophischen Gesellschaft lehrte, gebrauchte er die 
damals ubliche Terminologie. Von einer Ersetzung des Ausdrucks 
«Theosophie» durch «Anthroposophie», wie dies nach der Verselb- 
standigung der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft 
zur «Anthroposophischen Gesellschaft» auf ausdruckliche Angabe 
Rudolf Steiners zumeist vorgenommen wurde, ist hier aus historischen 
Griinden abgesehen worden. Der Leser muB sich jedoch bewuBt sein, 
daB die von Rudolf Steiner gelehrte «Theosophie» - gemaB seinem 
grundlegenden 1904 erstmals erschienenen Werk «Theosophie - Ein- 
fiihrung in ubersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung» 
(Bibl.-Nr. 9) - von Anfang an identisch war mit dem, was er spater 
nur noch Anthroposophie oder anthroposophisch orientierte Geistes- 
wissenschaft genannt hat. 

In bezug auf die Texte muB ausdriicklich darauf hingewiesen wer- 
den, daB sie wie die meisten Nachschriften aus den friihen Jahren, in 
denen noch nicht von Berufsstenographen nachgeschrieben wurde, 
spiirbar luckenhaft, manchmal nur notizenhaft sind. Stilistische und 
logische Unebenheiten diirfen daher nicht Rudolf Steiner zur Last 
gelegt werden. Aber auch wenn es sich nicht immer um wortwort- 
liche Nachschriften handelt, so bilden die uberlieferten Inhalte doch 
einen einzigartigen und unentbehrlichen Bestandteil im Gesamtwerk 
Rudolf Steiners. Um so weit als moglich einen fehlerfreien Text zu 
gewahrleisten, wurden jeweils samtliche Unterlagen gepriift und so- 

* Aus dem (nicht gezeichneten) Vorwort zu Karl Heise «Entente-Freimaurerei und 
Weltkrieg», Basel 1918. 



weit Originalstenogramme vorliegen, auch diese in die Priifung ein- 
bezogen. In den Hinweisen ist fiir jeden Vortrag gesondert ange- 
geben, welche Unterlagen fiir die Bearbeitung zur Verfiigung ge- 
standen haben. Einfiigungen in eckigen Klammern [ ] sind Hinzu- 
fiigungen des Herausgebers, wogegen Einfiigungen in gewohnlichen 
Klammern ( ) so in den Nachschriften enthalten sind. Die ausfiihr- 
lichen Hinweise mochten dazu dienen, die Mangel der Nachschriften 
soweit als moglich auszugleichen. Als literarisches Quellenmaterial 
wurden vor allem einschlagige Werke aus der Bibliothek Rudolf 
Steiners herangezogen. 

H.W. 



I 



PFINGSTEN, DAS FEST DER BEFREIUNG 
DES MENSCHENGEISTES 

Berlin, Pfingstmontag, 23. Mai 1904 

Es war vorauszusehen, daB heute nur eine kleine Gemeinde sich ver- 
sammeln wiirde. Ich habe dennoch beschlossen, diesen Abend abzu- 
halten, um denen, welche sich heute einfinden, einiges zu sagen in 
Ankniipfung an das Pfingstfest. 

Bevor ich darauf eingehe, mochte ich Ihnen eines der Ergebnisse 
meiner letzten Londoner Reise mitteilen, das darin besteht, daB uns 
hochstwahrscheinlich im Herbst Frau Besant hier besuchen wird. Wir 
werden also Gelegenheit haben, die zu den bedeutendsten spirituellen 
Kraften der Gegenwart gehorende Personlichkeit wieder zu horen. 
Die zwei nachsten offentlichen Vortrage werden wir im Architekten- 
haus haben: heute iiber acht Tagen iiber Spiritismus und den fol- 
genden iiber Somnambulismus und Hypnotismus. Dann werden die 
Montagsveranstaltungen wieder regelmaBig hier stattfinden. An den 
Donnerstagen der nachsten Zeit werde ich sprechen iiber Theoso- 
phische Kosmologie, iiber Vorstellungen, die die Theosophie zu geben 
hat iiber die Bildung des Weltgebaudes. Diejenigen, welche sich fur 
diese Fragen interessieren, werden mannigfaltiges zu horen bekom- 
men, was sie vielleicht noch nicht aus der gebrauchlichen theosophi- 
schen Literatur kennen. Die Vortrage iiber die Elemente der Theo- 
sophie mochte ich in einem spateren Zeitpunkte halten. 

Was ich nun heute sagen werde, entstammt einer alten okkulten 
Tradition. Der Stoff kann natiirlich heute nicht erschopft werden. 
Manches wird sogar unglaubhaft erscheinen. Ich bitte daher, die heu- 
tige Stunde als eine Episode zu betrachten, in der nichts bewiesen, 
sondern einfach Dinge erzahlt werden sollen. 

Die Menschen feiern heutzutage ihre Feste, ohne so recht eine 
Ahnung davon zu haben, was solche Feste bedeuten. In den Zeitun- 
gen, die fur einen groBen Teil unserer gegenwartigen Zeitgenossen 
die eigentliche Quelle der Bildung und Aufklarung bedeuten, kann 
man die mannigfaltigsten Artikel iiber solche Feste lesen, ohne daB 



bei den Schreibern irgendein BewuBtsein vorhanden ist, was solch ein 
Fest zu bedeuten hat. Aber fur Theosophen ist es notwendig, wieder 
auf die innere Bedeutung hinzuweisen. Und so mochte ich heute 
hinweisen auf die Anfangskeime eines solchen uralten Festes, auf den 
Ursprung des Pfingstfestes. 

Das Pfingstfest ist eines der bedeutendsten und am schwersten ver- 
standlichen Feste. Im christlichen BewuBtsein erinnert es an die Aus- 
gieBung des Heiligen Geistes. Dieses Ereignis wird uns beschrieben 
als eine Wundergeschichte: iiber die Jiinger und die Apostel Christi 
habe sich der Heilige Geist ergossen, so daB sie anfingen, in alien 
moglichen Zungen zu sprechen. Das heiBt, daB sie zu jedem Herzen 
den Zugang fanden und je nach dem Verstandnis der Menschen spre- 
chen konnten. Das ist eine Bedeutung des Pfingstfestes. Wenn wir es 
aber griindlicher verstehen wollen, miissen wir viel tiefer gehen. Das 
Pfingstfest - als symbolisches Fest - hangt mit den tiefsten Mysterien, 
mit den heiligsten geistigen Giitern der Menschheit zusammen. Des- 
halb ist es so schwer, dariiber zu sprechen. Wenigstens auf einiges 
mochte ich indessen heute doch hindeuten. 

Wofiir eigentlich das Pfingstfest Symbol ist, was dem Pfingstfest 
zugrunde ligt, was es im tieferen Sinne bedeutet, das ist nur aufge- 
schrieben in einem Manuskript, das sich im Vatikan, in der Vatikani- 
schen Bibliothek befindet und in der sorgfaltigsten Weise behiitet 
wird. In diesem Manuskript ist allerdings nicht von dem Pfingstfest, 
wohl aber von dem gesprochen, wofiir das Pfingstfest nur das auBere 
Symbol ist. Dieses Manuskript hat wohl kaum jemand gesehen, der 
nicht in die tiefsten Geheimnisse der katholischen Kirche eingeweiht 
war oder es im Astrallichte zu lesen vermochte. Eine Kopie davon be- 
sitzt eine Personlichkeit, welche von der Welt sehr verkannt worden 
ist, die aber heute fiir den Geschichtsbetrachter anfangt interessant 
zu werden. Ich konnte auch ebenso sagen «hat besessen» statt «be- 
sitzt», aber es entstande eine Unklarheit dadurch. Deshalb sage ich: 
eine Kopie besitzt der Graf von Samt-Germain, von dem wohl die ein- 
zigen Mitteilungen stammen, die es in der Welt davon gibt. 

Ich mochte im Sinne der Theosophie nur andeutungsweise einiges 
dariiber sagen. Wir werden da zu etwas gefiihrt, was tief zusammen- 



hangt mit der Evolution, mit der Entwickelung der Menschheit in der 
fiinften Wurzelrasse. Der Mensch hat ja diejenige Form, die er heute 
an sich tragt, in der dritten Wurzelrasse, der alten lemurischen Zeit 
bekommen, sie weitergebildet durch die vierte Wurzelrasse, die Zeit 
der alten Atlantis, und ist dann mit dem Resultat in die fiinfte Wur- 
zelrasse eingetreten. Wer meine Atlantis-Vortrage gehort hat, wird 
sich erinnern, daB bei den Griechen noch eine lebhafte Erinnerung an 
jene Zeit vorhanden war. 

Zur Orientierung miissen wir einen kurzen Einblick gewinnen in 
zwei Stromungen innerhalb unserer fiinften Wurzelrasse, die als ver- 
borgene Krafte in den Gemiitern lebendig sind und vielfach mitein- 
ander streiten: die eine Stromung findet sich am reinsten und klar- 
sten ausgepragt in dem, was wir die agyptische, indische und siid- 
europaische Weltanschauung nennen. Alles spatere Judentum und 
auch das Christentum enthalt etwas davon. Das hat sich aber anderer- 
seits in unserem Europa wiederum vermischt mit der anderen Stro- 
mung, die in derjenigen Weltanschauung lebt, die wir im alten Per- 
sien finden und die wir - wenn wir nicht auf das horen, was uns die 
Anthropologen und Etymologen sagen, sondern wenn wir auf die 
Sache tiefer eingehen - wiederfinden konnen von Persien westwarts 
sich hinziehend bis zu den Regionen der Germanen. 

Von diesen zwei Stromungen mochte ich behaupten, daB sie auf 
zwei wichtige, zwei groBe spirituelle Intuitionen hindeuten, die ihnen 
zugrunde liegen. Die eine ist am reinsten aufgegangen den uralten 
Rishis. Ihnen ging auf die Intuition hohergearteter Wesen: der so- 
genannten Devas, Wer eine okkulte Schulung durchgemacht hat, wer 
forschen kann auf diesem Gebiete, der weiB, was Devas sind. Diese 
rein spirituellen Wesenheiten, die im Astral- und Mentalraum leben, 
haben eine zweifache Natur, wahrend die Menschen eine dreifache 
Natur haben. Denn der Mensch besteht aus Leib, Seele und Geist. 
Die Devanatur aber besteht - soweit wir sie verfolgen konnen - nur 
aus Seele und Geist. Sie mag noch andere Glieder haben, aber wir 
konnen sie selbst mit okkulter Schulung nicht verfolgen. Ein Deva 
hat in seinem Inneren unmittelbar den Geist. Der Deva ist ein seelen- 
begabter Geist. Was Sie beim Menschen nicht sehen konnen, namlich 



die Begierden, Triebe, Leidenschaften und Wiinsche, die in ihmleben, 
die aber fur den, der seine spirituellen Sinne erschlossen hat, wahr- 
nehmbar sind als Lichterscheinungen, diese Seelenkrafte, dieser See- 
lenleib des Menschen, der fiir den Menschen sein Inneres ist und ge- 
tragen wird von unserem physischen Leib, das ist der unterste Leib 
der Devas. Wir konnen ihn als ihren Korper ansehen. Die indische 
Intuition ging vorzugsweise auf die Verehrung dieser Devas. Der 
Inder sieht diese Devas iiberall. Er sieht sie als die schaffenden Krafte, 
wenn er hinter die Kulissen unserer Welterscheinungen blickt. Diese 
Intuition liegt dem siidlichen Weltanschauungsgiirtel zugrunde. In 
der Weltanschauung Agyptens kommt sie groB und gewaltig zum 
Ausdruck. 

Die andere Intuition liegt der alten persischen Mystik zugrunde 
und fiihrte zur Verehrung von Wesenheiten, die auch nur zweifacher 
Natur sind: den Asuras. Diese haben auch das, was wir Seele nennen; 
aber in groBartiger, titanenhafter Weise haben sie ausgebildet den 
physischen Leib, der ein Seelenorgan einschlieBt. Die indische Welt- 
anschauung, die an der Devaverehrung festhalt, sieht diese Asuras als 
etwas Untergeordnetes an, wahrend diejenigen, die sich zum nord- 
lichen Weltanschauungsgiirtel bekannten, mehr an den Asuras hingen, 
an der physischen Natur. Daher hatte sich auch hier besonders der 
Drang ausgebildet, die Welt der Sinneserscheinungen in materieller 
Weise zu beherrschen, die Welt der Wirklichkeit durch die bis ins 
Hochste gehende Vervollkommnung der Technik, durch physische 
Kiinste und dergleichen zu beherrschen. Heute gibt es keine Men- 
schen mehr, die an der Asuraverehrung festhalten; aber viele unter 
uns gibt es noch, die etwas von dieser Natur in sich haben. Von daher 
riihrt der Zug nach der materiellen Seite des Lebens und das ist der 
Grundzug des nordlichen Weltanschauungsgiirtels. Wer sich zu rein 
materialistischen Grundsatzen bekennt, kann sicher sein, daB er in sei- 
ner Natur etwas hat, was von diesen Asuras herriihrt. 

Innerhalb der Bekenner der Asuras entwickelte sich dann ein eigen- 
tiimliches Grundgefiihl. Es sproBte zuerst im persischen Geistesleben 
auf. Die Perser bekamen eine Art Furcht vor der Devanatur. Furcht, 
Scheu und Grauen bekamen sie vor dem, was rein geistig-seelisch ist. 



Das bewirkte, daB wir heute den groBen Gegensatz erblicken zwischen 
der persischen und der indischen Anschauung. In der persischen 
Weltanschauung wurde oft gerade das angebetet, was die indische 
Richtung als schlecht, als etwas Untergeordnetes betrachtete, und 
geradezu gemieden, was der Inder als verehrungswurdig betrachtet. 
Innerhalb des persischen Weltgefuhles entstand also diese eigentum- 
liche Grundempfindung gegeniiber einer Wesenheit, die eigentlich 
Devanatur hat, die aber innerhalb dieser Weltanschauung gemieden, 
gefurchtet wird. Kurz, es ist das Bild des Satans, das in dieser Welt- 
anschauung auftritt. Luzifer, der Geistig-Seelische, wird ein mit 
Schauder erfullendes Wesen. Darin haben wir den Ursprung zu suchen 
von dem, was als Teufelsglaube existiert. Diese Grundempfindung ist 
auch in die moderne Weltanschauung ubergegangen; namentlich im 
Mittelalter wurde der Teufel eine gefurchtete und gemiedene Figur. 
Luzifer wurde also formlich gemieden. 

Wir erhalten dariiber AufschluB in dem angegebenen Manuskript. 
Wenn wir im Sinne desselben den Gang der Weltentwickelung ver- 
folgen, dann finden wir, daB in der Mitte der dritten, der lemurischen 
Rasse, die Menschen sich mit physischem Stoff bekleidet haben. Es ist 
eine falsche Vorstellung, wenn die Theosophen glauben, daB die Rein- 
karnation keinen Anfang und kein Ende habe. Die Reinkarnation hat 
in der lemurischen Zeit angefangen und wird im Beginne der sechsten 
Rasse auch wiederum aufhoren. Es ist nur eine gewisse Zeitspanne in 
der irdischen Entwickelung, innerhalb welcher der Mensch sich wie- 
derverkorpert. Vorausgegangen war ein uberaus geistiger Zustand, der 
keine Wiederverkorperung notig machte, und folgen wird wiederum 
ein geistiger Zustand, der auch keine Wiederverkorperung bedingt. 

Die urspriingliche Verkorperung in der dritten Rasse bestand darin, 
daB gleichsam der jungfrauliche Menschengeist, Atma-Buddhi-Manas, 
seine erste physische Verkorperung suchte. Es konnte damals die 
physische Entwickelung unserer Erde mit den tierartigen Wesenhei- 
ten noch nicht so weit vorgeschritten sein, die ganze tierisch-mensch- 
liche Wesenheit konnte damals noch nicht so weit sein, daB sie den 
Menschengeist hatte aufnehmen konnen. Aber ein Teil, eine gewisse 
Gruppe tierartiger Wesenheiten war schon so weit entwickelt, daB 



sich der Same des Menschengeistes in diese tierischen Leiber senken 
konnte, damit sie dem Menschenleibe die Form geben konnten. 

Ein Teil der Individualitaten, welche dazumal sich inkarnierten, 
bildeten den kleinen Stamm derjenigen, die sich spater als sogenannte 
Adepten iiber die ganze Welt verbreiteten. Das waren die urspriing- 
lichen Adepten, nicht diejenigen, die wir heute Initiierte nennen. Die, 
welche wir heute Initiierte nennen, machten damals noch keine In- 
karnation durch. Es verkorperten sich damals aber nicht alle, die 
menschlich-tierische Korper hatten finden konnen, sondern nur ein 
Teil. Ein anderer Teil widersetzte sich dem Gang der Inkarnation aus 
bestimmten Griinden. Sie warteten damit bis in die vierte Rasse hin- 
ein. Die Bibel deutet jenen Zeitpunkt in verborgener und tiefsinniger 
Weise an: Die Sonne der Gotter fanden, daB die Tochter der Men- 
schen schon waren und sie verbanden sich mit ihnen. 

Das heiBt, es begann in jenem spateren Zeitpunkte eine Inkarnation 
von denjenigen, welche gewartet hatten. Wir nennen diese Gruppe 
« Sonne der Weisheit», und es scheintfast, als liege eine gewisse Ver- 
messenheit und ein Stolz in ihnen. Von der kleinen Ausnahme der 
Adepten wollen wir jetzt absehen. Hatte sich dieser andere Teil damals 
auch inkarniert, so ware der Mensch niemals zu dem klaren BewuBt- 
sein gekommen, in dem er heute lebt. Der Mensch ware in dumpfem 
TrancebewuBtsein steckengeblieben. Er wiirde das BewuBtsein ange- 
nommen haben, das Sie heute bei Hypnotisierten, Somnambulen und 
so weiter finden konnen. Kurz, die Menschen hatten in einer Art 
TraumbewuBtsein bleiben miissen. Aber eines hatte ihnen dann ge- 
fehlt, was auBerordentlich wichtig, wenn nicht das Wichtigste war: 
das Freiheitsgefiihl, die selbsteigene Entscheidung des Menschen iiber 
Gut und Bose aus seinem eigenen BewuBtsein, aus seinem Ich heraus. 

Die Genesis bezeichnet diese spatere Inkarnation - in derjenigen 
Gestalt, die sie eben schon erhalten hat unter den Einfliissen, die von 
jener Empfindung herkommen, die ich charakterisiert habe dadurch, 
daB ich gesagt habe, daB vor dem Deva eine gewisse Scheu besteht -, 
die Genesis bezeichnet diese spatere Inkarnierung als den «Fall» des 
Menschen, den Siindenfall. Der Deva wartete und sank erst herunter, 
als die physische Menschheit schon eine Stufe weiter entwickelt war, 



um dann erst Besitz zu ergreifen von dem physischen Leib, damit er 
dann ein reiferes BewuBtsein entwickeln konne, als das friiher der 
Fall gewesen ware. 

So sehen Sie, daB der Mensch sich seine Freiheit dadurch erkauft 
hat, daB sich seine Natur verschlechterte, weil er mit der Inkarnierung 
wartete, bis seine Natur heruntergestiegen ist in die dichteren phy- 
siologischen Zustande. In der griechischen Mythologie hat sich ein 
tiefes BewuBtsein von diesem Tatbestand erhalten. Ware der Mensch 
schon friiher zur Inkarnation gekommen - das sagt der Mythos der 
Griechen -, dann ware das eingetreten, was Zeus wollte, als sich die 
Menschen noch im «Paradiese» befanden: Er wollte sie gliicklich 
machen, aber als unbewuBte Wesen. Das klare BewuBtsein hatte dann 
einzig bei den Gottern gelegen und der Mensch ware ohne das Gefiihl 
der Freiheit geblieben. Die Auflehnung des Luzifergeistes, des Deva- 
geistes in der Menschheit, der heruntersteigen wollte, um sich aus der 
Freiheit heraus selbst emporzuentwickeln, ist symbolisiert in der Sage 
von Prometheus. Er aber muB fur sein Bestreben biiBen dadurch, daB 
fortwahrend ein Adler - als Symbol der Begierde - an seiner Leber 
nagt und ihm dadurch die furchtbarsten Schmerzen verursacht. 

Der Mensch ist also tiefer heruntergestiegen und muB nun das, was 
er durch magische Kiinste und Krafte erreicht haben wiirde, mit dem 
erreichen, was ihm selbsttatig aus dem klaren BewuBtsein der Freiheit 
erflieBt. Aber weil er tiefer heruntergestiegen ist, muB er auch Schmer- 
zen und Qualen erdulden. Auch dies deutet die Bibel an mit den 
Worten: In Schmerzen sollst du Kinder gebaren, im SchweiBe deines 
Angesichtes sollst du dein Brot essen -, und so weiter. Das heiBt 
nichts anderes als: der Mensch muB sich selbst mit Hilfe der Kultur 
wieder hochbringen. 

Den Reprasentanten der in Freiheit durch Kampfe zur Kultur stre- 
benden Menschheit hat die griechische Mythologie in Prometheus 
symbolisiert. In ihm hat sie dargestellt den leidenden Menschen und 
zugleich den Befreier. Derjenige, der des Prometheus Befreiung her- 
beifiihrt, ist Herakles, von dem uns erzahlt wird, daB er sich in die 
eleusinischen Mysterien einweihen lieB. Wer hinabstieg in die Unter- 
welt, war ein Initiierter, denn das Hinabsteigen in die Unterwelt ist 



der technische Ausdruck fiir die Initiation. Diese Fahrt nach der 
Unterwelt wird uns von Herakles, Odysseus und von alien denjenigen 
gesagt, bei denen wir es mit Eingeweihten zu tun haben, die nun die 
Menschen innerhalb der gegenwartigen Entwickelung zu dem Quell 
urspriinglicher Weisheit, zum spirituellen Leben fiihren wollen. 

Ware die Menschheit auf dem Standpunkte der dritten Rasse stehen- 
geblieben, dann waren wir heute Traummenschen. Durch seine Deva- 
natur hat der Mensch seine niedere Natur befruchtet. Aus seinem 
SelbstbewuBtsein, seinem FreiheitsbewuBtsein heraus muB er nun 
jenen BewuBtseinsfunken, den er sich damals in berechtigtem Uber- 
mut herunterholte, wieder entwickeln, also jene spirituelle Erkenntnis, 
die er in dem friiheren unfreien Zustande nicht angestrebt hat. In der 
menschlichen Natur selbst liegt jene satanische Auflehnung, die als 
luziferisches Streben aber die Gewahr fiir unsere Freiheit iiberhaupt 
ist. Und aus dieser Freiheit entwickeln wir wieder spirituelles Leben. 
Dieses spirituelle Leben soil innerhalb der Menschheit der fiinften 
Rasse wieder angefacht werden. Wieder soil von Initiierten dieses 
BewuBtsein ausgehen. Nicht ein traumhaftes, sondern ein klares Be- 
wuBtsein soil es sein. Die Herkulesse des Geistes, die Initiierten sind 
es, die die Menschheit vorwartsbringen und ihr die verborgene Deva- 
natur, die Erkenntnis des Geistigen enthiillen. Das ist auch das Stre- 
ben aller groBen Religionsstifter gewesen, der Menschheit wieder die 
Erkenntnis des Geistigen zu bringen, das sie im physiologischen 
Leben verloren hat. Die Atlantier hatten eine hohe physische Kultur, 
und unsere fiinfte Rasse hat noch immer viel von dem materiellen 
Leben in sich. Diese materialistische Kultur unserer Zeit zeigt uns, 
wie sehr der Mensch sich verstrickt hat in die rein physisch-physio- 
logische Natur, wie Prometheus in seine Ketten. Aber ebenso sicher 
ist es, daB der Geier, das Symbol der Begierde, der an unserer Leber 
nagt, beseitigt werden wird durch den spirituellen Menschen. Dahin 
wollen die Initiierten die selbstbewuBte Menschheit fiihren durch 
solche Bewegungen, von denen die theosophische Bewegung eine 
ist, damit der Mensch in voller Freiheit wieder emporsteigen kann. 

Den Zeitpunkt, den wir als den Augenblick des Einstromens spiri- 
tuellen Lebens in die selbstbewuBte Menschheit zu erfassen haben, 



finden wir im Evangelium, im Neuen Testament, genau angedeutet. 
Im tiefsten Evangelium, das von der heutigen Theologie verkannt 
wird, im Johannes-Evangelium, da wo erzahlt wird, daB Jesus das 
Laubhiittenfest besucht, wird dieser Zeitpunkt angedeutet. Der Stif- 
ter des Christentums spricht da davon, spirituelles Leben iiber die 
Menschheit auszugieBen. Es ist das eine merkwiirdige Stelle. Das 
Laubhiittenfest bestand ja darin, daB man zu einer Quelle ging, aus 
der Wasser floB. Dort entwickelte sich dann ein Fest, das darauf hin- 
deutete, daB der Mensch sich wieder einmal besinnen solle auf das 
Spirituelle, auf die Devanatur und das geistige Streben. Das Wasser, 
das da geschopft wurde, war eine Erinnerung an das Seelisch-Geistige. 
Nach wiederholten Absagen geht Jesus doch zu dem Fest. Und am 
letzten Tage des Festes geschieht folgendes (Joh.7,37): Am letzten 
Tage des Festes, der am herrlichsten war - so heiBt es -, trat Jesus 
auf und sprach: «Wen da diirstet, der komme zu mir und trinke!» - 
Diejenigen, welche tranken, feierten ein Erinnerungsfest an das spiri- 
tuelle Leben. Jesus aber verbindet noch etwas anderes damit und das 
deutet Johannes mit den Worten an: «Wer an mich glaubet, wie die 
Schrift saget, von des Leibe werden Strome des lebendigen Wassers 
flieBen. Das sagte er aber von dem Geiste, welchen empfangen soil- 
ten die, die an ihn glaubten, denn der Heilige Geist war noch nicht 
da; denn Jesus war noch nicht verklaret.» 

Hier ist nun hingedeutet auf das Pflngstmysterium, hingedeutet 
darauf, daB die Menschheit zu warten hat auf diesen Heiligen Geist 
des spirituellen Lebens. Wenn der Zeitpunkt erreicht sein wird, daB 
der Mensch in sich selbst den Funken des spirituellen Lebens ent- 
ziinden kann, wenn die physiologische Natur des Menschen aus sich 
selbst den Aufstieg versuchen kann, dann wird der Heilige Geist iiber 
die Menschen kommen, die Zeit des spirituellen Erwachens. 

Der Mensch ist heruntergestiegen, bis in den physischen Leib hin- 
ein, so daB erim Gegensatz zur Devanatur aus drei Prinzipien besteht: 
aus Geist, Seele und Leib. Der Deva steht hoher als der Mensch, aber 
er hat nicht die physische Natur zu iiberwinden wie der Mensch. 
Diese physische Natur muB wieder verklart werden, so daB sie das 
spirituelle Leben aufnehmen kann. Des Menschen physiologisches Be- 



wuBtsein, der physische Leib, wie er heute lebt, soil selbst den Fun- 
ken des spirituellen Lebens in Freiheit in sich entziinden. 

Das Christus-Opfer ist ein Beispiel dafiir, daB der Mensch aus dem 
physischen Leben heraus das hohere BewuBtsein entfalten kann. Im 
physischen Leibe lebt sein niederes Ich; aber angefacht soil es wer- 
den, damit das hohere Ich sich entwickle. Dann erst konnen die 
Strome lebendigen Wassers auch aus diesem physischen Leibe flieBen. 
Dann kann der Geist erscheinen, dann kann der Geist sich ausgieBen. 
Wie abgestorben muB so der Mensch als Ich fur dieses physiologische 
Leben werden. 

Hierin liegt das eigentliche Christliche und auch das tiefere Myste- 
rium des Pfingstfestes. Der Mensch lebt zunachst in seinem niederen 
Organismus, in dem von den Wiinschen durchdrungenen BewuBtsein. 
Er soil darin leben, denn nur dieses BewuBtsein konnte ihm die ziel- 
sichere Freiheit geben. Aber er darf nicht darinnenbleiben, sondern 
soil sein Ich heraufheben zu der Devanatur. Er soil in sich selbst den 
Deva zeitigen, den Deva gebaren, der dann ein Heils-Geist sein wird, 
ein Heiliger Geist. Dazu muB er jedoch den irdischen Leib bewuBt 
hinopfern, dazu muB er empfinden das «Stirb und Werde», damit er 
nicht bleibe «ein triiber Gast» auf dieser «dunklen Erde». 

So stellt uns das Ostermysterium im Zusammenhang mit dem 
Pfingstmysterium erst eine Ganzheit dar: wie das menschliche Ich in 
dem groBen Reprasentanten sich entauBert des niederen lebendigen 
Ichs, wie es dahinstirbt, um die physische Natur vollig zu verklaren 
und sie wieder zuriickzugeben den gottlichen Machten. Die Himmel- 
fahrt ist das Symbol dafiir. Wenn der Mensch diesen physischen Leib 
verklart hat, zum Geistigen zuriickgebracht hat, dann ist er reif, daB 
sich das spirituelle Leben in ihn ergieBt, daB er erleben wird das, was 
nach der Erklarung des groBten Reprasentanten der Menschheit die 
«AusgieBung des Heiligen Geistes» genannt wird. Daher heiBt es 
auch: «Drei sind, die da zeugen auf der Erde: das Blut, das Wasser 
und der Geist.» - Das Pfingstfest ist die AusgieBung des Geistes in 
die Menschheit. 

Das groBte Ziel der Entwickelung ist symbolisch im Pfingstfeste 
ausgedriickt, namlich daB der Mensch aus dem intellektuellen Leben 



wieder zu einem spirituellen Leben vordringen soil. Wie Prometheus 
durch den Herakles von seinen Leiden befreit wurde, so wird es der 
Mensch werden durch die Kraft des Geistes. Dadurch, daB der Mensch 
heruntergestiegen ist in die Materie, ist er zum SelbstbewuBtsein ge- 
kommen. Dadurch, daB er wieder hinaufsteigt, wird er zum selbst- 
bewuBten Deva werden. Von denen, die die Asuras verehrten und die 
Devas als etwas Satanisches erkannten, die nicht im tiefsten Inneren 
vordringen wollen, ist dieser Herunterstieg als etwas Teuflisches dar- 
gestellt worden. 

Auch das ist in der griechischen Mythologie angedeutet. Der Re- 
prasentant der unfreien BewuBtseinszustande ist Epimetheus - der 
Nachdenkliche -, der nicht aus voller Freiheit zur Erlosung kommen 
will, also der Gegner des Prometheus. Er bekommt von Zeus die 
Pandorabiichse, deren Inhalt - Leiden und Plagen - auf die Mensch- 
heit beim Offnen herabfallt. Nur als letzte Gabe bleibt darin die Hoff- 
nung, daB er in einem kiinftigen Zustande auch zu diesem hoheren, 
klaren BewuBtsein vordringen werde. Es bleibt ihm die Hoffnung auf 
Befreiung. Prometheus rat ab, das zweifelhafte Geschenk des Gottes 
Zeus anzunehmen. Epimetheus gehorcht seinem Bruder nicht, son- 
dern er nimmt das Geschenk an. Das Epimetheus-Geschenk ist weni- 
ger wichtig als das seines Bruders Prometheus. 

So sehen wir, daB die Menschen in zwei Stromungen dahinleben. 
Die einen sind diejenigen, die an dem Freiheitsgefiihl festhalten und - 
trotzdem es gefahrlich ist, das Spirituelle zu entwickeln - es doch in 
Freiheit suchen. Die anderen sind diejenigen, die durch dumpfes Da- 
hinleben und blinden Glauben ihre Befriedigung finden und in dem 
luziferischen Streben der Menschheit etwas Gefahrliches wittern. Die- 
jenigen, welche die auBeren Formen der Kirche begriindet haben, 
haben das tiefste luziferische Streben entstellt. Die uralten Lehren 
dariiber sind in geheimen Manuskripten enthalten, die in verborgenen 
Raumen kaum jemand gesehen hat. Einigen wenigen, die sie im Astral- 
lichte zu sehen vermogen, und sonst noch einigen Eingeweihten sind 
sie zuganglich. Es ist allerdings ein gefahrlicher Weg, aber es ist der 
einzige, der zu dem erhabenen Ziele der Freiheit fiihrt. 

Der Geist des Menschen soil ein befreiter sein und kein dumpfer. 



Das will auch das Christentum. Heil, heilen hangt zusammen mit hei- 
lig. Ein Geist, der heilig ist, der heilt, der befreit von Leiden und 
Plagen. Gesund und frei ist der Mensch, wenn er entrissen ist der 
Knechtung durch das Physiologische, wenn er befreit ist von dem 
Physiologischen. Denn der befreite Geist ist allein der gesunde, an 
dessen Korper kein Adler mehr nagt. 

So ist das Pfingstfest aufzufassen als ein Symbol der Befreiung des 
Menschengeistes, als das groBe Symbol des menschlichen Ringens 
nach Freiheit, nach einem BewuBtsein in Freiheit. 

Wenn das Osterfest ein Auferstehungsfest in der Natur ist, so ist 
das Pfingstfest ein Symbol fiir das BewuBtwerden des Menschengei- 
stes, das Fest derjenigen, die wissen und erkennen, und - davon 
durchdrungen - die Freiheit suchen. 

Diejenigen spirituellen Bewegungen in der modernen Zeit, welche 
zur Wahrnehmung der geistigen Welt bei klarem TagesbewuBtsein - 
nicht in Trance, nicht im Hypnotismus - hinfiihren, die sind es, 
welche zur Erkenntnis eines solchen bedeutsamen Symbols fiihren. 
Das klare BewuBtsein, daB nur der Geist befreit, das ist es, was uns 
vereint in der Theosophischen Gesellschaft. Nicht das Wort allein, 
sondern der Geist gibt ihr ihre Bedeutung. Der Geist, der ausgeht 
von den groBen Meistern, der durchflieBt durch einige wenige, die 
sagen konnen: Ich weiB, daB sie da sind, die groBen Adepten, welche 
die Begriinder der spirituellen Bewegung sind, nicht der Gesellschaft, 
ergieBt sich in unsere Gegenwartskultur und gibt ihr die Impulse fiir 
die Zukunft. 

Lassen Sie einen Funken des Verstandnisses fiir diesen Heiligen 
Geist wieder einflieBen in das unverstandene Pfingstfest, dann wird 
es belebt werden und wieder Sinn bekommen. In einer sinnvollen 
Welt sollen wir leben. Wer gedankenlos Feste feiert, feiert sie als An- 
hanger des Epimetheus. Der Mensch muB sehen, was uns verbindet 
mit dem, was um uns ist, und auch mit dem, was unsichtbar in der 
Natur ist. Wir sollen wissen, wo wir stehen. Denn wir Menschen sind 
nicht zu einem traumhaften, halben, dumpfen Dahinleben, sondern 
wir sind zur freien, vollbewuBten Entfaltung unserer ganzen Wesen- 
heit bestimmt. 



DER GEGENS ATZ VON KAIN UND ABEL 



Berlin, 10. Juni 1904 

Schon das letzte Mai habe ich darauf hingedeutet, daB sich in der Ge- 
schichte von Kain und Abel eine ganze Summe von okkulten Ge- 
heimnissen verbirgt. Auf einiges mochte ich heute hinweisen, aber 
gleich von vornherein betonen, daB das Verhaltnis von Kain und 
Abel - allerdings in seiner Tiefe erfaBt - eine Allegorie fur auBer- 
ordentlich tiefe Geheimnisse ist, und wir nur imstande sein werden, 
aus den Voraussetzungen, die wir haben, einiges zu erkennen. 

Wenn wir die fiinf Biicher Moses verfolgen, so werden wir darin 
so manches finden, das geradezu hinweist auf die Entwickelung der 
Menschheit seit der lemurischen Zeit. Die Erzahlung zum Beispiel 
von Adam und Eva und ihren Nachkommen ist nicht etwa einfach 
und naiv hinzunehmen. Ich bitte dabei zu beriicksichtigen, daB wir 
es namentlich in den fiinf Biichern Moses, im Enoch, in den Psalmen 
und einigen anderen wichtigen Kapiteln des Evangeliums, in dem 
Hebraerbriefe, in einigen Paulusbriefen und in der Apokalypse, 
durchaus mit Schriften von Eingeweihten zu tun haben, so daB wir 
in diesen Schriften einen okkulten Kern zu suchen haben. In den 
okkulten Schulen wurde iiberall iiber diesen Kern gesprochen. Wer 
nicht gedankenlos - im hoheren Sinn gedankenlos - die Bibel liest, 
dem wird manches auffallen. Und ich mochte Sie auf etwas aufmerk- 
sam machen, was sehr leicht iibersehen werden kann, aber einfach 
wortlich gelesen werden muB, um zu sehen, daB hier nichts umsonst 
steht, und daB leicht in der Bibel iiber etwas hinweggelesen werden 
kann. 

Nehmen Sie den ersten Satz im fiinften Kapitel des ersten Buch 
Moses: «Dies ist das Buch von des Menschen Geschlecht. Da Gott 
den Menschen schuf, machte er ihn in Ahnlichkeit Gottes: Mannlich- 
weiblich schuf er sie, segnete sie und nannte ihren Namen < Mensch >, 
in diesen Tagen, da er sie geschaffen hatte. Als Adam hundertdreiBig 
Jahre gelebt hatte, zeugte er in seiner Ahnlichkeit, nach seinem Eben- 
bilde und nannte die Frucht auf den Namen <Seth>.» 



Man mu6 wortlich lesen. Adam selbst wird genannt ein Mensch 
schlechthin. Mannlich-weiblich schuf Gott sie; noch nicht geschlecht- 
lich, ungeschlechtlich. Und wie schuf er sie? In Gottes Ahnlichkeit. 

Und auBerdem im zweiten Satz: «Nach so und so viel Jahren» 
- es sind da lange Zeitraume vorzustellen - «zeugte Adam einen Sohn, 
Seth, nach seinem Ebenbild.» Im Anfang der adamitischen Zeit haben 
wir den Menschen nach Gottes Ebenbild, am Ende der adamitischen 
Zeit nach Adams Ebenbild, nach menschlichem Ebenbild. Friiher war 
der Mensch dem Ebenbilde Gottes gemaB geschaffen. Spater war er 
Adams Ebenbild. 

Wir haben also im Anfange Menschen, die alle untereinander gleich 
sind, und alle sind sie nach dem Ebenbilde der Gottheit geschaffen. 
Sie pflanzten sich auf ungeschlechtlichem Wege fort. Wir miissen uns 
klar sein dariiber, da6 sie alle noch immer dieselbe Form haben, wie 
sie sie vom Ursprung her haben, so da6 der Sohn dem Vater und 
der Enkel wieder dem Sohn ahnlich sehen. Was erst macht es, daB 
die Menschen sich andern, sich differenzieren? Wodurch werden sie 
verschieden? Dadurch, da6 an der Fortpflanzung zwei beteiligt sind. 
Der Sohn oder die Tochter, sie sehen auf der einen Seite dem Vater, 
auf der anderen Seite der Mutter ahnlich. 

Denken Sie sich nun, Sie hatten eine urspriingliche gotterahnliche 
Rasse, und die pflanzte sich fort nicht dadurch, da6 sie geschlechtlich, 
sondern ungeschlechtlich war: Der Nachkomme sieht immer der vor- 
hergehenden Generation ahnlich. Es tritt keine Vermischung ein. Die 
Verschiedenheit trat erst auf, als die Seth-Zeit kam. Zwischen die Zeit 
von Adam und Seth aber fallt etwas anderes. Namlich bevor der Uber- 
gang stattfindet von Adam zu Seth, werden zwei geboren, die wie- 
derum wichtige Reprasentanten sind: Kain und Abel. Die stehen da- 
zwischen, sind Ubergangsprodukte. Sie sind noch nicht in der Zeit 
geboren, wo ausgesprochen der Charakter der geschlechtlichen Fort- 
pflanzung vorhanden war. Das konnen wir entnehmen aus dem, was 
«Abel» und «Kain» heiBt. «Abel» heifit auf Griechisch «Pneuma» 
und auf Deutsch «Geist», und wenn wir die sexuelle Bedeutung neh- 
men, so hat das einen entschieden weiblichen Charakter. «Kain» da- 
gegen heiBt fast wortlich «das Mannliche», so da6 in Kain und Abel 



einander gegeniiberstehen das Mannliche und das Weibliche. Noch 
nicht im rein Organischen: auf einer hoheren, geistigen Stufe neigen 
sie zur Differenzierung. 

Nun bitte ich Sie, das genau festzuhalten. Urspriinglich war die 
Menschheit mannlich-weiblich. Spater wurde sie geschieden in das 
mannliche und das weibliche Geschlecht. Das Mannliche, Materielle 
haben wir in Kain, das Weibliche, Geistige in Abel-Seth. Die Diffe- 
renzierung hat stattgefunden. Das ist symbolisiert in den Worten: 
Kain war ein Bebauer des Bodens und Abel war ein Hirte (1. Mo- 
ses 4,2). 

«Boden» heiBt in den uraltesten Sprachen so viel wie physischer 
Plan, und die drei Aggregatzustande des physischen Planes sind: die 
feste Erde, das Wasser und die Luft. «Kain wurde ein Ackerbauer», 
heiBt in seiner uraltesten Bedeutung: er lernte leben auf dem phy- 
sischen Plan, er wurde Mensch auf dem physischen Plane. Das war 
der Charakter des Mannlichen. Er bestand darin, daB er stark und 
kraftig war, um die Scholle des physischen Planes zu bearbeiten, und 
dann zuriickzukehren von dem physischen zu den hoheren Planen. 

«Abel war ein Hirte. » Als Hirte nimmt man das Leben, wie es 
einem der Schopfer darbietet. Man arbeitet die Herden nicht aus, 
sondern hutet sie bloB. Dadurch ist er der Reprasentant jenes Ge- 
schlechtes, das den Geist nicht durch den selbstandig arbeitenden 
Verstand erlangt, sondern den Geist als Offenbarung von der Gott- 
heit selber empfangt, ihn bloB hiitet. Der Huter der Herde, der Hiiter 
dessen, was auf die Erde verpflanzt wird, das ist Abel. Derjenige, der 
selber etwas erarbeitet, das ist Kain. Kain legt die Grundlagen fur das 
Zitherspiel und sonstige Kunste (1. Moses 4,21,22). 

Nun kommt der Gegensatz, wie sie sich zur Gottheit verhalten. 
Abel empfangt das Geistige und bringt als Opfer das Beste, die hoch- 
ste Frucht des Geistes dar. Gott wendet selbstverstandlich - weil es 
ja das ist, was er selbst auf die Erde gepflanzt hat - mit Wohlgef alien 
seinen Blick auf das Opfer. Kain macht auf etwas anderes Anspruch. 
Er will sich mit den Produkten seines Verstandes an die Gottheit 
wenden. Das ist etwas, was der Gottheit ganz fremd ist, etwas, was 
der Mensch in seiner Freiheit sich errungen hat. 



Kain ist der zu den Kiinsten und Wissenschaften strebende Mensch. 
Zunachst hat das keine Verwandtschaft mit der Gottheit. Eine tiefe 
Wahrheit ist damit ausgedriickt. Wer im Okkulten Erfahrung hat, der 
weiB, daB die Kiinste und Wissenschaften, trotzdem sie die Menschen 
frei gemacht haben, nicht das waren, was die Menschen zu dem Gei- 
stigen gefiihrt hat; sie waren es gerade, was die Menschen weggefiihrt 
hat von dem eigentlich Spirituellen. Die Kiinste sind etwas, was auf 
dem eigenen Grund und Boden des Menschen, auf dem physischen 
Plan erwachsen ist. Das kann der Gottheit zunachst nicht wohlge- 
fallig sein. Daraus entspringt der Gegensatz, daB der «Rauch», der 
Geist, den Gott selbst in die Erde gepflanzt hat, von Abel zur Gott- 
heit emporstrebt, und daB der andere, der «Rauch» von Kain, auf 
der Erde bleibt. Das Selbstandige bleibt auf der Erde, wie der Rauch 
des Kain. 

Das ist auch der Gegensatz zwischen dem Weiblichen und dem 
Mannlichen. Weiblich ist das, was inspiriert ist von dem, was von 
der Gottheit unmittelbar empfangen wird. Pneuma wird durch die 
Empfangnis errungen. Das, was Kain zu geben hat, ist menschliche 
Arbeit auf dem physischen Plan selbst. Das ist der Gegensatz zwischen 
dem weiblichen und dem mannlichen Geist. Diese beiden stehen sich 
hier urspriinglich gegeniiber. 

Jeder Mensch ist nicht nur physisch, sondern auch geistig Mann 
und Weib zugleich; er ist empfangender, sich inspirierenlassender 
Geist und das das Inspirierte verarbeitende, kombinierende Intellek- 
tuelle zugleich. Jetzt trennte sich das - wir brauchen in dem Weib- 
lichen und Mannlichen weiterhin nur ein Symbol zu sehen -, jetzt 
ging das Inspirationsprinzip auf diejenigen iiber, welche auf dem 
Standpunkte des Abel waren, auf die, welche Hirten und Priester blie- 
ben. Auf die anderen ging das Inspirationsprinzip nicht iiber; sie 
wurden dem Weltlichen zugewandte Wissenschafter und Kiinstler und 
beschrankten sich rein auf den physischen Plan. 

Das hatte nicht stattfinden konnen, ohne daB auch im Menschen 
eine Veranderung stattgefunden hat. Als der Mensch noch Mann- 
Weib war, da ware es ihm nicht moglich gewesen, eine Trennung zu 
bewirken in spirituelle Weisheit und in intellektuelle Wissenschaft. 



Erst dadurch, daB der Mensch endgiiltig getrennt wurde in zwei Ge- 
schlechter, erst dadurch, daB die Menschheit geteilt wurde durch das 
Geschlechtliche, wurde das Gehirn auf den Standpunkt gebracht, daB 
es wirken konnte. Das Gehirn wurde mannlich, die tiefere Wesenheit 
wurde das Weibliche. Der Mensch kann nur produzieren innerhalb 
seiner physischen Natur. Da bringt er etwas hervor, namlich Nach- 
kommen. Aber ein Geist, insofern er im Gehirn ist, ist mannlich und 
produktiv auf den physischen Plan beschrankt. * Dafiir haben wir in 
Kain und Abel die representative Darstellung. 

Dadurch nun, daB diese Spaltung eingetreten ist, ist es gekommen, 
daB in der Fortpflanzung des Menschengeschlechtes die Nachkom- 
men nicht mehr bloB dem Vorfahren als solchem ahnlich sehen, son- 
dern daB sie sich differenzierten. Ich bitte Sie, sich das Folgende vor- 
zuhalten. Je groBere Bedeutung das Sexuelle hat, desto mehr tritt 
Differenzierung auf. Wenn wir reine ungeschlechtliche Fortpflanzung 
vor uns hatten, so wiirden die nachsten Generationen den vorher- 
gehenden ahnlich sehen. Eine Verschiedenheit in der Zeitfolge wiirde 
nicht stattfinden. Die Verschiedenheit entsteht nur dadurch, daB Ver- 
mischung stattfindet. Und wodurch wurde diese Vermischung mog- 
lich gemacht? Dadurch, daB das Mannliche sich dem physischen 
Plane verschrieb. Kain wurde derjenige, welcher den Boden beackerte 
und veranderte. Diese auBere Verschiedenheit der Generationen ware 
nicht in die Menschheit hineingekommen, wenn nicht ein Teil der 
Menschen heruntergestiegen ware bis zum physischen Plan. Da war 
es nicht mehr wie friiher, wo die Produktion von den hoheren Planen 
heruntergestiegen ist. Jetzt wurde etwas verwoben in den Menschen 
dadurch, daB er sich etwas vom Physischen herausholte. Jetzt wird 
er ein Ebenbild dessen, was er auf dem physischen Plan erworben 
hat, und der Mensch tragt es hinauf zu den hoheren Planen. Das 
Physische ist das Kainszeichen. Der physische Plan, in seiner Wirkung 
auf den Menschen, ist ihm als Kainszeichen aufgedriickt. 

Jetzt ist der Mensch mit der Erde vollig verbunden, so daB ein 
Gegensatz zwischen Kain und Abel, ein Gegensatz zwischen Gotter- 
sohn und Sohn des physischen Planes ist, wobei die Sonne von Abel- 

* Siehe unter Hinweise. 



Seth die Gottersohne, die Sonne Kains die Sonne des physischen Pla- 
nes darstellen. 

Sie werden nun begreifen, daB das Ereignis von Kain und Abel 
zwischen Adam und Seth hineinfallt. Es ist da ein neues Prinzip in 
den Menschen eingetreten, das Prinzip der Erblichkeit, der Erbsiinde, 
des der vorhergehenden Generation Unahnlichseins. 

Gottersohne sind aber noch geblieben. Nicht alle Abels sind aus 
der Welt geschafft. Und nun sehen wir, was auf die Erde gekommen 
ist dadurch, daB Kain auf die Frage: «Wo ist dein Bruder Abel?» 
antwortet: «Bin ich denn der Hiiter meines Bruders?» - Das hatte 
friiher niemals ein Mensch gesagt. Das sagt nur ein Verstand, der 
gleichsam wie akustisch [?] auf das Spirituelle reagiert. Jetzt mischt 
sich das Prinzip des Kampfes, das Prinzip des Gegensatzes in das 
Prinzip der Liebe; jetzt ist der Egoismus geboren: «Bin ich denn der 
Hiiter meines Bruders?» 

Die Abels, die geblieben sind, die waren die Gottersohne; sie blie- 
ben dem Gottlichen verwandt. Aber sie muBten sich jetzt hiiten, ein- 
zugehen in das Irdische. Und damit begann das Prinzip, das fur den- 
jenigen, der sich dem Gottlichen geweiht hat, zum Prinzip der Askese 
wird. Eine Siinde wird es, wenn er sich verbindet mit denjenigen, 
welche sich der Erde geweiht haben. Eine Siinde ist es, wenn «die 
Gottersohne Gefallen finden an den Tochtern der Menschen aus dem 
Geschlechte des Kain». 

Daraus ging ein Geschlecht hervor, das gewohnlich in den offent- 
lichen Biichern des Alten Testamentes nicht einmal erwahnt, sondern 
nur angedeutet wird: ein Geschlecht, das fur physische Augen nicht 
wahrnehmbar ist. Es wird in der okkulten Sprache «Rakshasas» ge- 
nannt und ist ahnlich den «Asuras» der Inder. Es sind das teuflische 
Wesen, die wirklich vorhanden waren und verfiihrend auf die Men- 
schen wirkten, so daB das menschliche Geschlecht selbst herabkam. 
Diese «Poussade» der Gottersohne mit den Tochtern der Menschen 
gab ein Geschlecht, welches besonders verfiihrend wurde fur die vierte 
Unterrasse der Atlantier, die Turanier, und zum Untergange des 
Menschengeschlechtes fiihrte. Einiges wird hiniibergerettet in die 
neue Welt. Die Sintflut ist die Flut, welche Atlantis vernichtet hat. 



Die Menschen, die verfiihrt waren von den Rakshasas, waren nach 
und nach verschwunden. 

Jetzt muB ich etwas sagen, was Ihnen jedenfalls sehr eigenartig 
erscheinen wird, was aber unendlich wichtig ist zu wissen, was von 
einer ganz besonderen Bedeutung ist und ein okkultes Geheimnis 
durch viele Jahrhunderte hindurch war fiir die AuBenwelt, und was 
fur den Verstand der meisten unglaublich erscheinen wird, aber trotz- 
dem wahr ist. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daB jeder 
Okkultist sich oft iiberzeugt in dem, was wir die Akasha-Chronik 
nennen, ob das so ist. Aber es ist so. 

Diese Rakshasas sind vorhanden, sie sind wirklich vorhanden ge- 
wesen - tatig, aktiv - als Verfiihrer der Menschen. Sie haben ge- 
wirkt auf die menschlichen Leidenschaften bis zu dem Zeitpunkte, 
wo sich in Jesus von Nazareth der Christus inkarnierte und in einer 
menschlichen Leiblichkeit das Buddhiprinzip selbst gegenwartig ge- 
worden ist auf derErde. Nun mogen Sie das glauben oder nicht: das 
hat eine kosmische Bedeutung, das hat eine Bedeutung, die hinaus- 
reicht iiber den irdischen Plan. Die Bibel driickt das nicht umsonst so 
aus: Christus ist in die Vorholle hinabgestiegen. - Da waren nicht 
mehr menschliche Wesen, er hatte es mit geistigen Wesen zu tun. 
Die Wesen der Rakshasas kamen dadurch in einen Zustand der Lah- 
mung und Lethargie. Sie wurden gleichsam im Zaume gehalten, so 
daB sie unbeweglich wurden. Dies konnten sie nur dadurch werden, 
daB ihnen von zwei Seiten her entgegengewirkt wurde. Das ware 
nicht moglich gewesen, wenn in Jesus von Nazareth nicht zwei 
Naturen vereinigt gewesen waren: auf der einen Seite der alte Chela, 
der ganz verbunden war mit dem physischen Plan, der auch auf dem 
physischen Plane wirken konnte und durch seine Krafte ihn im Gleich- 
gewicht halten konnte und auf der anderen Seite der Christus selbst, 
ein reines Geistwesen. Das ist das kosmische Problem, das dem Chri- 
stentum zugrunde liegt. Es ist damals auf okkultem Felde etwas ge- 
schehen; es ist dies die Bannung der Feinde des Menschentums, nach- 
klingend in der Sage des Antichrist, der gefesselt wurde, aber wieder 
erscheinen wird, wenn ihm nicht das christliche Prinzip in seiner Ur- 
spriinglichkeit wieder entgegentritt. 



Der ganze Okkultismus des Mittelalters strebte darnach, die Wir- 
kung der Rakshasas nicht heraufkommen zu lassen. Diejenigen, wel- 
che auf hoheren Planen sehen konnen, haben schon langst vorher- 
gesehen, daB der Zeitpunkt, wo es geschehen kann, am Ende des 
19. Jahrhunderts, an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert, eintre- 
ten kann. Nostradamus, der in einem Turm arbeitete, der oben offen 
war, der auch Hilfe in der Pest brachte, war imstande, die Zukunft 
vorherzusagen. Er schrieb eine Anzahl prophetischer Verse, in denen 
Sie den Krieg von 1870 und manches iiber Marie-Antoinette als be- 
reits erfiillte Prophezeiungen nachlesen konnen. In diesen Centurien 
des Nostradamus steht auch folgendes (Centurie 10,75): Wenn das 
19. Jahrhundert zu Ende sein wird, wird einer der Hermesbriider von 
Asien erscheinen und wird die Menschheit wieder vereinen. - Die 
Theosophische Gesellschaft ist nichts anderes als eine Erfiillung dieser 
Prophezeiung des Nostradamus. Die Entgegenwirkung gegen die 
Rakshasas und die urspriinglichen Mysterien wieder aufzurichten, ist 
ein Bestreben der Theosophischen Gesellschaft. 

Sie wissen, daB Jesus Christus nach dem Tode noch zehn Jahre auf 
der Erde geblieben ist. Die «Pistis-Sophia» enthalt die tiefsten theo- 
sophischen Lehren, sie ist viel tiefer als Sinnetts «Esoterischer Bud- 
dhismus». Jesus warimmer und immer wieder inkarniert. Ihm fallt die 
Aufgabe zu, das Mysterienprinzip wieder zu beleben. Dahinter steckt 
nicht eine kulturgeschichtliche oder physische Tatsache, sondern die 
Tatsache, die ich Ihnen, als dem Okkultisten wohlbekannt, ausein- 
andergesetzt habe: der Kampf gegen die Rakshasas. Sie sehen, hier 
liegt ein groBes und wichtiges okkultes Geheimnis verborgen. 

Sie konnen mich nun fragen: Warum wird das in allegorischer Form 
gesagt und nicht in offener Sprache? - Ich muB hier darauf aufmerk- 
sam machen, daB diejenigen, welche groBe Lehrer der Menschheit 
waren, wie Moses, die indischen Rishis, Hermes, Christus, die ersten 
christlichen Lehrer, auf dem Standpunkte des Prinzips der Reinkarna- 
tion gestanden haben. Und diese allegorische Art der Mitteilung hat 
einen guten Sinn. Wenn zum Beispiel die Druidenpriester von «Ne- 
belheim», von dem «Riesen Ymir» und so weiter erzahlten, so war 
das natiirlich keine Volksdichtung. Der Druidenpriester wuBte viel- 



mehr: der Menschengeist, dem ich heute die Marchen einprage, wird, 
wenn er sich wieder inkarnieren wird, dazu vorbereitet sein, die Wahr- 
heit in einer vollkommeneren Form zu erfassen. Alle diese Marchen 
sind unter der Voraussetzung gemacht, daB der Geist sich wieder in- 
karniert, um dann eben spater die Wahrheit um so leichter zu erfassen. 
Diesen Marchen liegt nicht der Glaube, sondern die Erkenntnis, die 
Erfahrung der Reinkarnation zugrunde. Sogar die Verleugnung der 
Reinkarnation - vom dritten Jahrhundert des Christentums an - ist 
unter der Voraussetzung der Reinkarnation geschehen, weil man die 
Menschen so recht herunterziehen wollte in Kama-Manas, ungefahr 
so viel, bis alles Geistige durch die Inkarnation durchgegangen ist. 
Daher hatte das Christentum 1500 Jahre kein Wissen von der Re- 
inkarnation. Wollten wir die Reinkarnationslehre weiter vorenthalten, 
so wiirden wir den Menschen ein zweites Mai diese Kenntnis vorent- 
halten. Das ware aber eine groBe Sunde, eine Versundigung an der 
Menschheit. Die einmalige Vorenthaltung war aber schon notwendig, 
denn das eine Leben zwischen Geburt und Tod muBte den Menschen 
auch wertvoll gemacht werden. 



DIE MYSTERIEN DER DRUIDEN UND DROTTEN 



Berlin, 30. September 1904 (Notizen) 

Unsere mittelalterlichen Erzahlungen - Parzival, Tafelrunde, Hart- 
mann von Aue - zeigen uns alle, obgleich gewohnlich nur dem aufie- 
ren Sinn nach verstanden, esoterische Gestaltungen mystischer Wahr- 
heiten. Wo ist der Ursprung zu suchen? Vor der Verbreitung des 
Christentums miissen wir den Ursprung suchen. In das Christentum 
hinein ist organisch gewachsen, was in Irland, Schottland ... [Liicke] 
gelebt hat. Wir werden an einen bestimmten Mittelpunkt gefiihrt, 
von dem dieses Geistesleben ausgegangen ist. Das geistige Leben 
[Europas] ging aus von einer Zentralloge in Skandinavien. Drotten- 
loge, Druiden = Eiche. Deshalb spricht man auBerlich, da6 die alten 
Deutschen unter Eichen ihre Weisungen empfingen. 

Drotten oder Druiden waren uralte germanische Eingeweihte. In 
England bestanden sie bis zu Zeiten der Konigin Elisabeth. Alles 
was wir in der Edda lesen konnen und in der uralten germanischen 
Sagenwelt finden konnen, geht zuriick bis in die Tempel der Drotten 
oder Druiden. Der Dichter ist immer ein Druidenpriester. Die Sagen 
stellen nicht irgendein Symbol oder eine Allegorie dar, - dies auch, 
aber noch anderes. 

Beispiel: Wir kennen die Sage Baldurs, wissen, daB Baldur die 
Hoffnung der Gotter ist, da6 er vom Gotte Loki getotet wird mit 
dem Mistelzweig. Der Gott des Lichtes getotet! Diese ganze Erzah- 
lung hat tiefen Mysteriensinn, den jeder, der eingeweiht wurde, nicht 
nur lernte, sondern zu erleben hatte. 

Mysterien. Einweihung: Der erste Akt war benannt das Aufsuchen 
des Leichnams Baldurs. Es wurde gedacht, da6 Baldur immer lebendig 
ist. Das Aufsuchen bestand in einer volligen Aufklarung iiber die 
Natur des Menschen. Denn Baldur war der Mensch, wie er verloren- 
gegangen ist. Einstmals lebte nicht der Mensch von heute, sondern 
ein anderer, der nicht differenziert war, nicht hinuntergedriickt bis 
zum Erleben der Leidenschaften, in einer feineren fluchtigen Materie. 
Baldur, der leuchtende Mensch. - Bei wirklichem Verstandnis sind 



die Dinge, die uns als Symbol erscheinen, in hoherem Sinne zu neh- 
men. Dieser Mensch, der nicht untergetaucht ist in das, was wir heute 
Materie nennen, ist Baldur. Er wohnt in einem jeden von uns. Der 
Druidenpriester muBte in sich selbst diesen hoheren Menschen suchen. 
Ihm wurde klargemacht, worin diese Differenzierung besteht, von den 
hohen zu den niederen ... [Lucke]. 

Das Geheimnis aller Einweihung ist, den hoheren Menschen in sich 
zu gebaren. Was der Priester schneller durchmacht, werden die Men- 
schen in langer Entwickelungsreihe durchmachen. Damit diese Drui- 
den Fuhrer der ubrigen Menschen sein konnten, dazu muBten sie diese 
Einweihung empfangen. 

Der tiefer gestiegene Mensch muB nun die Materie iiberwinden und 
jenen hoheren Zustand wieder erreichen. Diese Geburt des hoheren 
Menschen verlauft in alien Mysterien in einer bestimmten gleichen 
Weise. Den in der Materie untergegangenen Menschen hatte man 
wieder zu beleben, durch eine Reihe von Erfahrungen muBte man 
gehen, wirkliche Erfahrung, die wie kein sinnliches Erlebnis auf die- 
sem Plan sein kann. 

Die Etappen. Die erste war, daB man vor den sogenannten Thron 
der Notwendigkeit gefuhrt wurde. Man stand vor dem Abgrund; er- 
fuhr wirklich an dem eigenen Leibe, wie es sich in den niederen Na- 
turreichen lebt. Der Mensch ist Mineral und Pflanze, aber erfahren 
kann der gegenwartige Mensch heute nicht, kann nicht erleben, was 
die elementaren Stoffe erleben, und doch riihrt das Eherne, Zwin- 
gende in der Welt davon her, daB wir auch Mineralien, Pflanzen 
sind. 

Die nachste Stufe fuhrte den Menschen vor alles das, was im Tier- 
reich lebt. Alles, was an Leidenschaften, Begierden lebt, muBte man 
durcheinanderwogen und -wirbeln sehen. Der Mensch muBte das an- 
schauen, weil die Einweihung den Zweck hat, hinter die Kulissen 
des Weltendaseins zu schauen. Der Mensch weiB nicht, daB durch 
seine physische Hulle nur verdeckt wird, was durch den astralen Raum 
wirbelt. Der Schleier der Maja ist eine wirkliche Hulle und wer ein- 
geweiht wird, muB dahintersehen - die Hullen fallen, klar [schauen] 
wird der Mensch. Das ist ein besonderer Moment: der Priester wurde 



gewahr, daB sie [die Hiillen] eingedammt hatten Triebe, die, wenn sie 
losgelassen wiirden, furchtbar waren. 

Die dritte Stufe fiihrte zur Anschauung der groBen Natur. Das ist 
eine Stufe, die der Mensch ohne Vorbereitung noch sehr schwer be- 
greiflich findet. DaB da okkulte gewaltige Machte ruhen und in die- 
sen Naturkraften sich die Weltenleidenschaften ausdriicken, das ist 
etwas, was den Menschen aufmerksam macht, daB es Krafte gibt, die 
er nicht einmal so erlebt wie sein eigenes Leid. 

Die nachste Priifung nennt man die Ubergabe der Schlange durch 
den Hierophanten. Man kann dies nur durch die Wirkungen erklaren, 
die von hier ausgehen. Die Tantalussage erklart sie uns. Die Gunst, 
im Rate der Gotter zu sitzen, kann miBbraucht werden. Es bedeutet 
eine Wirklichkeit, die den Menschen gewiB iiber sich selbst hinaus- 
hebt, aber an Gefahren bindet, die nicht ubertrieben sind im Tantali- 
denfluch. In der Regel sagt der Mensch, er vermag nichts gegen die 
Naturgesetze. Diese sind Gedanken. Mit dem Gedanken, der nur ein 
schattenhafter Gehirngedanke ist, kann man nichts machen; mit dem 
schaffenden Gedanken, der die Weltendinge baut und konstruiert, 
dem produktiven, fruchtbaren, haben wir anstelle des passiven den- 
jenigen, der durchsetzt ist mit spiritueller, geistiger Kraft. Eine Raupe 
ausgeblasen, ist Hiille der Raupe; vom [produktiven] Gedanken 
durchsetzt, ist sie die lebendige Raupe. In den Hiillengedanken wird 
wirkende, schaffende Kraft gegossen, so daB der Priester imstande 
ist, nicht nur die Welt anzuschauen, sondern als Magier in ihr zu wir- 
ken. Die Gefahr ist, MiBbrauch zu treiben. Er kann ... [Liicke]. 

Auf dieser Stufe erhalt der Okkultist eine gewisse Macht, durch die 
er selbst hohere Wesenheiten zu tauschen in der Lage ist. Er muB 
Wahrheiten nicht nur nachsprechen, sondern erfahren; entscheiden, 
ob etwas wahr oder falsch ist. Das heiBt: die Ubergabe der Schlange 
durch den Hierophanten. [Sie bedeutet auf geistigem Gebiet dasselbe, 
was im Physischen der Ansatz eines Riickenmarks bedeutet. In der 
Tierheit kommen wir durch die Fische, Amphibien und so weiter 
hinauf bis zum Gehirn der Wirbeltiere und des Menschen. Vgl. unter 
Hinweise.] Im Geistigen gibt es ebenso ein Riickgrat, wo es sich ent- 
scheidet, ob man ein geistiges Gehirn bekommt. Diesen ProzeB macht 



der Mensch durch auf dieser Stufe der Entwickelung. Er wird hinaus- 
gehoben aus Kama und versehen mit dem geistigen Riickgrat, um 
in die Wirbel des geistigen Gehirns gehoben zu werden. Die Windun- 
gen des Labyrinths sind auf dem geistigen Plan dasselbe, was die 
Windungen des Gehirns sind. Der Mensch erhalt EinlaB in das Laby- 
rinth, in die Windungen innerhalb der hoheren Plane. 

Dann muBte er Verschwiegenheit schworen, ein blankes Schwertlag 
vor ihm und den starksten Eid muBte er schworen. Das hieB, daB der 
Mensch nunmehr schweigen wiirde iiber seine Erlebnisse gegeniiber 
dem, der nicht eingeweiht war wie er. Diese eigentlichen Geheim- 
nisse konnen unmoglich ohne weiteres mitgeteilt werden. Er [der 
Eingeweihte] hatte aber die Moglichkeit, die Sagen so zu gestalten, 
daB sie der Ausdruck des Ewigen sind. Konnte man in dieser Weise 
sich aussprechen, hatte man natiirlich iiber seine Mitmenschen eine 
groBe Gewalt. Wer eine solche Sage formt, pragt etwas in den mensch- 
lichen Geist ein. Was man so spricht, wird wieder vergessen und nur 
das allerwenigste iiberdauert den Tod. Ewige Wahrheiten iiberdauern 
am langsten den Tod. Vom niederen Wissenschaftlichen iiberdauert 
sehr wenig den Tod. Das Ewige ja, und erscheint wieder in einer 
neuen Inkarnation. 

Der Druidenpriester sprach aus einem hoheren Plan heraus. Waren 
seine Erzahlungen der Ausdruck hoherer Wahrheiten, wenn auch 
einfach, so drangen sie tief in die Seelen hinein. Er hatte einfache 
Menschen vor sich, aber die Wahrheiten drangen in die Seelen hinein 
und sie hatten etwas einverleibt, was wieder in neuen Inkarnationen 
geboren wird. Damals haben die Menschen Marchenwahrheiten er- 
lebt; so haben wir heute einen praparierten Geistkorper und wenn 
wir heute hohere Wahrheiten begreifen, so ist es, weil wir prapariert 
sind. 

So hat diese Zeit, die im Jahre 60 aufhorte, das Geistesleben Euro- 
pas vorbereitet, den Boden abgegeben, auf dem sich das Christentum 
hat aufbauen konnen. Ihre Lehren haben sich erhalten, und wer sucht, 
findet noch den Zugang zu dem, was in diesen Logen gelehrt wurde. 

Nachdem er [der Druidenpriester] seinen Schwur auf das Schwert 
abgelegt hatte, muBte er ein bestimmtes Getrank trinken, und zwar aus 



einem Menschenschadel. Dies hatte die Bedeutung, daB der Mensch 
hinausgewachsen war iiber das Menschliche. Dieses Gefiihl muBte der 
Druidenpriester gegeniiber dem niederen Leibe haben. Was in dem 
Leibe lebte, muBte er so objektiv, so kalt empfinden, daB er inn nur 
als ein GefaB betrachtete. Dann wurde er eingeweiht in die hoheren 
Geheimnisse und wie er wieder hinaufstieg in die hoheren Welten. 
Baldur ... [Liicke]. Er wurde in einen Riesenpalast gefiihrt, der iiber- 
deckt war mit funkelnden Schwertern. Ein Mann trat ihm entgegen, 
der sieben Blumen hinauswarf. Himmelsraum, Cherubim, Demiurg. - 
So wurde er ein wirklicher Sonnenpriester. 

Viele lesen die Edda und wissen nicht, daB sie eine Erzahlung ist 
von dem, was sich in den alten Drottenmysterien wirklich ereignet 
hat. Eine ungeheure Macht lag in den Handen der alten Drotten- 
priester, iiber Leben und Tod. Es ist eine Wahrheit, daB alles im 
Laufe der Zeiten korrumpiert wird. Es war einst das Hochste, Hei- 
ligste. In den Zeiten, wo das Christentum sich ausbreitete, war vieles 
ausgeartet und es gab viele schwarze Magier, so daB das Christentum 
wie eine Erlosung war. 

Das alleinige Studium dieser alten Wahrheiten veranschaulicht fast 
den ganzen Okkultismus. 

Kein Stein wurde in dem Druidentempel auf den anderen gelegt 
wie heute, sondern genau nach astronomischen MaBen. Tiiren waren 
nach HimmelsmaB gebaut. Menschheitsbauer waren die Druidenprie- 
ster. Ein schwaches Abbild davon hat sich in den Anschauungen der 
Freimaurer erhalten. 



Lernt man die astrale Materie durchschauen, sieht man 
die Sonne um Mitternacht: 1. Einweihung. 

Ubergabe der Schlange: 2. Einweihung. 

Der Gang in dem Labyrinth: 3. Einweihung. 



DIE PROMETHEUSSAGE 



Berlin, 7. Oktober 1904 

Ich habe das letzte Mai versucht, Ihnen zu zeigen, wie die Einwei- 
hung in den alten Druidenlogen geschah. Heute mochte ich etwas 
ausfiihren, was damit zwar verwandt ist, was vielleicht aber doch 
scheinbar etwas weiter abliegt. Aber wir werden sehen, wie wir das 
Verstandnis unserer Menschheitsentwickelung immer mehr und mehr 
in seiner Tiefe kennenlernen werden. 

Sie haben wohl aus meinen verschiedenen Freitagsvortragen erse- 
hen, daB die Sagenwelt der verschiedenen Volker einen tiefen Gehalt 
hat, und da6 die Mythen der Ausdruck von tiefen esoterischen Wahr- 
heiten sind. Nun mochte ich heute sprechen von einer der interes- 
santesten Sagen, von einer Sage, die im Zusammenhange steht mit 
der ganzen Entwickelung unserer fiinften Wurzelrasse. Dabei werden 
Sie zu gleicher Zeit sehen, wie der Esoteriker immer drei Stufen des 
Verstandnisses der Sagenwelt durchmachen kann. 

Zunachst leben die Sagen in irgendeinem Volke, und sie werden 
exoterisch, auBerlich-wortlich genommen. Dann beginnt der Un- 
glaube an diese wortliche Auffassung der Sagen, und es versuchen 
die Gebildeten eine symbolische, eine sinnbildliche Deutung der Sa- 
gen. Hinter diesen zwei Deutungen stecken aber noch fiinf andere 
Deutungen; denn jede Sage hat sieben Deutungen. Die dritte ist die- 
jenige, wo Sie in der Lage sind, die Sagen wiederum in einer ge- 
wissen Weise wortlich zu nehmen. Allerdings miissen Sie erst die 
Sprache verstehen lernen, in der die Sagen verfaBt sind. Heute mochte 
ich iiber eine Sage sprechen, deren Verstandnis nicht so leicht zu er- 
langen ist, iiber die Prometheussage. 

In einem Kapitel im zweiten Bande der «Geheimlehre» von 
H. P. Blavatsky werden Sie etwas dariiber finden, und daraus auch 
ersehen, welch tiefer Gehalt in dieser Sage steckt. Dennoch ist es nicht 
immer moglich, in gedruckten Schriften die letzten Dinge zu sagen. 
Heute konnen wir noch ein wenig iiber die Ausfiihrungen in der 
«Geheimlehre» von H. P. Blavatsky hinausgehen. 



Prometheus gehort der griechischen Sagenwelt an. Er und sein Bru- 
der Epimetheus sind die Sohne eines Titanen, Japetos. Und die Tita- 
nen selbst sind die Sohne der altesten griechischen Gottheit, von Ura- 
nos und seiner Gemahlin, der Gaia. Uranos wiirde, ins Deutsche iiber- 
setzt, bedeuten «der Himmel» und Gaia «die Erde». Ich bemerke noch 
ausdriicklich, daB Uranos im Griechischen dasselbe ist wie Varuna 
im Indischen. Ein Titan also, ein Nachkomme der Sohne des Uranos 
und der Gaia, ist Prometheus und ebenso sein Bruder Epimetheus. 
Der jiingste der Titanen, Kronos, die Zeit, hat seinen Vater Uranos 
entthront und sich selbst der Herrschaft bemachtigt. Dafiir wurde er 
wiederum von seinem Sohne Zeus entthront und mit alien Titanen 
in den Tartaros, den Abgrund oder die Unterwelt verstoBen. Nur 
der Titan Prometheus und sein Bruder Epimetheus hielten zu Zeus. 
Sie standen damals auf der Seite des Zeus und kampften gegen die 
anderen Titanen. 

Nun wollte Zeus aber auch das Menschengeschlecht, das iibermutig 
geworden war, vertilgen. Da machte sich Prometheus zum Anwalt 
des Menschengeschlechts. Er sann darauf, wie er dem Menschenge- 
schlecht etwas geben konne, womit es sich selbst retten konne und 
nicht mehr bloB angewiesen sei auf die Hilfe des Zeus. So wird uns 
erzahlt, daB Prometheus den Menschen den Gebrauch der Schrift 
und der Kiinste gelehrt habe, namentlich aber den Gebrauch des 
Feuers. Dadurch aber hat er den Zorn des Zeus auf sich geladen. Er 
wurde wegen dieses Zornes des Zeus an den Kaukasus angeschmiedet 
und muBte dort lange Zeit groBe Qual erdulden. 

Es wird uns ferner noch erzahlt, daB nunmehr die Gotter, Zeus an 
der Spitze, den Hephaistos, den Gott der Schmiedekunst, veranlaBt 
haben, eine weibliche Bildsaule zu verfertigen. Diese weibliche Bild- 
saule war mit alien Eigenschaften ausgestattet, welche die auBere De- 
koration des Menschengeschlechts der fiinften Wurzelrasse sind. Diese 
weibliche Bildsaule war die Pandora. Pandora wurde veranlaBt, Gaben 
an die Menschheit heranzubringen, zunachst an den Bruder des Pro- 
metheus, an den Epimetheus. Zwar warnte Prometheus den Bruder, 
diese Gaben anzunehmen; dieser HeB sich aber dennoch bereden und 
nahm die Gaben der Gotter an. Es wurde alles auf die Menschheit 



ausgeschiittet, nur eines wurde zuriickbehalten: die Hoffnung. Diese 
Gaben sind zum groBten Teile Plagen und Leiden fur die Mensch- 
heit; nur die Hoffnung wurde in der Biichse der Pandora zuriick- 
behalten. 

Prometheus wird also angeschmiedet am Kaukasus, und an seiner 
Leber nagt fortwahrend ein Geier. Hier duldet er. Er weiB aber etwas, 
was eine Biirgschaft fiir seine Rettung ist. Er weiB ein Geheimnis, 
das selbst Zeus nicht weiB, das dieser aber wissen will. Er verrat 
es indessen nicht, trotzdem Zeus den Gotterboten Hermes zu ihm 
schickt. 

Nun wird uns im Laufe der Sage seine merkwiirdige Befreiung er- 
zahlt. Es wird erzahlt, daB Prometheus nur befreit werden kann durch 
das Eingreifen eines Eingeweihten, eines Initiierten. Und ein solcher 
Initiierter war der Grieche Herakles; Herakles, der die zwolf Arbeiten 
verrichtet hat. Die Verrichtung dieser zwolf Arbeiten ist die Leistung 
eines Initiierten. Es sind die zwolf Initiationspriifungen, symbolisch 
ausgedriickt. AuBerdem wird von Herakles gesagt, daB er sich in die 
Eleusinischen Mysterien habe einweihen lassen. Er vermag Prome- 
theus zu retten. Es muBte sich aber noch jemand opfern, und es op- 
ferte sich fiir Prometheus der Kentaur Chiron. Der litt da schon an 
einer unheilbaren Krankheit. Er war halb Tier, halb Mensch. Er er- 
leidet den Tod und Prometheus wurde dadurch gerettet. Das ist die 
auBere Struktur der Prometheussage. 

In dieser Sage liegt die ganze Geschichte der fiinften Wurzelrasse, 
und es ist in ihr wirkliche Mysterienwahrheit eingeschlossen. Diese 
Sage wurde in Griechenland wirklich als Sage erzahlt. Aber auch in 
den Mysterien wurde sie wirklich dargestellt, so daB der Mysterien- 
schiiler das Schicksal des Prometheus vor sich sah. Und in diesem 
sollte er die Vergangenheit und Zukunft der ganzen fiinften Wurzel- 
rasse sehen. Das Verstandnis hierfiir konnen Sie nur erlangen, wenn 
Sie eines beriicksichtigen. 

In der Mitte der lemurischen Rasse war erst das [erreicht], was man 
als die Menschwerdung bezeichnet; Menschwerdung in dem Sinne, 
wie wir heute Menschen haben. Diese Menschheit wurde gefiihrt von 
groBen Lehrern und Fiihrern, die wir als die «Sohne des Feuernebels» 



bezeichnen. Heute wird die Menschheit der fiinften Wurzelrasse auch 
gefiihrt von groBen Eingeweihten, aber unsere Eingeweihten sind 
anderer Art als die damaligen Fiihrer der Menschheit. 

Diesen Unterschied miissen Sie sich jetzt klarmachen. Es ist ein 
groBer Unterschied zwischen den Fiihrern der zwei vorhergehenden 
Rassen und den Fiihrern unserer fiinften Wurzelrasse. Auch die Fiih- 
rer jener Rassen waren vereinigt in einer weiBen Bruderloge. Diese 
hatten aber ihre vorherige Entwickelung nicht auf unserem Erdpla- 
neten durchgemacht, sondern auf anderen Schauplatzen. Sie waren 
auf die Erde herabgestiegen schon als reife hohere Menschen, um die 
Menschen, die noch in ihrer Kindheit waren, bei ihrer ersten Entste- 
hung zu unterrichten, sie die ersten Kiinste zu lehren, die sie brauch- 
ten. Diese Lehrzeit dauerte durch die dritte, vierte, ja bis in die fiinfte 
Wurzelrasse herein. 

Diese fiinfte Wurzelrasse hat ihren Ursprung genommen von einem 
kleinen Hauflein Menschen, die ausgesondert worden waren aus der 
vorhergehenden Wurzelrasse. Sie wurden herangezogen in der Wiiste 
Gobi und verbreiteten sich dann strahlenformig iiber die Erde. Der 
erste Fiihrer, der den Impuls gegeben hat zu dieser Menschheitsent- 
wickelung, das war einer der sogenannten Manus, der Manu der fiinf- 
ten Wurzelrasse. Dieser Manu gehort noch zu jenen Fiihrern des Men- 
schengeschlechts, die zur Zeit der dritten Wurzelrasse herabgestiegen 
sind. Das war noch einer der Fiihrer, die ihre Entwickelung nicht nur 
auf der Erde durchgemacht haben, sondern die ihre Reife hereinge- 
bracht haben auf unsere Erde. 

Erst in der fiinften Wurzelrasse beginnt die Entwickelung von sol- 
chen Manus, die Menschen wie wir selbst sind, die wie wir ihre 
Entwickelung nur auf der Erde durchgemacht haben, die sozusagen 
von der Pike auf sich auf der Erde entwickeln. Wir haben also Men- 
schen, die hohere Fiihrer- und Meisterpersonlichkeiten schon sind, 
und solche, die sich bemiihen, Fiihrer- und Meisterpersonlichkeiten 
zu werden; so daB wir innerhalb der fiinften Wurzelrasse Chelas und 
Meister haben, die zur friiheren Rasse gehoren, und Chelas und Mei- 
ster, die alles durchgemacht haben, was Menschen von der Mitte der 
lemurischen Zeit an durchgemacht haben. Einer der Meister, die die 



Fuhrung der fiinften Wurzelrasse haben, ist dazu ausersehen, die Fiih- 
rung der sechsten Wurzelrasse zu iibernehmen. Die sechste Wurzel- 
rasse wird die erste sein, die von einem Erdenbruder als Manu geleitet 
sein wird. Die friiheren Meister, die Manus der anderen Welten, geben 
dem Erdenbruder die Fuhrung der Menschheit ab. 

Mit dem Aufdammern unserer fiinften Wurzelrasse fallt zusammen 
alles das, was wir die Entwickelung der Kiinste nennen. Die Atlan- 
tier hatten noch ein ganz anderes Leben. Erfindungen und Entdek- 
kungen hatten sie nicht. Sie arbeiteten in ganz anderer Weise. Ihre 
Technik und ihre Kunst waren ganz anders. Erst mit unserer fiinften 
Wurzelrasse entwickelte sich das, was wir in unserem Sinne Technik 
und Kiinste nennen. Die wichtigste Erfindung ist die Erfindung des 
Feuers. Machen Sie sich das einmal klar. Machen Sie sich klar, was 
heute in unserer ausgebreiteten Technik, Industrie und Kunst von dem 
Feuer abhangt. Ich glaube, der Techniker wird mir Recht geben, wenn 
ich sage, daB ohne das Feuer gar nichts von der ganzen Technik mog- 
lich ware, so daB wir sagen diirfen, mit der Erfindung des Feuers war 
die grundlegende Erfindung, der Impuls fur alle anderen Erfindungen 
gegeben. 

Dazu miissen Sie noch nehmen, daB man unter dem Feuer in der 
Zeit, als die Prometheussage entstand, alles dasjenige verstand, was 
irgendwie mit Warme zusammenhing. Man verstand darunter auch die 
Ursache des Blitzes. Die Ursachen aller Warmeerscheinungen wurden 
zusammengefaBt unter dem Ausdruck des Feuers. Das BewuBtsein 
davon, daB die Menschheit der fiinften Rasse unter dem Zeichen des 
Feuers steht, das driickt sich zunachst in der Prometheussage aus. 
Und Prometheus ist nichts anderes als der Reprasentant der ganzen 
fiinften Wurzelrasse. 

Sein Bruder ist Epimetheus. Zunachst iibersetzen wir uns einmal 
die zwei Worte: Prometheus heiBt auf deutsch der Vordenkende, 
Epimetheus heiBt der Nachdenkende. Da haben Sie die zwei Tatig- 
keiten des menschlichen Denkens klar auseinandergelegt in den nach- 
denkenden Menschen und in den vordenkenden Menschen. Der nach- 
denkende Mensch ist derjenige, welcher die Dinge dieser Welt auf 
sich wirken laBt und dann hinterher denkt. Ein solches Denken ist 



das kama-manasische Denken. Von einem gewissen Gesichtspunkt aus 
gesehen heiBt Kama-Manas-Denken: zuerst die Welt auf sich wirken 
lassen und dann hinterher denken. Der Mensch der fiinften Wurzel- 
rasse denkt heute noch hauptsachlich wie Epimetheus. 

Insofern aber der Mensch nicht das, was schon da ist, auf sich wir- 
ken la6t, sondern Zukunft schafft, Erfinder und Entdecker ist, inso- 
fern ist er ein Prometheus, ein Vordenker. Niemals wiirden Erfin- 
dungen gemacht werden konnen, wenn der Mensch nur Epimetheus 
ware. Eine Erfindung wird dadurch gemacht, da6 der Mensch etwas 
schafft, was noch nicht da ist. Zuerst ist es im Gedanken da, und dann 
wird der Gedanke umgesetzt in die Wirklichkeit. Dieses ist das Pro- 
metheusdenken. Dieses Prometheusdenken ist innerhalb der fiinften 
Wurzelrasse das manasische Denken. Kama-manasisches und mana- 
sisches Denken gehen wie zwei Strome nebeneinander her in der fiinf- 
ten Wurzelrasse. Allmahlich wird das manasische Denken immer wei- 
ter und weiter ausgebreitet. 

Dieses manasische Denken der fiinften Wurzelrasse hat noch eine be- 
sondere Eigentiimlichkeit. Das verstehen wir, wenn wir zuriickblicken 
auf die atlantische Wurzelrasse. Diese hatte mehr ein instinktives 
Denken, welches noch in Verbindung war mit der Lebenskraft. Die 
atlantische Wurzelrasse war noch imstande, aus der Samenkraft sich 
eine Bewegungskraft zu bilden. Wie heute der Mensch in den Kohlen- 
lagern eine Art Reservoir hat an Kraft, die er in Dampf verwandelt 
zur Fortbewegung der Lokomotiven und Lasten, so hatte der Atlan- 
tier groBe Lager von Pflanzensamen, welche Krafte enthielten, die er 
umwandeln konnte in Fortbewegungskraft, von der getrieben wurden 
jene Fahrzeuge, die in Scott-Elliots Broschiire iiber die Atlantis be- 
schrieben werden. Diese Kunst ist verlorengegangen. Der Geist des 
atlantischen Menschen bezwang noch die lebendige Natur, die Samen- 
kraft. Der Geist der fiinften Rasse kann nur die leblose Natur, die im 
Stein, in den Mineralien liegenden Werdekrafte besiegen. So ist das 
Manas der fiinften Wurzelrasse gefesselt an die mineralischen Krafte, 
wie die atlantische Rasse gebunden war an die Lebenskrafte. Alle 
Prometheus kraft ist gefesselt an den Felsen, an die Erde. Daher ist 
auch Petrus der Fels, auf den Christus baute. Es ist dasselbe wie der 



Fels des Kaukasus. Der Mensch der fiinften Rasse hat auf dem rein 
physischen Plan seine Entwicklung zu suchen. Er ist gefesselt an un- 
organische, an mineralische Krafte. 

Versuchen Sie einmal, sich einen Uberblick dariiber zu verschaffen, 
was es heiBt, wenn man von dieser Technik der fiinften Rasse spricht. 
Wozu ist sie da ? Wenn Sie sich einen Uberblick verschaffen, so wer- 
den Sie sehen, daB - so groBartig und gewaltig auch die Resultate 
sind -, wenn die Verstandeskraft, das Manasische angewendet wird 
auf das Unorganische, das Mineralische, daB trotzdem im groBen und 
ganzen es der menschliche Egoismus ist, das menschliche personliche 
Interesse, wozu alle diese ganzen Krafte der Erfindungen und Ent- 
deckungen der fiinften Wurzelrasse zuletzt angewendet werden. 

Gehen Sie von der ersten Entdeckung und Erfindung aus und gehen 
Sie herauf bis zum Telephon, bis zu unseren neuesten Erfindungen 
und Entdeckungen, so werden Sie sehen, wie zwar groBe und gewal- 
tige Krafte durch diese Erfindungen und Entdeckungen uns dienstbar 
gemacht worden sind, aber wozu dienen sie? Was holen wir mit Eisen- 
bahn und Dampfschiffen aus fernen Landern? Wir holen uns Nah- 
rungsmittel, wir verlangen durch das Telephon Nahrungsmittel. Im 
Grunde ist es das menschliche Kama, das nach diesen Erfindungen 
und Entdeckungen in der fiinften Wurzelrasse verlangt. Das ist das, 
was man sich in objektiver Betrachtung einmal klarlegen muB. Dann 
wird man auch wissen, wie jener hohere Mensch, welcher hineinver- 
setzt wird in die Materie, in der Tat wahrend der fiinften Wurzelrasse 
an die Materie gefesselt ist dadurch, daB sein Kama die Befriedigung 
innerhalb der Materie verlangt. 

Wenn Sie im Esoterischen sich umsehen, so werden Sie finden, daB 
die Prinzipien des Menschen in Beziehung stehen zu ganz bestimmten 
Organen des Korpers. Ich werde Ihnen dieses Thema noch genauer 
ausfiihren; heute will ich nur anfiihren, mit welchen Organen unsere 
sieben Prinzipien in einer bestimmten Beziehung stehen. 

Zunachst haben wir das sogenannte Physische. Das steht in einer 
okkulten Beziehung zu dem oberen Teil des menschlichen Gesichts, 
zur Nasenwurzel. Der physische Bau des Menschen, der einmal ange- 
fangen hat — friiher war der Mensch ja bloB astral und baute sich 



hinein in das Physische -, nahm seinen Ursprung von dieser Partie 
aus. Die Physis ging aus und baute zuerst an der Nasenwurzel, so 
daB der Esoteriker die Nasenwurzel dem eigentlichen Physisch-Mine- 
ralischen zugeteilt erkennt. 

Das zweite ist Prana, der Atherdoppelkorper. Ihm ist esoterisch 
zugeteilt die Leber. Dieses Organ steht zu ihm in einer gewissen 
okkulten Beziehung. Dann kommt Kama, der Astralkorper. Der hat 
wieder seine Tatigkeit entwickelt beim Aufbau der Ernahrungs- 
organe, die ihr Sinnbild im Magen haben. Wiirde der Astralkorper 
nicht diese ganz bestimmte Auspragung haben, die er im Menschen 
hat, dann wiirde auch nicht dieser menschliche Ernahrungsapparat 
mit dem Magen diese bestimmte Form haben, die er heute hat. 

Wenn Sie den Menschen betrachten, erstens in seiner physischen 
Grundlage, zweitens in seinem Atherdoppelkorper und drittens in 
seinem Astralkorper, so haben Sie die Grundlage, die, wie Sie sehen, 
gefesselt ist an das, was die mineralische Fessel der fiinften Wurzel- 
rasse ausmacht. 

Durch die hoheren Korper hebt sich der Mensch schon wieder her- 
aus aus dieser Fessel und steigt zu Hoherem hinauf. Kama-Manas 
arbeitet sich schon wieder herauf. Da befreit sich der Mensch schon 
wieder von der reinen Naturgrundlage. Deshalb gibt es eine okkulte 
Beziehung von Kama-Manas zu dem, wodurch der Mensch aus der 
Naturgrundlage herausgehoben, abgeschniirt wird. Dieser okkulte 
Zusammenhang ist der zwischen dem niederen Manas und der so- 
genannten Nabelschnur. Gabe es kein Kama-Manas in der mensch- 
lichen Gestalt, dann wiirde der Embryo nicht in dieser Weise von der 
Mutter abgeschniirt werden. 

Gehen wir zum hoheren Manas, so hat es eine ebensolche okkulte 
Beziehung zum menschlichen Herzen und zum Blut. Buddhi hat eine 
okkulte Beziehung zu dem menschlichen Kehlkopf, zu dem Schlund 
und zu dem Kehlkopf. Und Atma hat eine okkulte Beziehung zu et- 
was, was den ganzen Menschen ausfiillt, namlich zu dem im Menschen 
enthaltenen Akasha. 

Das sind die sieben okkulten Beziehungen. Wenn Sie sich diese vor- 
halten, so haben wir als die wichtigsten fur unsere fiinfte Rasse her- 



vorzuheben diejenigen zu dem Atherdoppelkorper und zu Kama. Und 
wenn Sie das dazunehmen, was ich vorhin gesagt habe von der Be- 
herrschung des Prana durch die Atlantier - die Lebenskraft ist das, 
was den Atherdoppelkorper durchzieht -, so werden Sie sich sagen 
konnen, da6 der Atlantier in einer gewissen Beziehung noch um eine 
Stufe tiefer stand. Sein Atherdoppelkorper hatte noch die urspriing- 
liche Verwandtschaft mit allem Atherischen der AuBenwelt, und er 
beherrschte dadurch das Prana der AuBenwelt. Dadurch, dafi der 
Mensch eine Stufe hoher gestiegen ist, ist die Arbeit eine Stufe tiefer 
geworden. Das ist ein Gesetz: da6 wenn auf der einen Seite Aufstieg 
erfolgt, auf der anderen Seite ein Abstieg erfolgen mu6. Warend der 
Mensch friiher an Kama gearbeitet hat von Prana aus, mu6 er jetzt 
mit Kama auf dem physischen Plane arbeiten. 

Nun werden Sie verstehen, wie tief die Prometheussage diesen ok- 
kulten Zusammenhang symbolisiert. Ein Geier nagt dem Prometheus 
an der Leber. Kama ist symbolisiert in dem Geier, das eigentlich wirk- 
lich die Krafte der fiinften Rasse verzehrt. Der Geier nagt dem Men- 
schen an der Leber, an der Grundlage, und so nagt diese Kraft der 
fiinften Rasse an der eigentlichen Lebenskraft des Menschen, weil der 
Mensch gefesselt ist an die mineralische Natur, an den Petrus, den 
Fels, den Kaukasus. Damit muBte der Mensch seine Prometheus- 
Ahnlichkeit bezahlen. Deshalb mu6 der Mensch seine eigene Natur 
bezwingen, damit er nicht mehr angeschmiedet ist an das Minera- 
lische, an den Kaukasus. 

Nur diejenigen, welche wahrend der fiinften Wurzelrasse als 
menschliche Eingeweihte entstehen, konnen dem gefesselten Men- 
schen die Befreiung bringen. Herakles, ein menschlicher Eingeweih- 
ter, mu6 selbst zum Kaukasus dringen, um den Prometheus zu be- 
freien. Aber so werden die Initiierten den Menschen herausheben aus 
der Fesselung und opfern mu6 sich, was dem Untergang geweiht ist. 

Opfern mu6 sich der Mensch, der noch im Zusammenhang ist mit 
dem Tierischen: der Kentaur Chiron. Der Mensch der Vorzeit muB 
geopfert werden. Das Opfer des Kentauren ist fiir die Entwickelung 
der fiinften Rasse ebenso wichtig wie die Befreiung durch die Einge- 
weihten, durch die Initiierten der fiinften Rasse. 



Man sagt, daB in den griechischen Mysterien den Leuten die Zu- 
kunft prophezeit wurde. Darunter verstand man aber nicht ein vages, ab- 
straktes Erzahlen dessen, was in der Zukunft geschehen sollte, sondern 
die Angabe derjenigen Wege, die den Menschen in die Zukunft hinein- 
fiihren, was der Mensch zu tun hat, um sich in die Zukunft hinein zu 
entwickeln. Und was sich als Menschenkraft entwickeln sollte, das 
wurde vorgestellt in dem groBen Mysteriendrama Prometheus'. 

Man hat sich nun vorzustellen unter den drei Gottergeschlechtern 
Uranos, Kronos und Zeus drei aufeinanderfolgende fiihrende Wesen- 
heiten der Menschen. Uranos heiBt der Himmel, Gaia die Erde. Wenn 
wir zuriickgehen hinter die Mitte der dritten Rasse, der Lemurier, 
dann haben wir noch nicht den Menschen, den wir jetzt kennen, son- 
dern einen Menschen, den die Geheimlehre «Adam Kadmon» nennt, 
den Menschen, der noch ungeschlechtlich ist, den Menschen, der vor- 
her noch nicht der Erde angehorte, der noch nicht die Organe ent- 
wickelt hat zum irdischen Schauen, der noch dem Uranischen, dem 
Himmel angehorte. Durch die Vermahlung des Uranos mit der Gaia 
entstand der Mensch, der in die Materie herabstieg und damit zu 
gleicher Zeit in die Zeit einriickt. Kronos (= Chronos, die Zeit) wird 
der Herrscher des zweiten Gottergeschlechts von der Mitte der lemu- 
rischen Zeit an bis herein in den Anfang der atlantischen Zeit. Die 
fiihrenden Wesenheiten symbolisierten die Griechen zuerst unter dem 
Uranos, spater unter dem Kronos, und dann gingen sie iiber auf Zeus. 
Zeus aber ist noch einer derjenigen Fiihrer, welche ihre Schule nicht 
auf der Erde durchgemacht haben. Er ist noch einer, der zu den Un- 
sterblichen gehort, wie eben die ganzen griechischen Gotter noch zu 
den Unsterblichen gehorten. 

Die sterbliche Menschheit soil sich wahrend der fiinften Rasse auf 
eigene FiiBe stellen. Diese Menschheit wird reprasentiert durch den 
Prometheus. Sie erst brachte die menschlichen Kiinste und die Ur- 
kunst des Feuers. Auf sie ist Zeus eifersiichtig, da die Menschen her- 
anwachsen zu ihren eigenen Eingeweihten, die in der sechsten Wurzel- 
rasse die Fiihrung in die Hand nehmen werden. Das muB sich aber 
die Menschheit erst erkaufen. Daher muB ihr Ureingeweihter die gan- 
zen Leiden zunachst auf sich nehmen. 



Prometheus ist der Ureingeweihte der fiinften Wurzelrasse, der- 
jenige, der nicht nur in die Weisheit, sondern auch in die Tat einge- 
weiht ist. Er macht die ganzen Leiden durch, und er wird befreit 
durch denjenigen, der heranreift, um die Menschheit allmahlich frei 
zu machen und sie hinauszuheben iiber das Mineralische. 

So stellen uns die Sagen die groBen kosmischen Wahrheiten dar. 
Deshalb sagte ich Ihnen auch im Eingang: derjenige, der zur dritten 
Deutung aufsteigt, vermag sie wieder wortlich zu nehmen... [Es fol- 
gen einige unklare Satze, vgl. unter Hinweise.] Bei der Prometheus- 
sage haben Sie das Fressen des Geiers an der Leber. Das ist ganz 
wortlich zu nehmen. Der Geier friBt wirklich an der Leber der fiinf- 
ten Wurzelrasse. Es ist der Kampf des Magens mit der Leber. In 
jedem einzelnen Menschen wiederholt sich wahrend der fiinften Wur- 
zelrasse dieser prometheische Leidenskampf. Vollstandig wortlich ist 
das zu nehmen, was hier in der Prometheussage ausgedriickt ist. Ware 
dieser Kampf nicht da, dann ware das Schicksal der fiinften Rasse ein 
ganz anderes. 

Es gibt also drei Ausdeutungen der Sagen: erstens die exoterisch- 
wortliche, zweitens die allegorische - der Kampf der menschlichen 
Natur -, drittens die okkulte Bedeutung, wo wieder eine wortliche 
Interpretation der Mythen eintritt. Daraus konnen Sie ersehen, daB 
diese Sagen alle - wenigstens alle diejenigen, welche eine solche Be- 
deutung haben - aus den Mysterienschulen herriihren und nichts an- 
deres sind als die Wiedergabe dessen, was in den Mysterienschulen 
als das groBe Drama des Menschheitsschicksals dargestellt worden ist. 
Wie ich Ihnen bei den Druidenmysterien zeigen konnte, daB [die Sage 
von] Baldur nichts anderes darstellt als das, was im Inneren der Drui- 
denmysterien sich vollzogen hat, so haben Sie im Prometheus das, 
was der griechische Mysterienschiiler im Inneren der Mysterien er- 
lebt hat, um Kraft und Energie zum Leben in der Zukunft zu ge- 
winnen. 



DAS MYSTERIUM DER ROSENKREUZER 



Berlin, 4. November 1904 

Wir haben schon verschiedene Mythen besprochen, deren Bilder eso- 
terische Wahrheiten enthalten. Solche Mythen wurden friiher den 
Menschen gegeben, um ihnen gewisse Wahrheiten - solange sie noch 
nicht reif waren fiir die esoterischen Wahrheiten selbst - zuerst in 
bildlicher Form zu iiberliefern. Diese Bilder bemachtigten sich des 
Kausalkorpers und bereiteten so die Menschen vor, in spateren In- 
karnationen die esoterischen Wahrheiten selbst zu verstehen. 

Nun mochte ich Ihnen heute eine solche esoterische Darstellung 
zeigen, welche erst vor wenigen Jahrhunderten gegeben wurde und 
jetzt noch mannigfaltig fortlebt. Das ist die folgende. 

Im Beginne des 15. Jahrhunderts erschien in Europa eine Person- 
lichkeit, welche im Morgenlande in gewisse Geheimnisse eingeweiht 
worden war. Es war dies Christian Rosenkreutz Ehe die damalige In- 
karnation des Christian Rosenkreutz zu Ende gegangen war, hatte er 
eine Anzahl von Personlichkeiten - die kaum die Zahl zehn iiberstieg - 
in den Gegenstand, in den er eingeweiht worden war, auch einge- 
weiht, soweit dies mit europaischen Menschen damals moglich war. 
Diese kleine Bruderschaft, die sich die Bruderschaft der Rosenkreu- 
zer - Fraternitas rosae crucis - nannte, trug durch eine groBere, 
mehr auBerliche Bruderschaft einen gewissen Mythus in die Welt 
hinaus. 

Christian Rosenkreutz selbst hatte damals im tiefsten Inneren der 
Rosenkreuzermysterien gewisse Geheimnisse dargestellt, wie sie nur 
wahrgenommen werden konnten von Menschen, die die notwendige 
Vorbereitung erfahren hatten. Aber, wie gesagt, in der kleinen Bru- 
derschaft waren es nicht mehr wie zehn; das waren die eigentlich 
eingeweihten Rosenkreuzer. Was von Christian Rosenkreutz gelehrt 
worden ist, konnte nicht vielen Menschen mitgeteilt werden; aber es 
wurde dann eingekleidet in eine Art von Mythus. Seit seiner ersten 
Begriindung im Anfang des 15. Jahrhunderts ist dieser Mythus viel- 
fach in Bruderschaften erzahlt und interpretiert worden. Erzahlt 



wurde er in groBerem Rahmen, interpretiert aber nur im engeren 
Kreis, denjenigen, die reif dafiir waren. 

Dieser My thus hatte ungefahr folgenden Inhalt: 

Es gab eine Zeit, da schuf einer der Elohim den Menschen; einen 
Menschen, den er Eva nannte. Mit Eva verband sich der Elohim 
selbst und es wurde von Eva Kain geboren. Darauf schuf der Elohim 
Jahve oder Jehova den Adam. Adam verband sich ebenfalls mit Eva 
und aus dieser Ehe ging Abel hervor. 

Wir haben es also bei Kain mit einem unmittelbaren Gottersohn 
zu tun und bei Abel mit einem SproBling des als Mensch geschaf- 
fenen Adam und der Eva. Nun geht der My thus weiter. 

Die Opfergaben, welche Abel dem Gotte Jahve darbrachte, waren 
dem Gotte angenehm. Aber die Opfergaben des Kain nicht, denn 
Kain war nicht auf direktes GeheiB von Jahve entstanden. Die Folge 
davon war, daB Kain den Brudermord beging. Er erschlug Abel. 
Deshalb wurde er von der Gemeinschaft mit Jahve ausgeschlossen. 
Er ging in entfernte Gegenden und wurde dort der Stammvater eines 
eigenen Geschlechts. 

Adam verband sich weiterhin mit Eva und zum Ersatz von Abel 
wurde Seth geboren, der auch in der Bibel vorkommt. So entstanden 
zwei Menschengeschlechter: das erste von Eva und dem Elohim ab- 
stammend, das Geschlecht Kains; und das zweite von den bloBen 
Menschen abstammend, die auf GeheiB des Jahve sich verbunden 
haben. 

Von dem Geschlecht des Kain stammen alle ab, die auf der Erde 
Kunste und Wissenschaften ins Leben gerufen haben, zum Beispiel 
Methusael, der die Schrift, die Tau-Schrift erfunden hat und Tubal- 
Kain, der die Bearbeitung der Erze und des Eisens lehrte. So entstand 
in dieser Linie, direkt von dem Elohim abstammend, die Menschheit, 
die sich in Kunsten und Wissenschaften ausbildet. 

Aus diesem Geschlecht der Kains ging auch hervor Hiram. Der 
war der Erbe alles dessen, was innerhalb der verschiedenen Genera- 
tionen der Kainssohne an Wissen, Kunst und Technik aufgespeichert 
worden war. Hiram war der bedeutendste Baukunstler, den man sich 
denken kann. 



Aus der anderen Linie, aus dem Geschlechte Seths stammte Salomo, 
der sich auszeichnete in alledem, was von Jahve oder Jehova her- 
riihrte. Er war ausgestattet mit der Weisheit der Welt, mit alledem, 
was die ruhige, klare, abgeklarte Weisheit bei den Jehovasohnen lie- 
fern kann. Dies war eine Weisheit, die man wohl mit Worten ausspre- 
chen kann, die dem Menschen tief ins Herz gehen, ihn erheben kann, 
aber nicht eine solche, welche das unmittelbare Objekt angreifen und 
etwas Wirkliches an Technik, Kunst und Wissenschaft hervorbringen 
kann. Es war eine Weisheit, die eine unmittelbare inspirierte Gabe 
des Gottes ist, nicht eine von unten herausgearbeitete, aus der mensch- 
lichen Leidenschaft, aus dem Menschenwollen hervorquillende Weis- 
heit. Die fand sich bei den Kainssohnen, bei denen, die unmittelbar 
von dem anderen Elohim abstammten. Das waren die strengen Ar- 
beiter, die alles selbst erarbeiten wollten. 

Nun beschloB Salomo einen Tempel zu bauen. Er bestellte dazu als 
Baumeister den SproBling der Kainssohne: Hiram. Es war zu der 
Zeit, da die Konigin von Saba, Balkis, nach Jerusalem kam, weil sie 
von dem weisen Salomo gehort hatte. Und sie war in der Tat, als sie 
ankam, entziickt von der erhabenen, klaren Weisheit und Schonheit 
des Salomo. Er warb um sie und erlangte auch ihr Jawort. Da horte 
diese Konigin von Saba auch von dem Tempelbau. Nun wollte sie 
auch den Baumeister Hiram kennenlernen. Als sie ihn sah, machte sein 
bloBer Blick auf sie einen ungeheuren Eindruck und nahm sie ganz 
gefangen. 

Nun entspann sich etwas wie Eifersuchtsstimmung zwischen Hiram 
und dem weisen Salomo. Die Folge davon war, daB Salomo gern 
etwas gegen Hiram getan hatte; aber er muBte ihn behalten, damit 
der Tempel fertig gebaut werden konnte. 

Es kam nun folgendes. Der Tempel war bis zu einer ganz bestimm- 
ten Stufe fertig. Nur eines fehlte noch, was das Meisterstiick des 
Hiram sein sollte: namlich das Eherne Meer. Dieses Meisterstiick 
Hirams sollte darstellen den Ozean, in Erz gegossen, und den Tem- 
pel schmiicken. Alle Erzmischungen waren in wunderbarer Weise von 
Hiram veranlagt worden und alles war zu dem GuB vorbereitet. Nun 
machten sich aber drei Gesellen ans Werk, die Hiram beim Tempel- 



bau fur unfahig befunden hatte, zu Meistern ernannt zu werden. Sie 
hatten ihm deshalb Rache geschworen und wollten die Ausfiihrung 
des Ehernen Meeres verhindern. Ein Freund Hirams, der davon er- 
fuhr, teilte Salomo diesen Plan der Gesellen mit, damit er ihn ver- 
eiteln wiirde. Aber Salomo lieB aus Eifersucht gegen Hiram der Sache 
ihren Lauf, weil er Hiram verderben wollte. Die Folge war, daB Hiram 
zusehen muBte, wie der ganze GuB zerstob, weil die drei Gesellen 
einen ungehorigen Stoff der Masse zugefiigt hatten. Er versuchte noch 
durch ZugieBen von Wasser das aufschaumende Feuer zu loschen, aber 
es wurde dadurch nur schlimmer. Wahrend er schon nahe daran war, 
an dem Zustandekommen des Werkes zu verzweifeln, erschien ihm 
Tubal-Kain selbst, einer seiner Ahnherren. Dieser sagte ihm, er solle 
sich ruhig in das Feuer hineinstiirzen, er sei durch das Feuer nicht 
verwundbar. Hiram tat es und gelangte bis zum Mittelpunkt der 
Erde. Tubal-Kain fiihrte ihn zu Kain, der dort im Zustande der ur- 
spriinglichen Gottlichkeit war. Hiram wurde nun in das Geheimnis 
der Feuerschopfung eingeweiht, in das Geheimnis des Erzgusses und 
so weiter. Er erhielt von Tubal-Kain noch einen Hammer und ein 
Goldenes Dreieck, das er am Halse zu tragen habe. Dann kehrte er 
zuriick und war nun imstande, das Eherne Meer wirklich herzustellen, 
den GuB wieder in Ordnung zu bringen. 

Hierauf gewinnt Hiram die Hand der Konigin von Saba. Er aber 
wird von den drei Gesellen iiberfallen und getotet. Doch ehe er starb, 
gelang es ihm noch, das Goldene Dreieck in einen Brunnen zu wer- 
fen. Als man nun nicht weiB, wo Hiram ist, wird er gesucht. Salomo 
selbst ist angstlich und will hinter die Sache kommen. Man furchtete, 
die drei Gesellen konnten das alte Meisterwort verraten und es wurde 
daher ein neues verabredet. Die ersten Worte, die fallen, wenn man 
Hiram wieder findet, sollten das neue Meisterwort sein. Als Hiram 
nun aufgefunden wurde, konnte er noch einige Worte sprechen. Er 
sagte: Tubal-Kain hat mir verheiBen, daB ich einen Sohn haben werde, 
der viele Sonne haben wird, die die Erde bevolkern und mein Werk 
- den Tempelbau - zu Ende fiihren werden. Dann bezeichnete er noch 
den Ort, wo das Goldene Dreieck zu finden sei. Es wurde zu dem 
Ehernen Meer gebracht und beide an einem besonderen Ort des Tern- 



pels, im Allerheiligsten, aufbewahrt. Sie konnen nur von denen ge- 
funden werden, die Verstandnis dafiir haben, was diese ganze Tempel- 
legende von dem Tempel des Salomo und seinem Baumeister Hiram 
zu bedeuten hat. 

Nun wollen wir einmal von der Legende selbst iibergehen zu einer 
Interpretation. 

Diese Legende stellt dar das Schicksal der dritten, vierten und 
fiinften Unterrasse unserer fiinften Wurzelrasse. Der Tempel ist der 
Tempel der Geheimbruderschaften, respektive dasjenige, was die 
ganze Menschheit der vierten und fiinften Unterrasse baut, und 
das Allerheiligste ist der Aufenthaltsort der Geheimbruderschaften. 
Diese wissen, was das Eherne Meer und das Goldene Dreieck bedeu- 
ten. 

Wir haben es also zu tun mit zweierlei Menschengeschlechtern: 
mit demjenigen, welches - durch Salomo reprasentiert - im Besitz 
gottlicher Weisheit ist, und mit dem Kains geschlecht, den Abkomm- 
lingen Kains, die sich auf das Feuer verstehen und es zu behan- 
deln wissen. Dieses Feuer ist nicht das physische Feuer, sondern 
das im Astralraum brennende Feuer der Leidenschaften, Triebe, Be- 
gierden. 

Wer sind nun die Kainssohne? Die Kainssohne sind - also im Sinne 
dieser Legende - die Sonne derjenigen Elohim, welche unter der 
Klasse der Elohim wahrend der Mondepoche ein wenig zuriickgeblie- 
ben sind. In der Mondepoche haben wir es mit Kama zu tun. Dieses 
Kama oder Feuer wurde damals durchdrungen mit Weisheit. Nun gab 
es zwei Arten von Elohim. Die einen Elohim blieben nicht stehen 
bei der Ehe zwischen Weisheit und Feuer; sie gingen dariiber hinaus. 
Und als sie den Menschen formten, waren sie nicht mehr durchdrun- 
gen von Leidenschaften, so daB sie ihn mit ruhiger, abgeklarter Weis- 
heit ausstatteten. Das ist die eigentliche Jahve- oder Jehovareligion, 
die Weisheit, die ganz leidenschaftslos war. Die anderen Elohim, bei 
welchen noch die Weisheit mit dem Feuer der Mondperiode ver- 
bunden war, sind diejenigen, welche die Kainssohne schufen. 

Daher haben wir in den Sohnen Seths die religiosen Menschen mit 
der abgeklarten Weisheit und in den Kains sohnen die, welche das 



impulsive Element haben, die sich entflammen und Enthusiasmus 
entwickeln konnen fur Weisheit. Diese zwei Geschlechter schaffen 
durch alle Rassen hindurch, durch alle Zeiten. Aus der Leidenschaft 
der Kainssohne sind alle Kiinste und Wissenschaften entstanden, aus 
der Abel-Seth-Stromung alle abgeklarte Frommigkeit und Weisheit, 
ohne Enthusiasmus. 

Diese zwei Typen waren immer vorhanden und das hat sich so fort- 
gefiihrt bis zur vierten Unterrasse unserer Wurzelrasse. 

Dann kam die Begriindung des Christentums. Dadurch wurde die 
friihere Frommigkeit, die nur eine Frommigkeit von oben war, eine 
Frommigkeit, die vollstandig kamafrei war. Sie wurde getaucht in das 
Element, das eben durch Christus auf die Erde kam. Christus ist nicht 
bloB die Weisheit, er ist die inkarnierte Liebe: ein hohes gottliches 
Kama, das zu gleicher Zeit Buddhi ist; ein rein flutendes Kama, das 
nichts fur sich will, sondern alle Leidenschaften in unendlicher Hin- 
gabe nach auBen richtet, ein umgekehrtes Kama ist. Buddhi ist um- 
gekehrtes Kama. 

Dadurch bereitet sich innerhalb des Typus der Menschen, die 
fromm sind, innerhalb der Sonne der Weisheit eine hohere From- 
migkeit vor, die nun allerdings enthusiastisch sein kann. Das ist 
christliche Frommigkeit. Sie wird zunachst veranlagt in der vierten 
Unterrasse der fiinften Wurzelrasse. Diese ganze Stromung ist aber 
noch nicht in der Lage, sich mit den Kainssohnen zu verbinden. Sie 
sind zunachst noch Gegner. Wiirde namlich das Christentum unbe- 
dingt schnell alle Menschen ergreifen, so wiirde es sie zwar mit Liebe 
erfiillen konnen, aber das einzelne menschliche Herz, das individuelle 
menschliche Herz ware nicht dabei. Es ware keine freie Frommig- 
keit, es ware nicht das Gebaren des Christus in sich selbst als Bruder, 
sondern bloB als Herrn. Dazu miissen noch durch die ganze fiinfte 
Unterrasse hindurch die Kainssohne wirken. Sie wirken in ihren In- 
itiierten und bauen den Tempel der Menschheit, aufgebaut aus welt- 
licher Kunst und weltlicher Wissenschaft. 

So sehen wir wahrend der vierten und fiinften Unterrasse das welt- 
liche Element immer mehr und mehr sich entwickeln, die ganze welt- 
geschichtliche Entwickelung auf den physischen Plan heraustreten. 



Mit dem weltlichen Element des Materialismus entwickelt sich das 
personliche, der Egoismus, der zum Kampf aller gegen alle fiihrt. 
Wenn auch das Christentum da war, so war es in gewisser Weise 
doch Geheimnis von wenigen. Aber es bewirkte, daB den Menschen 
wahrend der vierten und fiinften Unterrasse aufging: ein jeglicher ist 
gleich vor Gott. Das ist christlicher Grundsatz. Aber die Menschen 
konnen dies nicht ganz verstehen, solange sie im Materialismus und 
Egoismus befangen sind. 

Die Franzosische Revolution hat dann die Konsequenz der christ- 
lichen Lehre im weltlichen Sinne vollzogen. Die spirituelle Lehre des 
Christentums: alle Menschen sind gleich vor Gott, wurde durch die 
Franzosische Revolution in eine rein weltliche Lehre ubertragen: alle 
sind hier gleich. Die neue Zeit hat das noch mehr ins Physische iiber- 
setzt. 

Vor der Franzosischen Revolution erschien bei einer Hofdame der 
Konigin Marie-Antoinette, der Madame d'Adhemar, eine Personlich- 
keit, die alle wichtigen Szenen der Revolution voraussagte, um davor 
zu warnen. Es war der Graf von Saint-Germain, dieselbe Person- 
lichkeit, die in friiherer Inkarnation den Orden der Rosenkreuzer ge- 
stiftet hat. Er vertrat damals den Standpunkt: die Menschen miiBten 
in ruhiger Weise von der weltlichen Kultur zu der wahren Kultur des 
Christentums gefiihrt werden. Die weltlichen Machte wollten sich 
aber die Freiheit im Sturm, in materieller Weise erobern. Zwar sah 
er die Revolution als notwendige Konsequenz an, aber er warnte doch 
davor. Er, Christian Rosenkreutz, in der Inkarnation vom 18.Jahr- 
hundert, als Hiiter des innersten Geheimnisses vom Ehernen Meer 
und vom heiligen Goldenen Dreieck, trat warnend auf: die Mensch- 
heit sollte sich langsam entwickeln. Doch schaute er, was vor sich 
gehen wurde. 

Das ist der Gang, den die Menschheitsentwickelung, von innen 
her betrachtet, wahrend der vierten und fiinften Unterrasse unserer 
Wurzelrasse durchmacht. Der menschliche Kulturbau, der groBe Tem- 
pel Salomos wurde gebaut. Aber dasjenige, was ihn eigentlich kronen 
soil, muB noch ein Geheimnis bleiben. Das kann nur ein Initiierter 
bauen. Dieser Initiierte wurde miBverstanden, verraten, getotet. Die- 



ses Geheimnis kann noch nicht herauskommen. Es bleibt das Geheim- 
nis von wenigen [Initiierten] des Christentums. In dem GuB des Eher- 
nen Meeres und dem heiligen Dreieck liegt es verschlossen. Es ist 
kein anderes als das Geheimnis des Christian Rosenkreutz, der vor 
Christi Geburt in einer sehr hohen Inkarnation verkorpert war und 
damals einen merkwiirdigen Ausspruch getan hat. 

Lassen Sie mich nun noch mit einigen Worten die Szene ausmalen, 
wie jener Christian Rosenkreutz vor der Franzosischen Revolution 
diese AuBerung wieder getan hat. Er sagte: Wer Wind sat, wird 
Sturm ernten. - Dies hatte er schon damals gesagt, bevor es dann 
von Hosea gesagt und aufgeschrieben wurde. Aber es ist von Chri- 
stian Rosenkreutz herriihrend. 

Dieser Ausspruch: Wer Wind sat, wird Sturm ernten -, ist der 
Leitspruch der vierten und fiinften Unterrasse unserer Wurzelrasse 
und sollte bedeuten: Ihr werdet den Menschen frei machen, es wird 
sich das inkarnierte Buddhi selbst mit dieser eurer Freiheit verbinden 
und die Menschen gleichmachen vor Gott. Aber der Geist (Wind be- 
deutet Geist = Ruach), er wird zunachst zum Sturm werden (Kampf 
aller gegen alle). 

Zunachst war das Christentum das des Kreuzes geworden, das sich 
hindurchentwickeln muBte durch die rein weltliche Sphare, den phy- 
sischen Plan. Nicht gleich von Anfang an war Christus am Kreuz das 
Symbol des Christentums. Aber als das Christentum immer mehr poli- 
tisch wurde, da wurde das Symbol der gekreuzigte Gottessohn, lei- 
dend auf dem Kreuze des Weltenleibes. Das bleibt es auBerlich durch 
den ganzen Rest der vierten und weiter durch die fiinfte Unterrasse 
hindurch. 

Zunachst ist das Christentum gebunden an die rein materielle Kul- 
tur der vierten und fiinften Unterrasse und nur dazwischen [?] be- 
steht das eigentliche Christentum der Zukunft, das im Besitze der 
Geheimnisse von dem Ehernen Meer und dem Goldenen Dreieck ist. 
Dieses Christentum hat ein anderes Symbol; nicht mehr den gekreu- 
zigten Gottessohn, sondern das Kreuz, von Rosen umwunden. Das 
wird das Symbol des neuen Christentums der sechsten Unterrasse sein. 
Aus dem Mysterium der Rosenkreuzerbruderschaft wird sich dieses 



Christentum der sechsten Unterrasse entwickeln, das das Eherne Meer 
und das Goldene Dreieck kennen wird. 

Hiram ist der Reprasentant der Initiierten der Kainssohne der vier- 
ten und fiinften Unterrasse. Die Konigin von Saba - jede weibliche 
Figur bedeutet in der esoterischen Sprache die Seele - ist die Seele 
der Menschheit, die zu entscheiden hat zwischen der abgeklarten, aber 
nicht die Erde erobernden Frommigkeit und der die Erde erobernden 
Weisheit, das heiBt, der durch Uberwindung der Leidenschaften der 
Erde verbundenen Weisheit. Sie ist die Reprasentantin der wahren 
Menschenseele, die zwischen Hiram und Salomo mittendrin steht, 
und sich mit Hiram in der vierten und fiinften Unterrasse verbindet, 
weil er noch den Tempel baut. 

Das Eherne Meer ist jener GuB, der entsteht, wenn in der entspre- 
chenden Weise Wasser mit Erz vermischt ist. Die drei Gesellen machen 
es falsch, der GuB wird zerstort. Aber indem Tubal-Kain dem Hiram 
die Mysterien des Feuers enthiillt, ist Hiram imstande, Wasser und 
Feuer in der richtigen Weise zu verbinden. Dadurch entsteht das 
Eherne Meer. Es ist das, was das Geheimnis der Rosenkreuzer ist. Es 
entsteht, wenn das Wasser der ruhigen Weisheit sich verbindet mit 
dem Feuer des astralen Raumes, dem Feuer der Leidenschaft. Da- 
durch muB eine Verbindung Zustandekommen, die «ehern» ist, die 
getragen werden kann in die folgenden Zeitalter, wenn hinzukommt 
das Geheimnis von dem heiligen Goldenen Dreieck, das Geheimnis 
von Atma-Buddhi-Manas. Dieses Dreieck, mit all dem, was es im Ge- 
folge hat, wird der Inhalt des erneuerten Christentums der sechsten 
Unterrasse sein. Das wird vorbereitet durch die Rosenkreuzer und 
dann wird das, was im Ehernen Meer symbolisiert wird, verbunden 
sein mit der Erkenntnis von Reinkarnation und Karma. Dies ist die 
neue okkulte Lehre, die dem Christentum wieder eingefiigt wird. 
Atma-Buddhi-Manas, das hohere Selbst, ist das Geheimnis, das offen- 
bar werden wird, wenn die sechste Unterrasse dazu reif sein wird. 
Dann wird Christian Rosenkreutz nicht mehr als Warner dazustehen 
brauchen, sondern es wird alles, was Kampf bedeutet hat auf dem 
auBeren Plan, den Frieden finden durch das Eherne Meer, durch das 
heilige Goldene Dreieck. 



Das ist der Gang der Weltgeschichte in die kiinftige Zeit hinein. 
Was Christian Rosenkreutz mit seiner Tempellegende durch die Bru- 
derschaften in die Welt tragen lieB, ist das, was sich die Rosenkreuzer 
zur Aufgabe gestellt haben: nicht bloB religiose Frommigkeit zu leh- 
ren, sondern auch Wissenschaft nach auBen; aber nicht nur die auBere 
Welt kennenzulernen, sondern auch die spirituellen Machte und von 
beiden Seiten hineinzugehen in die sechste Runde. 



DER MANICHAISMUS 



Berlin, 11. November 1904 

Wir haben ja wunschgemaB etwas iiber Freimaurerei zu sprechen. 
Diese kann man aber nicht verstehen, bevor nicht die urspriinglichen 
Geistesstromungen betrachtet werden, die mit der Freimaurerei in der 
Weise in Zusammenhang stehen, daB die Freimaurerei sozusagen aus 
ihnen hervorgegangen ist. Eine noch wichtigere Geistesstromung als 
die der Rosenkreuzer war die des Manichaismus. Wir miissen also 
eigentlich zuerst iiber diese viel wichtigere Bewegung sprechen und 
konnen dann spater einmal auch auf die Freimaurerei ein Licht werfen. 

Was ich dazu zu sagen habe, hangt zusammen mit verschiedenen 
Dingen, die in das gegenwartige und zukiinftige Geistesleben hinein- 
spielen. Und um Ihnen zu zeigen, daB man, wenn man in diesen Ge- 
bieten tatig ist, immerfort auf etwas Bezug nehmen muB, wenn auch 
versteckt, so mochte ich nur einleitend darauf hinweisen, daB ich bei 
wiederholter Gelegenheit das Faust-Problem als ein besonders wichti- 
ges fur das neue Geistesleben bezeichnet habe. Und darum ist auch 
im ersten Heft des «Luzifer» die moderne Geistesbewegung mit dem 
Faust-Problem in Zusammenhang gebracht. So wie ich es in meinem 
«Luzifer»-Aufsatz gebracht habe, ist nicht ohne eine gewisse Begriin- 
dung auf das Faust-Problem angespielt. 

Um die Dinge, um die es sich dabei handelt, in Zusammenhang zu 
bringen, miissen wir also zunachst ausgehen von einer Geistesrich- 
tung, die uns geschichtlich zuerst entgegentritt etwa im 3.Jahrhun- 
dert. Es ist dies jene Geistesrichtung, die ihren groBen Bekampfer 
im heiligen Augustinus gefunden hat, trotzdem er, bevor er zur katho- 
lischen Kirche iibergetreten ist, Anhanger dieser Richtung war. Wir 
miissen sprechen iiber den Manichaismus, der durch eine Personlich- 
keit begriindet wurde, die sich selbst als Mani bezeichnete und etwa 
im 3. Jahrhundert nach Christi Geburt lebte. Ausgegangen ist die Be- 
wegung von einer Gegend, die damals beherrscht wurde von den 
Konigen Vorderasiens; sie ist also von den Gegenden des westlichen 
Kleinasien ausgegangen. Dieser Mani begriindete eine Geistesstro- 



mung, die ja zuerst eine kleine Sekte umfaBte, die aber zu einer mach- 
tigen Geistesstromung wurde. Die mittelalterlichen Albigenser, Wal- 
denser und Katharer sind die Fortsetzung dieser Geistesstromung, 
zu der auch der ja noch fiir sich zu besprechende Templerorden und 
ebenso - durch eine merkwiirdige Verkettung der Verhaltnisse - das 
Freimaurertum gehoren. Hier hinein gehort das Freimaurertum 
eigentlich, obgleich es sich mit anderen Stromungen, zum Beispiel 
dem Rosenkreuzertum verbunden hat. 

Die auBere Geschichte, die uns von Mani erzahlt wird, ist hochst 
einfach.* 

Es wird gesagt, daB in den Gegenden Vorderasiens ein Kaufmann 
lebte, der auBerordentlich gelehrt war. Er verfaBte vier bedeutsame 
Schriften: erstens die Mysteria, zweitens die Capitola, drittens das 
Evangelium, viertens den Thesaurus. Ferner wird erzahlt, daB er bei 
seinem Tod diese Schriften hinterlassen habe seiner Witwe, die eine 
Perserin war. Diese Witwe wiederum hinterlieB sie einem Sklaven, 
den sie losgekauft und freigelassen habe. Der sei der besagte Mani 
gewesen, der dann aus diesen Schriften seine Weisheit gezogen habe, 
aber auBerdem in die Mysterien des Mithrasdienstes eingeweiht ge- 
wesen war. Er hat dann diese Bewegung des Manichaismus ins Leben 
gerufen. Man nennt den Mani auch den «Sohn der Witwe» und seine 
Anhanger die «Sohne der Witwe». Er selbst aber, Mani, bezeichnete 
sich als «Paraklet», als den von Christus der Menschheit versproche- 
nen Heiligen Geist. Nun ist das so aufzufassen, daB er sich bezeich- 
nete als eine Inkarnation jenes Heiligen Geistes; nicht etwa meinte er, 
daB er der alleinige Heilige Geist sei. Er stellte sich vor, daB dieser 
Heilige Geist in Wiederverkorperungen erscheint und bezeichnete 
sich als eine solche Wiederverkorperung des Geistes. 

Die Lehre, die er verkiindigte, wurde von Augustinus, als dieser 
zur katholischen Kirche ubergetreten war, in der lebhaftesten Weise 
bekampft. Augustinus stellte seine katholische Anschauung der mani- 
chaischen Lehre gegeniiber, die er durch eine Personlichkeit vertreten 
laBt, die er Faustus nennt. Faustus ist im Sinne des Augustinus der 
Kampfer gegen das Christentum. Hier liegt der Ursprung des goethe- 

* Siehe unter Hinweise. 



sehen Faust mit seiner Anschauung des Bosen. Der Name «Faust» 
geht zuriick bis auf diese alte augustinische Lehre. 

Man erfahrt von der manichaischen Lehre gewohnlich, daB sie sich 
vom abendlandischen Christentum unterscheide durch ihre andere 
Auffassung des Bosen. Wahrend das katholische Christentum der An- 
sicht sei, daB das Bose beruhe auf einem Abfall vom gottlichen Ur- 
sprung, auf einem Abfall urspriinglich guter Geister von Gott, so 
lehre der Manichaismus, daB das Bose ebenso ewig sei wie das Gute; 
daB es keine Auferstehung des Leibes gebe und daB das Bose als 
solches kein Ende nahme. Es habe also keinen Anfang, sondern sei 
gleichen Ursprungs mit dem Guten, und habe auch kein Ende. 

Wenn Sie in dieser Weise den Manichaismus kennenlernen, so er- 
scheint er allerdings wie etwas radikal Unchristliches und wie etwas 
ganz Unverstandliches. 

Nun wollen wir der Sache auf den Grund gehen nach den Tradi- 
tionen, die von dem Mani selbst herriihren sollen und priifen, um was 
es sich da eigentlich handelt. Einen auBeren Anhaltspunkt zu dieser 
Priifung gibt uns die Legende des Manichaismus, eine ebensolche 
Legende, wie ich Ihnen neulich als Tempellegende erzahlt habe. Alle 
solche Geistesstromungen, die mit Einweihungen zusammenhangen, 
driicken sich exoterisch aus in Legenden. Nur ist die Legende des 
Manichaismus eine groBe kosmische Legende, eine Legende von iiber- 
sinnlicher Art. 

Da wird erzahlt, daB einstmals die Geister der Finsternis anstiirmen 
wollten gegen das Lichtreich. Sie kamen in der Tat bis an die Grenze 
des Lichtreiches und wollten das Lichtreich erobern. Sie vermochten 
aber nichts gegen das Lichtreich. Nun sollten sie - und hier liegt ein 
besonders tiefer Zug, den ich zu beachten bitte -, nun sollten sie be- 
straft werden von dem Lichtreich. Aber in dem Lichtreich gab es 
nichts irgendwie Boses, sondern nur Gutes. Also hatten die Damonen 
der Finsternis nur mit etwas Gutem bestraft werden konnen. Was 
geschah also? Es geschah folgendes. Die Geister des Lichtreiches 
nahmen einen Teil ihres eigenen Reiches und mischten diesen in das 
materielle Reich der Finsternis hinein. Dadurch, daB nun ein Teil 
des Lichtreiches vermischt wurde mit dem Reich der Finsternis, da- 



durch sei in diesem Reich der Finsternis gleichsam ein Sauerteig, ein 
Garungsstoff entstanden, der das Reich der Finsternis in einen chaoti- 
schen Wirbeltanz versetzte, wodurch es ein neues Element bekom- 
men hat, namlich den Tod. So daB es sich fortwahrend selbst aufzehrt 
und so den Keim zu seiner eigenen Vernichtung in sich tragt. Weiter 
wird erzahlt, daB dadurch, daB dies geschehen ist, gerade das Men- 
schengeschlecht entstanden sei. Der Urmensch sei eben gerade das, 
was vom Lichtreich her gesendet worden sei, um sich mit dem Reich 
der Finsternis zu vermischen und das, was im Reich der Finsternis 
nicht sein soil, zu iiberwinden durch den Tod; es in sich selbst zu iiber- 
winden. 

Der tiefe Gedanke, der darin liegt, ist der, daB von Seiten des Licht- 
reiches das Reich der Finsternis iiberwunden werden soil nicht durch 
Strafe, sondern durch Milde; nicht durch Widerstreben dem Bosen, 
sondern durch Vermischung mit dem Bosen, um das Bose als solches 
zu erlosen. Dadurch, daB ein Teil des Lichtes hineingeht in das Bose, 
wird das Bose selbst iiberwunden. 

Dem liegt die Auffassung vom Bosen zugrunde, die ich oftmals als 
die theosophische auseinandergesetzt habe. Was ist das Bose? Es ist 
nichts anderes als ein unzeitgemaBes Gutes. Um ein Beispiel anzu- 
fiihren, das von mir schon ofters angefiihrt wurde: Nehmen wir an, 
daB wir es mit einem ausgezeichneten Klavierspieler und einem aus- 
gezeichneten Klaviertechniker zu tun haben, die beide vollkommen 
sind in ihrer Art. Zuerst muB der Techniker das Instrument bauen 
und es dann abgeben an den Spieler. Wenn dieser ein guter Spieler 
ist, wird er es in entsprechender Weise beniitzen und so sind beide 
gleichsam das Gute. Wenn aber nun der Techniker anstelle des Spie- 
lers in den Konzertsaal gehen und da herumhammern wollte, dann 
ware er am unrechten Ort. Das Gute wiirde so zum Bosen. So sehen 
wir, daB das Bose nichts anderes ist als das Gute am unrechten Ort. 

Wenn das, was in irgendeiner Zeit auBerordentlich gut ist, sich 
weiter erhalten, starr werden wollte und nun das schon Fortgeschrit- 
tene beeintrachtigen wiirde in seinem Gange, so wird es jetzt zweifel- 
los ein Boses, weil es dem Guten widerstreben wiirde. Nehmen wir 
an, die leitenden Krafte der Mondenepoche, der lunarischen Epoche, 



wenn sie dort vollkommen waren in ihrer Art und ihre Tatigkeit 
hatten abschliefien miissen, wiirden sich noch langer in die Entwicke- 
lung mischen. Dann miiBten sie in der irdischen Entwickelung das 
Bose darstellen. So ist das Bose nichts anderes als das Gottliche, denn 
in der anderen Zeit war das, was zur Unzeit das Bose ist, der Aus- 
druck des Vollkommenen, des Gottlichen. 

In diesem tiefen Sinne haben wir die manichaische Anschauung 
aufzufassen, daB das Gute und Bose im Grunde genommen von der- 
selben Art, im Grunde genommen gleich in ihrem Anfang und gleich 
in ihrem Ende sind. Wenn Sie diese Anschauung so auffassen, werden 
Sie verstehen, was eigentlich der Mani anregen wollte. Auf der ande- 
ren Seite miissen wir aber zunachst erklaren, warum sich Mani selbst 
den «Sohn der Witwe » nannte und warum sich seine Anhanger « Sonne 
der Witwe» nannten. 

Wenn wir zuriickgehen in die altesten Zeiten, die vor unserer jet- 
zigen Wurzelrasse liegen, da war die Art und Weise, wie Menschen 
erkannten, Wissen erwarben, eine andere. Sie werden aus meiner Schil- 
derung der atlantischen Zeit, und jetzt, wo das nachste «Luzifer»- 
Heft erscheint, auch aus der Schilderung der lemurischen Zeit ersehen, 
daB damals alles Wissen - zum Teil bis in unsere Zeit hinein - beein- 
fluBt ist von demjenigen, was iiber der Menschheit steht. Ich habe 
ofters schon erwahnt, daB erst der Manu, der erscheinen wird in der 
nachsten Wurzelrasse, ein wirklicher Menschenbruder sein wird, wah- 
rend die friiheren Manus iibermenschlich, eine Art gottliche Wesen 
waren. Erst jetzt reift die Menschheit heran, um einen eigenen Men- 
schenbruder als Manu zu haben, der von der Mitte der lemurischen 
Zeit an alle Stadien mit durchgemacht hat. Was geschieht also eigent- 
lich wahrend der Entwickelung der fiinften Wurzelrasse? Es geschieht 
das, daB diese Offenbarung, die Offenbarung von oben, die Leitung 
der Seele von oben sich allmahlich zuriickzieht und die Menschheit 
den eigenen Wegen uberlaBt, so daB sie ihr eigener Leiter wird. 

Die Seele wurde nun in aller Esoterik (Mystik) die «Mutter» ge- 
nannt; der Unterweiser der «Vater». Vater und Mutter, Osiris und 
Isis, das sind die zwei in der Seele vorhandenen Machte: der Unter- 
weiser, derjenige, der das unmittelbar einflieBende Gottliche darstellt, 



Osiris, ist der Vater; die Seele selbst, Isis, konzipiert, empfangt das 
Gottlich-Geistige, sie ist die Mutter. Wahrend der fiinften Wurzel- 
rasse zieht sich nun der Vater zuriick. Die Seele ist verwitwet, soil 
verwitwet sein. Die Menschheit ist auf sich selbst angewiesen. Sie 
muB in der eigenen Seele das Licht der Wahrheit suchen, um sich 
selbst zu lenken. Alles Seelische wurde von jeher mit weiblichen 
Sinnbildern zum Ausdruck gebracht. Deshalb wird dieses Seelische - 
welches heute im Keim vorhanden ist und spater vollstandig entwik- 
kelt sein wird -, dieses sich selbst lenkende Seelische, das den gott- 
lichen Befruchter nicht mehr vor sich hat, das wird von dem Mani 
als «Witwe» bezeichnet. Und deshalb bezeichnete er sich selbst als den 
«Sohn der Witwe». 

Mani ist es, der diejenige Stufe der menschlichen Seelenentwicke- 
lung vorbereitet, die das eigene seelische Geisteslicht sucht. Alles, 
was von ihm herriihrt, war ein Berufen auf das eigene Geisteslicht 
der Seele und das war zugleich ein entschiedenes Aufbaumen gegen 
alles, was nicht aus der Seele, aus der eigenen Beobachtung der Seele 
kommen wollte. Schone Worte riihren von dem Mani her und sind 
das Leitmotiv seiner Anhanger zu alien Zeiten gewesen. Wir horen: 
Ihr miiBt abstreifen alles dasjenige, was auBere Offenbarung ist, die 
ihr auf sinnlichem Wege erhaltet! Ihr miiBt abstreifen alles, was auBere 
Autoritat euch iiberliefert; dann miiBt ihr reif werden, die eigene Seele 
anzuschauen! 

Augustinus dagegen vertritt das Prinzip - in einem Gesprach, in 
dem er sich zum Gegner jenes Manichaers Faustus macht — : Ich wurde 
die Lehre Christi nicht annehmen, wenn sie nicht auf die Autoritat 
der Kirche begriindet ware. - Der Manichaer Faustus sagt aber: Ihr 
sollt auf Autoritat hin keine Lehre annehmen; wir wollen eine Lehre 
nur annehmen in Freiheit. - Das ist das Aufbaumen des auf sich selbst 
bauenden Geisteslichtes, das dann auch in der Faust-Sage in so scho- 
ner Weise zum Ausdruck gebracht wurde. 

Wir haben diesen Gegensatz auch in spateren Sagen im Mittelalter 
einander gegeniibergestellt. Auf der einen Seite die Faust-, auf der 
anderen Seite die Luther-Sage. Luther ist der Fortsetzer des autorita- 
tiven Prinzips, Faust dagegen ist der, der sich aufbaamt, der sich auf 



das innere Geisteslicht stiit2t. Wir haben die Luther-Sage: er wirft 
dem Teufel das TintenfaB an den Kopf. Was sich ihm als Boses vor- 
stellt, wird beiseitegestellt. Und auf der anderen Seite haben wir das 
Biindnis des Faust mit dem Bosen. Es wird von dem Lichtreich der 
Funke nach dem Reich der Finsternis gesandt, um eindringend in die 
Finsternis, die Finsternis durch sich selbst zu erlosen, durch Milde das 
Bose zu iiberwinden. Wenn Sie es in der Weise fassen, so werden Sie 
auch sehen, daB dieser Manichaismus sehr wohl zurechtkommt mit 
der Auffassung, die wir ausgesprochen haben, von dem Bosen. 

Wie miissen wir uns das Zusammenwirken des Guten und des 
Bosen vorstellen? Wir miissen es uns aus dem Zusammenklingen von 
Leben und Form erklaren. Wodurch wird das Leben zur Form? Da- 
durch, daB es einen Widerstand findet; daB es sich nicht auf einmal - 
in einer Gestalt - zum Ausdruck bringt. Beachten Sie einmal, wie das 
Leben in einer Pflanze, sagen wir der Lilie, von Form zu Form eilt. 
Das Leben der Lilie hat eine Lilienform aufgebaut, ausgestaltet. 

Wenn diese Form ausgestaltet ist, iiberwindet das Leben die Form, 
geht in den Keim iiber, um spater als dasselbe Leben in einer neuen 
Form wiedergeboren zu werden. Und so schreitet das Leben von Form 
zu Form. Das Leben selbst ist gestaltlos und wiirde sich nicht in sich 
selbst wahrnehmbar ausleben konnen. Das Leben der Lilie zum Bei- 
spiel ist in der ersten Lilie, schreitet weiter zur zweiten, dritten, vier- 
ten, fimften. Uberall ist dasselbe Leben, das in einer begrenzten Form 
erscheint, webend ausgebreitet. DaB es in begrenzter Form erscheint, 
das ist eine Hemmung dieses allgemein flutenden Lebens. Es wiirde 
keine Form geben, wenn das Leben nicht gehemmt, wenn es nicht 
aufgehalten wiirde in seiner nach alien Seiten hin stromenden Kraft. 
Gerade von dem, was zuriickgeblieben ist, was ihm auf hoherer Stufe 
stehend wie eine Fessel erscheint, gerade aus dem erwachst im groBen 
Kosmos die Form. 

Immer wird das, was das Leben ist, umfaBt als Form von dem, was 
als Leben in einer friiheren Zeit vorhanden war. Beispiel: die katho- 
lische Kirche. Das Leben, das in der katholischen Kirche lebt von 
Augustinus bis ins 15. Jahrhundert, ist christliches Leben. Das Leben 
darinnen ist Christentum. Immer wieder kommt dieses pulsierende 



Leben heraus (Mystiker). Die Form, woher ist die Form? Die ist 
nichts anderes als das Leben des alten romischen Reiches. Das, was 
in diesem alten romischen Reich noch Leben war, ist erstarrt zur Form. 
Was da zuerst Republik, dann Kaiserreich war, was da gelebt hat in 
seinen auBeren Erscheinungen als romischer Staat, das hat sein zur 
Form erstarrtes Leben abgegeben an das spatere Christentum bis hin 
zur Hauptstadt, so wie eben friiher Rom die Hauptstadt des romi- 
schen Weltreiches war. Sogar die romischen Provinzialbeamten sind 
durch die Presbyter und Bischofe fortgesetzt worden. Was friiher 
Leben war, wird spater Form fur eine hohere Stufe des Lebens. 

Ist es nicht mit dem Menschen geradeso? Was ist das Menschen- 
leben? Die manasische Befruchtung ist heute des Menschen inneres 
Leben, das in der Mitte der lemurischen Zeit gepflanzt wurde. Die 
Form ist das, was samenartig heriibergekommen ist aus der lunari- 
schen Epoche. Damals, in der Mondenzeit, war kamische Entwicke- 
lung das Leben des Menschen; jetzt ist sie die Hiille, die Form. Immer 
ist das Leben einer vorhergehenden Epoche die Form einer spateren 
Epoche. In dem Zusammenklingen von Form und Leben ist zugleich 
das andere Problem gegeben: das des Guten und Bosen; dadurch, 
daB das Gute einer friiheren Zeit vereint ist mit dem Guten einer neuen 
Zeit. Und das ist im Grunde genommen nichts anderes als eben das 
Zusammenklingen des Fortschreitens mit seiner eigenen Hemmung. 
Das ist zugleich die Moglichkeit des materiellen Erscheinens, die 
Moglichkeit, zum offenbaren Dasein zu kommen. Das ist unser Men- 
schendasein innerhalb der mineralisch-festen Erde: Innenleben und 
das zuriickgebliebene Leben der friiheren Zeit zur hemmenden 
Form verhartet. Das ist auch die Lehre des Manichaismus iiber das 
Bose. 

Wenn wir uns von diesem Gesichtspunkt aus weiter fragen: Was 
will nun der Mani und was bedeutet sein Ausspruch, der Paraklet, 
der Geist zu sein, der Sohn der Witwe? Nichts anderes bedeutet das, 
als daB er vorbereiten will diejenige Zeit, in welcher in der sechsten 
Wurzelrasse die Menschheit durch sich selbst, durch das eigene Seelen- 
licht gefiihrt werden wird und iiberwinden wird die auBeren Formen, 
sie umwandeln wird zu Geist. 



Eine iiber das Rosenkreuzertum hiniibergreifende Stromung des 
Geistes will Mani schaffen, eine Stromung, die weitergeht als die 
Stromung der Rosenkreuzer. Diese Stromung des Mani strebt hin- 
iiber bis zur sechsten Wurzelrasse, die seit der Begriindung des Chri- 
stentums vorbereitet wird. Gerade in der sechsten Wurzelrasse wird 
das Christentum erst in seiner vollen Gestalt zum Ausdruck kommen. 
Dann erst wird es wirklich da sein. Das innere christliche Leben als 
solches iiberwindet jegliche Form, es pflanzt sich durch das auBere 
Christentum fort und lebt in alien Formen der verschiedenen Be- 
kenntnisse. Wer christliches Leben sucht, wird es immer finden. Es 
schafft Formen und zerbricht Formen in den verschiedenen Religions- 
systemen. Nicht darauf kommt es an, die Gleichheit iiberall zu suchen 
in den auBeren Ausdrucksformen, sondern den inneren Lebensstrom 
zu empfinden, der iiberall unter der Oberflache da ist. Was aber noch 
geschaffen werden muB, das ist eine Form fur das Leben der sechsten 
Wurzelrasse. Die muB friiher geschaffen werden, denn sie muB da sein, 
damit sich das christliche Leben hineingieBen kann. Diese Form muB 
vorbereitet werden durch Menschen, die eine solche Organisation, 
eine solche Form schaffen werden, damit das wahre christliche Leben 
der sechsten Wurzelrasse darin Platz greifen kann. Und diese auBere 
Gesellschaftsform muB entspringen aus der Mani-Intention, aus dem 
Hauflein, das der Mani vorbereitet. Das muB die auBere Organisa- 
tionsform sein, die Gemeinde, in der zuerst der christliche Funke wird 
so recht Platz greifen konnen. 

Daraus werden Sie entnehmen konnen, daB dieser Manichaismus 
zunachst bestrebt sein wird, vor alien Dingen das auBere Leben rein 
zu gestalten; denn es soil Menschen herbeifiihren, die ein geeignetes 
GefaB in der Zukunft abgeben werden. Daher wurde auf unbedingte 
reine Gesinnung und auf Reinheit ein so groBes Gewicht gelegt. Die 
Katharer waren eine Sekte, die wie meteorartig auftrat im 12.Jahr- 
hundert. Sie nannten sich so, weil Katharer die «Reinen» heiBt. Es 
waren Menschen, die hinsichtlich ihrer Lebensweise und ihres morali- 
schen Verhaltens rein sein sollten. Sie muBten die Katharsis innerlich 
und auBerlich suchen, um eine reine Gemeinde zu bilden, die ein rei- 
nes GefaB sein soil. Das ist es, was der Manichaismus anstrebt. Weni- 



ger handelt es sich um die Pflege des innerlichen Lebens - das Leben 
wird auch in anderer Weise fortfliefien -, sondern mehr um die Pflege 
der auBeren Lebensform. 

Nun werfen wir einen Blick auf das, was sein wird in der sechsten 
Wurzelrasse. Da werden das Gute und das Bose einen weitaus anderen 
Gegensatz noch bilden als heute. Was in der fiinften Runde fur die 
ganze Menschheit eintreten wird, daB die auBere Physiognomie, die 
sich jeder schafft, ein unmittelbarer Ausdruck dessen sein wird, was 
Karma bis dahin aus dem Menschen geschaffen hat, das wird, wie ein 
Vorklang zu diesem Zustand, in der sechsten Wurzelrasse innerhalb 
des Geistigen eintreten. Bei denjenigen, bei denen das Karma einen 
UberschuB an Bosem ergibt, wird innerhalb des Geistigen das Bose 
ganz besonders hervortreten. Auf der einen Seite werden dann Men- 
schen da sein von einer gewaltigen inneren Gute, von Genialitat an 
Liebe und Gute; aber auf der anderen Seite wird auch das Gegenteil 
da sein. Das Bose wird als Gesinnung ohne Deckmantel bei einer gro- 
Ben Anzahl von Menschen vorhanden sein, nicht mehr bemantelt, 
nicht mehr verborgen. Die Bosen werden sich des Bosen riihmen als 
etwas besonders Wertvollem. Es dammert schon bei manchen genialen 
Menschen etwas auf von einer gewissen Wollust an diesem Bosen, die- 
sem Damonischen der sechsten Wurzelrasse. Nietzsches «blonde Be- 
stie» ist zum Beispiel so ein Vorspuk davon. 

Dieses rein Bose muB herausgeworfen werden aus dem Strom der 
Weltentwickelung wie eine Schlacke. Es wird herausgestoBen werden 
in die achte Sphare. Wir stehen heute unmittelbar vor einer Zeit, wo 
eine bewuBte Auseinandersetzung mit dem Bosen durch die Guten 
stattfinden wird. 

Die sechste Wurzelrasse wird die Aufgabe haben, das Bose durch 
Milde so weit als mogHch wieder einzubeziehen in den fortlaufenden 
Strom der Entwickelung. Es wird dann eine Geistesstromung ent- 
standen sein, welche dem Bosen nicht widerstrebt, trotzdem es in sei- 
ner damonischsten Gestalt in der Welt auftreten wird. Verfestigt wird 
sich haben in denen, die die Nachfolger der Sonne der Witwe sein 
werden, das BewuBtsein, daB das Bose wieder einbezogen werden muB 
in die Entwickelung, daB es aber nicht durch Kampf, sondern nur 



durch Milde zu iiberwinden ist. Dieses kraftig vorzubereiten, das ist 
die Aufgabe der manichaischen Geistesstromung. Sie wird nicht ab- 
sterben, diese Geistesstromung, sie wird in mannigfaltigen Formen 
auftreten. Sie tritt in Gestalten auf, die sich manche denken konnen, 
die aber heute nicht ausgesprochen zu werden brauchen. Wiirde sie 
sich lediglich auf die Pflege der inneren Gesinnung beziehen, so wiirde 
diese Stromung nicht das erreichen, was sie soil. Sie mufi sich aus- 
driicken in der Begriindung von Gemeinden, die vor alien Dingen 
den Frieden, die Liebe, das Nichtwiderstreben dem Bosen [durch 
Kampf] als das MaBgebende ansehen und zu verbreiten suchen. Denn 
sie miissen ein GefaB, eine Form schaffen fur das Leben, das sich auch 
ohne sie fortpflanzt. 

Nun werden Sie begreifen, warum Augustinus, der bedeutendste 
Geist der katholischen Kirche, der in. seinem «Gottesstaat» geradezu 
die Form der Kirche ausbildete, die Form fiir die Gegenwart geschaf- 
fen hat, warum er notwendigerweise der heftigste Gegner der Form 
sein muBte, die die Zukunft vorbereitet. Da stehen sich zwei Pole 
gegeniiber: Faustus und Augustinus. Augustinus, der auf die Kirche 
baut, auf die gegenwartige Form; Faustus, der aus dem Menschen 
heraus den Sinn fiir die Form der Zukunft vorbereiten will. 

Das ist der Gegensatz, der sich entwickelt im 3. und 4. Jahrhun- 
dert nach Christus. Er bleibt vorhanden und findet seinen Ausdruck 
in dem Kampf der katholischen Kirche gegen die Tempelritter, Rosen- 
kreuzer, Albigenser, Katharer und so weiter. Sie alle werden aus- 
gerottet vom auBeren phyischen Plan, aber ihr Innenleben wirkt wei- 
ter. Spater kommt der Gegensatz in abgeschwachter, aber immer noch 
heftiger Form wieder zum Ausdruck in zwei Stromungen, herausge- 
boren aus einer abendlandischen Kultur selbst, als Jesuitismus (Augu- 
stinismus) und Freimaurerei (Manichaismus). Die auf der einen Seite 
den Kampf fiihren, sind sich dessen alle bewuBt, die Katholiken und 
Jesuiten der hoheren Grade; die aber auf der anderen Seite, die im 
Geiste des Mani den Kampf fiihren, bei denen sind sich die wenigsten 
dessen bewuBt, nur die Spitze der Bewegung ist sich dessen bewuBt. 

So stehen sich in den spateren Jahrhunderten gegeniiber Jesuitis- 
mus (Augustinismus) und Freimaurerei (Manichaismus). Das sind die 



Kinder der alten Geistesstromungen. Daher haben Sie sowohl im 
Jesuitismus wie im Freimaurertum eine Fortsetzung derselben Zere- 
monien bei den Einweihungen wie in den alten Stromungen. Die 
Einweihung der Kirche im Jesuitismus hat die vier Grade: coadju- 
tores temporales, scholares, coadjutores spirituales,professi. Die Grade 
der Einweihung in der eigentlichen okkulten Freimaurerei sind ahn- 
lich. Sie laufen einander parallel, verfolgen aber ganz verschiedene 
Richtungen.* 



Siehe unter Hinweise. 



WESEN UND AUFGABE DER FREIM AUREREI 
VOM GESICHTSPUNKT DER GEISTES WISSENSCHAFT 

Erster Vortrag 
Berlin, 2. Dezember 1904 

Heute mochte ich einen kurzen Einblick geben in verschiedene Riten 
und Orden in der Freimaurerei, wie schon besprochen. Natiirlich kann 
ich Ihnen nur das Allerwesentlichste der Freimaurerei mitteilen, weil 
das Gebiet ein so umfassendes ist und so unendlich viel Unwesentliches 
an der Sache daranhangt. 

Die Grundlage fiir das ganze Freimaurertum haben wir ebenfalls in 
der Tempellegende von Hiram-Abiff oder Adonhiram zu sehen, 
von der ich Ihnen bereits bei Gelegenheit der Besprechung des Rosen- 
kreuzerordens gesprochen habe. Das Ganze, was man Geheimnis und 
Tendenz der Freimaurerei nennt, spricht sich in dieser Tempellegende 
aus. Wir werden zu einer Art von Genesis, von Abstammungslehre 
des Menschen gefiihrt. Lassen wir also die wesentlichen Ziige dieser 
Tempellegende nochmals vor unserer Seele voriiberziehen. 

Einer der Elohim verband sich mit Eva, und aus dieser Ehe eines 
der gottlichen Schopfer mit Eva ging Kain hervor. Dann schuf ein 
anderer Elohim - namlich Jehova oder Adonai - den Adam, welcher 
vorzustellen ist als der urspriingliche Mensch unserer dritten Wurzel- 
rasse. Dieser Adam verband sich nun mit Eva, und aus dieser Ehe 
ging Abel hervor. So haben wir am Ursprung des Menschengeschlech- 
tes zwei Ausgangspunkte: Kain, den direkten Sprossen eines der Elo- 
him und Eva, und Abel, welcher sozusagen mit Hilfe eines gottlich 
geschaffenen Menschen, des Adam, der eigentliche Jehova-Mensch ist. 

Die ganze Auffassung, die der Schopfungsgeschichte der Tempel- 
legende zugrunde liegt, geht davon aus, daB Jehova eine Art von 
Feindschaft hat gegen alles, was von den anderen Elohim und ihren 
Sprossen, den Feuersohnen, kommt - so nennt man in der Tempel- 
legende die Nachkommen des Kain -, und daB er Unfrieden stiftete 
zwischen Kain und seinem Geschlecht und Abel und seinem Ge- 
schlecht. Die Folge davon war, daB Kain den Abel totete. Das ist die 
Urfeindschaft, die besteht zwischen denen, die ihr Dasein als eine Art 



von Gottergabe haben und denen, die alles selbst erarbeiten. DaB 
Abel dem Gotte Jehova Tiere opfert, Kain aber Friichte der Erde, 
das zeigt auch in der Bibel den Gegensatz zwischen dem Kainsge- 
schlecht und dem Abelgeschlecht. Kain muB durch schwere Arbeit 
der Erde die Friichte, dasjenige, was notwendig ist fiir den Menschen, 
abringen, Abel nimmt das, was schon lebt, was schon vorbereitet ist 
zum Leben. Kains Geschlecht schafft sozusagen aus dem Unlebendi- 
gen das Lebendige. Abel nimmt das schon Lebendige, dem das Leben 
schon eingehaucht ist. Das Abelopfer ist dem Gotte angenehm, Kains 
Opfer aber nicht. 

So sehen wir, daB in Kain und Abel zwei Menschheitsarten cha- 
rakterisiert werden. Die eine Art ist die, welche das von Gott Zube- 
reitete nimmt, die andere Art - die freie Menschheit - ist die, welche 
den Erdengrund beackert und sich miiht, Lebendiges dem Unleben- 
digen abzugewinnen. Als solche Kainssohne sehen sich diejenigen an, 
die diese Tempellegende verstehen und im Sinne dieser Legende leben 
wollen. Vom Geschlechte Kains stammen alle ab, welche die eigent- 
lichen menschlichen Kiinste und Wissenschaften geschaffen haben: 
Tubal-Kain, der eigentliche urspriingliche Baumeister und Gott der 
Schmiede und Werkzeuge; und auch jener Hiram-AbifF oder Adon- 
hiram, der Held der Tempellegende. Dieser Hiram wird berufen durch 
Konig Salomo, der durch seine Weisheit beriihmt ist, also zum Ge- 
schlecht der Abelkinder gehort, die ihre Weisheit als Gabe von Gott 
eingefloBt bekommen haben. So haben wir am Hofe von Salomo den 
Gegensatz wieder erneuert: Salomo der Weise und Hiram der freie 
Arbeiter, der seine Weisheit sich menschlich erarbeitet hat. 

Salomo beruft an seinen Hof Balkis, die Konigin von Saba, und als 
sie am Hofe erscheint, erblickt sie in ihm etwas wie eine Statue, aus 
Gold und Edelsteinen geschaffen. Wie von den Gottern der Mensch- 
heit geschenkt, so erscheint er monumentartig der Konigin Balkis. 
Als sie das groBe Werk, den salomonischen Tempel, bewundert, will 
sie auch den Baumeister kennenlernen und lernt ihn auch kennen. 
Durch einen bloBen Blick, den der Baumeister ihr zuwirft, lernt sie 
den ganzen Wert von Hiram kennen. Salomo faBt sogleich eine Art 
von Eifersucht auf Hiram. Diese steigert sich besonders, als Balkis, 



die Konigin, verlangt, daB man ihr alle Arbeiter vorfiihre, welche 
sich am Tempelbau beteiligt haben. Salomo erklart es fiir unmoglich; 
Hiram dagegen gewahrt es. Er steigt auf einen Hiigel, macht das 
mystische Tau-Zeichen und daraufhin stromen alle Arbeiter herbei. 
Der Wille der Konigin ist erfiillt. 

Salomo ist deshalb auch abgeneigt, den Verfolgern des Hiram zu 
widerstreben, ihnen entgegenzutreten. Ein syrischer Maurer, ein pho- 
nizischer Zimmermann und ein hebraischer Grubenarbeiter waren 
Hiram feindlich gesonnen. Denn diese drei Gesellen konnten von 
Hiram-Abiff durchaus nicht das Meisterwort erfahren. Das Meister- 
wort ist dasjenige, was die Gesellen fahig gemacht hatte, wirklich 
selbstandig zu bauen. Dieses Meisterwort ist ein Geheimnis, das nur 
den Fahigen zuteil wurde. Sie faBten daher den EntschluB, ihm etwas 
anzutun. 

Die Gelegenheit dazu fand sich, als Hiram-Abiff sein Meisterstiick, 
das Eherne Meer, gieBen wollte. Die Bewegung des Wassers sollte 
in der Form festgehalten werden. Das bewegte Meer sollte lebendig, 
kunstvoll festgehalten werden in der starren Form. Das ist das Wich- 
tige. Die drei Gesellen hatten sich verabredet, am GuB etwas zu 
machen, so daB er, statt in die Form zu rinnen, in der Umgebung 
herum sich verbreitete. Hiram wollte daraufhin durch ZugieBen von 
Wasser den FeuerguB aufhalten, wodurch aber das Metall in die Luft 
spriihte und als Feuerregen unter furchtbarer Gewalt wieder herunter- 
fiel. Hiram konnte da auch nichts machen. Aber plotzlich erscholl 
eine Stimme: Hiram! Hiram! Hiram! - Diese Stimme forderte ihn auf, 
sich in das Feuermeer zu stiirzen. Er tat es und sank immer tiefer, 
bis zum Mittelpunkt der Erde, wo der Ursprung des Feuers ist. Da 
traf er zwei Gestalten an: den Stammvater Tubal-Kain und Kain 
selbst. Kain war bestrahlt von den Strahlen Luzifers, des Licht- 
engels. Nun iibergab Tubal-Kain dem Hiram seinen Hammer, der die 
Zauberkraft hatte, alles wieder herzustellen, und sagte zu ihm: Du 
wirst einen Sohn haben, der wird ein Volk von Wissenden um sich 
haben, und du wirst Stammvater sein derer, die aus dem Feuer kom- 
men, das weisheitsvoll und gedankenvoll macht. - Das Eherne Meer 
wurde nun durch den Hammer wieder hergestellt. 



Hiram hatte dann die Konigin Balkis wieder vor der Stadt getrof- 
fen. Sie wurde seine Gemahlin, aber er konnte die Eifersucht Salo- 
mos und die Rache der drei Gesellen nicht bannen. Die drei Gesellen 
erschlugen inn. Nur das Dreieck, auf dem das Meisterwort eingegra- 
ben war, konnte er noch retten, indem er es in einen tiefen Brunnen 
versenkte. Dann wurde er begraben und auf seinem Grabe ein Aka- 
zienzweig gepflanzt. Der Akazienzweig verriet das Grab dem Salomo. 
Man fand auch das Dreieck. Es wurde verschlossen und vergraben. 
Nur wenige (27) wissen den Ort. [Es wurde verabredet:] Das erste 
Wort, das nach der Auffindung des Leichnams falle, sollte das neue 
Meisterwort sein. Das neue Meisterwort ist dasjenige, welches das der 
Freimaurer geworden ist. Sie fiihren ihren Ursprung mit einem gewis- 
sen Recht auf diese Tempellegende zuriick, auf jene alten Tage, in de- 
nen der Konig Salomo den Tempel auferbauthat als bleibendes Denk- 
mal dessen, was das Geheimnis der fiinften Wurzelrasse darstellt. 

Nun miissen wir verstehen, was in der Freimaurerei fur die Mensch- 
heit erworben, gelernt werden kann. Das ist nicht so leicht. Mancher, 
der etwas von den komplizierten Einweihungsriten der Freimaurerei 
erfahrt, mag sich fragen: Ist das nicht etwas ungemein Triviales und 
Lappalienhaftes, was da als Einweihungszeremonie vorgeht? 

Ich will Ihnen jetzt das am Aufnahmeritus bei der Johannesmaure- 
rei vorfiihren. Denken Sie sich, es hatte sich jemand entschlossen, 
Johannesmaurer zu werden. Es gibt da drei Grade: Lehrling, Geselle 
und Meister. Nach diesen drei Graden beginnen die hoheren Grade, 
welche in die okkulten Erkenntnisse hineinfiihren. Ich will Ihnen nun 
schildern, wie jemand in den Lehrlingsgrad aufgenommen wird. Wenn 
er zum ersten Mai in den Freimaurertempel gefiihrt wird, dann wird 
er von dem Bruder Aufseher zunachst in ein dunkles, finsteres Ge- 
mach gefiihrt. Da wird er einige Minuten allein gelassen, wo er sich 
seinen Gedanken zu iiberlassen hat. Dann werden ihm alle metallenen 
Gegenstande, was er an Gold, Silber und anderen Metallen bei sich 
hat, abgenommen, am Knie das Kleid aufgerissen, dann am linken 
FuB der Absatz abgetreten. In diesem Zustande wird er in ein ande- 
res Gemach, zu den versammelten Briidern gefiihrt. Dann wird ihm 
eine Schnur um den Hals gehangt und, nachdem ihm seine Brust ent- 



bloBt worden ist, wird ihm ein gezucktes Schwert vor die Brust ge- 
halten. In diesem Zustande tritt er vor den Meister. Der Meister fragt 
inn, ob er noch dabei beharren will, aufgenommen zu werden. Dann 
wird er noch in ernster Weise ermahnt, und in der weiteren Vorbe- 
reitung wird ihm die Bedeutung des Absatzabtretens erklart und so 
weiter. Drei Dinge soil er abstreifen. Hat er diese drei Dinge an sich, 
so kann er niemals Freimaurer werden. Es wird ihm gesagt: Hast du 
irgendeinen Grad von Neugierde auf etwas, so verlasse sofort das 
Haus. Als zweites wird ihm gesagt: Scheust du dich, alle deine Fehler 
und Mangel zu erkennen, so verlasse sofort das Haus. Und als drittes 
wird ihm gesagt: Kannst du dich nicht aufschwingen dazu, iiber alle 
Ungleichheit der Menschen hinwegzuschauen, so verlasse sofort das 
Haus. Diese drei Dinge werden von jedem auf das strengste gefordert. 

Dann wird ihm eine Art von Rahmen vorgehalten, durch den er 
durchgeworfen wird, gleichzeitig wird ein unangenehmes Gerausch 
erzeugt, so daB er mit recht schlimmen Gefiihlen durch den Rahmen 
durchsegelt. Dabei wird ihm zugerufen, daB er in die Holle fallt. In 
dem Augenblicke, wo er niederfallt, wird eine Falltiir zugeworfen, so 
daB er die Suggestion hat, als wenn er in einer ganz merkwiirdigen 
Umgebung ware. Es wird ihm dann eine kleine Einritzung in die 
Haut gemacht, so daB Blut herausflieBt, gleichzeitig werden gurgelnde 
Laute von den Umstehenden produziert, so daB er die Meinung be- 
kommt, als ob er viel Blut verliere. Dann kommen drei Hammer- 
schlage des Meisters. Was er nun innerhalb der Loge nach diesem 
Zeitpunkte hort, muB er in strengster Weise als Geheimnis betrachten. 
Wiirde er etwas davon verraten, wiirde sich seine Zugehorigkeit zur 
Freimaurerei so verwandeln wie der Trunk, der ihm gereicht wird: 
suB von einer Seite, bitter von der anderen. Der Trunk ist in einem 
kunstvollen GefaB, so daB er einerseits suB und durch Drehung des 
GefaBes bitter werden kann. Das soil symbolisieren, wie die Wirkung 
des Verrates fur ihn werden kann. 

Nachdem dies geschehen ist, wird er in einen Raum, der nur spar- 
lich erhellt wird, vor eine Treppe gefiihrt. Diese Treppe ist so einge- 
richtet, daB sie sich bewegt, so daB man glaubt, recht tief hinunterge- 
stiegen zu sein, wahrend man in Wirklichkeit nur wenig hinunterge- 



stiegen ist. Ebenso ist es, wenn er fallt. Er fallt nur wenig, glaubt 
aber, in einen tiefen Brunnen gefallen zu sein. Wenn er da ist, wird 
ihm angezeigt, daB das eine wichtige Etappe fur ihn ist. AuBerdem 
wurden ihm vor der Treppe seine Augen verbunden. Dann werden 
zu dem Bruder Aufseher die Worte gesprochen: Bruder Aufseher, 
findest du den Bewerber wurdig, in die Freimaurerei einzutreten? - 
Wenn er bejaht, so wird er gefragt: Was erwartest du von dem Ein- 
tritt fur ihn? Er hat zu antworten: Licht! - Dann wird dem Kandi- 
daten die Binde abgenommen und er befindet sich in einem erhellten 
Raum. Nun kommt die Grundfrage: Kennst du deinen Meister? Er 
antwortet: Ja, er hat eine gelbe Jacke und eine blaue Hose. - Mit der 
blauen Hose ist die Stellung gemeint. Dann erhalt er die drei Signatu- 
ren der Lehrlingschaft: Zeichen, Griff und Wort. Das Zeichen ist ein 
Symbol, in ahnlicher Weise wie die okkulten Zeichen... [Lucke]. Der 
Griff besteht darin, daB ihm der besondere Handgriff gezeigt wird, 
mit dem er die Menschen zu begriiBen hat. Die Griffe sind anders 
beim Gesellen und anders beim Meister. Das Wort ist auch je nach 
dem Grad verschieden. Es kommt mir nicht zu, die «Worte» zu sagen. 

Dann ist der Betreffende zur Lehrlingschaft zugelassen. Beim Ein- 
tritt wird er noch gefragt: Wie alt bist du? Er antwortet: Noch nicht 
sieben Jahre. - Er muB noch sieben Jahre der Lehrlingschaft durch- 
machen, und dann geht es weiter zum Gesellengrad. 

Wenn jemand so weit ist, daB er zur Meisterschaft aufriicken kann, 
dann ist die Einweihung etwas schwieriger. Das Wesentliche besteht 
aber darin, daB das, was in der Tempellegende enthalten ist, an dem 
Betreffenden wirklich vollzogen wird. Wer ein Meister werden will, 
wird in eines der Gemacher der Loge gefuhrt, wo er sich in einen 
Sarg legen und das Schicksal des Baumeisters Hiram durchzumachen 
hat. Dann werden ihm Zeichen, Griff und Wort mitgeteilt. Als Wort 
dasjenige Wort, das bei der Auffindung des Leichnams des Hiram als 
Meisterwort gesprochen worden ist. Die Erkennungszeichen bei dem 
Meister sind ungeheuer kompliziert. Das Erkennen geschieht durch 
viele Formen und Bewegungen. 

Die Freimaurermeister nennen sich «Kinder der Witwe». So leitet 
sich diese Gemeinschaft der Meister unmittelbar von den Manichaern 



ab. Ich werde noch zu sprechen haben iiber den Zusammenhang des 
Manichaertums mit den Freimaurern. 

Die Aufgabe der Freimaurerei hangt mit der Aufgabe unserer gan- 
zen fiinften Wurzelrasse zusammen. Nun konnen Sie natiirlich von 
dem Standpunkte eines heutigen rationalistischen Menschen alles, was 
ich iiber die Einweihung eines Lehrlings gesagt habe, die verschiede- 
nen Handlungen und Zeremonien wie Firlefanz, Maskerade und Ko- 
modie auffassen. Aber das ist es nicht. Alle Dinge, die ich gesagt habe, 
sind Vorgange, auBerlich-symbolisch, aber in einer gewissen Bezie- 
hung Abbilder von alten okkulten Vorgangen, die sich in den Myste- 
rien vollzogen haben, und zwar direkt auf dem astralen Plan. Solche 
Vorgange also, wie sie sich symbolisch bei den Freimaurern voll- 
ziehen, vollziehen sich in den Mysterientempeln auf dem astrali- 
schen Plan. Auch die Meistereinweihung, das Hineinlegen in den 
Sarg und so weiter, ist tatsachlich etwas, was sich auf dem hoheren 
Plane abspielt. Das vollzieht sich aber in der Freimaurerei bloB 
symbolisch. 

Man kann nun fragen: Wozu denn das? - Der Freimaurer soil sich 
bewuBt sein, daB auf dem physischen Plane so gearbeitet werden soil, 
daB man den Zusammenhang mit den hoheren Welten aufrecht erhalt. 
Es ist ein Unterschied, ob Sie in einer Gemeinschaft sind, die etwas 
gibt auf Symbole, die zu einer hoheren Gemeinschaft fiihren, oder ... 
[Liicke]. Der Maurer hat vielleicht keine anderen Gedanken als der 
gewohnliche Mensch, aber der Maurer hat andere Gefiihle. Das Ge- 
fiihl ist mit den symbolischen Vorgangen verbunden, und es ist nicht 
gleichgultig, ob eine solche Empfindung, ein solches Gefiihl hervor- 
gerufen wird oder nicht, weil sie einem gewissen Rhythmus auf dem 
astralen Plan entspricht. 

Der Sinn der ersten Handlung - Abnehmen der metallenen Ge- 
genstande - ist: Der Mensch soil nichts an sich haben, was er nicht 
selbst erarbeitet hat. Eine Empfindung davon zu haben, ist wichtig 
und wesentlich fiir denjenigen, der schon auf das Bedeutungsvolle 
der Symbolik aufmerksam gemacht wurde. Er soil auch eine bleibende 
Erinnerung an das ZerreiBen der Beinkleider am Knie haben. Er soil 
daran denken, daB er sich so ins Leben hineinstellen soil, als wenn er 



ganz nackend vor die Menschheit hintreten sollte. Ebenso soil das Ab- 
treten des Absatzes, der Ferse, ihn bleibend daran erinnern, daB - ob- 
gleich er stark sein wird in der Maurerei - er doch noch eine Achilles- 
ferse hat. Alle folgenden Handlungen haben im Grunde genommen 
eine solche Bedeutung, vor alien Dingen im Zusammenhang mit jenem 
unheimlichen Gefiihl, das hervorgerufen wird, wenn auf die Brust ein 
scharf geschliffenes kaltes Schwert gehalten wird. Das ist ein Gefiihl, 
welches durch langere Zeit hindurch sich zu einer Suggestion ver- 
dichtet, so daB er sich in wichtigen Momenten erinnert, daB er eine 
Art von Kaltbliitigkeit haben soil. Kaltbliitigkeit soil dadurch sugge- 
riert werden. Die voile Verantwortung iibernehmen fur das, was man 
tut, soil dadurch symbolisiert werden, daB man ihm eine Schnur um 
den Hals legt, die immer zusammengezogen werden kann. Die Gei- 
stesgegenwart soil suggeriert werden dadurch, daB diese Prozeduren 
mit Falltiiren, mit Treppen und so weiter hervorgerufen werden. Das 
sind gewisse Vorgange, die in den Mysterien aber vollig anders voll- 
zogen werden, weil sie sich im Astralraum vollziehen. 

Der Lehrling muB dann einen Eid leisten. Alles ist dabei schauer- 
lich, finster, der Raum nur mit einigen Flammchen beleuchtet. Diesen 
Eid bitte ich, in seiner ganzen Tragweite sich vorzuhalten: «Ich 
schwore, daB ich nichts dem Worte, dem Zeichen, dem Griffe nach 
jemals verraten werde von dem, was mir von diesem Zeitpunkt ab 
innerhalb dieser Loge mitgeteilt wird. Sollte ich etwas verraten, so 
gestatte ich jedem der Briider, der etwas davon erfahrt, mir die Kehle 
durchzuschneiden und die Zunge herauszureiBen.» Das ist der Schwur, 
den die Lehrlinge leisten. Noch furchtbarer ist der Gesellenschwur, 
der gestattet, die Brust aufzuschneiden, das Herz herauszureiBen und 
den Vogeln vorzuwerfen. - Der Schwur des Meisters ist so schauer- 
lich, daB er nicht wiederholt werden kann. 

Diese Dinge sind dazu da, um einen gewissen Rhythmus von Emp- 
findungen im Astralkorper hervorzurufen. Das hat dann zur Folge, 
daB der Geist des Menschen in einer bestimmten intuitiven Weise be- 
einfluBt wird. Diese Beeinflussung des Geistes in intuitiver Weise war 
in alten Zeiten - die Freimaurerei ist wirklich uralt - der eigentliche 
Zweck der freimaurerischen Einweihung. 



Die Freimaurer waren in alten Zeiten wirklich Maurer. Sie verrich- 
teten alles das, was zur Maurerei gehort. Sie waren die Tempelbauer, 
die Erbauer der offentlichen Gebaude in Griechenland. In Griechen- 
land nannte man sie Dionysiacs. Das waren diejenigen, die im Dienste 
des Dionysos Tempel und offentliche Gebaude bauten. In Agypten 
waren es die Pyramidenerbauer, im alten romischen Reich die Erbauer 
von Stadten. Im Mittelalter waren es die Erbauer von Domen und 
Kathedralen. Sie bauten vom 13. Jahrhundert ab auch unabhangig von 
der Geistlichkeit. Seit jener Zeit kam dann erst der Ausdruck Frei- 
maurer auf. Vorher waren sie im Dienste der religiosen Gemein- 
schaften. Sie waren eigentlich die Baumeister. 

Gehen wir von dem Gedanken aus, daB sie die Erbauer der Pyra- 
miden, der Mysterientempel, die Erbauer der Kirchen waren. Nun 
werden Sie sich leicht iiberzeugen konnen - namentlich wenn Sie 
Vitruv lesen -, daB die Art und Weise, wie man ehedem die Bau- 
kunst studierte, ganz verschieden war von der unsrigen. Man studierte 
nicht wie heute, so daB man die Dinge berechnete, sondern was man 
iibermittelt erhielt, waren bestimmte Intuitionen, die durch Symbole 
ausgedriickt waren. Wenn Sie im «Luzifer» nachlesen, wie die Lemu- 
rier bauten, wie sie es im Griff hatten, dann bekommen Sie eine 
Ahnung davon, wie damals gebaut wurde. Wie in alten Zeiten gebaut 
worden ist, das kann man heute nicht mehr nachmachen. Staunend 
und bewundernd stehen wir vor chinesischen Bauten, vor Bauten 
der Babylonier und Assyrer, und wissen doch, daB sie die Mathematik 
unserer Zeit nicht gekannt haben. Wir haben das wunderbare Werk 
der Ingenieurkunst in dem Morissee in Agypten; ein See, der gebaut 
worden ist, um das Wasser aufzufangen und wenn man es brauchte, 
durch kiinstliche Kanale iiber das Land hinzuleiten. Er ist nicht mit 
unserer heutigen Ingenieurkunst gebaut worden. Auch die wunder- 
bare Akustik, die in die alten Bauten hineingebaut worden ist, konnte 
man ausfiihren in einer Weise, wie die heutige Baukunst es noch 
nicht wieder kann. Man konnte also auf intuitive, nicht nur rationell- 
verstandesmaBige Art bauen. 

Diese ganze Art der Baukunst stand in einem Verhaltnis zu der 
Erkenntnis des ganzen Weltalls. Wenn Sie die agyptischen Pyramiden 



in ihren Abmessungen nehmen, so stehen sie in Zusammenhang mit 
gewissen Abmessungen des Himmelsraums, Sternenentfernungen im 
Himmelsraum. Die ganze Konfiguration des Himmelsraumes wurde 
nachgebildet in solchen Gebauden. Es war ein Zusammenhang des 
einzelnen Baues mit dem Himmelsdom. Jenen geheimnisvollen Rhyth- 
mus, der sich im Sternenanblick darbietet, wenn wir nicht bloB mit 
sinnlichen Augen sehen, sondern mit dem intuitiven Blick, der sich 
den hoheren Verhaltnissen, den rhythmischen Verhaltnissen eroffnet, 
den bauten die urspriinglichen Baumeister in ihre Bauten hinein, weil 
sie aus dem Weltenall heraus bauten. 

Diese Art und Weise der Baukunst wurde damals vermittelt, so 
ahnlich wie in gewissen wilden Volkern man heute noch einen ganz 
anderen Unterricht erhalt in arztlicher Kunst, als der unsrige ist. 
Unser Unterricht ist Verstandesunterricht. Bei den wilden Volker- 
schaften wird der Arzt nicht so ausgebildet wie bei uns, sondern da- 
durch, daB bestimmte okkulte Krafte bei ihm ausgebildet werden. 
Er muB sich einer korperlichen Zucht unterwerfen, die fur nervose 
und wehleidige Menschen unserer Kultur sich wie etwas Schauderhaf- 
tes ausnimmt. Sie erzieht in ihm Unempfindlichkeit fur Lust und 
Schmerz, und wer unempfindlich ist gegeniiber diesen, der hat zu- 
gleich okkulte Krafte in sich entwickelt. Die urspriingliche GroBe in 
der Ausbildung des Astralkorpers war imstande, zu jener groBen 
Kraft hinzufiihren, die man als die eigentliche konigliche Kunst be- 
zeichnet hat, die schon den groBen Symbolen der Himmelsabmessung 
entnommen ist. 

So bekommen Sie einen Begriff von dem, was Freimaurerei war, 
und Sie werden einsehen, daB sie entwachsen muBte ihrer eigentlichen 
Aufgabe. Sie hat ihre Bedeutung verlieren miissen in dem MaBe, als 
die Welt rationalistisch wurde. Ihre Bedeutung hat sie gehabt in der 
Zeit, als die vierte Unterrasse noch entwickelt wurde. Die fiinfte 
Unterrasse brachte es mit sich, daB die Maurerei ihre Bedeutung ver- 
lor. Jetzt sind die Freimaurer nicht mehr Maurer. Alle konnen jetzt 
aufgenommen werden. Fur die Okkultisten haben die Symbole eine 
reale Bedeutung. Ein Symbol, das bloB Symbol, bloB Abbild ist, hat 
keine Bedeutung; nur ein solches, das Wirklichkeit werden kann, in 



Kraft iibergehen kann. Wenn ein Symbol auf den Geistesmenschen 
so wirkt, da6 dadurch intuitive Krafte freiwerden, so ist es ein wirk- 
liches Symbol. Heute sagen die Maurer, wir haben Symbole, die be- 
deuten das und das. Ein okkultes Symbol ist aber ein solches, das den 
Willen des Menschen ergreift und in den Astralkorper iibergeht. In 
dem MaBe, wie unsere Kultur eine Verstandeskultur geworden ist, 
verlor die Freimaurerei ihre Bedeutung. 

Von Beziehungen 2um Manichaismus ... [Liicke]. Dann gibt es 
noch die Hochgrade, die bis zu neunzig, bis zu sechsundneunzig Gra- 
den gehen, die erst beim vierten Grad beginnen. Von den drei unteren 
hat sich die Bedeutung allmahlich zuriickgezogen in die hoheren 
Grade. Etwas wie eine Art von Bodensatz ist geblieben in dem, was 
man den «Royal Arch» nennt, den es auch heute noch in der Frei- 
maurerei gibt. Uber diese Lichtseiten und einige Schattenseiten wollen 
wir dann noch sprechen. 



WESEN UND AUFGABE DER FREIM AUREREI 
VOM GESICHTSPUNKT DER GEISTES WIS SENS CH AFT 

Zweiter Vortrag 
Berlin, 9. Dezember 1904 

Letztes Mai habe ich iiber Freimaurerei gesprochen und mochte auch 
heute etwas dariiber sagen. Ich bitte dabei zu beriicksichtigen, daB 
ich in einem etwas anderen Falle bin als gegeniiber den anderen Ma- 
terien, die wir abgehandelt haben und die ich noch abhandeln werde, 
weil ich eigentlich nur iiber dasjenige zu sprechen pflege, woriiber 
ich ein irgendwie geartetes Wissen eigener Natur habe; wahrend ich 
hier von vornherein betonen muB, daB ich als Nichtfreimaurer iiber 
die Freimaurerei allein vom theosophischen Standpunkte sprechen 
kann, und daB in Wahrheit iiber dasjenige, was Freimaurerei wirklich 
ist, ein Freimaurer sprechen miiBte. Er wiirde es ja nicht tun; aber das 
ist aus anderen Griinden nicht gut moglich zu erortern. Gleichzeitig 
bitte ich, die Dinge, die ich ausspreche, mit Reserve aufzunehmen. 

Wenn ich sagte, daB iiber die Freimaurerei in ihrem innersten Wesen 
nur ein Freimaurer sprechen konnte, so bitte ich zu beriicksichtigen, 
daB es wahrscheinlich trotz alledem einen solchen Freimaurer auf dem 
europaischen Kontinent gar nicht gibt. Das mag Ihnen etwas sonder- 
bar erscheinen, aber es ist so. Die Freimaurerei ist schon seit dem 
18. Jahrhundert in einem ganz eigentiimlichen Stadium, und alles, was 
ich das letzte Mai erzahlt habe, bitte ich so aufzufassen, daB wahr- 
scheinlich die Dinge sich so verhalten wiirden, wenn die Freimaurerei 
noch so ware wie im 16., 17. Jahrhundert. Da dies aber nicht der Fall 
ist, so ist die Freimaurerei sozusagen nur eine Art Hiilse, zu der der 
richtige Inhalt fehlt. Sie ist zu vergleichen mit einer versteinerten 
Pflanze, die eigentlich nicht mehr dasjenige ist, was die Pflanze bildet, 
sondern nur eine Art Schale oder Kruste, die von etwas anderem ge- 
bildet wird. 

Die gewohnliche, sogenannte Johannesmaurerei kommt fiir das, 
was wir zu besprechen haben, gar nicht in Betracht, denn diese 
Johannesmaurerei mit ihren drei Graden - Lehrling, Geselle und 
Meister - hat ihren Anfang genommen durch die Charta in Koln im 



Jahre 1535. Sie ist eigentlich im Grunde genommen heute nichts ande- 
res als eine Vereinigung zur gegenseitigen Anregung in bezug auf 
etwas hohere Bildung und Schulung, eine Vereinigung dafiir, daB sich 
die Mitglieder gegenseitig stutzen und anregen. Allerdings sind diese 
drei ersten Grade sozusagen nur noch iibriggebliebene Reste der ur- 
spriinglichen drei Freimaurergrade. Und wenn es heute noch ge- 
schehen wiirde wie friiher - es geschieht nicht -, so wiirden Lehrling, 
Geselle und Meister so eingeweiht werden, wie ich es das letzte Mai 
beschrieben habe. Vorschrift ist es durchaus, daB sie so eingeweiht 
werden. Aber nur ein kleiner Teil weiB, daB diese Vorschriften be- 
stehen, und ein noch kleinerer Teil weiB die Bedeutung dieser Vor- 
schriften. Alles das, was ich gesagt habe iiber die Wirkung der Zere- 
monien auf der Astralebene ist etwas, was der Johannesmaurerei 
absolut unklar ist. 

Nun haben sowohl die groBbritannischen wie auch die deutschen 
Johanneslogen diese drei Grade, die ich genannt habe. Und sie sind 
eigentlich alle in dem Zustande, den ich eben beschrieben habe. Aber 
es ist doch eine Moglichkeit vorhanden, schon innerhalb dieser drei 
Grade, einfach dadurch, daB die Symbole da sind, sozusagen auf den 
Grund der tieferen Weisheit zu sehen. Ein Beweis dafiir mag Ihnen 
sein, daB ein Maurer, den Sie dem Namen nach sehr gut kennen, in 
einer Weise auch zu seinen Logenbriidern gesprochen hat, die im 
Grunde genommen den Keim von seinem theosophischen BewuBt- 
sein zeigt; daB er in gewissem Sinn theosophische Worte gesprochen 
hat, die er aber doch anwenden konnte in der damaligen Zeit in einer 
Freimaurerloge. Dieser Maurer ist Goethe. 

Sie werden als Theosophen sogleich etwas ungeheuer Verwandtes 
finden, wenn ich Ihnen zwei Strophen aus dem Freimaurergedicht 
lese, das bestimmt war fiir seine Logenbriider: 

Doch rufen von driiben 
Die Stimmen der Geister 
Die Stimmen der Meister : 
Versaumt nicht zu iiben 
Die Krafte des Guten. 



Hier winden sich Kronen 
In ewiger Stille, 
Die sollen mit Fiille, 
Die Tatigen lohnen! 
Wir heiBen euch hoffen. 

Da spricht Goethe von den Meistern und er spricht das innerhalb 
der Loge, weil er - trotzdem er weiB, daB die, die um ihn sitzen in 
der Loge, keine Ahnung haben von der Tiefe der Worte -, weil er 
doch auch weiB, daB durch das Milieu, das eine Freimaurerloge hat, 
durch die Umgebung von Symbolen, Schwingungen erzeugt werden, 
die auf den Astralkorper wirken, und daB sie dadurch doch eine ge- 
wisse Wirkung haben. Das ist etwas, auf das auch heute noch diejeni- 
gen bauen, welche wissen, daB im BewuBtsein der Maurer sehr wenig 
davon vorhanden ist. 

Etwas mehr BewuBtsein haben diejenigen, die iiber die ersten drei 
Grade hinaus zu den hoheren Graden gefiihrt werden. Der erste dieser 
Grade ist der Grad der koniglichen Kunst, der Royal Arch-Grad. 
Dieser Grad ist dadurch charakterisiert, daB das betreffende «Kapitel» 
oder die «Vereinigung» schon eine ganz bestimmte Organisation hat, 
schon mit einer tieferen Bedeutung erfiillt ist. In diesem Grad konnen 
namlich in den Versammlungen, namentlich in denjenigen, wo ein 
Neuer in die Geheimnisse eingeweiht werden soil, niemals mehr als 
zwolf sogenannte Genossen anwesend sein; so daB sie wirklich - in der 
Art, wie das bei okkulten Bruderschaften der Fall ist - etwas repra- 
sentieren, was nicht sie selbst sind, sondern etwas, was geheimnisvoll 
unter ihnen lebt. Sie sollen nicht Personen sein, sondern Eigenschaften 
reprasentieren. 

Den Ersten, der dasjenige reprasentiert, was das Wichtigste im 
Kreise der Zwolf sein soil, nennt man Zerubabel. Er ist ein Fiihrer 
gleich der Sonne. Von ihm strahlt das Licht aus, das auf die anderen 
iibergehen soil. Er muB der Kliigste sein und sollte auch einigermaBen 
in das Wesen und die Bedeutung der geheimen Wissenschaften einge- 
fiihrt sein. Bei den heutigen Kreierungen in den Royal Arch-Grad ist 
das selten der Fall. Ich erzahle also eigentlich den Idealfall, der in 



hochst seltenen Fallen - wenn geeignete Leute da sind - eintreten 
kann. 

Dann schlieBen sich die zwei nachsten Genossen an: der Hohe- 
priester Jeschua und der Prophet Haggai, die zusammen mit Zeruba- 
bel den GroBrat bilden. Dann kommen der erste und der zweite 
Hauptgast, dann die beiden Schreiber Esra und Nehemia. Der nachste 
ist dann der Ziegeidecker oder LogenschlieBer, und dann kommen 
die sogenannten minderen Gaste. Nicht mehr als zwolf konnen es 
iiberhaupt sein. Diese Zwolf stellen die zwolf Zeichen des Tierkreises 
dar. Das Ganze soil darstellen ein Abbild des Ganges der Sonne durch 
die zwolf Zeichen des Tierkreises. Das erinnert schon an das, was ich 
Ihnen geschildert habe, daB die Maurer ausgegangen sind von der 
Nachbildung astronomischer Weltgesetze in einzelnen Bauten, im 
Dom, in Kathedralen und so weiter. 

Der Zusammenkunftsort - wobei es wiederum nicht immer so sein 
muB - ist ein viereckiger Raum, iiberwolbt von einem Gewolbe, 
welches blau ist und mit Sternen bedeckt, eine Art Sternenraum wirk- 
lich darstellt. Die Aufstellung der Teilnehmer bei der Zeremonie muB 
eine ganz bestimmte sein. Die zuletzt Eingetretenen, die Neophyten, 
stehen im Norden, weil sie die Warme noch nicht vertragen konnen. 
Im Osten steht Zerubabel. Im Westen stehen der Hohepriester Jeschua 
und der Prophet Haggai. Und im Siiden stehen sie so, daB sie ein Seil 
um sich geschlungen haben; jeder hat dreimal das Seil um sich ge- 
schlungen. Es sind drei bis vier Dezimeter Abstand, dann wird das 
Seil um den nachsten geschlungen und so weiter. 

Derjenige, der eingefiihrt wird in diesen vierten Grad der Maurerei, 
der der erste der hoheren Grade ist und in manchen Gegenden 
heute noch einen Begriff gibt von dem, was die Tempellegende wirk- 
lich bedeutet, der muB drei Vorhange passieren. Bei jedem der drei 
Vorhange wird ihm eines der Geheimnisse mitgeteilt. Es wird dabei 
auch immer der geheime Sinn bestimmter Verse aus den Biichern 
Mosis mitgeteilt. Dann, wenn er die drei Vorhange passiert hat, wird 
ihm mitgeteilt das Geheimnis des Tau-Zeichens, und dann wird ihm 
das sogenannte heilige Wort, das Meisterwort, gesagt, an dem sich die 
betreffenden Mitglieder des vierten Grades erkennen. Es wird ihm 



dann vor alien Dingen im ersten Unterricht klargemacht, wie alt die 
Freimaurerei ist. Das erfahren die Johannesmaurer gewohnlich nicht, 
oder wenn sie es horen, haben sie nicht das geringste Verstandnis 
fur so etwas. Es wird namlich die Geschichte der Maurerei in der 
folgenden Weise erzahlt: Der erste wirkliche Maurer war Adam, der 
erste Mensch, der, als er aus dem Paradies gestoBen wurde, eine auBer- 
ordentliche Kenntnis der Geometrie besaB und der erste Maurer des- 
halb war, weil er als erster Mensch unmittelbar von dem Licht ab- 
stammt. Der eigentliche, tiefere Ursprung liegt aber iiberhaupt vor der 
Entstehung der Menschen. Der Ursprung liegt im Lichte, und das 
Licht geht der Menschheit voran. 

Das ist auBerordentlich tief und weist fiir den, der es verstehen 
kann, auf dasjenige, was die theosophische Weisheit wieder eroffnet 
hat, indem sie die Entstehung des Irdischen durch die zwei ersten 
Wurzelrassen bis zur dritten schildert. Wer nun in der Maurerei dieses 
aufnimmt, nimmt etwas ungeheuer Bedeutungsvolles in sich auf. Aber 
bei den wenigsten ist das der Fall, weil die Maurerei heute sozusagen 
entartet ist. Das kommt davon her, daB man schon vom 16. Jahrhun- 
dert an wenig verstand von der eigentlichen Bedeutung der Maurerei, 
namlich davon, daB ein Tempel so gebaut sein soil, daB seine Abmes- 
sungen eine Nachbildung groBer himmlischer Verhaltnisse sind, daB 
ein Dom so gebaut sein soil, daB er in seiner Akustik etwas wiedergibt 
von der Spharenharmonie, wodurch die Akustik gerade kommt. 

Von dieser urspriinglichen Schau hat man allmahlich das BewuBt- 
sein verloren. So kam es, daB in der ersten Halfte des 18.Jahrhun- 
derts, als in England Desaguliers die Maurerei wieder vereinigte, man 
kein rechtes BewuBtsein davon hatte, daB das Wort wortlich zu neh- 
men ist, daB es sich wirklich um Werkmaurerei handelt, daB ein Mau- 
rer wirklich derjenige war, der nach den Himmelsgesetzen bauen 
konnte Kirchen und Tempel und hohere Gebaude, denen er nicht 
irdische, sondern himmlische Verhaltnisse einfiigte. 

Diese intuitive Schau und Wiedergabe in der Maurerei ging ver- 
loren; das BewuBtsein davon, daB es etwas anderes ist, in einem Hause 
zu sprechen, das die Sprache in einer ganz bestimmten Weise akustisch 
zuriickwirft und dadurch anders wirkt, ging verloren. Diejenigen, 



welche die groBen Dome im Mittelalter gebaut haben, das waren die 
groBen Freimaurer. Sie waren sich dessen bewuBt, daB es davon ab- 
hangt, daB das Wort, das der Priester spricht, in der richtigen Weise 
von den einzelnen Wanden zuriickgeworfen wird, daB dadurch die 
ganze Gemeinde in einem Lautmeer lebte, das in sinn- und bedeu- 
tungsvollen Schwingungen wogte, die eine noch groBere Bedeutung 
hatten fur den Astralkorper als fur das physische Ohr. Das ist alles 
verlorengegangen und mufite in der neuen Zeit verlorengehen. Das ist 
der Sinn dessen, wenn ich sagte, daB heute nur noch eine Hiilse vor- 
handen ist von dem, was die Freimaurerei friiher bedeutete. 

AuBer diesen Johannesgraden existieren auch noch die Hochgrade. 
Und zwar haben namentlich die groBeren Gemeinschaften von GroB- 
britannien, Amerika, Italien, Agypten und im Orient - namentlich 
diejenigen, welche man die orientalische Maurerei, die Memphis- 
Maurerei nennt -, diese Hochgrade mit ziemlicher Vollstandigkeit. 
Auch in Deutschland, wo man in der Memphis-Misraim-Maurerei 
eine Abteilung hat, die in Zusammenhang mit der Maurerei in der 
ganzen Welt ist, werden die Hochgrade bearbeitet. Nur ist in Deutsch- 
land innerhalb der Johannesmaurerei so wenig BewuBtsein vorhan- 
den von der eigentlichen Bedeutung der Hochgrade, daB die Johannes- 
maurer in Deutschland iiberhaupt die Hochgrade fur einen Unsinn 
ansehen. Der deutsche GroBorient ist daher gezwungen, iiberhaupt 
nur die Johannesmaurerei als Maurerei eigentlich gelten zu lassen. 

Es sind in bezug darauf groBe Unterschiede zwischen der deutschen 
und der englischen oder groBbritannischen Maurerei. In der groB- 
britannischen Maurerei ist es so, daB durch den Toleranzvertrag vom 
Jahre 1813 eine Art von Ausgleich zustandegekommen ist zwischen 
der Johannesmaurerei mit ihren drei Graden und den Hochgraden, 
so daB man als Lehrling in die Johannesmaurerei eintreten und dann 
aufsteigen kann in den vierten, fiinften, sechsten Grad, also in die 
Hochgrade. Die Johannesgrade werden einem in England angerech- 
net; das ist in Deutschland nicht der Fall. Der deutsche GroBorient 
des Memphis- und Misraim-Ordens bearbeitet daher die drei untersten 
Grade selbst. Der Orient-Freimaurer muB also von vornherein die 
ersten drei Grade erworben haben, er muB sich auch verpflichten, 



bis zum 18, Grade mindestens aufzusteigen. Nicht friiher darf er 
ruhen. Ein deutscher Johannesmaurer wird also nicht zu den Hoch- 
graden der Orientmaurer zugelassen werden konnen. Diese Orient- 
maurerei ist eine stufenweise Schulung im Okkultismus. Wie ich das 
letzte Mai gesagt habe, ist sie ein Abbild fiir die Schulung der hohe- 
ren Grade - an den Royal Arch-Grad gliedern sich diese an -, in der 
man eine Art astraler Schulung durchmacht, die bis zum 18., 20. 
Grade geht. Dann kommt dasjenige, wo man eine Art mentaler Schu- 
lung durchmacht, eine Schulung, die zu einer Art von Leben auf dem 
Mentalplan fiihrt. Das sind dann die Grade bis in die sechziger, sieb- 
ziger Grade hinein, und dann kommt die hochste Schulung oder die 
tiefste okkulte Schulung, die noch vorgenommen werden kann durch 
den GroBorient bis zum 96, Grad. 

Es gibt in Deutschland nur wenige, die zum 96. Grad aufgestiegen 
sind. Aber trotz allem liegt hier etwas vor, was Ihnen gleich beweisen 
wird, wie wenig die Maurerei heute noch hat von dem, was sie einst 
war. Das Interessanteste dabei ist, daB diejenigen, welche bis zum 
96. Grad graduiert sind, durchwegs nicht durch die maurerische Schu- 
lung durchgegangen sind, daB iiberhaupt kaum irgend jemand sich 
findet, der die ganze Schulung irgendwie durchgemacht hat. Es gibt 
also einige, die haben hohere Grade. Es wird ihnen erteilt der 3., der 
33., der 96. Grad. Aber die, welche sie haben, haben sie nicht durch 
die Schulung in der Maurerei erlangt, sondern in anderen okkulten 
Schulen, und sie haben sich herbeigelassen, in der Maurerei ihre Schu- 
lung zum Heile der Maurerei zur Geltung zu bringen. Wenn jemand 
den 96. Grad hat, so hat er ihn nicht in der Maurerei durchgemacht. 
Man rechnet geradezu darauf, daB der Maurerei die okkulte Schulung 
anderer Schulen zugute kommt. 

In diesem Sinne ist auch aufzufassen als eine Art ideales Dokument 
das Manifest, welches der GroBorient des Memphis- und Misraim- 
Ritus herausgegeben hat. Ich will es Ihnen vorlesen und einige Er- 
klarungen daran kniipfen. Das, was da gesagt wird, ist auch nicht so 
aufzufassen, als ob es heute durchgefiihrt werden konnte. Heute wird 
von vornherein darauf aufmerksam gemacht, daB kein Maurer - auch 
nicht einer des 96. Grades - die Verantwortung iibernehmen mochte, 



die Vorschriften an irgendeinem Maurer durchzufiihren, weil er sie 
selbst nicht durchgemacht hat. 

«Von den Geheimnissen der okkulten Hochgrade unseres Or dens. Ein 
Manifeste des Grofiorientes.,» «Eines der Geheimnisse, die unser Orden 
in seinem hochsten Grade besitzt, besteht darin, daB er dem gehorig 
vorbereiteten Bruder die praktischen Mittel liefert, den wahren 
Tempel Salomos im Menschen aufzurichten, das < verlorene Wort> 
wiederzufinden, das heiBt, da6 unser Orden dem eingeweihten und 
auserwahlten Bruder die praktischen Mittel liefert, die ihn in den 
Stand versetzen, sich schon in diesem irdischen Leben Beweise reiner 
Unsterblichkeit zu verschaffen.» 

Das ist einer derjenigen Punkte, der als wichtigster Punkt existiert. 
Der nachste Punkt ist auch ein solcher, wie er in alien okkulten Schu- 
len existiert: keine Geisterbeschworungen und spiritistischen Prak- 
tiken. Spiritistische Praktiken sind strengstens ausgeschlossen. 

«Dieses Geheimnis ist eines der wahren maurerischen Geheimnisse 
und eben ausschlieBlich im Besitze der okkulten Hochgrade unseres 
Ordens. Es ist aufunseren Orden durch miindliche Uberlieferung von 
den Vatern aller wahren Freimaurerei, den < weisen Mannern des 
Ostens), iiberkommen und wird auch von uns nur wieder miindlich 
weitergegeben.» 

Das ist die Praxis der okkulten Gesellschaften. 

« Selbstverstandlich hangt aber der Erfolg dieses praktischen Unter- 
richts zur Erlangung dieses Geheimnisses wiederum ganz vom Kan- 
didaten selbst ab.» 

«Denn was niitzt es, einem Schiiler, der schwimmen lernen will, 
die besten, erprobtesten und ausfiihrlichsten Anleitungen zum 
Schwimmen zu geben, wenn er, einmal ins Wasser gelegt, nicht selbst 
Hande und FiiBe bewegt. Oder was niitzt es, einem Malschiiler die 
umfangreichste Anleitung zum Malen zu geben und ihm die feurigsten 
Farbentone vorzumalen; wenn er nicht selbst den Pinsel in die Hand 
nimmt und selbst die Mischung der Farben zu erzielen sucht, wird er 
nie ein Kiinstler werden.» 



«Diejenigen Briider, welche nun dieses Geheimnis gefunden hatten, 
bewahrten es als ein kostliches, selbsterrungenes Eigentum, und um 
von den Alltagsmenschen nicht verkannt oder gar verspottet zu werden, 
verbargen sie es unter Symbolen, so wie wir das heute noch tun.» 

Diese Symbole sind fiir die Maurer heute nicht mehr lesbar. Diese 
Symbole sind nun keine willkiirlich gewahlten auBeren Symbole. Es 
sind nicht Dinge, durch die jemand die Sache so darstellt wie ein Pro- 
fessor, der sagt: Ich will Ihnen etwas graphisch darstellen. - Diese 
Symbole sind den Dingen selbst entnommen, die die Natur selbst 
schreibt. Der, welcher sie erkennt, welcher wirklich sie zu lesen im- 
stande ist, kommt mit dem Inneren der Dinge in Verbindung, es fiihrt 
ihn in die Sache selbst hinein. Es gibt die Sache selbst und nicht bloB 
symbolisiert. In der Maurerei ist niemand, der die Anleitung geben 
kann, zu den Dingen selbst zu kommen. 

«Diese Symbole sind nun keine willkiirlich gewahlten Bilder, und 
beruhen nicht auf irgendeinem Zufall, sondern sie sind begriindet in 
den Eigenschaften Gottes und des Menschen, und wir miissen sie als 
Urbilder betrachten. Wir werden aber nie die Form, das GefaB, das 
Ritual, die Symbole fiir den Inhalt nehmen, sondern in der Form den 
geistigen Inhalt suchen,» - diese Worte zeigen ... [Liicke], weil das 
Symbol selbst die Sache darstellt - «und nachdem wir denselben» - 
den geistigen Inhalt - «gefunden und in uns aufgenommen haben, 
aus dem geistigen Inhalt die absolute Notwendigkeit der Form, des 
Rituals, der Symbolik erkennen.» 

«Unsere Hochgrade geben daher dem Bruder die Moglichkeit, einen 
sicheren Beweis fiir die Unsterblichkeit des Menschen zu erlangen.» 
- Das wiirden sie auch tun, wenn sie bearbeitet wiirden. - «Das ist und 
war die groBe Sehnsucht, seitdem denkende Menschen existieren. Der 
Mensch bedarf dieser Uberzeugung von seinem Fortleben nach dem 
Tode, um in diesem Leben wahrhaft gliicklich sein zu konnen. Es 
haben daher auch die Mysterien aller Religionen und Weisheitsschu- 
len sich mit dieser Frage als ihrer hochsten und vornehmsten Auf- 
gabe beschaftigt. Das Kirchentum beschaftigt sich naturgemaB auch 
mit der Losung dieser Frage <vom verlorenen Wort>, dem < verlore- 



nen ewigen Leben >, sie verweist den Suchenden aber immer auf den 
Weg der Gnade und stellt es stets als ein Geschenk und nicht als 
etwas Selbstzuerwerbendes oder Erworbenes hin. Unser Orden 
stellt es jedoch in die Moglichkeit eines jeden einzelnen Suchen- 
den, mittels praktischer Mittel sich mit dem WeltbewuBtsein, der 
Urschopferkraft, bewuBt und selbst gewollt schon in diesem Leben 
zu vereinen.» 

Das heiBt also, den Einblick in diejenige Welt und die Vereinigung 
mit ihr zu ermoglichen, die sonst nur durch die Pforte des Todes er- 
offnet werden kann. 

Sie sehen aus alledem, daB das, was zum Tiefsten der Welt gehort, 
in der Freimaurerei urspriinglich vorhanden war, aber in der leeren 
Hiilse, die sie heute ist, nicht mehr da ist. Sie miissen sich fragen: 
Warum? Nun: Der Sinn, der sich in der Tempellegende ausspricht, 
der Sinn der Werkmaurerei, muBte, wie alle intuitive Erkenntnis, 
verlorengehen, weil die fiinfte Unterrasse die eigentliche Verstandes- 
rasse geworden ist. Die Intuition muBte zunachst eine Weile ruhen in 
der Welt, und die Art und Weise, wie die Freimaurerei wirkt, ist 
intuitiv. Ich verweise Sie auf Vitruv und auf die wahre symbolische 
Anweisung zum Bauen. Diese kann aber nur derjenige befolgen, der 
die Intuition dafiir hat. Heute sind diese symbolischen Anweisungen 
durch verstandesmaBige, rationelle ersetzt. Der Verstand muBte eine 
Weile die eigentliche Entwickelungsetappe der Menschheit bilden 
deshalb, weil alles, was mittlerweile an uns herangekommen ist an 
groBen Errungenschaften der Natur, eingefiigt werden muBte in den 
ganzen Organismus des menschlichen Schaffens. 

Verstehen Sie nur einmal, was es heiBt: das ganze Mineralreich 
wird wahrend unserer jetzigen Runde einbezogen in den Fortschritt 
unserer Entwickelung. Es wird einbezogen so, daB der Mensch all- 
mahlich mit seiner eigenen Geistigkeit die ganze Natur noch einmal 
durchorganisiert. Das ist der Sinn des Ehernen Meeres, daB alles in 
der mineralischen Natur wirklich durchorganisiert ist. 

In der Industrie arbeitet die Menschheit, um die Organisation [ev.: 
eigene Geistigkeit?] in die mineralische Natur hineinzuarbeiten. Wenn 
Sie eine Maschine betrachten ... [Liicke]. 



So schafft also der Mensch wirklich durch seinen eigenen Geist das 
ganze Mineralreich um und um. Diese Umarbeitung der Natur, diese 
Umarbeitung des Mineralischen wird vollendet sein, wenn unsere 
Runde zu Ende gegangen sein wird. Dann wird die ganze mineralische 
Natur umgewandelt sein. Der Mensch wird ihr sein Geprage gegeben 
haben, so wie er einer Menge von Metall ein Geprage gibt, wenn er 
zum Beispiel eine Uhr arbeitet. Wenn dann wieder ein neuer Kreis- 
lauf eintritt, kann das Mineralreich eingesaugt, absorbiert werden. 

Um auf diesem Gebiete die Entwickelung vollstandig fertig zu 
machen, muB diese ganze Denkweise, die jetzt - seit dem 16. Jahrhun- 
dert - die Menschheit ergriffen hat, bis ins Atom hinein sich fort- 
pflanzen. Erst dann, wenn das verstandesmaBige Denken das Atom 
ergriffen hat, kann die Maurerei wieder aufleben. Auf der ersten Stufe 
wird die auBere Form ergriffen. Die nachste Stufe wird die sein, wenn 
der Mensch bis ins mineralische Atom gelernt hat zu denken, daB er 
imstande ist, das was im Atom lebt, zu verwenden und in den Dienst 
des Ganzen zu stellen. Allerdings, heute erst und vielleicht erst seit 
fiinf Jahren hat das menschliche Denken diejenige Richtung ange- 
nommen, welche die Naturkraft bis hinein ins Atom verfolgt, und 
zwar muB derjenige, der das ganz genau verstehen will, die letzte 
Phase der verschiedenen elektrischen Stadien verfolgen. Interessant in 
dieser Beziehung, aber auch nur in ganz auBerlichen Andeutungen, 
ist die Rede, die der englische Premierminister Balfour gehalten hat 
iiber unsere gegenwartige Weltanschauung. Was er da gesagt hat [iiber 
die neue elektrische Theorie], ist etwas ungeheuer Bedeutsames. Es 
ist da hingedeutet auf den ungeheuer wichtigen Wendepunkt in der 
Entwickelung des menschlichen Denkens. Er ist sich bis zu einem ge- 
wissen Grade dessen bewuBt und spricht dies auch an einer Stelle aus. 
So sehen wir, wie in dem naturwissenschaftlichen BewuBtsein auf- 
dammert etwas von dem, was in die Zukunft hineinspielt. Der Okkul- 
tist weiB das seit 1879. Ich betone das, obwohl ich es nicht weiter 
begriinden kann. Der Okkultist weiB, daB das kommen wird: ein 
neuer Ausgangspunkt aus dem Atom heraus in die mineralisch-phy- 
sische Welt hinein. Das wird das sein, was in der sechsten Unterrasse 
in die Welt hineinkommen wird, und wodurch auch die Maurerei 



wieder aufleben kann. Der Okkultist hat in der Maurerei etwas ganz 
Merkwiirdiges, etwas Beispielloses, denn sie hat das Uralte als Ein- 
richtung. Sie gehort zu den altesten Uberlieferungen, die sich mit ge- 
nau spezialisierter Gliederung mit fast hundert Graden erhalten hat, 
trotzdem sie ihren Inhalt fast ganz verloren hat, trotzdem keiner der 
der Freimaurerei Angehorigen in Europa einen richtigen Begriff da- 
von zu bilden imstande ist. Trotzdem: Die Sache ist da, so daB einer 
nur notig haben wird, die ganze Hiilse mit neuem Inhalt zu fullen. 
Die Sache ist da und wartet, um belebt zu werden. 

Stichworte aus der anschlieBenden Besprechung: 

Maurerei von Memphis, Orientalischer Orden und der GroBorient- 
orden. Auf einem OkkultistenkongreB wurde dariiber gesprochen, ob 
die okkulten Lehren veroffentlicht werden konnen oder nicht. Da- 
durch hat sich herausgestellt, daB zwei Richtungen existieren, eine 
linksstehende und eine rechtsstehende, eine freisinnige und eine kon- 
servative. 



WESEN UND AUFGABE DER FREIM AUREREI 
VOM GESICHTSPUNKT DER GEISTES WISSENSCHAFT 

Dritter Vortrag 
Berlin, 16. Dezember 1904 

Es ist wichtig, iiber die Hochgradmaurerei zu sprechen, weil diese 
Lehrart sich wieder besondere Aufgaben setzt, und in der nachsten 
Zeit manches davon besprochen werden wird. Wir haben es im wesent- 
lichen zu tun mit einem besonderen Ritus, namlich mit dem, den man 
als vereinigten Ritus von Memphis und Misraim bezeichnet. Ich habe 
schon darauf hingewiesen, daB dieser Memphis- und Misraim-Ritus 
eine hohe Anzahl von Graden hat, daB fiinfundneunzig Grade durch- 
gemacht werden miissen, und gewohnlich die hochsten Leiter eines 
GroBorients - namentlich des GroBorients von Deutschland und von 
GroBbritannien und Amerika - den 96. Grad haben. Diese Grade sind 
so, daB sie etwa bis zum Ende der achtziger Grade in einer Weise 
eingeteilt sind, wie ich es gleich auseinandersetzen werde. 

Etwa vom 87. Grad angefangen, beginnen die eigentlichen okkul- 
ten Grade, in die nur diejenigen eingeweiht werden konnen, welche 
sich dem wirklichen Okkultismus widmen. Immer mache ich den Vor- 
behalt, daB es auf dem Kontinente wohl niemand gibt, der wirklich 
diese Grade alle durchgemacht hat, oder der wirklich eine okkulte 
Freimaurerschulung durchgemacht hat. Aber das schadet bei der Mau- 
rerei nicht besonders viel, weil sie ihre Aufgabe erst wieder erhalten 
wird und dann werden auch die Organisationen da sein, die Hiille 
wird da sein, die man braucht, um das zu erreichen, was erreicht 
werden soil. 

Nun muB ich verschiedene Freimaurerstromungen und ihre Ten- 
denz angeben, wenn ich auch nur in Kiirze etwas andeuten will. Zu- 
nachst ist einmal zu beriicksichtigen, daB die ganze Hochgradmaurerei 
zuruckfiihrt auf eine Personlichkeit, die vielfach genannt wird, aber 
auch sehr viel verkannt wird. Namentlich ist sie verkannt worden 
von den Geschichtsschreibern des 19. Jahrhunderts, die keine Ahnung 
davon haben, in welch schwierige Lagen der Okkultist im Leben kom- 
men kann. Es handelt sich um die Personlichkeit des von wenigen 



erkannten, viel beriichtigten Cagliostro. Der sogenannte Graf Caglio- 
stro, in dem sich eine Individuality verborgen hat, welche nur den 
eingeweihtesten Okkultisten in ihrer wahren Eigenart bekannt ist, ver- 
suchte zunachst in London die Freimaurerei auf eine neue Stufe zu 
stellen. Denn sie war schon im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts 
ziemlich auf dem Standpunkte, auf dem ich sie charakterisiert habe. 
In London gelang es dazumal nicht. Er versuchte es dann in RuBland 
und auch im Haag. Uberall miBlang es aus ganz bestimmten Griinden. 

Dann aber gelang es ihm, in Lyon aus einer Reihe dort lebender 
Freimaurer eine Philaletenloge zu begriinden mit okkultem Inhalt, 
und zwar die Loge, welche genannt wurde Loge zur «Triumphieren- 
den Weisheit». Der Zweck dieser Loge ist von Cagliostro angegeben 
worden. Was Sie aber dariiber lesen konnen, ist nichts anderes als 
etwas von unverstandigen Leuten Geschriebenes. Dasjenige, was dar- 
iiber gesagt werden kann, sind ja eigentlich auch nur Andeutungen. 
Es handelte sich bei Cagliostro um ein zweifaches: erstens um den 
Unterricht zum Zwecke der Herstellung des sogenannten Steines der 
Weisen; zweitens um die Eroffnung des Verstandnisses fiir das mysti- 
sche Fiinfeck, fiir das mystische Pentagramm. Nun kann ich Ihnen 
nur andeutend sagen, was diese zwei Dinge zu bedeuten haben. Es 
kann viel gespottet werden dariiber, aber sie sind nicht nur symbo- 
lisch zu nehmen, sondern beruhen auf Tatsachen. 

Der Stein der Weisen hat einen bestimmten Zweck, der von Caglio- 
stro angegeben wurde: er sollte das menschliche Leben auf 5527 Jahre 
verlangern. Das erscheint dem Freigeist lacherlich. Tatsachlich ist es 
aber moglich, durch besondere Schulung das Leben ins UnermeBliche 
zu verlangern dadurch, daB der Mensch lernt, nicht mehr in seinem 
physischen Korper zu leben. Derjenige, der sich aber vorstellen wollte, 
daB den Adepten kein Tod im gewohnlichen Sinne des Wortes treffe, 
der wurde sich etwas Falsches darunter vorstellen. Auch wer glaubt, 
daB ein Adept nicht von einem Ziegelstein getroffen und erschlagen 
werden kann, auch der wiirde sich etwas Falsches vorstellen. Das 
wiirde allerdings nur dann gewohnlich eintreten, wenn der Adept es 
zulaBt. Nicht um den physischen Tod handelt es sich, sondern um 
Folgendes. Der physische Tod desjenigen, der fiir sich selbst den Stein 



der Weisen erkannt und ihn herauszusetzen verstanden hat, ist fur ihn 
nur ein scheinbares Ereignis. Fur die anderen Menschen ist er ein 
wirkliches Ereignis, das einen groBen Abschnitt in seinem Leben be- 
deutet. Fiir den, der in der Weise, wie Cagliostro es mit seinen Schii- 
lern gewollt hat, es versteht, den Stein der Weisen zu beniitzen, ist 
der Tod nur ein scheinbares Ereignis. Er bildet nicht einmal einen be- 
sonders wichtigen Abschnitt im Leben; er ist namlich etwas, was nur 
fiir die anderen da ist, die etwa den Adepten beobachten konnen, und 
die sagen, daB er stirbt. Er selbst stirbt aber in Wirklichkeit gar nicht. 
Die Sache ist vielmehr so, daB der Betreffende gelernt hat, iiberhaupt 
nicht in seinem physischen Korper zu leben; daB er gelernt hat, alle 
diejenigen Vorgange, die im Momente des Todes im physischen Kor- 
per plotzlich vor sich gehen, nach und nach wahrend seines Lebens 
vor sich gehen zu lassen. Es hat sich mit dem Korper des Betreffen- 
den alles schon vollzogen, was sich sonst im Tode vollzieht. Dann ist 
der Tod nicht mehr moglich, denn der Betreffende hat langst gelernt, 
ohne den physischen Korper zu leben. Er legt den physischen Kor- 
per in ahnlicher Weise ab, wie man einen Regenmantel auszieht, und 
zieht einen neuen Korper an, wie man einen neuen Regenmantel an- 
zieht. 

Nun, einen kleinen Begriff werden Sie sich wohl daraus bilden kon- 
nen. Das ist der eine Unterricht, den Caligostro iiberlieferte - der 
Stein der Weisen -, der den physischen Tod zu einer Bedeutungs- 
losigkeit herabsinken laBt. 

Das zweite war die Erkenntnis des Pentagramms. Das ist die Fahig- 
keit, die fiinf Korper des Menschen voneinander zu unterscheiden. 
Wenn jemand sagt: Physischer Korper, Atherkorper, Astralkorper, 
Kama-Manas-Korper, Kausalkorper, so sind das bloB Worte oder, 
wenn es hoch kommt, abstrakte Begriffe. Damit ist aber noch nichts 
getan. Der Mensch, der heute lebt, kennt in der Regel kaum den phy- 
sischen Korper; erst derjenige, der das Pentagramm kennt, lernt die 
fiinf Korper kennen. Einen Korper erkennt man nicht, wenn man in 
ihm lebt, sondern erst dann, wenn man ihn als Objekt hat. Das ist 
dasjenige, was einen Durchschnittsmenschen unterscheidet von dem, 
der durch eine solche Schule gegangen ist, daB fiir ihn die fiinf Korper 



Objekte geworden sind. Der gewohnliche Mensch lebt ja auch in die- 
sen fiinf Korpern. Aber er lebt darinnen, er kann nicht heraustreten 
und sie anschauen. Hochstens seinen physischen Korper kann er an- 
schauen, wenn er an seinem Leibe heruntersieht oder inn im Spiegel 
sich beschaut. Die Schiiler Cagliostros wiirden, wenn sie richtig seine 
Methode befolgt hatten, dazu gekommen sein, wozu einzelne Rosen- 
kreuzer gekommen sind, die im Grunde genommen in einer Schule 
waren, die dieselbe Tendenz hatte. Sie waren in einer Schule der gro- 
Ben europaischen Adepten, die dahin fiihrte, daB die fiinf Korper 
Wirklichkeiten wurden, nicht bloB Begriffe blieben. Das nennt man 
das «Pentagramm-Kennen» und «Moralische Wiedergeburt». 

Ich will nicht sagen, daB die Schiiler des Cagliostro es nicht zu 
etwas gebracht haben. Sie haben es im allgemeinen dahin gebracht, 
den Astralleib zu begreifen. Cagliostro war auBerst geschickt, ihnen 
eine Anschauung vom Astralleib beizubringen. Lange bevor die Kata- 
strophe iiber ihn hereinbrach, war es ihm gelungen, auBer der Schule 
in Lyon auch Schulen in Paris, Belgien und Petersburg und einigen 
anderen Orten Europas zu errichten, aus denen spater wenigstens 
einigermaBen solche Leute hervorgegangen sind, die den Grundstock 
abgegeben haben fur diejenigen, welche es bis zum 18., 19., 20. Grade 
der Hochgradmaurerei gebracht haben. So hat immerhin der Graf 
Cagliostro, bevor er in den Kerkern von Rom sein Leben beendigen 
muBte, einen bedeutenden EinfluB auf die okkulte Maurerei in Europa 
genommen. Die Welt sollte iiber Cagliostro im Grunde genommen 
gar nicht urteilen. Ich deutete schon an, daB es im allgemeinen so ist, 
wenn die Leute iiber Cagliostro sprechen, wie wenn der afrikanische 
Hottentotte von der Einrichtung der Hochbahn spricht, weil es nicht 
einzusehen ist, in welchem Verhaltnis die auBeren, scheinbar unmora- 
lischen Taten zu den Weltereignissen standen. 

Ich bemerkte schon friiher, daB die Franzosische Revolution her- 
vorgegangen ist aus den geheimen Vereinigungen der Okkultisten 
und daB, wenn man die Stromungen weiter verfolgt, man sie verfolgen 
konnte bis in die Schule der Adepten hinein. 

Es ist moglich, daB das, was geschildert ist als Roman von Mabel 
Collins in dem Buch «Flita», schwer zu verstehen ist. Sie schildert da 



in einer sehr grotesken Weise, wie ein Adept an einem verborgenen 
Orte das Weltenschachbrett vor sich hat und die Figuren spielen laBt, 
und wie er sozusagen das Karma eines Kontinentes auf einem sehr 
einfachen Kartchen bestimmte. Das ist nicht unmittelbar so, wie es da 
geschildert wird, sondern etwas viel Grandioseres als dies geht in der 
Tat vor sich, wovon das in«Flita» Geschilderte nur ein verzerrtes Ab- 
bild ist. 

Nun, die Franzosische Revolution ist durchaus aus solchen Dingen 
hervorgegangen. Bekannt ist eine Geschichte, die in Biichern der 
Grdfin d'Adhemar enthalten ist. Da wird gesagt, daB vor dem Aus- 
bruch der Franzosischen Revolution die Grafin d'Adhemar, eine Hof- 
dame der Marie-Antoinette, den Besuch erhielt eines Grafen von Saint- 
Germain, Er wollte sich melden lassen bei der Konigin und um 
Audienz bei dem Konig bitten. Der Minister Ludwig XVI. aber 
war der Feind des Grafen Saint-Germain; er konnte daher nicht an 
den Konig herankommen. Der Konigin hat er aber mit groBer Scharfe 
und Genauigkeit geschildert, was fiir groBe Gefahren bevorstehen. 
Aber seine Warnungen sind ja leider nicht beachtet worden. Er hat 
dazumal das groBe Wort gesprochen, das auf Wahrheit beruht: «Wer 
Wind sat, der wird Sturm ernten», und er setzte hinzu, daB er dieses 
Wort schon vor Jahrtausenden gesagt und es dann Christus wieder- 
holt hat. Das war ein Wort, das fiir jeden AuBenstehenden unver- 
standlich ist. 

Aber der Graf Saint-Germain hatte recht. Nur noch ein paar Ziige 
will ich hinzufiigen, die durchaus richtig sind. In Biichern iiber den 
Grafen Saint-Germain konnen Sie lesen, daB er 1784 am Hofe des Land- 
grafen von Hessen gestorben ist, der dann einer der vorgeriicktesten 
deutschen Freimaurer gewesen ist. Er hat ihn bis zu seinem Tode ge- 
pflegt. Die Grafin d'Adhemar erzahlt aber in ihren Memoiren, daB er 
lange nach dem Jahre 1784 ihr erschienen sei, daB sie ihn noch sechs- 
mal lange nach dieser Zeit gesehen habe. In Wahrheit ist er damals 
im Jahre 1790 bei einigen Rosenkreuzern in Wien gewesen und hat das 
gesagt, was auch richtig war: daB er sich auf fiinfundachtzig Jahre 
nach dem Orient zuriickzuziehen habe, und nach fiinfundachtzig Jah- 
ren werden jene seine Tatigkeit in Europa wieder wahrnehmen kon- 



nen. 1875 ist das Griindungsjahr der Theosophischen Gesellschaft. 
Diese Dinge hangen alle in einer bestimmten Weise zusammen. 

Auch in der Schule, die der Landgraf von Hessen begriindet hat, 
handelte es sich wesentlich um diese zwei Dinge: um den Stein der 
Weisen und um die Erkenntnis des Pentagramms. In einer etwas ver- 
anderten Gestalt lebt nun die damals von dem Landgrafen von Hessen 
begriindete Maurerei fort. Namlich diese ganze Maurerei, wie ich sie 
geschildert habe, nennt man die des agyptischen Ritus, des Ritus von 
Memphis und Misraitn. Dieser fiihrt seine Entstehung zuriick auf den 
Konig Misraim, der von Assyrien - vom Oriente - heriibergezogen 
war, und nach der Eroberung Agyptens in die agyptischen Mysterien 
eingeweiht wurde. Das sind Geheimnisse, die noch aus der alten Atlan- 
tis stammen. Von da ab gab es eine fortdauernde Tradition. Die neue 
Freimaurerei ist nur eine Fortsetzung dessen, was damals in Agypten 
begriindet worden ist. 

Bevor ich auf Einzelheiten eingehe, mochte ich sagen, daB die Hoch- 
gradmaurerei eine solche ist, die sich auch intimer ganz wesentlich 
unterscheidet von der gewohnlichen Johannesmaurerei. Die gewohn- 
liche Johannesmaurerei beruht namlich auf einer Art demokratischem 
Prinzip, und wenn das demokratische Prinzip in Erkenntnisdingen 
gehandhabt werden soil, so ist es selbstverstandlich, daB es dazu fiihrt, 
daB die versammelten Briider im wesentlichen nichts anderes machen, 
als daB jeder seine Meinung vorbringt. Die Wahrheit ist aber nichts, 
woriiber man Meinungen haben kann. Eine Wahrheit weiB man, oder 
man weiB sie nicht. Es kann niemand sagen, daB die drei Winkel im 
Dreieck 725 Grad haben statt 180. 

Wenn die Menschen zusammensitzen und reden, so reden sie iiber 
ihre Meinung, auch unter Umstanden iiber die hochsten Dinge. Aber 
alles das ist auf dem Plane der Tauschung und ebenso unzutreffend 
wie dasjenige, was der sagt, der nicht weiB wie groB die Winkelsumme 
im Dreieck ist, der nur eine Meinung davon hat. Ebenso wie man 
nicht diskutieren kann, ob die Winkelsumme eines Dreiecks so oder so 
viel Grade hat, ebensowenig kann man diskutieren iiber hohere Wahr- 
heiten. Deshalb ist das demokratische Prinzip in Erkenntnis dingen 
unmoglich, weil es auf keiner Unterlage beruht. Das, was die Hoch- 



gradmaurerei von der Johannesmaurerei unterscheidet, das ist: daB 
man stufenweise die Wahrheit erkennen kann. Wer erkannt hat, der 
kann nicht mehr verschiedener Meinung sein. Man hat erkannt, oder 
man hat nicht erkannt. Die sechsundneunzig Grade haben also eine 
gewisse Berechtigung. 

An der Spitze steht das sogenannte souverane Sanktuarium, das 
identisch ist mit dem, was man bei der Maurerei den GroBorient 
nennt, der im Besitze der eigentlichen okkulten Erkenntnisse ist und 
den Weg kennt und die Sprache dessen, was im Manifest der Maure- 
rei gelesen werden kann, und das ermoglicht, die Stimme der «Weisen 
Manner des Ostens» zu horen. Wenn er diese Stufe erreicht hat, so 
ist er allerdings imstande, die Stimme der weisen Meister zu verneh- 
men. Bis dahin muB man sich aber durchgearbeitet haben, so da6 man 
im Besitze eines ganz bestimmten Wissens ist, ferner im Besitze ganz 
bestimmter innerer Qualitaten, innerer Eigenschaften, die sich durch- 
aus nicht bloB decken mit den gewohnlichen biirgerlichen Tugenden, 
sondern etwas viel Intimeres und Bedeutungsvolleres sind. Ich be- 
merke, daB [im Verhaltnis] zu alledem, wovon hier die Rede ist, das, 
was in theoretischer und praktischer Beziehung in theosophischen 
Biichern mitgeteilt wird, nur ein elementarer Teil ist, so daB das 
Theoretische der Hochgradmaurerei weit iiber das hinausgeht, was in 
der popularen Theosophie verbreitet werden kann. Das, was da ver- 
breitet werden kann, beruht auf der Erlaubnis [von Seiten] der Adep- 
ten, bis zu einem gewissen Grad in der Popularisierung der Erkennt- 
nis zu gehen. Aber es ist nicht moglich, alle Erkenntnisse zu ver- 
breiten. 

Es ist richtig, daB die Menschheit iiber manche Entdeckung in der 
nachsten Zeit sehr erstaunt sein wird. Aber sie werden etwas verfriiht 
kommen und deshalb manches Unheil stiften. Die Theosophische Ge- 
sellschaft hat im wesentlichen die Aufgabe, auf solche Dinge vorzube- 
reiten. Zum Beispiel war das, was ich eingangs bezeichnet habe als 
die Erkenntnis des Steines der Weisen, schon einmal viel verbreiteter 
als es heute ist, und zwar schon zu einer gewissen Zeit der atlantischen 
Bevolkerung. Da war wirklich die Moglichkeit, den Tod zu iiberwin- 
den, etwas, was gang und gabe war. Ich mochte nur bemerken, daB 



ich nicht gern gerade jetzt schon diese Wahrheit habe drucken lassen 
wollen. Daher sind im «Luzifer» an der Stelle, wo das stehen soil bei 
der Besprechung der atlantischen Zeit, Punkte gemacht fiir das, was 
noch nicht mitgeteilt werden kann. Ganz kann es auch nicht ausge- 
sprochen werden. In der «Theosophical Review» ist von seiten eines 
sehr vorgeschrittenen Mediums eine ganz ahnliche Mitteilung ver- 
zeichnet worden, die genau dieselbe Sache in einer etwas anderen 
Form enthalt. Die Uberwindung des Todes in der atlantischen Zeit 
ruht natiirlich im Gedachtnisse der Individualitaten, ohne daB sie es 
wissen. Es sind heute viele Menschen wiedergeboren, die in einer 
friiheren Inkarnation jene Zeit durchgemacht haben, und die durch 
ihr eigenes Gedachtnis auf solche Erkenntnisse hingefiihrt werden. 
Das wird ja zunachst zu einer Art Uberschatzung gewisser medizi- 
nischer Entdeckungen fiihren. Man wird glauben, daB die naturwis- 
senschaftliche Medizin solche Entdeckungen gemacht hat. In Wahrheit 
werden die Menschen durch ihr Gedachtnis aus der atlantischen Zeit 
her darauf gefiihrt. 

Gewisse Dinge werden reif werden in der nachsten Zeit, und des- 
halb wird dariiber gesprochen werden. Das macht notwendig, daB 
man einsieht die Notwendigkeit des stufenweisen Aufriickens in der 
Erkenntnis. Dieses stufenweise Aufriicken wird daher mit Recht be- 
tont von denjenigen, welche heute den Misraim- und Memphis-Ritus 
wieder aufleben lassen wollen. Wenn dies auch in den nachsten Jah- 
ren miBgliickt, so darf man nicht glauben, daB MiBerfolge in solchen 
Dingen etwas zu bedeuten haben. An der Spitze der amerikanischen 
Misraim-Bewegung steht ein Mann, dessen bedeutsamer Charakter 
eine gewisse Garantie bildet fiir die Standhaftigkeit im Vorriicken. 
Das ist der ausgezeichnete Maurer John Yarker. 

Was fiir eine Gestalt die Sache in GroBbritannien und Deutschland 
annehmen wird, ist heute schwer zu sagen. Sie werden einsehen, daB 
man fiir solche Dinge mit dem betreffenden Menschenmaterial rech- 
nen muB, und daB daher auch die deutsche Bewegung - wenn sie mit 
solchen Dingen zu tun haben soil - mit dem rechnen muB, was in 
dieser Richtung darin ist. Wenn wirkliche Okkultisten an solchen Din- 
gen beteiligt werden sollen, so miissen sie von der einen oder anderen 



Richtung engagiert sein. Sie werden sich nicht immer an diesen Din- 
gen beteiligen konnen. Auch die Meister, wenn sie so etwas vor- 
schreiben, werden sich nach groBen umfassenden Gesetzen zu richten 
haben. 

Wenn Sie also etwas iiber deutsche Misraim-Memphis-Richtung 
horen, so diirfen Sie nicht glauben, daB dies heute schon eine Be- 
deutung fiir die Zukunft hat. Es ist nur der Rahmen, in den einmal ein 
gutes Bild hineingesetzt werden kann. Dieser deutsche Misraim-Orden 
steht unter der Oberleitung eines gewissen Reufi, der wohl die eigent- 
liche Fiihrimg in GroBbritannien und Deutschland heute inne hat. 
Dann wirkt auch in dieser Richtung der bekannte Carl Kellner. Die 
eigentliche schriftstellerische Arbeit liegt wohl in der Hand des Dr. 
Franz Hartmann, der mit der Feder diesem Misraim-Ritus am aller- 
meisten dient. Das ist das, was Ihnen in diesem oder jenem Fragment 
von da oder dort zustromen kann von dieser Bewegung. 

Ich kann nun nur im allgemeinen eine Charakteristik geben von 
dem, um was es sich hier handelt. Der Lehrarten dieses Misraim- 
Ritus sind vier. Die sechsundneunzig Grade konnen somit in vier ver- 
schiedenen Lehrarten oder Disziplinen erreicht werden. Diese vier 
Disziplinen, durch die man aufsteigt, sind: Erstens die sogenannte 
symbolische Lehrart oder Disziplin. Dadurch konnen gewisse Sym- 
bole als Tatsachen erkannt werden. Es wird der Betreffende eingefiihrt 
in die okkulten Naturgesetze, durch die ganz bestimmte Wirkungen 
in zyklischen Bewegungen in der Menschheit hervorgerufen werden. 

Die zweite Lehrart oder Disziplin ist die sogenannte philosophi- 
sche. Es ist die agyptisch-hermetische. Sie ist eine mehr theoretische 
Lehrart. Die dritte Lehrart ist die sogenannte mystische, die mehr auf 
innerlicher Entwickelung beruht und die, wenn richtig angewendet, 
vor alien Dingen zur entsprechenden Handhabung des Steines der 
Weisen fiihren wiirde, namlich zur Uberwindung des Todes. Das ist 
im wesentlichen auch angedeutet in dem einen Satz, den ich Ihnen 
vorgelesen habe und der besagt, daB sich in der Freimaurerei jeder 
iiberzeugen kann von der Unsterblichkeit. Es kommt aber, wie die 
Kabbala sagt, darauf an, ob er das verlangt oder nicht. Die vierte 
Lehrart ist die kabbalistische. Sie besteht darin, daB man die Prinzi- 



pien der Weltordnung in ihrer Wahrheit und Wirklichkeit erkennt, 
die zehn Grund... [Liicke]. 

Auf jedem der vier Wege kann man zu den hoheren Erkenntnissen 
durch den Misraim-Ritus aufsteigen. Es ist aber wohl niemand inner- 
halb der Freimaurerei da, der heute die Verantwortung iibernehmen 
wiirde, jemandem wirkliche Anleitung zu geben, weil die Betreffenden 
die Dinge nicht selbst durchgemacht haben, sondern die ganze Sache 
ein Provisorium ist und nur einen Rahmen schaffen soil fiir etwas, das 
noch kommen soli. Es ist moglich, daB dieser Rahmen ausgefiillt wird 
mit okkultem Wissen. Okkultes Wissen soil in die Formen gegossen 
werden, die da sind. DaB Formen da sind in der Welt, das ist wichtig. 
Wenn Sie. geschmolzenes Metall haben und keine Form, so konnen 
Sie mit ihm nichts anderes anfangen, als es zu einem Klumpen her- 
auslaufen zu lassen. So ist es auch mit den geistigen Stromungen. Es 
ist wichtig, daB diese Formen da sind, in die man das geistige Metall 
wird hineingieBen konnen. Das ist symbolisiert im Ehernen Meer. Das 
wird erkannt werden, wenn dasjenige, was jetzt nur scheinbar vege- 
tiert, Gestalt fiir die Offentlichkeit erlangt. 

Letztes Mai habe ich Ihnen aus einer Rede des englischen Premier- 
ministers Balfour vorgelesen. Es ist da bereits aufmerksam darauf ge- 
macht, daB gewisse Dinge heute physikalische Wahrheiten sind, die ur- 
alte okkulte Erkenntnisse sind. Wenn Sie in Blavatskys «Geheim- 
lehre» nachlesen, werden Sie dort eine Stelle finden iiber die Elektri- 
zitat, welche buchstablich dasselbe besagt wie das, worauf die Physi- 
ker jetzt nach und nach kommen. Was Sie aber finden, ist eine bloBe 
Ahnung von dem, um was es sich handelt. Es handelt sich um das 
physikalische Atom. Bis vor vier, fiinf Jahren ist von aller auBeren - 
nicht der okkultistischen - Wissenschaft dieses verkannt worden. Man 
hat es fiir eine raumerfiillende Masse gehalten. Heute fangt man an, 
dieses physikalische Atom als dasjenige zu erkennen, was es wirklich 
ist. Man kommt darauf, daB dieses physikalische Atom sich so ver- 
halt zur Kraft der Elektrizitat, wie sich ein Klumpen Eis verhalt zum 
Wasser, aus dem es gefroren ist. Wenn Sie sich Wasser vorstellen, das 
zu Eis gefriert, so ist das Eis auch Wasser. Und so ist das physika- 
lische Atom nichts anderes als gefrorene Elektrizitat. Wenn Sie dies 



ganz begreifen und die Mitteilungen, die bis vor wenigen Jahren in 
samtlichen wissenschaftlichen Schriften fiber die Atome enthalten 
waren, durchgehen und sie fur Blech ansehen, dann werden Sie unge- 
fahr die richtige Vorstellung gewinnen. Erst seit dieser kurzen Zeit 
kann sich die Physik eine Vorstellung bilden von dem, was das physi- 
kalische Atom ist. Es verhalt sich namlich wie ein Eisklumpen zu der 
Wassermenge, aus der er gefroren ist. Das physikalische Atom ist 
kondensierte Elektrizitat. Die Rede von Balfour betrachte ich als et- 
was auBerordentlich Wichtiges. 

Es ist ... [Lucke] etwas, was seit dem Jahr 1875 [1879?] heraus- 
gebracht ist. Die Tatsache ist bei den Okkultisten schon seit Jahr- 
tausenden bekannt. Nun fangt man an zu wissen, daB das physikalische 
Atom kondensierte Elektrizitat ist. Aber es handelt sich noch um ein 
zweites: zu wissen, was Elektrizitat selber ist. Das ist noch unbe- 
kannt. Sie wissen namlich eines nicht: wo das Wesen der Elektrizitat 
gesucht werden muB. Dieses Wesen der Elektrizitat kann nicht ge- 
funden werden durch irgendwelche auBere Experimente oder durch 
auBere Anschauung. Das Geheimnis, welches gefunden werden wird, 
ist, daB Elektrizitat genau dasselbe ist - wenn man auf einem gewis- 
sen Plan zu beobachten versteht — , was der menschliche Gedanke ist. 
Der menschliche Gedanke ist dasselbe Wesen wie die Elektrizitat: 
das eine Mai von innen, das andere Mai von auBen betrachtet. 

Wer nun weiB, was Elektrizitat ist, der weiB, daB etwas in ihm 
lebt, das in gefrorenem Zustande das Atom bildet. Hier haben Sie die 
Briicke vom menschlichen Gedanken zum Atom. Man wird die Bau- 
steine der physischen Welt kennenlernen, es sind kleine kondensierte 
Monaden, kondensierte Elektrizitat. In dem Augenblicke, wo die 
Menschen diese elementarste okkulte Wahrheit von Gedanke, Elek- 
trizitat und Atom erkannt haben werden, in dem Augenblicke wer- 
den sie etwas erkennen, was das Wichtigste sein wird fur die Zukunft 
und fur die ganze sechste Unterrasse. Sie werden mit den Atomen 
bauen konnen durch die Kraft des Gedankens. 

Dies wird die geistige Stromung sein, die wieder hineingegossen 
werden muB in die Formen, die seit Jahrtausenden von den Okkulti- 
sten geschaffen worden sind. Aber weil die menschliche Rasse die Ver- 



standesentwickelung durchmachen muBte und absehen muBte von der 
eigentlichen inneren Arbeit, sind sie Hiilsen geworden, aber als For- 
men geblieben, und es wird die richtige Erkenntnis hineingegossen 
werden miissen. 

Der okkulte Forscher gewinnt die Wahrheit von der einen Seite, 
der physische Forscher von der anderen Seite. Ebenso wie die Maure- 
rei aus der Werkmaurerei, aus dem Dom- und Tempelbau hervor- 
gegangen ist, ebenso wird man kimftig bauen miissen mit den klein- 
sten Bausteinen, mit den kondensierten Elektrizitatsmengen. Das wird 
eine neue Maurerei notig haben. Dann wird sich die Industrie nicht 
mehr so abspielen konnen wie jetzt. Sie wird so chaotisch werden 
und nur auf reinen Kampf urns Dasein hinarbeiten konnen, solange 
man nicht weiB... [Liicke].* Dann wiirde moglich sein, daB in Berlin 
jemand mit der Droschke in der Stadt fahren kann, wahrend in Mos- 
kau stattfindet das Unheil, das er von Berlin aus verursacht hat. Und 
kein Mensch wiirde eine Ahnung davon haben, daB dieser Mensch 
das verursacht hat. Die drahtlose Telegraphie ist ein Anfang davon. 
Was ich ausgefiihrt habe, ist Zukunft. Nur zwei Moglichkeiten sind 
vorhanden: Entweder die Dinge gehen chaotisch weiter, so wie die 
Industrie und Technik bisher vorgegangen ist. Dann fiihrt es dazu, 
daB der, welcher im Besitze dieser Dinge ist, groBes Unheil anrichten 
kann, oder es wird in die moralische Form der Maurerei gegossen.** 



* Im Stenogramm ist hier eine Liicke; in einer Ausschrift in Klartext findet sich als 
Erganzung: [was als Gedanke in diese Hiilsen hineingegossen werden muB. WeiB man das 
aber], 

** Dieser letzte Satz lautet in den Notizen von Marie Steiner-von Sivers: «Diese Dinge 
gehen entweder chaotisch so weiter wie bisher Industrie und Technik, oder harmonisch, 
wie es das Ziel der Maurerei ist, dann wird die hochste Entwickelung erreicht.» 



Frage: Warum die katholische Kirche der Freimaurerei so gegnerisch gegeniibersteht? 

Antwort: Die katholische Kirche will nicht das, was in der Zukunft 
kommen soil. Pius IX. war eingeweiht in die Freimaurerei. Im Kapi- 
tel von Clermont hat er versucht, eine Verbindung zwischen den 
Jesuiten und der Freimaurerei herzustellen. Das ist nicht gelungen, 
und daher ist die alte Feindschaft zwischen diesen beiden geblieben. 
Unsere Jesuiten wissen wenig von diesen Dingen, und auch die vom 
Klerus wissen nicht, um was es sich handelt. Der wirkliche Klerus ... 
[groBere Liicke], 

Die Trappisten miissen schweigen, denn man weiB, da6 durch das 
Schweigen fiir das nachste Leben eine bedeutende Fahigkeit, begei- 
stert zu reden, veranlagt wird. Das ist allerdings nur bei der Er- 
kenntnis der Wiederverkorperung verstandlich. 



DER DEN GEHEIMGESELLSCHAFTEN 

ZUGRUNDE LIEGENDE GEDANKE 
VON EVOLUTION UND INVOLUTION 

Berlin, 23. Dezember 1904 

Ich habe bisher in einer Reihe von Vortragen iiber Geheimschulen, 
geheime Verbindungen gesprochen, und es scheint mir jetzt doch das 
Richtige 2u sein, wenn ich diesen ganzen Zyklus von Vortragen iiber 
geheimwissenschaftliche Vereinigungen abschlieBe, bevor wir das 
nachste Mai zu etwas anderem iibergehen. In acht Tagen werde ich 
sprechen iiber die Bedeutung derjenigen Festtage, die sich im Kir- 
chenjahr an Weihnachten anschlieBen; vor alien Dingen iiber das 
minder bedeutende Fest Neujahr und das bedeutsame Fest der Epi- 
phanie [werde ich sprechen], also iiber die Feste, welche sich an das 
Weihnachtsfest anschlieBen. Heute will ich also einen mehr abschlie- 
Benden Vortrag halten. 

Sie konnten die Frage stellen: Worin besteht die tiefere Bedeutung 
solcher geheimwissenschaftlicher Vereinigungen und deren ganzer 
Zweck in bezug auf die Weltentwickelung? Wenn ich darauf antwor- 
ten soil, so ware es das, daB sie zusammenhangen mit der ganzen Art 
und Weise, wie die Wesen iiberhaupt sich entwickeln, wie die Wesen 
in der Welt einen Fortschritt machen. Wenn Sie sich entwickeln wol- 
len, so wissen Sie, daB dazu verschiedene Ubungen notig und vor- 
handen sind. Sie haben gehort von Hathajoga, von Rajajoga und 
anderen Ubungen; Sie haben gehort von verschiedenen geheimwis- 
senschaftlichen Verbindungen, die auf die verschiedenste Weise ihre 
Leute eingeweiht haben und so weiter. 

Dies alles, so konnte jemand sagen, ware doch auch zu erreichen 
ohne solche geheime Verbindungen. Nun aber kann ich Ihnen dar- 
auf erwidern - und Sie werden im Laufe der Stunde einsehen, daB das 
so ist -, daB es ohne solche Verbindungen in der Welt nicht abgehen 
kann. Aber es ist unmoglich - um es geradeheraus zu sagen - in dem 
Stile, wie zum Beispiel das Manifest der Freimaurer gehalten ist, das 



ich Ihnen vor vierzehn Tagen vorgelesen habe, in der Offentlichkeit 
zu sprechen. 

Man kann zu dem, was man gewohnlich unter Unsterblichkeit ver- 
steht, nicht gelangen, ohne Anteil zu nehmen an den Geheimwissen- 
schaften. Allerdings, die Ergebnisse der Geheimwissenschaften drin- 
gen in der verschiedensten Weise in die Welt hinaus. In den Reli- 
gionen ist ein groBer Teil des Geheimwissens vorhanden, und alle 
diejenigen, welche in einer Religionsgemeinschaft mit innerer Anteil- 
nahme leben, nehmen auch teil an diesem Wissen und bereiten sich 
vor, der vollen Unsterblichkeit teilhaftig zu werden. Aber es ist noch 
etwas anderes, sich im konkreten Erleben mit vollem BewuBtsein 
das Wissen dieser Unsterblichkeit und das Gefiihl der Zusammen- 
gehorigkeit mit der geistigen Welt zu erhalten. 

Sie alle haben schon sehr oft gelebt; aber nicht alle haben ein Be- 
wuBtsein davon, daB sie so und so oft gelebt haben. Dieses BewuBt- 
sein werden Sie sich nach und nach erringen, und es hangt davon ab, 
ob man sein Leben mit vollem BewuBtsein fiihrt. Nicht das war der 
Sinn des Geheimwissens, den Menschen ein dumpfes Fortleben, son- 
dern ein voiles, klares, von BewuBtsein erfiilltes Fortleben im Geist als 
Erkenntnis zu vermitteln. Und da gibt es ein groBes Gesetz, namlich 
ein Gesetz, das besagt, wovon das Fortschreiten des BewuBtseins in 
alien kiinftigen Lebensstadien abhangt. Es tragt namlich alles dasje- 
nige zur Entwickelung des BewuBtseins bei, was der Mensch nicht 
fur sich selbst allein zur Erlangung dieses BewuBtseins leistet. Es ist 
dies scheinbar ein paradoxer Satz: Alles dasjenige tragt zur Erhaltung 
[Entwickelung ?] des BewuBtseins eines Wesens bei, was dieses Wesen 
leistet, ohne daB das Wesen es abgesehen hat auf die Entwickelung 
des eigenen BewuBtseins. 

Denken Sie sich zum Beispiel einmal, ein Baumeister baut ein Haus. 
Er baut dieses Haus nicht fur sich, sondern er stellt sich die Auf- 
gabe, dieses Haus zu bauen aus einem Grunde, der gar nichts mit ihm 
selbst zu tun hat. DaB das in den seltensten Fallen der Fall ist, wissen 
Sie. Scheinbar arbeiten sehr viele Menschen nicht fiir sich; aber in 
Wirklichkeit arbeiten sie doch fiir sich. 

Nehmen Sie einen Rechtsanwalt. Scheinbar arbeitet er fiir seine 



Klienten. Ein Teil seiner Arbeit wird selbstlos sein konnen; aber der 
eigentliche Grundnerv der Sache liegt in der Erlangung des Lebens- 
unterhaltes. Soviel namlich bei seiner ganzen Geschaftsfuhrung ledig- 
lich bestimmt ist fur seinen eigenen Lebensunterhalt, so viel wie ein 
Geschaft nur das Mittel ist zu dem Zwecke, das Leben zu erhalten, so 
viel gent unweigerlich als geistiger Gewinn verloren. Dagegen tragt 
alles dasjenige, was hineingebaut wird in die Objektivitat, was ver- 
kniipft wird mit einem anderen, dazu bei, unser BewuBtsein in der 
kiinftigen Entwickelung zu erhalten. So ist das wohl klar. 

Nehmen Sie nun die Freimaurer. In der urspriinglichen Anlage 
haben sie gerade den Leuten das eingescharft: Baut solche Gebaude, 
die gar nichts beitragen, gar nichts zu tun haben mit dem eigenen 
Unterhalt. - Dasjenige, was bis zuletzt noch geblieben ist von der 
alten guten Freimaurerei, das sind gewisse Wohltatigkeitsanstalten. 
Es zeigt sich auch jetzt - nachdem das geheime Wissen, das leben- 
dige Verwurzeltsein in der uralten Weisheit, den Logen abhanden 
gekommen ist - an den noch erhaltenen Wohlfahrtseinrichtungen 
eine wenn auch leere, so doch durch die Tradition noch vorhandene 
und weitergepflegte Humanitat. Das ist aber etwas, was zur Frei- 
maurerei gehort hat: selbstlos tatig sein! Was die Freimaurerei ur- 
spriinglich getan hat, war, da6 sie ihre Mitglieder angehalten hat, zu 
arbeiten im Dienste der Menschheit, hineinzubauen in die objektive 
Welt. 

Wir leben jetzt in derjenigen Runde, die wir die mineralische nen- 
nen konnen. Und unsere Aufgabe darin ist, diese ganze mineralische 
Welt durch und durch mit unserem eigenen Geist zu durchsetzen. 
Fassen Sie das einmal genauer. Sie bauen ein Haus. Sie nehmen die 
Bausteine von irgendeinem Steinbruch. Sie hauen sie so zu, da6 sie in 
das Haus hineinpassen und so weiter. Was verbinden Sie mit dem 
rohen Stoff, den Sie aus dem Mineralreich herausnehmen? Sie ver- 
binden den rohen Stoff mit dem menschlichen Geist. Wenn Sie eine 
Maschine bauen, so haben Sie Ihren Geist in die Maschine hineinge- 
legt. Die einzelne Maschine geht zwar zugrunde, sie wird zu Staub, 
sie wird einmal zermalmt sein. Keine Spur wird mehr davon vorhan- 
den sein. Aber das, was sie geleistet hat, geht nicht spurlos voriiber, 



sondern geht bis in die Atome hinein. Jedes Atom tragt eine Spur 
Hires Geistes und wird diese Spur forttragen. Es ist nicht gleichgiil- 
tig, ob ein Atom einmal in einer Maschine darinnen gewesen ist oder 
nicht. Dadurch, daB ein Atom in der Maschine darinnen gewesen ist, 
ist das Atom verandert worden. Und diese Veranderung, die Sie dem 
Atom dadurch beigebracht haben, geht ihm nie wieder verloren. Das 
andere ist, daB Sie dadurch, daB Sie das Atom verandert haben, Ihren 
Geist mit der mineralischen Welt verbunden haben, daB Sie dadurch 
dem allgemeinen BewuBtsein einen bleibenden Stempel aufgedriickt 
haben. Geradesoviel wird von uns mit hineingenommen in die andere 
Welt. 

Es ist also so, daB alle Geheimwissenschaft aus der Erkenntnis be- 
steht, wie man auBer sich selbst selbstlos handeln muB, um in sich 
selbst die groBte Erhohung seines BewuBtseins zu haben. Bedenken 
Sie, daB diejenigen, welche das sehr klar wuBten, so weit selbstlos wa- 
ren, daB sie dafiir gesorgt haben, daB ihr Name nicht auf die Nachwelt 
gekommen ist. Ein Beispiel dafiir ist die «Theologia deutsch». Nie- 
mand weiB, wer sie geschrieben hat. AuBen steht nur darauf: «Der 
Frankfurter. » Der sorgte also dafiir, daB auch nicht einmal sein Name 
erraten werden konnte. Er hat so gearbeitet, daB er lediglich in die 
objektive Welt etwas hineingefiigt hat, ohne selbst auf Ehre oder auf 
die Erhaltung des Namens irgendwelchen Anspruch zu erheben. Um 
dies mit etwas anderem zu vergleichen, sei erwahnt: Die Meister sind 
in der Regel nicht gerade historische Personlichkeiten, sie inkarnieren 
[inkorporisieren] sich manchmal, wenn es notwendig ist, in historische 
Personlichkeiten; aber es ist bis zu einem gewissen Grade ein Opfer. 
Der Grad ihres BewuBtseins ist nicht mehr vereinbar mit einem Wir- 
ken fur sich selbst. Und ein Wirken fiir sich selbst ist schon die Er- 
haltung des bloBen Namens. 

Diese Regel ist eine schwierig einzusehende. Aber Sie werden es 
nun begreifen, daB die Freimaurer darauf hinzielen, moglichst viel 
in der Welt so zu tun, daB ihre Taten eingegraben sind in den groBen 
Domen, in gesellschaftlichen Einrichtungen und Organisationen, oder 
daB ihre Taten da sind in Wohltatigkeitsanstalten. Denn die selbst- 
losen Taten sind die eigentlichen Begriinder der Unsterblichkeit: 



Diese ist der Reflex der selbstlosen Taten in der AuBenwelt. Es brau- 
chen keine sehr groBen Taten zu sein. Wenn jemand in selbstloser 
Weise jemandem einen Pfennig schenkt, so ist das eine Tat, die in der- 
selben Weise aufzufassen ist. Aber es kommt nur soviel in die Un- 
sterblichkeit hiniiber, als Selbstlosigkeit dabei ist. Und die wenigsten 
sind selbstlos. Wenn es einem zum Beispiel ein Wohlgefiihl ver- 
schafft, so kann das Wohltun sehr egoistisch sein. Das Wohltun ent- 
springt haufig den selbstischen Interessen. Wenn ein Armer, der unter 
uns wohnt, keinen Braten zur Weihnachtszeit hat, und ich fiihle das 
Bediirfnis, ihm auch etwas zu geben, damit ich mich bei meinem Bra- 
ten gerechtfertigt fiihle, so ist das eben egoistisch. 

Im Mittelalter konnte man von vielen Domen und Bildern nicht 
sagen, dieser oder jener hat sie gebaut oder gemalt. Erst in unserer 
Unterrasse fangt man an, einen so groBen Wert mit einem einzelnen 
menschlichen Namen zu verbinden. Die friiheren Zeiten haben einen 
geringeren Wert auf die einzelnen menschlichen Namen gelegt. Die 
Zeiten waren noch spiritueller. Und die Spiritualitat ist auf die Wirk- 
lichkeit gerichtet, wahrend unsere Zeit auf den Schein gerichtet ist, 
das unmittelbar Zeitliche erhalten wissen will. 

Damit wollte ich Ihnen nur zeigen, worauf es solchen Geheimge- 
sellschaften ankam. Es kam ihnen darauf an, sich selbst, soweit sie 
Personlichkeiten waren, vollstandig auszuschalten, und das, was sie 
taten, in der Wirkung ausleben zu lassen. Und nun werden Sie auch 
den Kernpunkt des Geheimnisses erkennen. Es handelt sich viel weni- 
ger darum, daB irgend etwas geheimgehalten wird; es handelt sich 
darum, seinen Anteil geheimzuhalten. Dadurch, daB jemand seinen 
Anteil geheimhalt, sichert er sich die Unsterblichkeit. Die Regel heiBt 
also klar und deutlich: So viel du selbst in die Welt hineinlegst, so 
viel gibt dir die Welt an BewuBtsein wieder zuriick. - Das hangt mit 
den allergroBten Weltgesetzen zusammen. 

Sie alle haben eine Seele und Sie alle haben einen Geist. Diese 
Seele und dieser Geist sind einmal zu den hochsten Vollendungsstu- 
fen berufen. Aber Sie waren auch schon da, bevor Ihr physischer 
Korper da war; ja, Sie waren da, bevor Sie in der ersten physischen 
Inkarnation vorhanden waren. In physischer Inkarnation waren Sie in 



den vorhergehenden Rassen erst zur Zeit der hyperboraischen und 
polarischen Rasse vorhanden. Vorher aber waren Sie rein seelische 
Wesen. Und als seelische Wesen waren Sie ein Teil der Weltenseele, 
und als Geist waren Sie ein Teil des allgemeinen Weltengeistes. Der 
Weltengeist und die Weltenseele waren um Sie ausgebreitet, so wie 
jetzt die Natur. So wie jetzt die Mineralwelt, die Pflanzenwelt, die 
Tierwelt um Sie herum sind, so war um Sie herum die Seelenwelt und 
die Geisteswelt ausgebreitet. Und was dazumal drauBen war, das ist 
jetzt Ihre Seele: Sie haben das, was zuerst auBerlich war, verinner- 
licht. Was heute Ihr Inneres ist, das war einmal drauBen ausgebrei- 
tet. Das ist aber jetzt Ihre innere Seele geworden. Und einmal war 
auch der Geist so ausgebreitet. Und das, was jetzt um Sie herum aus- 
gebreitet ist, das wird Ihr inneres Leben werden. Das, was heute 
Mineralreich ist, das saugen Sie auf, und es wird Ihr Inneres werden. 
Das Pflanzenreich wird Ihr Inneres werden; das saugen Sie auf. Sie 
erscheinen mit dem, was in der Natur Sic umgibt, als mit Ihrem 
Inneren. 

Nun werden Sie begreifen, wie das mit dem ersten Beispiel zu- 
sammenhangt: Sie bauen die Kirche fiir andere, nicht fiir sich selbst. 
Sie konnen eine groBe, schone und herrliche Welt aufsaugen, wenn 
Sie sie groB, schon und herrlich machen. Etwas fiir das hohere Selbst 
zu tun, ist nicht selbstisch, weil man es nicht bloB fiir sich tut. Die- 
ses hohere Selbst wird ja vereinigt sein mit alien iibrigen hoheren 
Selbsten, so daB es gleichzeitig fiir alle ist. 

Das ist es, was die Freimaurer wuBten. Der Freimaurer wuBte, 
wenn er mitbaute an der Vergeistigung der mineralischen Welt - und 
«bauen» heiBt nichts anderes als die mineralische Welt vergeistigen -, 
daB dies einstmals der Inhalt seiner Seele sein wird. Das ist das Be- 
deutsame : Gott hat uns einstmals die Natur gemacht, die uns umgibt 
als mineralische, pflanzliche und tierische Natur. Diese werden wir 
aufnehmen. Wir konnen nichts dafiir, daB sie da ist, wir konnen sie 
uns nur aneignen. Aber was wir selbst in der Welt verfertigen, das 
ist das, was durch uns selbst unser kimftiges Sein darstellen wird. 

Die mineralische Welt als solche nehmen wir wahr; was wir aus ihr 
machen, das werden wir kiinftig sein. Was wir aus der Pflanzenwelt 



machen, das werden wir kiinftig ebenfalls sein. Ebenso ist es mit der 
Tierwelt und ebenso mit der Menschenwelt. Griinden Sie eine Wohl- 
tatigkeitsanstalt oder tragen Sie etwas dazu bei, so werden Sie das, 
was Sie dazu beitragen, sein. Tut der Mensch nichts, was er auf diese 
Weise in seine Seele von auBen wieder einsaugen konnte, so bleibt 
sie leer. Daher muB in der Menschheit die Moglichkeit da sein, daB so 
viel wie nur moglich die drei Reiche oder die vier Reiche der Natur - 
denn der Mensch gehort auch dazu - durchgeistigt werden. Das ist 
die Aufgabe der Geheimgesellschaften aller Zeiten gewesen: Geist in 
alle AuBenwelt zu bringen. 

Sie begreifen, daB das so sein muB. Nehmen Sie ein Kind, das be- 
ginnt lesen und schreiben zu lernen. Die Geratschaften sind zunachst 
um das Kind ausgebreitet. Heute beginnt das Kind lesen zu lernen. 
In ihm ist noch nichts da, doch der Lehrer, die Fibel und alles son- 
stige ist da. Nun geht das so fort, bis das, was auBen war, in das Kind 
hineinkommt. Und das Kind bekommt die Fahigkeit, zu lesen. So ist 
es auch mit der Natur. Wir werden das, was in der Natur um uns her- 
um ausgebreitet ist, spater in uns haben. Wir sind Seelen, stammen 
von der Weltenseele und haben sie, als sie um uns herum ausgebrei- 
tet war, eingesogen. Der Geist ist auch so eingesogen worden, und 
die Natur wird von uns ebenso eingesaugt werden, um als wirkende 
Fahigkeit in uns zu bleiben. 

Das ist der groBe Gedanke, der den Geheimgesellschaften zugrunde 
liegt, daB alles Fortschreiten auf Involution und Evolution beruht. 
Involution ist das Einsaugen, Evolution ist das Ausgeben. Zwischen 
diesen beiden wechseln alle Weitenzustande. Jetzt atmen Sie die Natur 
ein, indem Sie sie sehen, horen, riechen, schmecken. Was Sie sehen, 
geht nicht spurlos an Ihnen voriiber. Das Auge geht zugrunde, der 
Gegenstand geht zugrunde; aber das, was Sie gesehen haben, bleibt. 
Jetzt werden Sie verstehen, daB in gewissen Zeiten es notwendig sein 
kann, daB ein Verstandnis fur solche Dinge vorhanden ist. Wir gehen 
einer Zeit entgegen, in der, wie ich neulich schon andeutete, das Ver- 
standnis bis ins Atom hinein kommen wird. Man wird begreifen - auch 
in der popularen Meinung -, daB das Atom nichts anderes ist als ge- 
ronnene Elektrizitat. Der Gedanke selbst ist aus derselben Substanz. 



Man wird in der Tat so weit kommen, noch ehe die fiinfte Unter- 
rasse zu Ende gent, da6 man imstande sein wird, bis ins Atom hinein- 
zuwirken. Wenn man nur erst die Stofflichkeit zwischen dem Gedan- 
ken und dem Atom begreifen kann, so wird man auch bald das Hin- 
einwirken ins Atom verstehen. Und nichts wird mehr fur gewisse 
Wirkungsarten verschlossen sein: Ich werde hier stehen und unbe- 
merkt auf einen Knopf, den ich in der Tasche trage, driicken kon- 
nen, um einen Gegenstand in weiter Feme, sagen wir in Hamburg, 
in die Luft zu sprengen, so wie Siejetzt schon drahtlos telegraphieren 
konnen, indem Sie hier eine Wellenbewegung hervorbringen und sie 
an einer anderen bestimmten Stelle in bestimmter Weise zum Aus- 
druck bringen konnen. Das wird in dem Momente eintreten konnen, 
wo die okkulte Wahrheit, da6 Gedanke und Atom aus derselben Sub- 
stanz bestehen, im praktischen Leben durchgefiihrt sein wird. 

Es ist unmoglich, sich auszudenken, was in einem solchen Falle 
geschehen wiirde, wenn die Menschheit dann nicht bis zur Selbst- 
losigkeit gelangt ware. Nur durch das Erringen der Selbstlosigkeit 
wird es moglich sein, die Menschheit vom Rande des Verderbens 
zuriickzuhalten. Der Untergang unserer gegenwartigen Wurzelrasse 
wird herbeigefiihrt werden durch den Mangel an Moralitat. Die lemu- 
rische Rasse ist durch Feuer zugrunde gegangen, die atlantische durch 
Wasser; unsere wird zugrunde gehen durch den Krieg aller gegen alle, 
das Bose, durch den Kampf der Menschen untereinander. Die Men- 
schen werden sich selbst im gegenseitigen Kampf vernichten. Und es 
wird das Trostlose sein - trostloser als andere Untergangsarten -, da6 
die Menschen selbst die Schuld daran tragen werden. 

Ein kleines Hauflein wird sich hiniiberretten in die sechste Wurzel- 
rasse. Dieses kleine Hauflein wird zur vollstandigen Selbstlosigkeit 
sich entwickelt haben. Die anderen werden alles Raffinement in der 
Durcharbeitung und Dienstbarmachung der physischen Naturkrafte 
anwenden, aber ohne den notigen Grad der Selbstlosigkeit erlangt zu 
haben. Sie werden den Kampf aller gegen alle inaugurieren, und das 
bildet den Grund des Untergangs unserer Wurzelrasse. 

Namentlich in der siebenten Unterrasse wird dieser Kampf aller 
gegen alle sich in der furchtbarsten Weise austoben. Starke, gewaltige 



Krafte werden ausgehen von Entdeckungen, die den ganzen Erdball 
zu einer Art selbstfunktionierendem elektrischem Apparat umgestalten 
werden. Auf eine Weise, iiber die nicht gesprochen werden kann, wird 
das kleine Hauflein geschiitzt werden. 

Jetzt werden Sie sich noch klarer vorstellen konnen, als wie es nach 
dem, was ich das letzte Mai dariiber habe aussprechen konnen, der 
Fall war, warum gesucht wird die gute Form und wieso das Frei- 
maurertum zu dem BewuBtsein kommt, einen Bau auffiihren zu miis- 
sen, der der Selbstlosigkeit entspricht. Leichter kann man sich mit 
guten alten Formen in die Zukunft hiniiberretten, hiniiberretten zu 
dem kleinen Hauflein der neuen Menschheit, als aus dem Chaos heraus. 

Man kann heute leicht spotten iiber die leeren Formen, aber sie 
haben doch eine groBe Bedeutung. Sie sind angepaBt der Struktur 
unserer Entwickelung. Zuletzt haben wir es dabei doch zu tun mit 
notwendigen Stufen in der menschlichen Natur und der seelischen 
Fortentwickelung. Bedenken Sie: Wir sind in der fiinften Unterrasse 
der fiinften Wurzelrasse; noch zwei Unterrassen der fiinften Wurzel- 
rasse haben wir durchzumachen. Dann kommen sieben Unterrassen 
der sechsten Wurzelrasse und sieben Unterrassen der siebenten Wur- 
zelrasse, die wir noch durchzumachen haben. Das gibt zusammen 
sechzehn Stufen kiinftiger Entwickelung. Diese sechzehn Stufen haben 
die Menschen noch zu durchlaufen. Derjenige, der noch etwas erfahrt 
iiber die Zustande, die da moglich sind, ist in gewissem Grade ein- 
geweiht. Die Grade entsprechen in gewisser Weise den Geheimnissen 
zukiinftiger Rassen. 

Auf unserem Globus haben Sie sieben Wurzelrassen, und jede Wur- 
zelrasse hat sieben Unterrassen. Das macht also zusammen neunund- 
vierzig Zustande. Auf dem nachsten Globus haben Sie wieder neun- 
undvierzig Zustande. So bekommen Sie fiir die Erforschung der 
Geheimnisse der nachsten Entwickelungsphasen bestimmte Stufen. 
Nichts anderes sollten die Hochgrade der Freimaurerei urspriinglich 
sein als ein Ausdruck fiir je eine kiinftige Entwickelungsstufe der 
Menschheit. Damit ist tatsachlich etwas gegeben in der Freimaurerei, 
was sehr schon gewesen ist, namlich, daB derjenige, der einen Grad 
erreicht hatte, wuBte, wie er sich hineinzustellen hat in die Zukunft, 



so daB er eine Art Pionier sein konnte. Er wuBte auch, daB der, wel- 
cher hdhere Grade hatte, mehr wirken kann. Man kann also diese Ein- 
teilung nach Graden sehr gut machen, denn sie entspricht den Tat- 
sachen. 

Wenn also in diese Formen wieder ein neuer Inhalt mit einem neuen 
Wissen hineingegossen werden konnte, so ware das sehr gut. Dann 
wiirde die Freimaurerei auch wieder durchdrungen werden von wirk- 
lichem Geist. Zum Gan2en gehort aber Inhalt und Form. Heute liegt 
die Sache aber so, wie ich gesagt habe: Die Grade sind da, aber nie- 
mand hat die Grade wirklich erlangt. Trotzdem ist es nicht unnotig, 
daB sie da sind. Sie werden kiinftig wieder belebt werden. 

Die fiinfte Unterrasse ist eine reine Verstandesrasse, eine Rasse des 
Egoismus. Wir sind jetzt auf dem Hohepunkt des Egoismus. Der Ver- 
stand ist das Egoistischste, und der Verstand ist das Grundmerkmal 
unserer Unterrasse. Wir miissen also durch den Verstand emporsteigen 
zur Spiritualitat, die friiher dagewesen ist ... [Liicke]. 

Das Geheimnis des Geheimnisses also ist, daB der Mensch sein Ego 
geheimzuhalten versteht, daB er nicht sein Ego, sondern seine Taten 
als das MaBgebende betrachtet. Sein Tun und die Uberwindung des 
Ego durch die Tat, das ist das eigentliche Geheimnis des Geheim- 
nisses. Das Ego soil geheimbleiben in der Tat. Das gehort zum ersten 
Grad: die Ausmerzung des Ego aus dem fortlaufenden Karma. Das- 
jenige, was vom Karma auf das Ego zuriickfallt, wird dadurch vom 
Karma ausgeloscht. Nation, Rasse, Geschlecht, Stand, Religionsbe- 
kenntnis, alle diese Dinge sind etwas, was arbeitet an dem mensch- 
lichen Egoismus. Erst wenn der Mensch alle diese Dinge iiberwunden 
hat, wird er egoismusfrei werden konnen. 

In dem Astralkorper konnen Sie eine ganz bestimmte Farbe nach- 
weisen fiir jede Nation, fiir jede Rasse, fiir jedes Zeitalter. Uberall 
finden Sie da eine Grundfarbe, die der Mensch als Angehoriger dieser 
Einteilung, dieser Differenzierungen hat. Diese gilt es erst abzustrei- 
fen. Die Theosophische Gesellschaft arbeitet an dem Ausgleich der 
Farben der Astralleiber ihrer Mitglieder. Sie sollen gleichfarbig wer- 
den, gleichfarbig in bezug auf diese Grundfarbe. Diese Grundfarbe 
bildet ein bestimmter Stoff ... [Liicke]. 



Um diesen Ausgleich herzustellen, dazu werden tatsachlich blutige 
Kriege gehoren, dann solche, die sich als volkswirtschaftliche Kriege 
abspielen, als Ausbeutungskriege, als Geld- und Industrieunterneh- 
mungen, als Uberwaltigungen, wobei man immer mehr und mehr im- 
stande sein wird, tatsachlich durch bestimmte Vorrichtungen Men- 
schenmassen in Bewegung zu setzen, sie einfach zu zwingen. Der Ein- 
zelne wird mehr und mehr Macht bekommen iiber bestimmte Men- 
schenmassen. Denn der Gang der Entwickelung ist nicht der, da6 wir 
demokratischer werden, sondern da6 wir brutal aristokratisch werden, 
indem der Einzelne immer mehr Macht gewinnen wird. Wenn da nicht 
die Veredlung der Sitten stattfindet, so mu6 das zu den brutalsten 
Dingen fiihren. Das wird auch kommen, so wie die Wasserkatastrophe 
fur die Atlantier gekommen ist. 



II 



UBER DEN VERLORENEN 
UND WIEDERZUERRICHTENDEN TEMPEL 
im Zusammenhang mit der 
Kreuzesholz- oder Goldenen Legende 

Erster Vortrag 
Berlin, 15. Mai 1905 



Wir werden uns heute mit einer groBen Allegorie auseinandersetzen 
und einen Gegenstand behandeln, der in den Geheimlehren gewohn- 
lich genannt wird das Bild oder die Lehre von dem verlorengegan- 
genen und wiederzuerbauenden Tempel. In friiheren Vortragen habe 
ich auseinandergesetzt, warum man in der Geheimlehre ausgeht von 
solchen Bildern; heute werden wir sehen, welche Unsumme von Vor- 
stellungen durch dieses Bild eine Abkiirzung erhalten. Ich werde da- 
bei auch ein Thema beriihren miissen, das von seiten derer, die von 
Theosophie wenig oder gar nichts wissen, sehr miBverstanden wird. 
Es gibt Leute, welche nicht verstehen, daB Theosophie und Praxis 
zusammengehoren, daB sie das ganze Leben hindurch zusammen wir- 
ken miissen. Ich werde also zu sprechen haben von den Beziehungen 
zwischen der Theosophie und der ganzen Praxis des Lebens. Denn 
im Grunde genommen miissen wir bei dem Thema von dem ver- 
lorengegangenen und wiederaufzurichtenden Tempel von der alltag- 
lichsten Arbeit mitsprechen. 

Ich werde dabei allerdings in der Lage eines Professors sein, der 
seine Schiiler fiir einen Tunnelbau vorbereiten will. Wenn man einen 
Tunnel bauen will, so ist das ja etwas eminent Praktisches. Es kann 
wohl jemand sagen, ein Tunnel ist leicht zu bauen. Da fangt man ein- 
fach an, auf der einen Seite in den Berg hineinzugraben, meiBelt das 
Loch weiter aus, bis man auf der anderen Seite wieder herauskommt. - 
DaB so etwas zu glauben eine Torheit ware, das sieht jeder ein. Nur 
auf anderen Gebieten des Lebens will man das nicht immer einsehen. 
Wer einen Tunnel bauen will, muB selbstverstandlich zunachst einmal 
die hohere Mathematik beherrschen. Dann lernt man, wie es technisch 
zu machen ist. Ohne die praktischen Ingenieurwissenschaften, ohne 
die Kunst des ganzen Nivellements, wiirde man nicht imstande sein, 



eine Richtung beim Hineinbauen in den Berg einzuhalten. Dann muB 
man die Grundbegriffe der Geologie kennen, die verschiedenen Lage- 
rungen der Gesteine, die Richtung der Wasser- und Metalladern im 
Berge und so weiter. Es ware eine Torheit zu glauben, daB man ohne 
diese Vorkenntnisse einen Tunnel zu bauen in der Lage ware und daB 
ein gewohnlicher Maurer einen ganzen Tunnel bauen konnte. 

Eine ebensolche Torheit ware es, wenn man vom Standpunkt des 
gewohnlichen Lebens aus glaubte, an den Bau der menschlichen Ge- 
sellschaft herangehen zu konnen. Diese Torheit wird aber nicht nur 
von vielen Menschen, sondern auch mit unzahligen Biichern began- 
gen. Jeder glaubt sich heute berufen, zu wissen und bestimmen zu 
konnen, wie man die soziale Ordnung, wie man den Staat am besten 
reformieren konnte. Die kaum etwas gelernt haben, schreiben ausfiihr- 
liche Biicher, wie die beste Gesellschaftsform gestaltet sein soil und 
fiihlen sich dann auch dazu berufen, Reformbewegungen ins Leben 
zu rufen. So gibt es Reformbewegungen auf alien moglichen Gebie- 
ten. Aber alles, was da gemacht wird, ist genau so, wie wenn einer 
mit Hammer und MeiBel einen Tunnel durchstechen wollte. Alles das 
kommt aus dem Nichtwissen dessen, daB es groBe Gesetze gibt, wel- 
che die Welt beherrschen und aus dem Geistesleben hervorgehen. 
Das eigentliche Malheur unserer Zeit ist dieses Nichtwissen, daB es 
fur den Bau des menschlichen Staats- und Gesellschaftsorganismus 
ebenso groBe Gesetze gibt wie fur den Tunnelbau, die man erst ken- 
nen muB, um das Notigste, das Alltaglichste im Gesellschaftsorganis- 
mus zu vollbringen. Ebenso wie man beim Tunnelbau erst das Zu- 
sammenwirken aller Naturkrafte kennen muB, so muB, wer auch nur 
daran denken will, mit Sozialreformen anzufangen, die Gesetze des 
sozialen Zusammenwirkens kennen. Er muB sich beschaftigen mit dem 
Wirken von Seele auf Seele, und herantreten an den Geist. Daher ist 
die Theosophie dasjenige, was jeder praktischen Tatigkeit im Leben 
zugrunde liegen muB. Die Theosophie ist die eigentliche Praxis des 
Lebens; und erst derjenige, der ausgeht von den theosophischen Prin- 
zipien und von da iibergeht in die Praxis des Lebens, kann sich be- 
rufen fiihlen, im sozialen Leben wirken zu konnen. 

Daher miiBte die Theosophie in alle Zweige des Lebens hinein- 



dringen. Staatsmanner, Sozialreformer und so weiter sind nichts ohne 
die theosophischen Grundlagen, ohne die theosophischen Prinzipien. 
Daher ist heute alle Arbeit auf diesem Gebiete, alles was heutzutage 
baut am sozialen Korper, auBerstes Stiickwerk, vollkommenes Chaos 
fur den, der die Dinge iiberschaut. Fur einen, der die Sache versteht, 
nimmt sich das, was die Sozialreformer heute tun, so aus, wie wenn 
einer Steine behaut, sie aufeinanderhauft und dann glaubt, daB daraus 
von selbst ein Haus wiirde. Erst muB einmal ein Plan von dem Haus 
gemacht sein. Ebenso ist es aber, wenn man behaupten wollte, daB 
sich die Dinge im sozialen Leben von selber gestalten. Man kann 
nicht die Gesellschaft reformieren, ohne die Gesetze der Theosophie 
zu kennen. 

Diese Gesinnung, welche in GemaBheit eines Planes arbeitet, nennt 
man Freimaurerei. Nichts anderes wollten die mittelalterlichen Frei- 
maurer, welche mit der Geistlichkeit verhandelten und Vertrage ab- 
schlossen, wie man zu bauen hat, nichts anderes wollten sie, als das 
auBere Leben so zu gestalten, daB es - mit dem gotischen Dom zu- 
sammen - ein Abbild des groBen geistigen Baues der Welt ist. Neh- 
men Sie den gotischen Dom. Er zeigt eine Fiille von tausend und 
abertausend Einzelheiten, ist aber gebaut nach einer Idee, die viel 
umfassender ist als der Dom an sich. Zur vollen Einheit muB das gott- 
liche Leben hineinstromen, wie das Sonnenlicht durch die farbigen 
Scheiben in den Raum dringt. Und wenn der mittelalterliche Prediger 
auf der Kanzel dann so sprach, daB Gotteslicht in die Herzen seiner 
Zuhorer eindrang, wie das Licht durch die bunten Scheiben in die 
Kirche dringt, dann standen die Schwingungen, die entstanden durch 
das Wort des Predigers, im Einklang mit dem groBen gottlichen Le- 
ben. Und im Dome selbst setzte sich fort das Leben einer solchen 
Predigt, die aus dem geistigen Leben geboren war. Ebenso sollte das 
ganze auBere Leben umgestaltet werden zum Tempel der Erde, zum 
Abbild des ganzen geistigen Baues der Welt. 

Wenn wir noch weiter zuriickgehen, dann finden wir, daB gerade 
diese Denk- und Gesinnungsweise die uralteste des Menschenge- 
schlechts ist. Ein Beispiel sei angefiihrt, um zu zeigen, wie die Ge- 
sinnung beschaffen ist, die ich meine. Unsere Zeit ist die Zeit des 



chaotischen Zusammenwirkens der Menschen. Jeder will, was er im 
Sinne hat. Dieser Zeit ging eine andere voran, die der alten Priester- 
staaten. Ich habe ofters gesprochen von den Unterrassen unserer fiinf- 
ten Wurzelrasse. Die erste war die alte indische Kultur, die zweite die 
persisch-medische, die dritte die babylonisch-assyrisch-chaldaisch- 
agyptisch-semitische, die vierte die griechisch-lateinische. Wir sind 
jetzt in der fiinften. 

Erst die vierte und fiinfte Unterrasse sind gebaut auf die Klugheit 
des Menschen, des einzelnen Menschen. Ein groBes Denkmal fur die 
Uberwindung der alten Priesterkultur durch die Klugheit des einzel- 
nen Menschen haben wir in der Kunst: in der Laokoongruppe. In 
dem Priester Laokoon, von Schlangen umwunden - die Schlangen 
als Symbol der Klugheit -, ist dargestellt, wie die Weltklugheitskultur 
iiberwindet die alte Priesterkultur, in der man andere Ansichten hatte 
von Wahrheit und Weisheit und von dem, was geschehen soil. Es war 
die Uberwindung der dritten durch die vierte Unterrasse. Noch in 
einem anderen Symbol wird das dargestellt: in der Sage vom trojani- 
schen Pferd. Die Klugheit des Odysseus hat das trojanische Pferd ge- 
baut, wodurch die trojanische Priesterkultur gestiirzt wurde. 

Das Hervorgehen des alten romischen Staates aus der uralten tro- 
janischen Priesterkultur schildert die Sage von Aneas. Dieser war einer 
der ausgezeichnetsten Verteidiger Trojas, der dann heriibergekom- 
men ist nach Italien. Dort wurde von seinen Nachkommen der Grund 
zum alten Rom gelegt. Sein Sohn Ascanius griindete Alba Longa und 
es werden nun von der Geschichte vierzehn Konige bis zu Numitor 
und Amulius aufgefiihrt. Numitor wird von seinem Bruder Amulius 
des Thrones beraubt, sein Sohn wird getotet und seine Tochter Rhea 
Silvia zu einer Priesterin der Vesta bestimmt, damit das Geschlecht des 
Numitor aussterbe. Und als Rhea Silvia die Zwillinge Romulus und 
Remus geboren, befiehlt Amulius, sie in den Tiber zu werfen. Die 
Kinder werden gerettet, von einer Wolfin gesaugt und von dem 
koniglichen Hirten Faustulus auferzogen. 

Von sieben Konigen Roms wird dann in der Geschichte gespro- 
chen: Romulus, Numa Pompilius, Tullus Hostilius, Ancus Martius, 
Tarquinius Priscus, Servius Tullius, Tarquinius Superbus. 



Diese ersten sieben Konige Roms hatte man friiher nach der Dar- 
stellung des Livius als reale einzelne Personlichkeiten angenommen. 
Heute wissen die Historiker, daB diese sieben Konige niemals existiert 
haben. Es handelt sich also um eine Sage, aber was dieser zugrunde 
hegt, davon haben die Geschichtsschreiber keine Ahnung. Die Grund- 
lage der Sage ist folgende: 

Der Priesterstaat Troja griindete eine Kolonie, die Priesterkolonie 
Alba Longa (Alba = Priestergewand). Es war eine Kolonie fiir einen 
Priesterstaat und Amulius ist dessen letzte Priesterdynastie. Von da 
gent eine jiingere Priesterkultur aus, die dann abgelost wird durch eine 
Weltklugheitskultur. Die Geschichte meldet nichts mehr von dieser 
Priesterkultur. Der Schleier, der sich iiber die Priesterkultur der ersten 
romischen Geschichte ausbreitet, wird durch die Theosophie geliiftet. 
Die sieben romischen Konige stellen nichts anderes dar als die sieben 
Prinzipien, wie wir sie aus der Theosophie kennen. So wie der mensch- 
liche Organismus aus den sieben Gliedern besteht - Sthula-Sharira, 
Linga-Sharira, Kama-Rupa, Kama-Manas, hoheres Manas, Buddhi, 
Atma -, so dachte man sich auch den gesellschaftlichen Organismus, 
wie er in der Zeit sich aufbaut, in einer siebengliedrigen Folge. Und 
nur wenn er nach dem Gesetz der Siebenzahl aufgebaut ist, die aller 
Natur zugrunde liegt, kann er gedeihen. Der Regenbogen hat auch 
sieben Farben, rot, orange, gelb, violett, grim, blau, indigo. Ebenso 
sind es sieben Tone: Prim, Sekund, Terz, Quart, Quint und so weiter 
und auch die Gewichtszahlen der Atome in der Chemie befolgen die 
RegelmaBigkeit der Siebenzahl. Und das geht durch die ganze Welt. 
Deshalb war es selbstverstandlich fiir die Hiiter der alten Weisheit, daB 
auch der Bau der menschlichen Gesellschaft nach einem solchen Gesetz 
geregelt sein miisse. Sieben Etappen, sieben Glieder, sind diese sieben 
romischen Konige nach einem ganz genauen Plan. So wurde damals auch 
nicht anders eine Geschichtsepoche inauguriert. Es wurde ein Plan 
aufgestellt, weil man das Gegenteil fiir einen Unsinn gehalten haben 
wiirde, und ein Gesetz dariiber geschrieben. Dieser Plan war anfangs 
wirklich da. Jeder wuBte es, daB die Weltgeschichte nach einem ganz 
genauen Plan gerichtet war. Ein jeder wuBte: Wenn ich im dritten 
Abschnitt der vierten Epoche bin, so habe ich mich nach dem und 



dem zu richten. - So hatte man noch im alten Rom anfangs einen 
Priesterstaat mit einem Plan als Grundidee der Kultur, der aufge- 
zeichnet war in den Biichern, die man die Sibyllinischen Biicher 
nennt. Diese sind nichts anderes als der urspriingliche Plan, welchem 
das Gesetz der siebengliedrigen Epoche zugrunde liegt, und in dem 
im Anfange des romischen Reiches noch nachgesehen wurde, wenn es 
notig war. 

Man nahm als Vorbild zum Grundbau den physischen Korper. Das 
ist nicht so vernunftlos. Heute ist man geneigt, den physischen Kor- 
per als etwas Untergeordnetes zu betrachten. Man sieht mit einer ge- 
wissen Verachtlichkeit auf das Physische herunter. Das ist aber nicht 
berechtigt, denn unser physischer Korper ist das Erhabenste an uns. 
Nehmen Sie ein einziges Stuck Knochen. Betrachten Sie nur einmal 
richtig einen Oberschenkelknochen, so konnen Sie sehen, wie wun- 
derbar er zusammengesetzt ist. Der beste Ingenieur, der groBte Tech- 
niker konnte so etwas Vollkommenes nicht herstellen, wenn ihm die- 
ses Problem gestellt wiirde, wie mit dem geringsten Materialaufwand 
die groBtmoglichste Tragfahigkeit zu erreichen ist. Und so ist der 
ganze menschliche Korper in der vollkommensten Weise zusammen- 
gesetzt. Dieser physische Korper ist wirklich das Vollkommenste, 
das man sich denken kann. Der Anatom wird auch immer mit groBter 
Bewunderung vom menschlichen Herzen sprechen, das in wunder- 
barer Weise funktioniert, obwohl der Mensch sein ganzes Leben lang 
beinahe weiter nichts tut, als Herzgifte zu sich zu nehmen. Vor allem 
Alkohol, Tee, Kaffee und so weiter iiben in unglaublicher Weise 
Attacken auf dieses Herz aus. Aber so wunderbar ist dieses Herz ge- 
bildet, da6 es bis ins hohe Alter hinein dem widerstehen kann. 

Der physische Leib, dieser niederste Korper hat also das groBte 
Ma6 an Vollkommenheit. Unvollkommener dagegen sind die hoheren 
Korper, die es in der Entwickelung der Vollkommenheit noch nicht 
so weit gebracht haben: der Atherkorper und der Astralkorper, der 
fortwahrend verstoBt gegen unseren physischen Korper durch die 
Attacken unserer Begierden, Leidenschaften und Wiinsche. Dann 
folgt als viertes das eigentliche Baby, das menschliche Ich, welches 
als irrendes Irrlicht erst von der Zukunft erwarten muB, in sich solche 



Gesetze zu bekommen, die ihm eine Richtschnur bieten, wie sie der 
physische Korper langst schon hat. 

Wenn wir nun einen sozialen Bau gliedern, so muB dasjenige da 
sein, was den Grundbau fest macht. Daher laBt die Sage Romulus, 
den ersten romischen Konig, der das erste Prinzip darstellt, als den 
Gott Quirinus in den Himmel erhoben werden. Der zweite Konig, 
Numa Pompilius, das zweite Prinzip, entspricht der gesellschaftlichen 
Ordnung; er brachte Gesetze fiir das allgemeine Leben. Der dritte 
Konig, Tullus Hostilius, entspricht den Leidenschaften. Unter ihmbe- 
ginnt das, was die Attacken gegen die gottliche Natur richtet, was 
Unfrieden, Streit, Krieg hervorruft, wodurch Rom groB wurde. Unter 
dem vierten Konig, Ancus Martius, beginnen die Kiinste, das, was 
aus Kama-Manas hervorgeht. 

Nun konnen die vier niederen Prinzipien nicht aus sich heraus die 
hoheren, das fiinfte, sechste und siebente Prinzip erzeugen. Auch das 
wird in der romischen Geschichte dargestellt. Der fiinfte romische 
Konig, Tarquinius Priscus, ist nicht aus dem romischen Gliederbau 
herausgeboren, sondern als etwas Hoheres aus der Kultur der Etrusker 
in die romische Kultur hineinversetzt. Der sechste Konig, Servius 
Tullius, entspricht dem sechsten Gliede des menschlichen Zyklus- 
gesetzes, der Buddhi. Ihm ist es moglich, Kama, das sinnlich-physi- 
sche Korrelat von Buddhi zu regeln. Er stellt den Gesetzeskanon dar. 
Der siebente Konig, Tarquinius Superbus, das erhabenste Prinzip, ist 
der, welcher fallen muB, weil es nicht moglich ist, die Erhabenheit, 
den Schwung der gesellschaftlichen Ordnung aufrechtzuerhalten. 

In der romischen Geschichte finden wir es ausgedriickt, daB dem 
Bau des Staates ebenso ein Plan zugrunde liegen muB, wie jedem 
anderen Bau in der Welt. DaB die Welt ein Tempel ist, da6 das ge- 
sellschaftliche Leben ebenso gegliedert und organisiert sein muB, auch 
Saulen haben muB wie ein Tempel und daB die groBen Weisen die 
Saulen dieses Tempels sein miissen: diese Gesinnung ist es, die die 
uralte Weisheit durchdringt. Das ist keine Weisheit, die man bloB 
lernt, sondern die man hineinbaut in die menschliche Gesellschaft. Die 
sieben Prinzipien wurden richtig gehandhabt. Nur wer das ganze Wis- 
sen, die ganze Weisheit in sich aufnimmt, kann arbeiten am Bau der 



Gesellschaft. Wir wiirden als Theosophen nur wenig leisten, wenn 
wir es nicht weiter brachten, als den Menschen zu betrachten, wie 
er sich aus diesen und jenen Gliedern zusammensetzt. Nein, erst dann 
erfiillen wir unsere Pflicht, wenn wir selbst [im Alltaglichen] ausfiihren 
die Prinzipien der Theosophie. Man muB sie handhaben, so daB jeder 
Handgriff, jede Fingerbewegung, jeder Schritt im Leben Ausdruck, 
Siegelabdruck des Geistes ist. Dann bauen wir an dem Tempel, der 
verlorengegangen ist. 

Dazu gehort aber, daB man sich bewuBt wird dessen, was ich neu- 
lich gesagt habe, wie notwendig es ist, von dem GroBen und Umfas- 
senden der Weltgesetze etwas in uns aufzunehmen. In unseren Denk- 
gewohnheiten muB leben die Weisheit, die uns von dem GroBen in 
das Einzelne fiihrt, ebenso wie auch beim Hausbau nicht schon ein 
Stein auf den anderen gesetzt wird, bevor der ganze Plan des Hauses 
fertig ist. Diese Forderung muB gestellt werden, wenn unsere Welt 
nicht ein Chaos sein soil. Wir werden als Theosophen erkennen, daB 
das Gesetz in der Welt herrschen muB, wenn wir erkennen, daB jeder 
Schritt, jede Handlung ein Siegelabdruck der geistigen Welt ist. Dann 
bauen wir an dem Tempel. Das ist die Bedeutung des Tempelbaues: 
was wir uns vornehmen zu tun, muB gesetzmaBig sein. 

Immer mehr ist der Menschheit verlorengegangen das Wissen, daB 
der Mensch sich hineinbauen soil in den groBen Weltentempel. Men- 
schen konnen heutzutage geboren werden und sterben, ohne eine 
Ahnung davon zu haben, daB sich in uns Gesetze ausleben, daB alles 
was wir tun, von den Gesetzen der Welt beherrscht wird. Unsere 
ganze gegenwartige Zeit ist eine verlorene Zeit, weil die Menschen 
nicht wissen, daB sie nach Gesetzen zu leben haben. Daher haben die 
Priesterweisen der alten Zeiten auf Mittel gesonnen, um von den gro- 
Ben Gesetzen der geistigen Welt etwas hiniiberzuretten in die neue 
Kultur. Es war sozusagen ein Kniff der groBen Weisen, daB sie die 
gesetzmaBige Ordnung in viele Zweige des Lebens hineingeheimniBt 
haben, ja sogar bis in das Spiel hinein, dessen sich die Menschen 
bedienen zu ihrer Erholung nach des Tages Last. In den Karten, in 
den Figuren des Schachspiels und in der GesetzmaBigkeit, in der man 
spielt, finden wir einen Abklatsch, wenn auch nur einen schwachen, 



von dem, was ich die gesetzmaBige Ordnung genannt habe. Wenn Sie 
sich mit jemandem zum Kartenspiel hinsetzen wollen, so wird es nicht 
gehen, wenn Sie nicht die Gesetze, die Art und Weise wie man spielt, 
kennen. Und dieses ist wirklich ein Abklatsch groBer Weltgesetze. 
Was man in der Kabbala die Sephirot nennt, was wir die sieben Prin- 
zipien in ihrer verschiedenen Gestaltung nennen, das finden Sie auch 
in der Art und Weise, wie die Karten beim Spielen aufeinandergelegt 
werden miissen. Bis in die Reize des Spiels haben die Weisen die gro- 
Ben Gesetze hineinzulegen verstanden, damit die Menschen wenig- 
stens spielend einen Abklatsch haben von der Weisheit. Fur denjeni- 
gen, der wenigstens Karten spielen kann, gehen seine gegenwartigen 
Inkarnationen nicht ganz verloren. Das sind so Geheimnisse, wie die 
groBen Weisen in die Rader der Zeitlaufe eingreifen. Sagt man den 
Menschen, daB sie sich nach den groBen Gesetzen richten sollen, so 
tun sie es nicht. Wenn man aber die Gesetze in Dinge hineinlegt, wo 
sie es gar nicht merken, so kann man manchmal noch einen Tropfen 
dieser Gesinnung in sie hineingieBen. Wenn Sie diese Gesinnung ha- 
ben, dann bekommen Sie eine Vorstellung davon, was in der groBen 
Allegorie vom verlorenen Tempel symbolisiert ist. 

In den geheimen Orden, zu denen auch der Freimaurerorden gehort, 
hat man in der Tempellegende etwas geschaffen, was mit diesem ver- 
lorengegangenen und wiederaufzurichtenden Tempel zusammen- 
hangt. Die Tempellegende ist sehr tief, aber auch die heutigen Frei- 
maurer haben gewohnlich keine Ahnung davon. Auch ein Freimaurer 
wird sich heute von der Mehrzahl der Menschen nicht groB unter- 
scheiden; auch er nimmt gewohnlich nicht sonderlich viel mit in das 
neue Leben. Aber wenn er die Tempellegende in sich leben laBt, so 
niitzt es schon viel. Denn wer die Tempellegende aufnimmt, nimmt 
etwas auf, was sein Denken in einer gewissen Weise gesetzmaBig 
formt. Und auf das gesetzmaBige Denken kommt es an. Diese Tempel- 
legende ist folgende: 

Einstmals vermahlte sich einer der Elohim mit Eva und daraus ging 
Kain hervor. Ein anderer Elohim, Adonai oder Jehova-Jahve, schuf 
darauf den Adam. Dieser vermahlte sich seinerseits wieder mit Eva 
und aus dieser Ehe ging Abel hervor. Adonai stiftete Unfrieden zwi- 



schen denen, die zur Familie des Kain, und denen, die zur Familie 
des Abel gehorten, was zur Folge hatte, daB Kain den Abel erschlug. 
Aber aus der neuen Verbindung des Adam mit Eva ging das Seth- 
Geschlecht hervor. 

So haben wir also zweierlei Menschengeschlechter. Die einen sind 
die urspriinglichen Abkommlinge des Elohim, die Kainssohne, man 
nennt sie auch die Sonne des Feuers. Sie sind diejenigen, die die Erde 
bebauen, aus der unlebendigen Erde heraus scharfen und sie umgestal- 
ten durch die Kunst der Menschen. Enoch, einer der Kainsnachkom- 
men, hat den Menschen die Kunst gelehrt, Steine zu behauen, Hauser 
zu bauen, die Gesellschaft zu organisieren, biirgerliche Gesellschaften 
zu griinden. Ein anderer der Nachkommen Kains ist Tubal-Kain, der 
die Metalle bearbeitete. Aus diesem Geschlecht stammte auch der 
Baumeister Hiram-Abiff. 

Abel war ein Viehhirte. Er hielt an dem fest, was er vorfand und 
nahm die Welt, wie sie war. Das ist immer schon der Gegensatz zwi- 
schen den Menschen. Die einen halten an der Welt fest, wie sie ist, die 
anderen wollen aus dem Unlebendigen ein neues Lebendiges durch die 
Kunst formen. Andere Volker haben den Ahnherrn dieser Sonne des 
Feuers in der Prometheussage hingestellt. Die Sonne des Feuers sind 
es, welche aus den umfassenden Weltgedanken heraus Weisheit, 
Schonheit und Giite in die Welt hineinbauen sollen, um die Welt zum 
Tempel zu gestalten. 

Der Konig Salomo war ein Abkommling aus dem Geschlechte des 
Abel. Er konnte selbst den Tempel nicht bauen; ihm fehlte die Kunst. 
Deshalb berief er den Baumeister Hiram-Abiff, den Abkommling aus 
dem Geschlechte des Kain. Salomo war von gottlicher Schonheit. Und 
als die Konigin von Saba zu ihm kam, glaubte sie ein Bild von Gold 
und Elfenbein zu sehen. Sie kam, um sich mit ihm zu vermahlen. 

Jehova nennt man auch den Gott der Form, den Gott, der das 
Lebendige zur lebendigen Macht geschaffen hat im Gegensatz zu dem 
anderen Elohim, der schafft, um aus Leblosem das Lebendige hervor- 
zuzaubern. Wem gehort die Zukunft? - das ist die groBe Frage der 
Tempellegende. Wiirden sich die Menschen nach der Jehova-Religion 
entwickeln, so wiirde alles Leben in der Form ersterben. Man nennt 



das in der okkulten Wissenschaft den Ubergang in die achte Sphare. 
Jetzt aber ist der Zeitpunkt gekommen, daB der Mensch selbst das 
Tote zum Leben erwecken muB. Das geschieht durch die Kainssohne, 
durch diejenigen, welche sich nicht auf das verlassen, was vorhanden 
ist, sondern selbst in Formen schaffen. Die Kainssohne formen selbst 
am Bau der Welt. 

Als die Konigin von Saba den Tempel sieht und fragt, wer der 
Baumeister sei, sagt man ihr, es sei Hiram. Und als sie inn dann sieht, 
erscheint er ihr sogleich als derjenige, der eigentlich fiir sie bestimmt 
ist. Nun wird Konig Salomo eifersiichtig; ja, er verbindet sich mit 
drei Gesellen, welche unfahig waren, Meister zu werden, um das 
groBte Meisterwerk Hirams, das «Eherne Meer», zu vereiteln. Ein 
GuB sollte dieses, sein groBtes Meisterwerk hervorbringen. Mensch- 
licher Geist sollte sich mit dem Metall verbinden. Von den drei Ge- 
sellen war der eine ein syrischer Bauhandwerker, der zweite ein 
phonizischer Zimmermann und der dritte ein hebraischer Gruben- 
arbeiter. Die Verschworung gelingt: sie machten den GuB zunichte, 
indem sie Wasser zugossen. Es spriihte alles auseinander. Aus Ver- 
zweiflung will sich nun der Baumeister selbst in die Glut des Feuers 
stiirzen. Da horte er eine Stimme aus dem Mittelpunkt der Erde. Sie 
kam von Kain selbst, der ihm zurief: hier habe er den Hammer der 
gottlichen Weltenweisheit, mit dem konne das Ganze wieder herge- 
stellt werden. Und Kain gab ihm den Hammer. - Der Geist des Men- 
schen ist dasjenige, was der Mensch hineinbaut in den Astralkorper, 
wenn er ihn nicht so behalt, wie er ihn erhalten hat. - Diesen Bau 
soil Hiram jetzt aufrichten. Es wird ihm aber nach dem Leben ge- 
trachtet. Das wollen wir das nachste Mai weiter ausfiihren. 

Bis hierher wollte ich die Legende fiihren, um zu zeigen, wie in 
den urspriinglichen okkulten Bruderschaften der Gedanke lebte, daB 
der Mensch eine Aufgabe hat; die Aufgabe, die leblose Welt aufzu- 
bauen und sich nicht zu begniigen mit dem, was schon da ist. Weis- 
heit ist dadurch, daB sie in die leblose Welt einfloB, zur Tat geworden, 
damit die Welt ein Abglanz der urewigen Geistigkeit sei. 

Weisheit, Schonheit, Starke sind die drei Grundworte aller Frei- 
maurerei. Die auBere Welt so umzugestalten, daB sie ein Kleid des 



Geistigen ist, das ist die Aufgabe. Das verstehen heute selbst die 
Maurer nicht mehr und glauben, daB der Mensch an seinem eigenen 
Ich arbeiten solle. Sie halten sich fur besonders klug, wenn sie sagen, 
im Mittelalter waren nicht die Werkmaurer die freien Maurer ge- 
wesen. Aber gerade die Werkmaurer waren es immer gewesen, denn 
das auBere Bauwerk sollte ein Abbild des Geistigen werden, des Tem- 
pels der Welt, der aus der intuitiven Weisheit aufgebaut werden soil. 
Dieser Gedanke wurde friiher den groBen Bauwerken zugrunde ge- 
legt und bis in die Einzelheiten hinein verfolgt. 

An einem Beispiel will ich Ihnen die Uberlegenheit der Weisheit 
iiber den Verstand zeigen. Nehmen wir einen alten gotischen Dom und 
beachten wir die wunderbare Akustik. Heute kann man sie nicht mehr 
nachmachen, weil jenes tiefe Wissen dariiber verlorengegangen ist. 

Der beriihmte Morissee in Agypten ist ebenso ein Wunderwerk des 
menschlichen Geistes gewesen. Er war nicht ein natiirlicher See, son- 
dern kiinstlich angelegt nach den Intuitionen der Weisen, damit das 
Wasser, wenn es reichlich floB, aufgespeichert und bei Wassermangel 
ins ganze Land gesendet werden konnte. Das war ein Wunderwerk 
der Kanalisation. 

Wenn der Mensch so nach derselben Weisheit schaffen wird, wie die 
gottlichen Krafte die Natur geschaffen haben, als sie das Physische in 
weiser Art aufbauten, dann wird der Tempel aufgebaut. Nicht dar- 
auf kommt es an, wieviel wir im einzelnen aus unserer Weisheit her- 
aus zu schaffen vermogen, sondern die Gesinnung miissen wir nur 
haben, die weiB, daB nur aus der Weisheit der Tempel der Mensch- 
heit aufgebaut werden kann. 

Wenn wir heute so durch die Stadte gehen, dann ist dort ein Schuh- 
laden, daneben eine Apotheke, neben dieser eine Kasehandlung und 
neben der Kasehandlung ein Geschaft mit Spazierstocken. Wenn wir 
uns nicht just etwas kaufen wollen, was geht uns dann das an? - Wie 
wenig setzt das auBere Leben einer solchen Stadt fort, was wir fiihlen, 
denken und empfinden! Wie ganz anders war dies im Mittelalter. 
Wenn da der Mensch durch die StraBen ging, sah er die Fassaden der 
Hauser im Stile der Gesinnung und dem Charakter der Bewohner 
gebaut. Jedes TiirschloB driickte aus, was der Mensch, seinem Geiste 



entsprechend, in Liebe geformt hatte. Gehen Sie zum Beispiel durch 
eine Stadt wie Niirnberg: da finden Sie noch den Grundstock dessen, 
wie es damals war, und dann nehmen Sie im Gegensatz dazu die 
moderne Abstraktion, die den Menschen nichts mehr angeht. Das ist 
die materialistische Zeit und ihr chaotisches Schaffen, zu der man all- 
mahlich aus einer friiheren spiritualistischen Zeit iiberging. 

Der Mensch ist herausgeboren aus einer Natur, an der einst die 
Gotter geformt haben, so daB alles sich in den groBen Weltenbau, 
in den groBen Tempel, hineinfiigte. Es gab einst eine Zeit, in der 
Sie kein Stuck auf dieser Erde hatten ansehen konnen, ohne sich 
sagen zu miissen: Gottliche Wesenheiten haben diesen Tempel gebaut 
bis zu der Stufe, da der physische Korper des Menschen zu Ende ge- 
baut war. Dann nahmen die hoheren Prinzipien (die psychischen 
Krafte) von ihm Besitz und dadurch kam die Unordnung, das Chaos 
in die Welt hinein. Wiinsche, Begierden, Leidenschaften haben Un- 
ordnung in den Tempel der Welt hineingebracht. Erst wenn aus des 
Menschen Willen heraus wieder GesetzmaBigkeit sprechen wird, in 
einer hoheren und schoneren Weise wie einstmals die Gotter an der 
Natur geschaffen haben, erst wenn der Mensch den Gott in sich 
selbst erstehen lassen wird, so daB er wie ein Gott an dem Tempel 
bauen kann, dann wird er den verlorengegangenen Tempel wieder- 
gewinnen. 

Wenn wir denken wiirden, daB nur die bauen sollten, die bauen 
konnen, so ware das nicht richtig. Nein, auf die Gesinnung kommt 
es an, selbst wenn man sehr viel weiB. Hat man aber die Gesinnung, 
in dieser Richtung zu denken, und geht dann an soziale, an technische 
und juristische Reformen, dann baut man an dem verlorengegangenen 
und wiederzuerrichtenden Tempel. Fangt man aber Reformen, und 
mogen sie noch so gut gemeint sein, ohne diese Gesinnung an, so 
richtet man nur weiteres Chaos an. Denn der einzelne Stein ist nichts 
niitze, wenn er nicht in den ganzen Plan hineinpaBt. Reformieren Sie 
an der Justiz, der Religion oder sonst etwas, solange man nur das 
Einzelne sieht ohne die Gesinnung zum Ganzen zu haben, ist es nur 
ein NiederreiBen. 

Deshalb ist die Theosophie nicht nur Theorie, sondern Praxis, das 



Allerpraktischste in der Welt. Zu glauben, daB die Theosophen Ein- 
siedler seien, die nicht an der Welt bauen, ist ein Irrtum. Konnten 
wir es dazu bringen, daB die Menschen an Sozialreformen auf theo- 
sophischer Grundlage herangehen, so wiirden viele rascher und siche- 
rer alles das erreichen, was sie wollen. Denn ohne daB etwas gegen 
die Einzelbewegungen gesagt werden soil, im einzelnen getrieben fiih- 
ren sie doch zu nichts anderem als zu Fanatismus. Alle einzelnen Re- 
formbestrebungen - Friedensapostel, Abstinenzler, Vegetarier, Tier- 
schiitzler und so weiter - niitzen erst, wenn sie alle zusammengehen. 
Ihr Ideal konnen sie eigentlich nur in einer groBen allgemeinen Be- 
wegung haben, die in der Vereinigung zu dem Alltempel fiihrt. 

Dies ist die Idee, die der Allegorie vom verlorenen und wieder- 
zuerrichtenden Tempel zugrunde liegt. 



Notizen aus der Fragenbeantwortung 

Frage: Wie war das mit den Kainssohnen und Abelsohnen? 

Antwort: Die Kainssohne sind die unreiferen; die Abelsohne sind 
die iiberreifen. Die Abelsohne wenden sich zu den hoheren Spharen, 
wenn sie diese Inkarnationen hinter sich haben. Die Abelsohne sind 
die Solarpitris; die Kainssohne sind die reifsten Mondpitris. 

Frage: Warum haben sich so viele mystische und maurerische Vereinigungen ge- 
bildet? 

Antwort: Alle hohere Arbeit ist nur in einer Vereinigung zu leisten. 
Die Tafelrunde des Artus hat in der Regel zwolf umfaBt. 

Frage: Kennen Sie das Werk von Albert Schaffle? 

Antwort: Albert Schaffte hat ein Werk iiber Soziologie geschrieben, 
und die Darstellung, die er gibt, ist viel freimaurerischer, als das, 
was aus den Freimaurerlogen hervorgeht. 



UBER DEN VERLORENEN 
UND WIEDERZUERRICHTENDEN TEMPEL 
im Zusammenhang mit der 
Kreuzesholz- oder Goldenen Legende 

Zweiter Vortrag 
Berlin, 22. Mai 1905 

Noch einige Betrachtungen iiber den verlorengegangenen Tempel. 
Als das groBte Symbol haben wir den Salomonischen Tempel anzu- 
sehen. Es handelt sich zunachst einmal darum, dieses Sinnbild zu ver- 
stehen. Aus der Bibel kennen Sie ja den Hergang, wie er entstanden 
ist. Wir haben es dabei nicht mit bloBen Sinnbildern zu tun, sondern 
tatsachlich mit auBeren Wahrheiten, in denen aber zugleich eine tiefe 
weltgeschichtliche Symbolik zum Ausdruck kommt. Und diejenigen, 
die den Tempel bauten, waren sich bewuBt, was sie dabei zum Aus- 
drucke bringen wollten. 

Warum der Tempel gebaut wurde, wollen wir uns vor Augen fiih- 
ren. Und Sie werden sehen, daB jedes Wort, das die Bibel dariiber 
bringt, ein tief bedeutsames Sinnbild ist. Sie miissen dabei nur daran 
denken, in welcher Zeit der Bau stattgefunden hat. Halten wir uns 
vor allem das biblische Wort vor Augen, was der Tempel sein soil. 
Jahve richtet an David das Wort: «Ein Haus fur meinen Namen.» - 
Also ein Haus fur den Namen «Jahve». Und nun machen wir uns klar, 
was der Name «Jahve» bedeutet. 

Das alte Judentum ist sich zu einer gewissen Zeit iiber das Heilige 
des Namens «Jahve» klargeworden. Was heiBt das? Das Kind lernt in 
einer bestimmten Zeit seines Lebens das Wort «Ich» gebrauchen. 
Vorher betrachtet es sich als eine Sache. So wie es andere Sachen 
benennt, so benennt es auch sich selbst mit einem objektiven Namen. 
Erst spater lernt es das Wort «Ich» gebrauchen. Fur groBe Geister ist 
der Augenblick, in dem sie zum ersten Mai im Leben das «Ich» in 
sich erfahren, sich zum ersten Mai dessen bewuBt werden, etwas Be- 
deutungsvolles. Jean Paul erzahlt dieses Geschehnis von sich. Er stand 
als kleiner Knabe einmal an einer Scheune im Hofe; da erlebte er 
zum ersten Mai sein Ich. Und so klar und feierlich war ihm dieser 



Augenblick, daB er davon sagt: «Wie in das verhangene Allerheilig- 
ste habe ich da in mein Innerstes hineingeblickt.» 

Die Menschen haben sich durch viele Rassen hindurch entwickelt 
und haben sich bis zur atlantischen Zeit alle so objektiv aufgefaBt; 
erst wahrend der atlantischen Rasse entwickelte sich der Mensch da- 
hin, daB er zu sich «Ich» sagen konnte. Die alten Juden haben das 
in eine Lehre gefaBt. 

Der Mensch ist durch die Reiche der Natur hindurchgegangen. 
Das Ich-BewuBtsein ging zuletzt in ihm auf. Astral-, Ather- und phy- 
sischer Leib und das Ich bilden zusammen das pythagoraische Qua- 
drat. Und das Judentum fiigte zu diesem das gottliche Selbst hinzu, 
das von oben herunter zu uns kommt, im Gegensatz zu dem Ich von 
unten. So war aus dem Viereck ein Fiinfeck entstanden. So empfand 
das Judentum den Herrn seines Volkes, und etwas Heiliges war es 
daher, den «Namen» auszusprechen. Wahrend andere Namen, wie 
zum Beispiel Elohim oder Adonai mehr und mehr popular wurden, 
durfte nur der gesalbte Priester im Allerheiligsten den Namen «Jahve» 
aussprechen. Zur Zeit Salomos war es, daB das alte Judentum zur 
Heiligkeit des Jahve-Namens kam, zu diesem «Ich», das im Menschen 
wohnen kann. Die Aufforderung Jahves an die Menschen miissen 
wir als eine solche nehmen, die den Menschen selbst zu einem Tem- 
pel des heiligen Gottes gemacht wissen wollte. Jetzt haben wir eine 
neue Auffassung von der Gottheit erhalten, die namlich: den Gott, 
der in der Brust des Menschen, im tiefsten Heiligtum des mensch- 
lichen Selbst verborgen ist, zum moralischen Gott zu machen. Der 
menschliche Leib wurde so zu einem groBen Sinnbild fiir das Aller- 
heiligste. 

Und nun sollte ein auBeres Sinnbild errichtet werden, weil der 
Mensch ein Haus Gottes ist. Ein Symbol, die Versinnbildlichung des 
eigenen menschlichen Leibes, sollte der Tempel sein. Daher wurden 
die Bauleute gerufen - Hiram-Abiff -, die die weltlichen Kiinste ver- 
standen haben, die den Menschen selbst zu einem Gott umgestalten 
konnten. Zwei Bilder in der Bibel sind damit verbunden: das eine 
ist die Arche Noah, das andere der Salomonische Tempel. Beide sind 
in einer Weise dasselbe und doch wieder grundverschieden. 



Die Arche Noah ist erbaut worden, damit sich der Mensch hiniiber- 
retten konnte in den jetzigen Zustand seines Daseins. Vor Noah 
lebte der Mensch in der atlantischen und lemurischen Zeit. Da hatte 
er noch nicht das Schiff gebaut, mit dem er iiber die Wasser des 
Astralen in das irdische Dasein kommen konnte. Von den Wassern 
des Astralen ist der Mensch gekommen, die Arche Noah tragt ihn 
hiniiber. Die Arche stellt das Gebaude dar, welches die unbewuBten 
gottlichen Krafte gebaut hatten. Es gibt Abmessungen, wonach die 
MaBe der Arche ubereinstimmen mit den MaBen des menschlichen 
Korpers und mit den MaBen des Salomonischen Tempels auch 
wieder. 

Aus der Arche Noah ist der Mensch hinausgewachsen, und nun 
soil er selbst das hohere Ich mit einem Haus umgeben, das durch 
seinen Geist, durch seine Weisheit, durch salomonische Weisheit 
geschaffen worden ist. 

Wir treten ein in den Salomonischen Tempel. Das Tor ist schon 
charakteristisch. Das Viereck gait als ein altes Symbol. Der Mensch 
ist nun heute aus dem Zustand der Vierheit in den der Fiinfheit ge- 
treten als der fiinfgliedrige Mensch, der sich seines hoheren Selbstes 
bewuBt wird. Der innere gottliche Tempel ist so geformt, daB er den 
fiinfgliedrigen Menschen umschlieBt. Das Quadrat ist heilig. Das Tor, 
die Bedachung und die Seitenpfosten geben zusammen ein Fiinfeck. 
Wenn der Mensch erwacht aus der Vierheit, das ist, wenn er in das 
Innere hineingeht - das Innere ist das Wichtigste des Tempels -, da 
sieht man eine Art Altar; wir erblicken zwei Cherubim, welche wie 
zwei schiitzende Geister iiber der Bundeslade, dem Allerheiligsten, 
schweben; denn das fiinfte Prinzip, welches noch nicht herunterge- 
stiegen ist, soil von den beiden hoheren Wesenheiten - Buddhi und 
Atma - in Schutz genommen werden. Das ist der Eintritt in die 
manasische Entwickelung des Menschen. 

Das ganze Innere ist mit Gold ausgekleidet, weil das Gold von 
jeher das Symbol der Weisheit ist. Nun tritt die Weisheit in das mana- 
sische Stadium. Palmblatter finden wir als das Friedenssymbol. Das 
stellt eine gewisse Epoche des Menschen dar und ist hier als etwas 
hingestellt, was erst spater, im Christentum, zum Ausdruck gekom- 



men ist. Jetzt hatten es die Tempelleiter in sich bewahrt und auf 
diese Art etwas fiir spater Beschlossenes hier ausgedriickt. 

Spater, im Mittelalter, lebte die Idee des Salomonischen Tempels 
von neuem in den Tempelrittern auf, die den Gedanken des Tem- 
pels hiniibertragen wollten in das Abendland. Aber man hat die Tem- 
pelritter damals nicht verstanden. (Gegen Jacob von Molay, GroB- 
meister.) Wenn wir die Tempelritter verstehen wollen, miissen wir tief 
in die Geschichte der Menschheit hineinschauen. Was man in den 
ProzeBakten den Templern vorgeworfen hat, beruht nur auf einem 
groBen MiBverstandnis. Die Tempelritter sagten damals: Alles, was 
wir bisher erlebt haben, ist eine Vorbereitung zu dem, was der Er- 
loser gewollt hat. Denn sie sagten: Es gibt eine Zukunft des Chri- 
stentums, eine neue Aufgabe. Und wir haben die Aufgabe, die ver- 
schiedenen Sekten des Mittelalters und die Menschen iiberhaupt auf 
jenes Zukiinftige vorzubereiten, wo das Christentum in einer neuen 
Klarheit erstehen wird, in dem, was der Erloser eigentlich gewollt 
hat. Wir haben das Christentum in der vierten Unterrasse aufgehen 
sehen, in der fiinften wird es sich weiterentwickeln, aber in der 
sechsten soil es erst die wiederauferstandene Glorie feiern. Das haben 
wir vorzubereiten. Wir miissen die Seelen der Menschen so lenken, 
daB ein echtes, wahres, reines Christentum zum Ausdruck kommt, in 
dem der Name des Hochsten seinen Wohnsitz hat. 

Jerusalem sollte der Mittelpunkt werden und von dort aus das Ge- 
heimnis iiber das Verhaltnis des Menschen zu Christus in alle Welt 
stromen. Was als Symbol in dem Tempel dargestellt war, sollte eine 
lebendige Wirklichkeit werden. Von den Templern wurde gesagt, 
und man machte es ihnen zum Vorwurf, daB sie einen gewissen Ster- 
nendienst, ebenso einen Sonnendienst errichtet hatten. Dahinter aber 
liegt ein groBes Mysterium. Das MeBopfer war friiher nichts anderes 
als ein groBes Mysterium. Die Messe zerfiel in zwei Teile, in die so- 
genannte kleine Messe, an der alle teilnehmen durften, und war diese 
zu Ende, und die breite Masse hatte sich entfernt, so erfolgte die 
groBe Messe, die nur fiir diejenigen bestimmt war, die die okkulte 
Schulung durchmachen wollten, die den «Pfad» betreten wollten. In 
dieser groBen Messe vollzog sich zuerst die Abbetung des Apostoli- 



kums; dann wurde gezeigt die Entwicklung des Christentums in der 
ganzen Welt, und wie das Christentum mit dem groBen Gang der 
Weltentwickelung zusammenhangt. 

Die Tatsachen der Erde waren nicht immer die gleichen wie heute, 
sondern unsere Erde war einstmals verbunden mit der Sonne und mit 
dem Monde. Die Sonne hat sich gleichsam abgespalten und unsere 
Erde dann von auBen beschienen; dann hat der Mond sich abgespal- 
ten. So war die Erde friiher eine ganz andere Art von Wohnplatz 
fur den Menschen. Damals war der Mensch physisch noch ganz anders. 
Das ganze Leben des Menschen auf der Erde wurde aber anders, als 
Sonne und Mond sich von der Erde trennten. Da gab es erst Geburt 
und Tod; da trat erst die Reinkarnation auf; da erst stieg die mensch- 
liche Ichheit, die Individuality, in den physischen Korper hinab und 
reinkarnierte sich in fortlaufender Folge. Das wird einst wieder auf- 
horen. Die Erde wird sich wieder mit der Sonne verbinden, und 
dann wird der Mensch seine weitere Entwicklung auf der Sonne ver- 
leben konnen. Wir haben so eine gewisse Stufenleiter, wie der Mensch 
mit der Sonne zusammengeht. Solche Dinge hangen mit dem Fort- 
schreiten der Sonne iiber das Himmelsgewolbe zusammen. 

Nun wird in der Welt alles, was geschieht, in den folgenden Sta- 
dien noch einmal kurz wiederholt. Alles hat sich wiederholt, auch die 
Entwicklung der Globen in der ersten, zweiten und dritten Wurzel- 
rasse. Dann ereignete sich, da6 der Mensch in die Inkarnation stieg. 
Von der zweiten zur dritten Wurzelrasse hat sich die Sonne abge- 
spalten, in der dritten der Mond. Nun entwickelt sich die Erde von 
der dritten bis zur sechsten Wurzelrasse, wo dann die Sonne wieder 
mit der Erde verbunden sein wird. Dann wird eine neue Epoche be- 
ginnen, wo der Mensch auf einer viel hoheren Stufe angelangt sein 
und sich nicht mehr inkarnieren wird. 

Als Religion kam diese Lehre iiber den Gang der Entwickelung 
in die Welt hinaus in Gestalt der Geschichte von der Arche Noah. 
Was in der Zukunft geschehen soil, wurde in der Lehre vorausge- 
nommen. Die Vereinigung der Sonne mit der Erde ist vorausver- 
kiindet in der Erscheinung des Christus auf der Erde. Mit solchen 
Lehren und so weiter ist es immer so: einige Zeit lang ist das, was 



geschieht, eine Wiederholung des Vergangenen. Dann beginnt die 
Lehre eine Vorverkiindigung fiir die Zukunft zu sein. Die einzelnen 
Unterrassen hangen nun mit Bezug auf die Entwicklung der BewuBt- 
seinsstufen der Volker zusammen mit dem Gang der Sonne am Him- 
melsgewolbe. Wenn Sie sich ein Stuck des Tierkreises aufzeichnen, 
so bekommen Sie ein Bild fiir den Gang der Sonne iiber das Himmels- 
gewolbe. 

Sie wissen, daB die Zeit, in welcher die dritte Unterrasse von der 
vierten abgelost wurde, mit dem Zeichen des Widders oder des Lam- 
mes zusammengebracht wird. Das assyrisch-babylonische Zeitalter 
faBte das fiir seine Zeit Bemerkenswerte in dem Stierzeichen zusam- 
men, das vorhergegangene persische Zeitalter wird markiert vom 
Sternbild der Zwillinge. Und wiirden wir noch weiter zuriickgehen, 
so wiirden wir in der Zeit der Sanskritkultur zum Krebs kommen. 
Diese Zeit, in welcher die Sonne am Tage des Friihlingsanfanges im 
Krebs aufging, wurde eine Umkehrzeit der Menschheit. Atlantis war 
versunken und die erste Unterrasse der fiinften Wurzelrasse aufge- 
gangen. Diese Umkehr wurde mit dem Krebs bezeichnet. Das nachste 
Zeitalter beginnt dann, als die Sonne in den Zwillingen aufgeht. Der 
weitere Gang der Geschichte fiihrt uns in die vorderasiatisch-agyp- 
tische Kultur, als die Sonne im Stier aufgeht. Und als die Sonne noch 
weiter vorriickt, beginnt die vierte Unterrasse, die die griechische 
Sage mit dem Widder, mit dem Lamm in Zusammenhang bringt. 
(Die Jasonsage vom Heriiberholen des Widderfelles.) Auch noch in 
den ersten Zeiten des Christentums wurde der Heiland selbst als 
Lamm dargestellt. Er nennt sich selbst das Lamm. 

Wir haben die Zeit der ersten bis vierten Unterrasse verfolgt. Die 
Sonne schritt am Himmel vor, und jetzt, wo wir selbst an einem 
kritischen Punkt sind, treten wir in das Zeichen der Fische ein. Dann 
wird die Zeit kommen, in der Zeit der sechsten Unterrasse, wo die 
Menschen innerlich so gereinigt sein werden, da6 sie selbst fiir das 
Gottliche ein Tempel sein werden. Dann wird die Sonne in das Zei- 
chen des Wassermanns treten. So geht die Sonne, die eigentlich nur 
der auBere Ausdruck unseres eigenen geistigen Lebens ist, ihren 
Gang am Himmelsgewolbe. Wenn die Sonne im Friihlingsanfang im 



Wassermann aufgehen wird, dann wird sie erst in ihrer vollen Klar- 
heit verstanden werden. 

So verlief die groBe Messe, bei der die Uneingeweihten entfernt 
worden waren. Denen, die geblieben waren, legte man dar, daB das 
Christentum, das als Saat angefangen hat, in der Zukunft noch etwas 
ganz anderes als Frucht bringen soil und daB mit dem «Wassermann» 
Johannes gemeint war, der wie ein Senfkorn das Christentum als 
Saat ausstreute. Aquarius oder Wassermann heiBt dasselbe wie Jo- 
hannes, der mit Wasser taufte, um die Menschen vorzubereiten, daB 
sie die Feuertaufe des Christus empfangen konnen. DaB ein Johan- 
nes-Aquarius » kommen wird, der den alten Johannes erst zur Wahr- 
heit machen und einen Christus verkiinden wird, der den Tempel 
wiedererneuert, wenn der groBe Zeitpunkt gekommen sein wird, wo 
der Christus neuerdings zur Menschheit sprechen wird, diesen Zeit- 
punkt dann zu verstehen, das wurde in den Tiefen der Mysterien der 
Templer gelehrt. 

Und weiter sagten die Templer: Jetzt sind wir an einem Zeitpunkt, 
wo die Menschen noch nicht reif sind, die groBe Lehre zu verstehen, 
noch miissen wir sie auf den Taufer Johannes vorbereiten, der mit 
Wasser tauft. - Das Kreuz wurde vor den hingestellt, der Templer 
werden wollte, und ihm wurde gesagt: Du sollst dieses Kreuz jetzt 
verleugnen, um es spater zu verstehen, erst ein Petrus werden, erst 
wie Petrus, der Fels, der den Herrn verleugnet hat, die Lehre ver- 
leugnen. Das wurde als eine Vorschule dem zukiinftigen Templer bei- 
gebracht. Fassen wir einmal dieses Lernen des Petrus-Stadiums ins 
Auge. 

Man versteht so wenig in den weiteren Kreisen von dem allem, 
daB man selbst die Buchstaben am Kreuz nicht in der richtigen Weise 
zu deuten imstande ist. Plato spricht davon, daB die Weltenseele an 
das Kreuz des Weltenleibes gekreuzigt sei. Das Kreuz symbolisierte 
die vier Elemente. Das Pflanzen-, Tier- und Menschenreich sind mit 
den vier Elementen aufgebaut. Am Kreuze steht: Jam = das 
Wasser = Jakobus; Nour = das Feuer, das sich auf Christus selbst be- 
zieht; Ruach = die Luft, Symbol fiir Johannes; und das vierte Jabe- 
schah = Erde, Fels, fiir Petrus. 



J 

Jabeschah Petrus : Erde 



N 

Nour 
Jesus: Feuer 



R 

Ruach 
Johannes: Luft 



j 



Jam Jakobus: Wasser 



Am Kreuze steht also dasselbe, was in den Namen der [drei] Apostel 
ausgedriickt ist, wahrend mit dem einen Namen «J.N.R.J.» Christus 
selbst gemeint ist. «Erde» ist das, wohin zunachst das Christentum 
selbst gebracht werden sollte, zu jenem Tempel, wohin sich der 
Mensch selbst gebracht hat, um fiir das Hohere eine Umhiillung zu 
sein. Aber dieser Tempel ... [Liicke im Text, siehe Hinweise]. 

Zweimal «kraht der Hahn», der das Symbol fiir des Menschen 
niederes und auch fiir sein hoheres Ich ist. Das erste Mai «kraht der 
Hahn», wenn der Mensch heruntersteigt und sich im Stofflichen 
materialisiert; das zweite Mai, wenn er wieder heraufsteigt, wenn er 
den Christus verstehen gelernt hat, wenn der Wassermann erschienen 
ist. Das wird in der sechsten Unterrasse sein. Dann wird der Mensch 
im Geiste begreifen, was er werden soil. Das Ich wird dann eine ge- 
wisse Stufe iiberschritten haben, wenn im hochsten Sinne das verwirk- 
licht ist, was der Salomonische Tempel darstellt, wenn der Mensch 
selbst ein Tempel fiir «Jahve» ist. 

Vorher aber hat der Mensch noch drei Stadien der Lauterung durch- 
zumachen. Das Ich ist in einer dreifachen Umhiillung: erstens im 
Astralkorper, zweitens im Atherkorper, drittens im physischen Kor- 
per. 



Indem wir im Astralkorper sind, haben wir zum ersten Mai das 
gottliche Ich verleugnet, beim Atherkorper zum zweiten Mai, und das 
dritte Mai beim physischen Korper. Der erste Hahnenschrei ist die 
dreifache Verleugnung durch die dreifache Umhiillung des Menschen. 
Und wenn er dann durch die drei Korper hindurchgegangen ist, 
w r enn das Ich seine groBte sinnbildliche Verwirklichung in Christus 
gefunden hat, dann ruft der Hahn zum zweiten Mai. 

Dieses Sich-Hinaufringen zum eigentlichen Verstandnis des Chri- 
stus - erst das Petrus-Stadium durchmachen -, diese tiefen Ideen 
konnte keiner der Templer, die damals gefoltert wurden, den Rich- 
tern klarmachen. 

Die Templer kamen also zuerst dahin, als wenn sie das Kreuz ab- 
geschworen hatten. Nachdem dem Templer dies alles dargestellt wor- 
den war, zeigte man ihm eine symbolische Gestalt des gottlichen 
Wesens in einer ehrwiirdigen Mannesgestalt mit einem groBen Barte. 
(Symbol des Vaters.) Wenn die Menschen sich hinaufentwickelt und 
eigene Fiihrer in den Meistern erhalten haben werden, wenn diejeni- 
gen da sein werden, die die Menschen fiihren konnen, dann wird vor 
den Menschen als das Wort des fiihrenden Vaters, der Meister ste- 
hen, der die Menschen zum Begreifen des Christus hinfiihrt. 

Und dann wurde den Templern gesagt: wenn sie dies verstanden 
haben, dann sind sie reif, an dem groBen Tempel der Welt mitzu- 
bauen. Sie miissen mitwirken daran, alles so einzurichten, daB der 
groBe Bau ein Wohnplatz ist fur unsere eigentliche tiefere Ichheit, 
unsere innere Bundeslade. 

Wenn wir das alles iiberschauen, so haben wir Bilder, die eine groBe 
Bedeutung haben. Und derjenige, in dessen Seele diese Bilder Leben 
gewinnen, wird immer mehr zum Schiiler jener groBen Meister heran- 
reifen, die diesen Bau des Menschheitstempels vorbereiten. Und solche 
groBen Vorstellungen wirken als Krafte in unserer Seele, daB wir da- 
durch die Lauterung durchmachen, die uns zum lebendigen Leben im 
Geiste fiihren soil. 

Diesen Zug des Mittelalters, der bei den Tempelrittern erscheint, 
finden wir auch in zwei Tafelrunden, der des Konigs Artus und der- 
jenigen des Heiligen Grals. Das alte Weltliche war in Konig Artus' 



Tafelrunde zu finden, wahrend das eigentlich Geistliche der christ- 
lichen Ritterschaften in denjenigen vorbereitet werden sollte, die das 
Geheimnis des Heiligen Grals hiiteten. Merkwiirdig ist es, wie objek- 
tiv und ruhig die Menschen des Mittelalters iiber die aufgehende 
Macht (Frucht) und auBere Form des Christentums gedacht haben. 

Wenn Sie die Lehren der Templer verfolgen, so ist da etwas im 
Mittelpunkte, was als etwas Weibliches verehrt wurde. Dieses Weib- 
liche nannte man die gottliche Sophia, die gottliche Weisheit. Manas 
ist das fiinfte Prinzip, das geistige Selbst des Menschen, das aufgehen 
soil, dem ein Tempel errichtet werden sollte. Und wie das Fiinfeck 
vom Eingang des Salomonischen Tempels den fiinfgliedrigen Men- 
schen charakterisiert, ebenso charakterisiert dieses Weibliche die Weis- 
heit des Mittelalters. Dante hat mit seiner «Beatrice» nichts anderes 
als diese Weisheit zur Darstellung bringen wollen. Nur der versteht 
Dantes «Gottliche Komodie», der sie von dieser Seite betrachtet. Da- 
her finden Sie auch bei Dante dieselben Symbole, die bei den Temp- 
lern, den christlichen Ritterschaften, den Gralsrittern und so weiter 
zum Ausdruck kommen. Alles was geschehen soil, wird schon lange 
vorher von den groBen Eingeweihten vorbereitet, die dasjenige, was 
in der Zukunft geschehen soil, in der Weise sagen, wie es in der Apo- 
kalypse geschehen ist, damit die Seelen vorbereitet werden firr dieses 
Geschehen. 

Zweierlei Stromungen haben wir nach der Sage beim Eingang des 
Menschengeschlechtes in die Welt: Die Kainskinder, die einer der 
Elohim mit Eva gezeugt, die Kinder der Welt, bei denen wir die gro- 
Ben Kiinste und auBeren Wissenschaften finden. Das ist die eine Stro- 
mung, die geachtet wurde und dann durch das Christentum geheiligt 
werden soil, wenn das fiinfte Prinzip in die Welt gekommen ist. Die 
andere Stromung sind die Gotteskinder, die den Menschen gebracht 
haben bis zur Erfassung des fiinften Prinzips. Es sind die, die Adam 
geschaffen hat. Dann wurden die Kainssohne aufgerufen, um jetzt 
dasjenige in einer Hiille einzufassen, was die Gottessohne, die Abel- 
Seth-Kinder geschaffen hatten. 

In der Bundeslade ist der heilige Name des Jahve geborgen. Aber 
das, was die Welt umgestalten soil, was fur das Allerheiligste die Um- 



hiillung schaffen soil, das soil wieder hergestellt werden durch die 
Kainssohne. Gott hat des Menschen Leib geschaffen, darin geht des 
Menschen Ich auf und zerstort zunachst diesen Tempel. Der Mensch 
kann sich nur retten, wenn er sich zuerst das Haus baut, das ihn hin- 
ubertragt iiber die Wasser der Leidenschaften, wenn er sich die Arche 
Noah baut. Dieses Haus mu6 der Mensch wieder aufrichten. So baut 
am AuBeren, was als die Kainskinder in die Welt gekommen ist, und 
was die Gotteskinder gebracht haben, das baut am Inneren. 

Beim Aufgang unserer Rasse machten sich schon diese zwei Stro- 
mungen geltend ... [Liicke im Text, siehe Hinweise]. 

Dann erst verstehen wir die Theosophie, wenn wir sie als Testa- 
ment auffassen, das, was als der Salomonische Tempel aufgezeichnet 
und was als Zukiinftiges zu erwarten ist, vorzubereiten. Vorbereiten 
sollen wir den neuen Bund anstelle des alten Bundes. Der alte ist der 
Bund des schopferischen Gottes, wo das Gottliche am Menschen- 
tempel schafft. Der neue ist derjenige, wo der Mensch selbst den 
Weisheitstempel um das Gottliche herumhiillt, wo er ihn wieder her- 
stellt, damit dieses Ich eine Zuflucht auf dieser Erde findet, wenn es 
befreit aus der Materie auferstehen wird. 

So tief sind die Symbole, und so war die Erziehung, die die Temp- 
ler der Menschheit angedeihen lassen wollten. Die Rosenkreuzer sind 
nichts anderes als die Fortsetzer des Templerordens; sie wollten nichts 
anderes als die Tempelritter und was auch die Theosophie will: sie 
alle arbeiten am groBen Tempel der Menschheit. 



UBER DEN VERLORENEN 
UND WIEDERZUERRICHTENDEN TEMPEL 
im Zusammenhang mit der 
Kreuzesholz- oder Goldenen Legende 

Dritter Vortrag 
Berlin, 29. Mai 1905 

Die Kreuzesholzlegende unddie weltgeschichtliche Bedeutung 
des Salomonischen Tempels 

Nachdem wir schon einige Male iiber das Christentum und seine Ent- 
wicklung in der Gegenwart und Zukunft gesprochen haben, sind wir 
soweit gekommen, da6 wir heute auch einmal die Bedeutung des 
Kreuzsymboles - nicht so sehr geschichtlich als tatsachlich - zu be- 
trachten haben. 

Sie wissen ja, was fiir eine umfassende sinnbildliche Bedeutung das 
Kreuzsymbol fiir das Christentum hat; und heute mochte ich nun ge- 
rade den Zusammenhang des Kreuzsymboles mit der weltgeschicht- 
lichen Bedeutung des Salomonischen Tempels beleuchten. 

Es gibt ja eine sogenannte heilige Legende iiber die ganze Ent- 
wickelung des Kreuzes, und zwar haben wir darin weniger das Kreu- 
zeszeichen oder die allgemeine Weltsymbolik des Kreuzes vor Augen, 
als vielmehr jenes bestimmte, besondere Kreuz, von dem der Christ 
spricht, jenes Kreuz eben, an dem der Christus Jesus gekreuzigt wor- 
den ist. Nun wissen Sie aber auch, da6 das Kreuz ein allgemein 
menschliches Symbol ist, und es sich nicht nur im Christentum, son- 
dern in den religiosen Anschauungen und Sinnbildern aller Volker 
findet, so daB seine Bedeutung eine allgemein menschliche sein mu6. 
Was uns aber heute besonders interessiert, das ist, wie das Kreuz- 
symbol diese grundlegende Bedeutung im Christentum erhalten hat. 

Die christliche Legende iiber das Kreuz ist folgende; von ihr gehen 
wir aus: 

Das Holz oder der Baum, aus dem das Holz des Kreuzes genom- 
men worden ist, ist nicht einfach Holz, sondern - so erzahlt die Le- 
gende - war urspriinglich ein SproB vom Baume des Lebens, der fiir 



Adam, den ersten Menschen, abgeschnitten worden ist. Durch Adams 
Sohn Seth wurde dieser SproB in die Erde gepflanzt, und dieser junge 
Baum hat drei Stamme getrieben, die miteinander verwachsen sind. 
Spater habe sich Moses den beriihmten Stab auch aus diesem Holz 
gearbeitet. Dann spielt in der Legende dasselbe Holz wiederum eine 
Rolle im Zusammenhang mit dem Jerusalemtempel des Konigs Sa- 
lomo. Es sollte namlich beim Tempelbau als ein wichtiger Pfeiler ver- 
wendet werden. Aber da stellte sich etwas Eigentiimliches heraus. Es 
zeigte sich, daB er in keiner Weise hineinpassen wollte. Er lieB sich 
in den Tempel nicht einfiigen und so legte man ihn denn als Briicke 
uber einen FluB. Hier kam er wenig zur Geltung, bis jene Konigin 
von Saba kam, die, als sie dariiberging, sah, um was es sich bei die- 
sem Briickenholz handelte. Sie hat auch hier wiederum zuerst gefun- 
den, was dieses Briickenholz bedeutet, das da zwischen den zwei Ge- 
bieten, dem diesseitigen und dem jenseitigen Ufer, zum Uberschreiten 
des Flusses lag. Sodann wurde aus diesem Holz das Kreuz gezimmert, 
an dem der Erloser gehangen hat, und dann hat es seine verschiedenen 
weiteren Wanderungen angetreten. 

Sie sehen also, daB es sich in dieser Legende um etwas handelt, 
was mit der Entstehung und Entwicklung des Menschengeschlechts 
zusammenhangt. Adams Sohn Seth soil jenen SproB dem Baum des 
Lebens entnommen haben, der dann drei Sprosse trieb. Diese drei 
Sprosse symbolisieren die drei Prinzipien, die drei ewigen Machte 
der Natur, Atma, Buddhi, Manas, die zusammengewachsen sind und 
jene Dreiheit bilden, die die Grundlage von allem Werden und aller 
Entwicklung ist. Sehr charakteristisch ist es, daB Seth, jener Sohn 
Adams, der an die Stelle des von Kain getoteten Abel getreten ist, 
diesen SproB in die Erde einpflanzt. 

Sie wissen, daB wir es einerseits zu tun haben mit der Kainsstro- 
mung und andererseits mit der Stromung der Abel-Seth-Nachkom- 
men. Die Kainssohne, die die auBere Welt bearbeiten, pflegen vor- 
ziiglich die Wissenschaften, die Kiinste. Sie sind es, die aus der auBe- 
ren Welt die Bausteine zu dem Tempel herbeitragen. Durch ihre 
Kunst sollte der Tempel gebaut werden. Die Nachkommen aus dem 
Geschlechte von Abel-Seth sind die sogenannten Gottessohne, die das 



eigentliche Spirituelle der Menschennatur pflegen. Diese beiden Stro- 
mungen waren immer in einer Art Gegensatz. Auf der einen Seite 
haben wir das weltliche Treiben der Menschen, das Ausgestalten jener 
Wissenschaften, die der menschlichen Behaglichkeit oder dem auBeren 
Leben iiberhaupt dienen; auf der anderen Seite stehen die Gottes- 
sohne, die sich mit der Ausgestaltung der hoheren Attribute der 
Menschen beschaftigen. 

Wir miissen uns dabei klarmachen, daB diejenige Anschauung, aus 
der die heilige Kreuzeslegende hervorgegangen ist, streng unterschei- 
det zwischen dem, was durch Wissenschaft und Technik bloB auBeres 
Bauen am Weltentempel ist, und dem, was als religiose Durchtran- 
kung, als religioser Einschlag fiir die Heiligung des ganzen Mensch- 
heitstempels wirkt. Erst dadurch, daB dieser Menschheitstempel eine 
hohere Aufgabe erhalt, daB sozusagen das auBere Gebaude, das nur 
einer bloBen Niitzlichkeit dient, sich zum Ausdruck des Gotteshauses 
gestaltet, wird das auBere Gebaude eine Umhiillung fiir das spirituelle 
Innere, in dem die hoheren Aufgaben der Menschheit gepflegt wer- 
den. Erst dadurch, daB die Starke zum Streben zur gottlichen Tugend, 
daB die auBere Form zu der Schonheit, daB das Wort, das dem auBe- 
ren Verkehr der Menschen dient, in den Dienst der gottlichen Weis- 
heit gestellt wird, also erst dadurch, daB das Weltliche zum Gott- 
lichen umgeformt wird, erreicht es seine Vollendung. Sind die drei 
Tugenden Weisheit, Schonheit und Starke die Hiillen des Gottlichen, 
dann wird der Tempel der Menschheit vollendet sein. So stellte sich 
die Anschauung, welche im Sinne dieser Legende wirkt, die Sache vor. 

Wir miissen uns also ganz im Sinne der Legende vorstellen, daB 
bis zum Erscheinen des Christus Jesus auf Erden zwei Stromungen 
vorhanden waren. Die eine, die den weltlichen Tempel baute, die die 
Taten der Menschen auspragte, damit dann spater das gottliche Wort, 
das durch den Christus Jesus auf die Erde gekommen war, aufgenom- 
men werden konnte. Ein Wohnhaus sollte bereitet werden der Er- 
scheinung des gottlichen Wortes auf der Erde. Daneben sollte sich 
einstweilen das Gottliche selbst als eine Art von Nebenstromung in 
der zweiten Stromung durch die Zeiten heraufentwickeln. Daher 
unterschied man die Menschensohne, das Kainsgeschlecht, die das 



Weltliche vorbereiten sollten, von den Gottessohnen, den Sohnen 
des Abel-Seth, die das Gottliche pflegten, bis beide Stromungen die 
Ehe miteinander eingehen konnten. Christus Jesus vereinigte diese 
beiden Stromungen. Der Tempel sollte erst auBerlich errichtet wer- 
den, bis dann in Christus Jesus der erschien, der ihn in drei Tagen 
von neuem aufrichten konnte. Auf der einen Seite haben wir also die 
Stromung der Kainssohne und auf der anderen Seite die Stromung 
der Nachkommen von Abel-Seth, welche beide die Entwickelung der 
Menschheit vorbereiten, damit dann der Gottessohn die beiden Seiten 
vereinigen, die beiden Stromungen zu einer einzigen machen konnte. 
Das ist in tiefsinniger Weise in der heiligen Legende zum Ausdruck 
gekommen. 

Seth selbst ist derjenige, der jenen SproB, den er fur Adam dem 
Baume des Lebens entnommen hat, in die Erde pflanzte und einen 
dreisprossigen Baum ziichtete. Was bedeutet dieser dreisprossige 
Baum? Zunachst nichts anderes als die Dreiheit Atma, Buddhi, Manas, 
die dreifache hohere Natur des Menschen, die in die niederen Prin- 
zipien eingepflanzt wird. Aber im Menschen ist sie zunachst wie ver- 
schleiert; der Mensch ist zunachst durch seine drei Korper, den phy- 
sischen, atherischen und astralischen Korper, wie eine auBere Um- 
hiillung der eigentlichen gottlichen Dreiheit Atma, Buddhi, Manas. 
Sie miissen sich also vorstellen, daB die Dreiheit von physischem, 
atherischem und astralischem Leib wie eine auBere Darstellung der 
oberen Krafte Atma, Buddhi, Manas ist. Und so wie der Kiinstler 
auBere Formen gestaltet, eine bestimmte Idee in Farben darstellt, so 
stellen auch diese drei Hiillen gleichsam ein Kunstwerk dar. Wenn 
Sie sich vorstellen, daB die hoheren Prinzipien wie die Idee eines 
Kunstwerkes sind, so haben Sie halbwegs eine Vorstellung von dem, 
was das Leben dieser drei Korper ausmacht. 

Nun wohnt ja der Mensch in seiner physischen, atherischen und 
astralischen Hiille mit seinem Ich, durch das er diese dreifache Natur 
so umwandeln soil, damit die drei hoheren Prinzipien hier auf der 
Erde ihren entsprechenden Wohnplatz erhalten und sich heimisch 
fiihlen konnen. Dafiir sollte der alte Bund sorgen. Er sollte durch die 
Kiinste des Kainsgeschlechtes Menschensohne in die Welt bringen 



und durch diese Menschensohne sollte alles AuBere geschaffen wer- 
den, was dem physischen, atherischen und astralischen Leibe dient. 
Was ist das alles ? 

Was dem physischen Leib dient, ist zunachst alles, was durch die 
technischen Kiinste eingerichtet wird zur Befriedigung des physischen 
Leibes und zu seiner Behaglichkeit. Was wir dann an gesellschaft- 
lichen, staatlichen Einrichtungen und Organisationen haben in bezug 
auf das Zusammenleben der Menschen, was sich auf Ernahrung und 
Fortpflanzung bezieht, dient zum Aufbau des Lebensleibes. Und auf 
den Astralkorper wirkend haben wir das Gebiet der sittlichen Vor- 
schriften, der Ethik, was die Triebe und Leidenschaften in Ordnung 
bringen, die astralische Natur regeln und auf eine hohere Stufe heben 
soil. 

So bauten die Kainssohne den ganzen alten Bund hindurch diesen 
dreistufigen Tempel auf. Er ist, so wie er sich zusammensetzt aus 
unseren auBeren Einrichtungen - Sie konnen dabei an unsere Woh- 
nungen, Werkzeuge, an das Gesellschafts- und Staatswesen, die sitt- 
lichen Einrichtungen denken -, in allem diesem ist er der Bau 
der Kainssohne, der den unteren Gliedern der menschlichen Natur 
dient. 

Daneben arbeitete die andere Stromung, welcher die Gottersohne, 
ihre Schiiler und ihre Nachfolger vorstehen. Von dorther haben wir 
die Diener der gottlichen Weltordnung, die Diener der Bundeslade. 
In ihnen haben wir etwas, was als eigene Stromung hergeht neben 
den Dienern der Welt. Sie nahmen eine besondere Stellung ein. Erst 
als der Salomonische Tempel errichtet war, sollte ja die Bundeslade 
hineingestellt werden, das heiBt, alles andere sollte gleichsam hinge- 
ordnet werden zu der Bundeslade, sich um sie gruppieren. Alles was 
friiher weltlich war, sollte ein auBerer Ausdruck, ein Bau werden fiir 
das, was die Bundeslade fiir die Menschheit bedeutet. Derjenige wird 
sich am besten den Tempel Salomos vorstellen, der sich ihn vorstellt 
als etwas, was auBerlich, als Physiognomie zum Ausdruck bringt, was 
die Bundeslade als Seele sein soil. 

Was die auBeren drei Korper des Menschen belebt hat, ihnen das 
Leben gegeben hat, ist von den Gottersohnen entlehnt dem Baum 



des Lebens. Das ist sinnbildlich ausgedriickt in jenem Bauholz, das 
spater zum Kreuz Christi verwendet worden ist. Den Gottersohnen 
war es zuerst gegeben. Was taten sie damit? Was bedeutet im tiefe- 
ren Sinn das Kreuzesholz? Es liegt eine ungeheuer tiefe Bedeutung 
in dieser heiligen Legende vom Kreuzesholz. 

Welche Aufgabe hat denn iiberhaupt der Mensch bei seiner irdischen 
Entwickelung? Er soil seine jetzigen drei Korper, die er erhalten hat, 
um eine Stufe hoher hinaufheben. Also, er soil den physischen Kor- 
per hinaufheben in ein hoheres Reich und er soil auch den Ather- 
und Astralleib hinaufheben in ein hoheres Reich. Diese Entwickelung 
obliegt dem Menschen. Das ist ihr eigentlicher Sinn: unsere drei 
Korper zu drei hoheren Gliedern der ganzen gottlichen Weltordnung 
zu machen. 

Hoher als dasjenige, was der Mensch zunachst physisch hat, liegt 
ein anderes Reich. Welchem Reich aber gehort der Mensch seiner phy- 
sischen Natur nach an? Seiner physischen Natur nach gehort er auf 
der gegenwartigen Stufe seiner Entwickelung dem Mineralreich an. 
Die physischen, chemischen, mineralischen Gesetze herrschen in unse- 
rem physischen Leib. Aber auch seiner geistigen Natur nach gehort er 
dem Mineralreich an, denn er begreift mit seinem Verstande nur das 
Mineralreich. Das Leben als solches lernt er erst allmahlich begreifen. 
Gerade deshalb leugnet die offizielle Wissenschaft das Leben, weil sie 
noch in dieser Entwickelungsphase ist, da6 sie nur das Tote, das 
Mineralische begreift. Sie ist dabei, dieses in der feinsten Weise zu be- 
greifen. Daher begreift sie auch den menschlichen Korper nur inso- 
fern, als er ein Totes, ein Mineralisches ist. Sie behandelt ihn im 
Grunde wie ein totes Produkt, mit dem man arbeitet wie mit einem 
Stoff im chemischen Laboratorium. Man fiihrt andere Stoffe in ihn 
ein, wie man in eine Retorte Stoffe einfiihrt. Auch wenn der Arzt, der 
heute ganz in der mineralischen Wissenschaft erzogen ist, an dem 
menschlichen Korper herumoperiert, ist es so, als wenn dieser nichts 
anderes ware als ein maschinelles Produkt. 

Wir haben es also in zweifacher Beziehung mit dem Leib des Men- 
schen auf der Stufe des mineralischen Reiches zu tun: der Mensch ist 
seinem physischen Leib nach in dem Mineralreich verwirklicht und 



er begreift mit dem bloBen Verstande auch nur das Mineralreich. 
Das ist eine notwendige Durchgangsstufe fiir den Menschen. Wenn 
er aber nicht bloB auf den Verstand, sondern auf die Intuition, die 
spirituelle Kraft sich verlaBt, dann werden wir uns klar sein, daB wir 
einer Zukunft entgegengehen, in der unser toter, mineralischer Leib 
entgegenarbeitet einem Lebendigen. Und unsere Wissenschaft muB 
da vorangehen, muB vorbereiten, was mit dem leiblichen Wesen in 
Zukunft geschehen soil. Sie muB in der nachsten Zukunft selbst etwas 
werden, was das Lebendige in sich enthalt, sie muB das, was auf der 
Erde lebt, als etwas Lebendiges begreifen. Dennin einem tieferen Sinne 
ist es wahr, daB die Gedanken der Menschen es sind, die das Kiinftige 
vorbereiten. Mit Recht sagt daher ein alter indischer Spruch: Was du 
heute denkst, das wirst du morgen sein. 

Das ganze Weltensein entspringt nicht aus dem toten Stofflichen, es 
entspringt aus dem lebendig Gedanklichen. Was auBerer Stoff ist, 
ist ein Ergebnis des lebendig Gedanklichen, so wie das Eis ein Ergeb- 
nis des Wassers ist. Die stoffliche Welt ist gleichsam gefrorene Ge- 
danken. Wir miissen sie wiederum auflosen in ihre hoheren Elemente, 
indem wir das Leben in den Gedanken ergreifen. Wenn wir das Mine- 
ralische in das Lebendige hinauf leiten konnen, wenn wir den Gedan- 
ken der ganzen Menschennatur umgestalten, dann erreichen wir, daB 
unsere Wissenschaft eine Wissenschaft des Lebens und nicht des toten 
Stoffes wird. Wir riicken damit das unterste Prinzip - zunachst in 
unserem Verstandnis und spater auch in Wirklichkeit - hinauf in das 
nachste Reich. Und so riicken wir ein jedes Glied der menschlichen 
Natur - das atherische und das astralische ebenfalls - um eine Stufe 
hoher hinauf. 

Was der Mensch einstmals gewesen ist, das nennen wir in der theo- 
sophischen Sprache die drei Elementarreiche. Diese gehen unserem 
mineralischen Reich, in dem wir heute leben, voran, das heiBt, dem 
Reich, in dem unsere Wissenschaft sich erschopft und in dem unser 
physischer Korper lebt. Die drei Elementarreiche sind verflossene 
Stadien. Erst in ihren Anfangen sind aber die drei hoheren Reiche, 
die sich auf dem Mineralreich aufbauen: das Pflanzenreich, das Tier- 
reich und das Menschenreich. 



Diese drei Reiche muB das unterste Prinzip des Menschen noch 
ebenso durchlaufen, wie es heute das mineralische Reich durchlauft. 
So wie der Mensch heute seiner physischen Natur nach im Mineral- 
reich wohnt, so wird er spater im Pflanzenreich wohnen und dann 
zu noch hoheren Reichen aufsteigen. Heute stehen wir unserer phy- 
sischen Natur nach im Ubergangsstadium vom Mineral- zum Pflanzen- 
reich, unserer atherischen Natur nach im Ubergang vom Pflanzen- 
zum Tierreich und unserer astralischen Natur nach im Ubergang vom 
Tierreich zum Menschenreich. Und erst mit dem, was wir als Ansatz 
haben aus der Weisheitsregion, wo wir mit unserer eigenen Natur 
hinausragen aus dem, was astralische Natur ist, da ragen wir iiber 
die drei Reiche hinaus in das gottliche Reich hinein. 

So ist also der Mensch in einem Aufstieg begriffen. Aber nicht 
eine auBere Einrichtung, nicht ein auBerer Bau bewirkt das, sondern 
das Lebendige selbst, das in uns erwacht, das nicht bloB die auBeren 
Bausteine zusammensetzt, sondern gestaltend, wachsend wirkt. Diese 
Kraft des Lebens muB in die Entwickelung eingreifen und sie muB 
zunachst des Menschen Innerstes ergreifen; sein religioses Leben muB 
von dem Lebendigen ergriffen werden. Deshalb war es wie eine Vor- 
bereitung, was die Kainssohne wahrend des alten Bundes fur die 
unteren Glieder der Menschennatur geleistet haben und wie ein pro- 
phetischer Hinweis auf die Zukunft war es, was die Propheten, die 
Hiiter der Bundeslade, geleistet haben. Das Gottliche sollte aber nun 
heruntersteigen in die Bundeslade, in die Seele, um als Allerheiligstes 
in dem Tempel selbst zu wohnen. 

Diese lebendigen Krafte, die verwandelnd und umgestaltend wir- 
ken, die in der Umgestaltung der Natur lebendig wirkenden Krafte, 
sie waren schon dem ersten Menschen, Adam, mitgegeben worden 
vom Baum des Lebens. Aber sie waren anvertraut denjenigen, die 
sich nicht mit dem auBeren Bau beschaftigten, den Gottessohnen, 
den Sohnen von Abel und Seth. Durch das Christentum sollten nun 
diese Krafte Allgemeingut werden. Die beiden Stromungen sollten 
sich miteinander verbinden. Und christlich ist heute im Grunde ge- 
nommen alles, was von der Anschauung ausgeht, daB kein AuBeres, 
kein Tempel, kein Haus, keine Gesellschaftseinrichtung entstehen 



sollten, die nicht durchgliiht sind von innerem Leben, von der leben- 
digmachenden anstelle der bloB zusammensetzenden mineralischen 
Kraft. 

Der erste Versuch, der gemacht wurde, um die niedere Natur des 
Menschen hinaufzuleiten zur hoheren, war, wie wir gesehen haben, 
der Salomonische Tempel. Das Fiinfeck war als das groBe Symbol 
am Eingang zu sehen, denn zum fiinften Prinzip sollte der Mensch 
streben, das heiBt, die menschliche Natur sollte sich aus den niederen 
Prinzipien zu dem Hoheren hinaufentwickeln, sollte ihre einzelnen 
Glieder veredeln. 

Und hier kommen wir zu jener tiefen Bedeutung, die das Kreuz 
hat und die bewirkte, daB es als Symbol jene grundsatzliche und tat- 
sachliche Bedeutung im Christentum gefunden hat. Was ist das Kreuz? 
Drei Reiche sind es, zu denen die Menschennatur hinaufstrebt: das 
Pflanzenreich, das Tierreich und das Menschenreich. Heute ist der 
Mensch im Mineralreich verwirklicht, dazu gehort Pflanze, Tier, 
Mensch. Fassen Sie das so auf, wie es in alien Weisheitsbekenntnissen 
heiBt, daB der Mensch als seelisch-geistiges Wesen ein Teil der All- 
seele ist, dessen, was zum Beispiel Giordano Bruno die Weltseele ge- 
nannt hat. Vielleicht wie ein Tropfen der Weltseele, die wir als groBes 
Meer uns denken, ist die einzelne Seele. Nun hat schon Plato davon 
gesprochen, daB die Weltenseele an den Weltenleib gekreuzigt worden 
ist. 

Die Weltenseele, wie sie sich im Menschen auspragt, ist heute aus- 
gespannt im mineralischen Reich. Sie soil sich dariiber erheben, sich 
hinaufgestalten zu den drei hoheren Reichen. Dazu muB sie in den 
nachsten drei Runden noch verkorpert werden im Pflanzen-, Tier- und 
Menschenreich. Die vierte Runde ist nichts anderes als die Verkorpe- 
rung der Menschenseele im Mineralreich, die fiinfte Runde diejenige 
im Pflanzenreich, die sechste diejenige im Tierreich, und erst die sie- 
bente Runde ist die Verkorperung im eigentlichen Menschenreich, wo 
der Mensch ganz ein Ebenbild der Gottheit sein wird. Bis dahin hat 
er noch dreimal den Weltenleib zu seiner Hiille zu nehmen. 

Blicken wir auf diese Menschenzukunft hin, so stellt sie sich uns als 
eine dreifache Stofflichkeit oder Materialitat dar: als pflanzliche, tie- 



rische und menschliche. Diese menschliche ist aber nicht diejenige 
Stofflichkeit, die wir heute haben, denn das ist die mineralische, denn 
der Mensch ist ja heute erst in dem mineralischen Zyklus angelangt. 
Erst wenn das unterste Reich das Menschenreich sein wird, wenn es 
keine niederen Wesen mehr geben wird, wenn der Mensch alle Wesen 
erlost haben wird durch die Kraft seines eigenen Lebens, dann wird 
er in der siebenten Runde angelangt sein, wo Gott ruht, weil der 
Mensch selbst schafft. Dann ist der siebente Schopfungstag da, wo der 
Mensch ein Ebenbild Gottes geworden sein wird. Das sind die Stufen 
in der Schopfungsgeschichte. 

Nun sind heute Pflanze, Tier und Mensch, wie sie vor uns dastehen, 
erst die Keime zu dem, was sie werden sollen. Die Pflanze ist heute 
erst eine sinnbildliche Hindeutung auf etwas, was in hoherer Glorie 
und Klarheit erst im nachsten menschlichen Entwickelungszyklus er- 
scheinen soil. Und wenn der Mensch die Tierheit iiberwunden, ab- 
gestreift haben wird, dann wird er etwas sein, wovon er heute auch 
erst nur eine Andeutung ist. So sind Pflanzen-, Tier- und Menschen- 
reich die drei stofflichen Reiche, die der Mensch noch zu durchlaufen 
hat; sie sind sein Weltenleib und die Seele hat an diesen Weltenleib 
gekreuzigt zu sein. 

Nun machen Sie sich einmal den Gegensatz zwischen Pflanze, Tier 
und Mensch klar. Die Pflanze ist das genaue Gegenbild des Menschen. 
Es hat dies eine sehr tiefe, sinnvolle Bedeutung, wenn wir die Pflanze 
als das genaue Gegenbild des Menschen und den Menschen als die 
umgekehrte Pflanzennatur auffassen. Die auBere Wissenschaft beschaf- 
tigt sich mit solchen Dingen nicht, sie nimmt die Dinge, wie sie sich 
den auBeren Sinnen darbieten. Die Wissenschaft aber, welche mit 
Theosophie etwas zu tun hat, betrachtet die Bedeutung der Dinge in 
ihrem Zusammenhang mit der ganzen iibrigen Entwickelung. Denn 
jedes Ding ist, wie Goethe sagt, nur als ein Gleichnis aufzufassen. 

Die Pflanze hat ihre Wurzel im Boden und entfaltet die Blatter und 
Bliitenorgane der Sonne zu. Die Sonne hat heute in sich die Kraft, die 
mit der Erde einmal verbunden war. Die Sonne hat sich ja von unserer 
Erde getrennt. Die ganze Sonnenkraft also ist etwas, womit unsere 
Erde einst durchsetzt war. Da lebte die Kraft der Sonne in der Erde. 



Die Pflanze sucht heute noch, indem sie ihre Bliitenorgane der Son- 
nenkraft entgegenhalt, jene Zeiten auf, in denen die Sonnenkraft mit 
der Erde verbunden war. Sonnenkraft heiBt Atherkraft der Pflanze. 
Indem die Pflanze ihre Fortpflanzungsorgane der Sonne entgegenhalt, 
zeigt sie ihre tiefe Verwandtschaft mit der Sonne; ihr Fortpflanzungs- 
prinzip ist okkult verkniipft mit der Sonnenkraft. Das Haupt der 
Pflanze dagegen, das in dem Dunkel der Erde steckt, ist zugleich ver- 
wandt mit der Erde. Erde und Sonne sind zwei Gegenpole in der 
Entwicklung. 

Der Mensch ist die umgekehrte Pflanze; sie hat die Geschlechts- 
werkzeuge der Sonne zugekehrt, den Kopf nach unten. Beim Men- 
schen ist es genau umgekehrt: er tragt den Kopf nach oben, den 
hoheren Welten zugewandt, um den Geist aufzunehmen, die Ge- 
schlechtsorgane hat er nach unten. Das Tier steht mitten darinnen, 
steht zwischen Pflanze und Mensch. Es hat die halbe Wendung erst 
gemacht und bildet so gewissermaBen einen Querriegel zu der Rich- 
tungslinie von Pflanze und Mensch. Es tragt sein Riickgrat in hori- 
zontaler Richtung, dadurch die Linie, die durch Pflanze und Mensch 
gebildet wird, in Kreuzesform durchschneidend. Denken Sie sich das 
Pflanzenreich nach unten wachsend, das Menschenreich nach oben und 
das Tierreich so waagerecht wachsend, dann haben Sie aus Pflanzen-, 
Tier- und Menschenreich das Kreuz gebildet. 

Mensch 

► Tier 



t 

Pflanze 

Das ist das Kreuzsymbol. 

Es stellt die drei Lebensreiche dar, in die der Mensch einzutreten 
hat. Pflanzen-, Tier- und Menschenreich sind die drei nachsten stoff- 
lichen Reiche. Aus dem Mineralreich wachst das ganze heraus; es ist 



heute die Grundlage. Das Tierreich steht wie eine Art von Stauung 
zwischen dem Pflanzen- und dem Menschenreich und die Pflanze ist 
eine Art Gegenbild des Menschen. Damit hangt es zusammen, da6 
des Menschen Leben, dasjenige, was im Menschen physisch lebt, seine 
beste Verwandtschaft findet mit dem, was in der Pflanze lebt. Das 
konnte in vielen Vortragen tief begriindet werden, heute kann ich das 
nur andeuten. Wenn der Mensch seine physische Lebenstatigkeit er- 
halten will, so kann er es am besten durch die Pflanzennahrung, weil 
er dann aufnimmt, was urspriinglich mit der physischen Lebenstatig- 
keit der Erde eine Verwandtschaft hat. Die Sonne ist die Tragerin der 
Lebenskraft und die Pflanze ist das, was der Sonnenkraft entgegen- 
wachst. Und der Mensch mu6 dieses, was in der Pflanze lebt, mit sei- 
ner Lebenskraft vereinigen. So sind seine Ernahrungsstoffe okkult 
mit der Pflanze gleich. Das Tierreich stellt eine Stauung, eine Zuriick- 
stauung dar. Es unterbricht daher in Kreuzesform den Fortgang der 
Entwickelung, um einen neuen Ansatz zu beginnen. 

Mensch und Pflanze sind einander entgegengesetzt, aber miteinander 
verwandt. Das Tierische aber - und was im Astralleib zunachst zum 
Ausdruck kommt, ist das Tierische - ist eine Durchkreuzung der zwei 
Prinzipien des Lebens. Der menschliche Atherleib wird auf einer 
hoheren Stufe die Grundlage abgeben fur den unsterblichen Men- 
schen, der nicht mehr dem Tode unterworfen sein wird. Der Ather- 
korper lost sich heute noch mit dem Tode des Menschen auf. Je mehr 
der Mensch sich aber vervollkommnet und lautert von innen heraus, 
desto mehr erhalt er an Bestandigkeit, desto weniger geht er zugrunde. 
Alles, was in bezug auf diesen Atherkorper gearbeitet wird, tragt zu 
seiner Unsterblichkeit bei. In diesem Sinne ist es richtig: je natiirlicher 
die Entwickelung und je mehr sie auf die Krafte des Lebens hinge- 
leitet wird - es ist damit nicht hingedeutet auf das Genitalische und 
das Leidenschaftliche des Tieres — , desto mehr bemachtigt sich des 
Menschen die Unsterblichkeit. 

Das Tierische ist ein Strom, der das menschliche Leben unter- 
bricht, es war jene Verzogerung, die notwendig war zur Umkehr des 
Lebensstromes. Der Mensch muBte sich eine Zeitlang mit dem Tieri- 
schen verbinden, weil die Umkehr stattfinden muBte. Aber er mu6 



sich davon wieder freimachen und wieder in den Strom des Lebens 
einlenken. 

Beim Beginn unserer Menschwerdung war uns die Kraft des Lebens 
mitgegeben. Das ist symbolisch ausgedriickt in der Legende damit, 
daB Adams Sohn Seth von dem Baum des Lebens den SproB nimmt, 
den die Gottersohne dann weiter kultivieren, jene dreifache Menschen- 
natur, die veredelt werden soil. Dann formt sich Moses seinen Stab 
aus diesem Holz des Lebens. Dieser Mosesstab ist nichts anderes als 
das auBere Gesetz. Was ist aber auBeres Gesetz? 

AuBeres Gesetz ist vorhanden, wenn derjenige, der einen auBeren 
Bau aufrichten soil, einen Plan hat - das sind die gesetzmaBigen Zu- 
sammenhange auf dem Papier ~, und dann werden die auBeren Bau- 
steine seinem Plane gemaB behauen und aufeinandergefiigt. Auch das, 
was als Gesetz einem Staatenplan zugrunde liegt, ist auBeres Gesetz. 
Die Menschen stehen unter dem Stabe des Moses. Auch der, der aus 
Furcht oder aus Hoffnung auf Belohnung die Sittengesetze befolgt, 
befolgt nur das auBere Gesetz. Aber auch derjenige befolgt nur das 
auBere Gesetz, der die Wissenschaft nur in einer auBeren Weise be- 
trachtet. Denn was hat er anderes als auBere Gesetze! Alle Gesetze, 
die wir in der Wissenschaft kennenlernen, sind solche auBeren Ge- 
setze. Durch diese konnen wir aber nicht jenen Ubergang zu der ho- 
heren Menschennatur finden, sondern nur das Gesetz des alten Bundes 
befolgen, das ist der Stab des Moses. Aber ein Vorbild sollte dieses 
auBere Gesetz sein fur das innere Gesetz. Der Mensch soil lernen, 
dem Gesetz im Inneren zu folgen. Es muB dieses innere Gesetz der 
Impuls des Lebens werden beim Menschen, aus dem inneren Gesetz 
heraus muB er lernen, das auBere Gesetz zu befolgen. Nicht der ver- 
wirklicht das innere Gesetz, der einen Bauplan anfertigt, sondern der, 
der aus innerlichem Impuls heraus den Tempel baut, so daB also die 
Seele iibergeht in die Zusammenfiigung der Bausteine. Nicht der lebt 
in dem inneren Gesetz, der den staatlichen Gesetzen nur folgt, son- 
dern der, dem sie Impuls seines Lebens sind, weil sie mit seiner Seele 
verwachsen sind. Und nicht derjenige ist ein sittlicher Mensch, der 
die Sittengebote aus Furcht oder wegen Belohnung befolgt, sondern 
der, welcher sie befolgt, weil er sie liebt. 



Solange die Menschen nicht reif waren, die Gesetze innerlich auf- 
zunehmen, solange in dem Gesetz der Stab des Moses vorhanden ist, 
der die Menschen unter ein Joch zwang, so lange lag das Gesetz in 
der Bundeslade. Bis dann das paulinische Prinzip, das Prinzip der 
Gnade iiber die Menschen kam und er die Moglichkeit bekam, frei 
zu werden vom Gesetz. Darin liegt die Tiefe der paulinischen Auf- 
fassung, daB sie einen Unterschied macht zwischen Gesetz und Gnade. 
Wenn das Gesetz von Liebe durchgliiht ist, wenn sich die Liebe mit 
dem Gesetz verbunden hat, dann ist es die Gnade. So ist der pau- 
linische Unterschied zwischen Gesetz und Gnade aufzufassen. 

Nun konnen wir die Legende vom Kreuz auch noch weiter ver- 
folgen. Als Briicke zwischen zwei Ufern wird das Holz verwendet, 
weil es als Pfeiler in den Salomonischen Tempel nicht taugte. Dies 
war eine Vorbereitung. Die Bundeslade war im Tempel, aber das 
fleischgewordene Wort war noch nicht da. Als Briicke iiber einen 
FluB wird das Kreuzesholz gelegt, aber erst die Konigin von Saba 
erkannte den Wert des Holzes fiir den Tempel, der im BewuBtsein 
der ganzen Menschenseele leben soil. Nun wird dasselbe Holz ver- 
wendet, um das Kreuz, an dem der Erloser hangt, daraus zu zimmern. 
Derjenige, der die beiden friiheren Stromungen vereinigt, der die 
weltliche und die spirituelle Stromung ineinanderlaufen laBt, der 
Christus ist selbst vereint mit dem lebendigen Kreuz. Daher kann er 
das Holz des Kreuzes tragen als etwas, was er auf seinen Riicken 
nimmt, als etwas, was auBer ihm lebt. Er ist selbst vereint mit dem 
Holz der Briicke, daher kann er das tote Holz auf sich nehmen. 

Der Mensch ist jetzt eingezogen in die hohere Natur. Friiher lebte 
er in der niederen Natur. Im Sinne des Christentums lebt er jetzt in 
der hoheren Natur und das Kreuz - die niedere Natur - tragt er wie 
ein Fremdes weiter durch seine innere lebendige Kraft. Jetzt wird die 
Religion lebendige Kraft in der Welt, jetzt hort das Leben in der au- 
Beren Natur auf, das Kreuz wird vollig Holz. Der auBere Leib wird 
nun zum Vehikel der inneren lebendigen Kraft. Da vollzieht sich das 
groBe Geheimnis: das Kreuz wird auf den Riicken genommen. 

Schon und bedeutsam hat auch unser groBer Dichter Goethe in dem 
«Marchen von der griinen Schlange und der schonen Lilie» die Idee 



der Briicke zum Ausdruck gebracht da, wo er eine Briicke bauen laBt, 
indem die Schlange sich wie eine lebendige Briicke iiber den FluB 
legt. Alle tiefer Eingeweihten haben dieses selbe Symbol fiir ein und 
dieselbe Sache. 

So haben wir die heilige Legende vom Kreuz in ihrer tiefen inneren 
Bedeutung kennengelernt. Wir haben gesehen, wie der Umschwung 
vorbereitet wurde, welcher sich durch das Christentum vollzogen hat 
und sich durch die Verchristlichung der Welt immer mehr und mehr 
vollziehen muB in der spateren Zeit. Wir haben gesehen, wie das 
Kreuz, insofern es Abbild der auBeren drei Korper ist, abstirbt, wie es 
nur eine auBere Verbindung zwischen den drei niederen und den drei 
hoheren Reichen, zwischen den beiden Ufern, die durch den Strom 
getrennt sind, herstellen kann - Pfeiler im Salomonischen Tempel 
konnte das Kreuzesholz nicht werden -, bis es der Mensch als 
sein eigenes Symbol erkennt. Erst dann, wenn er sich selbst opfert, 
seinen eigenen Korper zum Tempel macht und fahig wird, das 
Kreuz selbst zu tragen, ist die Verbindung der zwei Stromungen 
ermoglicht. 

Daher haben auch die christlichen Kirchen das Kreuzeszeichen 
schon in ihrer Anlage. Damit soil ausgedriickt sein, daB das lebendige 
Kreuz hineingeheimniBt ist in den auBeren Tempelbau. Jene zwei 
Stromungen aber, auf der einen Seite das gottlich Lebendige und auf 
der anderen Seite das weltlich Mineralische, haben sich in eins zu- 
sammengefiigt in dem am Kreuze hangenden Erloser, wo die hoheren 
Prinzipien im Erloser selbst, die niederen im Kreuze liegen. Und daB 
fortan dieser Zusammenhang ein organischer, ein lebendiger sein soil, 
driickt besonders tief der Apostel Paulus aus. Ohne das, was wir heute 
durchgenommen haben, kann man die Schriften des Apostel Paulus 
nicht verstehen. Ihm war es klar, daB jener alte Bund zu Ende gehen 
muB, welcher einen Gegensatz zwischen dem Alenschen und dem 
Gesetz errichtet. Erst wenn der Mensch das Gesetz mit sich vereinigt, 
es auf seinen Riicken nimmt, es tragt, dann wird es keinen Wider- 
spruch mehr geben zwischen der inneren Menschennatur und dem 
auBeren Gesetz. Dann ist das erreicht, was das Christentum erreichen 
will. 



«Die Siinde ist durch das Gesetz in die Welt gekommen.» Das ist 
ein tiefer Ausspruch des Paulus. Wann ist die Siinde in der Welt? 
Wenn eben ein Gesetz da ist, das iibertreten werden kann. Wenn aber 
das Gesetz so mit der menschlichen Natur vereinigt ist, daB das, was 
der Mensch tut, das Gute ist, dann kann es keine Siinde geben. Nur 
so lange widerspricht der Mensch dem Kreuzgesetz, als es nicht in 
ihm lebt, solange es auBerlich ist. Daher sieht Paulus den Christus 
am Kreuz als die Uberwindung des Gesetzes und die Uberwindung 
der Siinde an. Ein Fluch ist es, am Holze des Kreuzes zu hangen, 
das heiBt, dem Gesetze zu verfallen. Siinde und Gesetz gehoren zu- 
sammen nach dem alten Bund, Gesetz und Liebe gehoren zusammen 
nach dem neuen Bund. Es ist ein negatives Gesetz, welches verbun- 
den ist mit dem alten Bund; ein positives Gesetz, das lebt, ist aber 
das Gesetz des neuen Bundes. Der hat das Gesetz des alten Bundes 
iiberwunden, der es mit seinem eigenen Leben vereinigt hat. Der hat 
es aber auch geheiligt. 

Das ist gemeint mit jenen paulinischen Worten, die im Galater- 
Brief (3. Kapitel, 11-13) zu lesen sind: «DaB aber durch das Gesetz 
niemand gerecht wird vor Gott, ist offenbar, denn der Gerechte wird 
seines Glaubens leben. Das Gesetz aber griindet sich nicht auf den 
Glauben, sondern der Mensch, der es tut, wird dadurch leben. Chri- 
stus aber hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, da er ward 
ein Fluch fiir uns, denn es steht geschrieben: Verflucht ist jedermann, 
der am Holze hanget.» 

Mit dem Wort «Holze» verbindet Paulus die Begriffe, die wir heute 
behandelt haben. So miissen wir immer tiefer eindringen in dasjenige, 
was die groBen Eingeweihten gesagt haben. Nicht dadurch nahern 
wir uns dem Christentum, daB wir es sozusagen unseren Anforde- 
rungen anpassen, anpassen dem dem Hoheren abgeneigten materiali- 
stischen Verstande von heute, sondern dadurch, daB wir uns immer 
mehr und mehr in die Hohen des Geistigen erheben. Denn das Chri- 
stentum ist aus der Einweihung heraus geboren, und erst dann wer- 
den wir es verstehen und daran glauben konnen, daB unendliche 
Tiefen in dem Christentum enthalten sind, wenn wir nicht mehr der 
Meinung sind, wir miiBten dem heutigen Verstand das Christentum 



annahern, sondern wenn der dem Hoheren abgeneigte materialistische 
Verstand sich wieder zum Christentum erhebt. Der heutige Verstand 
mu6 sich vom Mineralisch-Toten zum Lebendig-Geistigen erheben, 
wenn er das Christentum verstehen will. 

Ich habe diese Anschauungen vorgetragen, um zum Begriffe des 
neuen Jerusalem zu kommen. 



Fragenbeantwortung * 

Frage: 1st diese Legende schon sehr alt? 

Antwort: In den Mysterien war diese Legende schon ausgebildet, 
aber nicht aufgeschrieben. Die antiochischen Mysterien waren Adonis- 
mysterien. Darin wurde gefeiert die Kreuzigung, die Grablegung und 
die Auferstehung als auBeres Abbild der Einweihung. Es tritt da schon 
die Klage der Frauen am Kreuze auf, die bei uns wiedererschienen 
sind in Maria und Maria von Magdala. Da ist eine Version verkniipft 
worden, die ahnlich war in der Legende, die ahnlich auch bei den 
Apis- und Mithrasmysterien und dann auch bei den Osirismysterien 
zu finden ist. Was da noch apokalyptisch ist, ist im Christentum er- 
fiillt. So wie Johannes die Zukunft in seiner Offenbarung darstellt, so 
ahnlich verwandeln sich die alten Apokalypsen in neue Legenden. 



Die Legende ist mittelalterlich-historisch, aber schon in aller Aus- 
fiihrlichkeit in den Gnostikern aufgeschrieben. Auch der weitere Weg 
des Kreuzes ist da angegeben. Aber auch in der mittelalterlichen Le- 
gende sind dafiir Andeutungen. Die mittelalterlichen Legenden zeigen 
weniger klar den Weg zum Mysterienwesen. Aber wir konnen sie alle 
zuriickverfolgen. Diese Legende kniipft an an die Adonismysterien, 
an die antiochische Legende. Da wurde die Kreuzigung, Grablegung 

* Der erste Text stammt aus der Nachschrift Seiler, der zweite aus der Nachschrift 
Reebstein. 



und Auferstehung auBeres Abbild der inneren Einweihung. Auch die 
klagenden Frauen treten schon dort auf und da ist eine Version ver- 
kniipft, die sehr ahnlich der Osiris-Legende ist. Alles was in diesen 
Legenden apokalyptisch ist, das ist im Christentum erfiillt. Die Koni- 
gin von Saba ist die tieferblickende, die die eigentliche Weisheit er- 
kennt. 



UBER DEN VERLORENEN 
UND WIEDERZUERRICHTENDEN TEMPEL 
im Zusammenhang mit der 
Kreuzesholz- oder Goldenen Legende 

Vierter Vortrag 
Berlin, Pfingstmontag, 5. Juni 1905 

Die Allegorie vom verlorenen und wiederzugewinnenden Wort 
im Zusammenhang mit dem Pfingstfest 

Zu den Allegorien und Symbolen, von denen wir in diesen Stunden 
sprechen wollten, gehort auch das Sinnbild von dem sogenannten 
verlorenen und wiederzugewinnenden Wort. Von dem verlorenen und 
wiederzugewinnenden Tempel haben wir gesprochen. Um so besser 
werden wir heute daran ankniipfen konnen eine kurze Betrachtung 
uber das verlorene und wiederzufindende Wort, insofern namlich 
dieses Thema ein wenig zusammenhangt mit der sinnbildlichen Be- 
deutung des Pfingstfestes. Zwar habe ich schon vor einem Jahr man- 
ches von den Dingen, die ich heute vorbringen werde, zum Vortrag 
gebracht. Da aber auch einige unter uns sind, die vielleicht den vor- 
jahrigen Vortrag nicht gehort haben, so diirfte es nicht unnotig sein, 
von neuem auf diese Dinge hinzuweisen, vor allem weil wir imstande 
sind, jedes Jahr eine solche Angelegenheit zu betrachten und griind- 
licher und eingehender zu behandeln. Manches, was im Vorjahr nicht 
moglich gewesen ist zu sagen, ist heute vielleicht moglich, da wir 
manches hinzugelernt haben. 

Das Pfingstfest hangt namlich mit dem Sinnbild zusammen, das 
man sowohl in der Kirche wie auch in der Freimaurerei als das Sym- 
bol vom verlorenen und wiederzugewinnenden Wort bezeichnet. Da- 
mit beriihren wir aber christliche Mysterien von einer wirklich auBer- 
ordentlichen Tiefe. Wir beriihren damit noch einmal, und zwar griind- 
licher als das vor acht Tagen der Fall sein konnte, die Sendung und 
Mission des weisen Salomo und die ganze zukiinftige Bedeutung der 
christlichen Wahrheit. 

Das Pfingstfest hangt zusammen mit der Auffassung des innersten 



Wesens des Menschen, wie sie auch im urspriinglichen Christentum 
vorhanden war, die aber dem Christentum, das in den verschiedenen 
Kirchen des Abendlandes lebt, nach und nach verlorengegangen ist. 
Das Pfingstfest ist das Fest, welches den Menschen jedes Jahr aufs 
neue an seine Befreiung, an das, was wir die Freiheit der Menschen- 
seele nennen, erinnern soil. 

Wie ist der Mensch in Wirklichkeit zu dem gekommen, was wir 
seine Freiheit nennen, das heiBt, zu seiner Moglichkeit, zwischen 
Gut und Bose zu unterscheiden, in Freiheit das Gute oder auch das 
Bose zu vollbringen? Sie wissen, daB der Mensch eine lange Ent- 
wickelungsreihe durchgemacht hat, bevor er auf der Stufe angelangt 
ist, auf der er heute steht, und daB wir die Mitte der Entwickelung 
iiberschritten haben. Ungefahr in der Mitte der atlantischen Rasse, 
die unserer Rasse voranging, liegt auch die Mitte der ganzen mensch- 
lichen Entwickelung. Jetzt haben wir diese Mitte bereits iiberschritten 
und dadurch sind wir die ersten Missionare der zweiten Halfte, die 
ersten Sendboten eines aufsteigenden Bogens. Wahrend die Mensch- 
heit bis in die atlantische Zeit hinein auf dem absteigenden Bogen, 
in einer Art absteigenden Entwickelung begriffen war, bis sie sich am 
tiefsten hineinversenkte in das materielle Leben, steigt sie jetzt wieder 
hinauf zur geistigen Entwickelung. 

Was wir Menschen vor der Mitte unserer Erdenentwickelung nicht 
besaBen, war die Wahlfreiheit zwischen Gut und Bose. Bei den unter- 
geordneten Naturreichen konnen wir auch nicht von Gut und Bose 
sprechen. Lacherlich ware es, davon zu sprechen, ob sich das Mineral 
kristallisieren will oder nicht. Es kristallisiert sich, wenn die Bedin- 
gungen dazu vorhanden sind. Lacherlich ware es auch zu fragen, ob 
die Lilie bliihen will oder nicht, oder auch beim Lowen zu fragen, ob 
er freiwillig davon absehen will, andere Wesen zu fressen und zu 
toten. Erst beim Menschen und erst in unserer Entwickelungsphase 
sprechen wir von dem, was wir Wahlfreiheit nennen. Ein Unterschei- 
dungsvermogen zwischen Gut und Bose schreiben wir nur dem Men- 
schen zu. Und wie der Mensch nun dieses Unterscheidungsvermogen 
erhielt, das wird in der Bibel dargestellt in dem groBen Symbol des 
Siindenfalles, in dem Verfiihrungsakt, wo der Eva der Teufel oder 



Luzifer erscheint und sie iiberredet, von dem Baum der Erkenntnis 
zu essen. Dadurch ist die Wahlfreiheit iiber den Menschen gekommen 
und damit hat er den zweiten Teil seines Entwickelungsweges be- 
schritten. So wenig wie wir beim Mineral, bei der Pflanze und beim 
Tier nach Gut und Bose fragen konnen, so wenig konnen wir beim 
Menschen vor jener Mitte der Weltentwickelung nach Freiheit, nach 
Gut und Bose fragen. Damit hangt ein anderes zusammen. 

In aller Esoterik wird unsere gegenwartige Welt und was damit 
zusammenhangt, als der Kosmos der Liebe bezeichnet. Und diesem 
Universum der Liebe ist der Kosmos oder das Universum der Weis- 
heit vorangegangen. Das wollen wir in einem etwas tieferen Sinne 
betrachten. 

Sie wissen, kosmologisch ging unserer Erdenentwickelung die 
Mondenentwickelung voran. Ein noch weiterer Vorfahr unserer Erde 
war die Sonne, ein noch weiterer der Saturn. Der Mensch hat diese 
drei Entwickelungsphasen durchgemacht: Saturn, Sonne, Mond. 
Unsere Erde hat bis jetzt drei Zyklen durchgemacht, in denen sie 
wiederholt hat in der ersten Runde die Saturnentwickelung, in der 
zweiten Runde die Sonnenentwickelung und in der dritten Runde 
die Mondenentwickelung. Eine jede solche Runde beginnt damit, 
da6 der Planet in einer auBerordentlich feinen Stofflichkeit, dem Men- 
talstoff sich entwickelt. In einem solchen Stoff war die Erde vorhan- 
den, als sie ihre vierte Runde, also den gegenwartigen Zyklus be- 
gann. Nun begann sie zunachst wieder die drei vorhergehenden Run- 
den zu wiederholen: den Zyklus Saturn im Arupa, den Zyklus Sonne 
im Rupa, und dann im Astralen die Mondrunde oder den Monden- 
zyklus. 

Unsere Erde machte also friihere materielle Zustande noch einmal 
durch, ehe sie die jetzige physische Dichtigkeit erreichte. Vor unserem 
jetzigen Zustand war sie astral. Den astralen Globus bezeichnen wir 
auch als eine Art Kosmos der Weisheit. Jeder Kosmos (Globus) ist 
wiederum eingeteilt in sieben Perioden. So haben wir in unserem 
Globus sieben Rassenzyklen: die polarische, die hyperboraische, die 
lemurische, die atlantische und dann die arische Rasse, in der wir 
sind. Die sechste und siebente Rasse werden noch kommen. Dann 



wird die Erde wieder in den astralen Zustand iibergehen. Diese Ras- 
senzyklen stellen sieben aufeinanderfolgende Perioden unserer physi- 
schen Entwickelung auf der Erde dar. Ebenso stellt sich uns die 
astrale Vorgangerin in sieben aufeinanderfolgenden Perioden dar, die 
diesen sieben Rassen entsprechen. Es ist aber nicht ganz richtig, hier 
von Rassen zu sprechen. Die Formen, die damals gelebt haben, kann 
man nicht gut Rassen nennen. Immer von Rassen zu sprechen, geht 
im Gebrauch der Analogie zu weit. Es waren andere Formen, die 
sich bildeten. In der esoterischen Sprache nennt man diese vorher- 
gehenden astralen Perioden das Reich der Weisheit, und ihre Formen 
nennt man die sieben Perioden der Weisheit, in der die sieben Konige 
der Weisheit, die sieben Konige der Dynastie Salomos geherrscht 
haben. Denn in jeder dieser Perioden lebte ein Wesen ahnlicher Art, 
wie die Seele Salomos, wie die Seele es war, die in Salomo inkarniert 
war. Dieser Kosmos der Weisheit wurde abgelost von dem eigentlich 
irdischen Kosmos, dem Kosmos der Liebe. 

Nun seien wir uns klar dariiber, was nach unserer ganzen Vor- 
stellung wahrend der Erdgestaltung geschah. Als die Erde sich zu ge- 
stagen begann, war sie noch vereinigt mit der Sonne und dem, was 
wir jetzt Mond nennen. Mit diesen zwei Korpern bildete die Erde 
einen einzigen Korper. Zuerst trennte sich die Sonne von der Erde 
ab. Dadurch wurde das ganze Leben auf der Erde ein anderes. Wah- 
rend vorher nicht die Rede sein konnte von Tod, weil fortgesetztes 
materielles Leben da war, trat jetzt der Tod ein. Etwa in der Form, 
wie wir ihn bei einem aus Zellen zusammengesetzten Pflanzenkorper 
kennen. Solange die Pflanze aus einer einzigen Zelle besteht, tritt kein 
Zerfallen ein, wenn das nachste geboren wird. Anders ist es, wenn ein 
ganzer Organismus zusammengesetzt ist. Dieser zerfallt in seine Teile, 
und der einzelne Teil ist nicht mehr das ganze Leben. Solch ein Tod 
trat erstmals ein, als die Sonne sich von der Erde abloste. Als Folge 
der Mondablosung entstand die Spaltung der Geschlechter in der 
Mitte der lemurischen Rasse. Die Abtrennung des Mondes bewirkte 
die Teilung des Mannlich-Weiblichen in nur Mannliches und nur 
Weibliches. Dadurch bekamen die Menschen auch die Gestalt, die sie 
jetzt in der Welt haben. 



Was ist nun wahrend dieser wichtigen kosmischen Ereignisse, als 
zuerst die Sonne und dann der Mond sich abspalteten, geschehen? 
Wenn wir uns das einmal klarmachen wollen, wird es gut sein darauf 
hinzuweisen, daB damals die Erde von einer sehr diinnen, aber schon 
physischen Materie in eine immer dichtere und dichtere sich verwan- 
delte. Die erste physische Materie, in der alle Menschen auf der Erde 
vorhanden waren, war Athermaterie, eine sehr feine Materie, feiner 
als unser Gas. 

Wir unterscheiden auf unserer Erde jetzt drei Stoffarten: die festen, 
die fliissigen und dann die gasformigen Korper, die man friiher Luft 
genannt hat. Dann unterscheiden wir esoterisch die vier Atherarten: 
erstens den Feuerather, derbewirkt, daB die Korper mitWarme durch- 
zogen werden konnen; zweitens den Lichtather; drittens den chemi- 
schen Ather, der bewirkt, daB die Atome sich nach gewissen Zahlen- 
gesetzen mischen - die Wahlverwandtschaft der Atome -, und vier- 
tens den physischen oder Lebensather. Vier Atherarten also, die die 
Erde beleben. Im wesentlichen hat sich die Erde in diesen Ather- 
arten zunachst entwickelt. Dann hat sie sich aus diesem Ather heraus 
verdichtet. Diese Verdichtung geschah erst wahrend der lemurischen 
Epoche. Vorher hat man es mit der Athererde zu tun, die noch ganz 
anderen Kraften zuganglich war als unsere heutige physische Erde. 
Dies mochte ich Ihnen einmal klarmachen. 

Wenn ich sage, daB diese Athererde verschiedenen Kraften zugang- 
lich war, dann seien Sie sich klar, daB auch alle Wesen, was an Pflan- 
zen, Tieren und Menschen lebte, in ihrem Innersten diesen Kraften 
zuganglich waren. Der Ather ist dem zuganglich, was wir in der eso- 
terischen Sprache bezeichnen als das «Wort», das «Weltenwort». Ich 
kann Ihnen auch an einem Vorgange der Einweihung klarmachen, 
wie der Ather zu dem steht, was wir das «Wort» nennen. Wie Sie 
wissen, besteht der Mensch aus dem physischen, dem Ather- und 
Astralleib, und dann aus dem eigentlichen Ich. Der Atherleib wird 
sichtbar, wenn man sich den physischen Korper fortsuggeriert. Aber 
der Mensch vermag, so wie er heute ist, auf seinen physischen Kor- 
per gar nicht einzuwirken. Er kann nicht das kleinste Blutkorperchen 
bewegen. Von hohen kosmischen Kraften wird der physische Korper 



beherrscht. Heute sind es hohere Wesenheiten, die hier Macht ausiiben 
konnen; der Mensch wird es spater konnen. Wenn die Menschen die 
Krafte ihres eigenen physischen Korpers werden beherrschen konnen, 
von denen der Materialist als von Naturkraften spricht, dann wird er 
ein Gott geworden sein. Ihm heute dieses zuzusprechen, ware Gotzen- 
dienst, denn in Wahrheit haben wir es mit hohen Wesenheiten zu tun, 
die den physischen Korper beeinflussen. 

Wenn die Menschen die Feuerathermaterie beherrschen konnen, 
konnen sie alles Physische beherrschen. Wenn sie das menschliche 
Physische beherrschen, dann konnen sie auch das iibrige Physische 
beherrschen. Diese Kraft bezeichnet man als Vaterkraft, als den «Va- 
ter». Alles also, wodurch eine Wesenheit mit unserer Erde in Zusam- 
menhang steht, wodurch sie die physische Materie beherrschen kann. 
Wenn ein Mensch bis in den physischen Leib hinein solche Vaterkrafte 
auszuiiben vermag, so bezeichnet man dies als Atma. So wird Atma 
dem Physischen zugeteilt. 

Das zweite Wesensglied ist der Atherleib, der entspricht dem Soh- 
nesprinzip oder dem Logos, dem «Wort». Wie der physische von 
Atma, so kann dieser Atherleib von Buddhi bewegt, innerlich gestal- 
tet, in Vibrationen von dem Sohnesprinzip versetzt werden. 

Das dritte Glied ist der Astralleib. Anfangs konnen wir auch ihn 
nicht beherrschen, und noch die wenigsten haben heutzutage eine 
bedeutende Macht iiber ihren Astralleib. In dem MaBe, wie der 
Mensch von innen heraus den Astralleib beherrschen kann, nennen 
wir ihn mit Manas begabt. 

In der Mitte der lemurischen Zeit begann der Mensch an seinem 
Astralleib zu arbeiten. Wenn Sie einen Menschen betrachten konnten, 
der auf der Stufe steht, wo die lemurische Rasse begann, also zwei- 
geschlechtlich, so finden Sie, da6 dessen Korper von auBen aufgebaut 
wird. Seit der Mitte der lemurischen Zeit beginnt nun der Mensch 
selbst an seinem Astralleib zu arbeiten. Alles was der Mensch von 
seinem Ich aus hineinarbeitet, was er durch Pflichten und Gebote zur 
Uberwindung der rohen Begierden und Leidenschaften tut, tragt bei 
zur Veredelung des Astralleibes. Wenn er dann ganz durchdrungen 
sein wird mit der Arbeit des eigenen Ich, dann konnen wir ihn nicht 



mehr Astralleib nennen, dann ist er Manas geworden. Wenn der ganze 
Astralleib in Manas verwandelt ist, kann der Mensch beginnen in 
den Atherleib hineinzuarbeiten, inn in Buddhi zu verwandeln. Was 
er da hineinarbeitet, ist nichts anderes als das individualisierte Wort, 
das die christliche Esoterik auch den «Sohn» oder «Logos» nennt. 
Wenn der Astralleib zu Manas wird, nennt sie dies den «Heiligen 
Geist», und wenn der physische Leib Atma geworden ist, nennt sie 
dies «Vater». 

Was hier im kleinen mit dem Menschen geschieht, geschah auch 
im groBen mit der Welt drauBen. Diese Weltgeheimnisse vollzog man 
schon in den Mysterien bei der Einweihung, man vollzog so etwas, 
was die Menschen allgemein erst in einer fernen Zukunft sein wer- 
den. Schon in den agyptischen Mysterien konnte nur der eingeweiht 
werden, der seinen ganzen Astralleib durchgearbeitet hatte, so daB der 
Astralleib vollstandig von dem Ich aus geleitet werden konnte. Ein 
solcher Mensch stand so vor dem Einweihungspriester: er hatte kei- 
nen EinfluB auf den physischen Leib und auch keinen auf den Ather- 
leib ; aber sein Astralleib war sein eigenes Geschopf. Nun wurde ihm 
gezeigt, wie er auf den Ather- und auf den physischen Leib einwir- 
ken kann. Der physische Leib wurde in einen lethargischen Zustand 
versetzt - drei Tage und drei Nachte muBte er in diesem Zustand 
bleiben -, und wahrend dieser Zeit war der Atherleib herausgehoben. 
Und da der Einzuweihende machtig geworden war in bezug auf den 
Astralleib, so konnte er nun die Macht gewinnen, auf den Atherleib 
einzuwirken. Was er im Astralischen hatte, konnte er lernen in den 
Atherleib hineinwirken zu lassen. Das waren die drei Tage der Grab- 
legung und Auferstehung in einem Atherleib, der ganz und gar durch- 
setzt ist von dem, was man den Heiligen Geist nennt. Man nannte 
einen solchen Eingeweihten einen mit dem Logos, dem «Wort» be- 
gabten Menschen. Dieses «W'ort» ist nichts anderes als die Weisheit, 
Manas, das in den Astralleib hineingearbeitet ist. Niemals kann die 
Weisheit in den Atherleib kommen, wenn nicht vorher der Astralleib 
damit durchdrungen ist. 

Fur die Erde war es ebenso. Bevor nicht die ganze Erde im Astralen 
so weit gebracht war, konnte dieser Vorgang nicht eintreten. Der Zu- 



stand, in dem der Einzuweihende sein muBte in den agyptischen 
Mysterien, entspricht dieser Zeit des astralen Globus, von dem ich 
gesprochen habe, daB er der unmittelbare Vorganger der Erde ist. Das 
ist der Globus der Weisheit. Da wird von den kosmischen Machten 
hineingearbeitet alle Weisheit. Und dieses Hineinversetzen der Weis- 
heit in den Erdglobus selbst, das macht es moglich, daB nach der 
Spaltung der Sonne und des Mondes von der Erde, von oben, von 
hoheren Spharen wieder etwas hineingearbeitet wird, wie bei der Ein- 
weihung im kleinen. So vollzog sich der ProzeB im groBen, wie er 
sich im kleinen bei der Einweihung vollzog. 

Siebenmal ist der astrale Erdglobus von den Weisen in der Art des 
Salomo regiert worden. Dann umgab sich die Erde von auBen mit 
dem Atherleib und kristallisierte, konstituierte irdische Materie. Da 
wurde das «Wort» hineingelegt. Dieses Wort ist dann wie begraben 
in der irdischen Materie, aber es muB wieder auferweckt werden. 
Dies ist auch der scheme Sinn in dem Mythos von dem Gotte Diony- 
sos. Die heilige Weisheit unseres Erdenvorgangers ist hineingelegt in 
alle Erdenwesen unserer irdischen Welt. Nehmen Sie dies so tief, als 
es Ihnen moglich ist. Nehmen Sie den menschlichen Atherleib, wie ihn 
jeder Mensch hat. Wenn Sie ihn als Hellseher ansehen, so hat er un- 
gefahr die Form wie der physische Leib. Wenn der Mensch stirbt, 
lost sich der physische Leib auf und der Atherleib auch; der physi- 
sche Korper im Physischen und der Atherleib im allgemeinen Welten- 
ather. Dieser Atherleib ist aber sehr kunstvoll gebaut worden fur die 
Menschen von der Weisheit, die ihn vorher hineingesetzt hat vom 
astralen Globus. Dieser Atherleib zerstiebt nach dem Tode. Nur der 
Atherleib, der von innen aufgebaut ist, der ist ein lebendiger, ein 
ewig bleibender. Es ist der Atherleib des Chela, und der lost sich 
nach dem Tode nicht auf. Wenn Sie den heutigen Kulturmenschen 
sterben sehen, sehen Sie den Atherleib noch einige Zeit, dann lost er 
sich auf. Beim Chela bleibt er. Der Verzicht des Chela auf Devachan 
besteht darin, daB der Chela sich auf der Astralebene aufhalt und dort 
von seinem Atherleib Gebrauch macht. Bei gewohnlichen Menschen 
muB bei der Wiedergeburt ein neuer Atherleib geformt werden; daB 
einer gebaut werden kann, das wird im Devachan erreicht. Der Ather- 



leib, den sich der Chela von innen heraus aufgebaut hat, geht nicht 
mehr verloren, wohl aber der von der kosmischen Weisheit von auBen 
aufgebaute, denn der lost sich wieder auf. So ist es auch mit dem 
Atherkorper der Pflanzen und Tiere. Was heute noch Atherleib ist, 
ist aufgebaut worden aus den kosmischen Kraften, die auf diesem 
Astralglobus unserer Erde in sie hineingeflossen sind. Diese Weis- 
heit, die Sie in der astralen Erde finden, wird in der Mythe von 
Dionysos ausgedriickt. 

Nun hatte sich in der lemurischen Epoche das Dichtere herauszu- 
bilden. Da muBte das Vaterprinzip hineingearbeitet werden. Das ist 
das letzte, was sich unserer Erdenstofflichkeit bemachtigte. Was da 
hineingearbeitet ist, ist tief verborgen in der physischen Welt. Zuerst 
arbeitete sich der Heilige Geist in die Astralmaterie hinein. Dann 
arbeitete der mit der astralen Materie verbundene Geist in die Ather- 
materie hinein, das ist der Sohn; und dann kommt der Vater, der 
die physische Dichtigkeit beherrscht. So wird in dreifacher Stufe der 
Makrokosmos aufgebaut: Geist, Sohn und Vater, und der Mensch, 
indem er sich wieder hinaufarbeitet, geht von dem Geist durch den 
Sohn zum Vater. Alles das geschieht unter Fiihrung in der Entwicke- 
lung auf der Erde. 

Bis zur lemurischen Zeit war das einzige die auBere Entwickelung. 
Da war diese Dreieinigkeit eingezogen in unsere physische Entwicke- 
lung. In der arischen Epoche kam in die Vorstellung der Menschen 
als Religion dasjenige hinein, was sich friiher vollzogen hatte und wie- 
derholte sich stufenweise. 

Wir sind in der fiinften Unterrasse der arischen Wurzelrasse. Vier 
andere Unterrassen gingen voran. Die erste Unterrasse ist die alte 
indische. Diese ehrwiirdige alte Rasse wurde gefiihrt von den heiligen 
Rishis. Von denen konnen wir uns nur eine schwache Vorstellung 
machen. Von ihrer Religion haben wir Kenntnis aus den Nachrichten, 
die uns von den Veden iiberkommen sind. Viel groBer und gewaltiger 
war die Lehre der Rishis als unsere heutige Uberlieferung davon. Erst 
wahrend der dritten Unterrasse sind Aufzeichnungen gemacht wor- 
den, die uns in den Veden erhalten sind. Die urspriingliche Religion 
der Rishis hatte groBe Traditionen von den gottlichen Vorfahren der 



Menschen, den Astralinitiierten der Dynastie Salomos. Die groBen 
Intuitionen, die nicht bloB Kunde und Kenntnis bringen von den 
Gesetzen der Erde, sondern von den Urbildern, die selbst diese 
Weisheiten geschaffen haben, diese Urbilder lebten im Geist der alten 
indischen Rishis. Das war die erste Religion, die des Heiligen Geistes. 

Die zweite Religion wurde gepflegt in Vorderasien. Da verehrte man 
als Wiederholung dessen, als zum ersten Male der Sohn seinen Ein- 
fluB auf die Erde geltend machte, das zweite Prinzip. Da tritt zugleich 
beim Sohnesprinzip das HerunterstoBen gewisser Wesenheiten auf. Es 
gibt keine hohere Entwickelung, ohne daB andere heruntergestoBen 
werden in die Tiefe. Das Mineral-, das Pflanzen- und das Tierreich 
sind auf diese Weise heruntergestoBen worden. Das ist die groBe Tra- 
gik, daB, wer sich hoher entwickelt, eine ungeheuere Verantwort- 
lichkeit auf sich nimmt. Jeder Heilige bedingt, daB eine groBe An- 
zahl Wesen heruntergestoBen werden. Wenn ein solches Herunter- 
stoBen nicht stattfande, so gabe es keine Entwickelung. Damit ein 
Mensch selbst hoher entwickelt wird, muB er fortgesetzt Wesen hin- 
unterstoBen. Darum ist alle Entwickelung schlecht und verwerflich, 
wenn sie aus Eigennutz geschieht; sie ist nur berechtigt um der Ent- 
wickelung der anderen Wesen willen. Nur wer die HinuntergestoBe- 
nen wieder hinaufholen will, ist der Entwickelung fahig. So war jene 
Entwickelung, die auf der Erde auftrat, und die schon auf anderen 
Weltkorpern vorbereitet worden war, jene Entwickelung zur Bega- 
bung des Atherleibes mit dem Logos, dem Wort, verkniipft mit dem 
HerunterstoBen anderer, mit der Erdenentwickelung zusammenhan- 
gender Wesen. Diese stellte man sich vor als Widersacher, als luzife- 
risches Prinzip. So haben wir gerade in der persischen Religion diese 
Zweiheit: neben dem Prinzip des Guten das Prinzip des Bosen auftre- 
tend. Arbeitet der Mensch, und iiberhaupt ein Wesen, manasisch in 
sich hinein, so ist das ein Gutes. Immer aber stellt sich ihm das Bose 
entgegen. Ormuzd und Ahriman, das sind die Namen fur das Gute 
und Bose in der persischen Religion. 

Die dritte Stufe tritt uns bei den Chaldaern, den Babyloniern, den 
Assyrern, den Agyptern entgegen, bei denen geistig eine Wiederho- 
lung der dritten Stufe der Gottheit vorhanden ist. Daher tritt uns hier 



und seit jener Zeit bei alien Volkern die Dreiheit, die Dreieinigkeit 
der Gottheit entgegen. Die zweite Unterrasse hatte noch keine drei- 
einige Gottheit, und die erste schon gar nicht. Nun wird in diesem 
Dreifachen nach und nach der Aufstieg fur die ganze Menschheit vor- 
bereitet. Die Eingeweihten machen den Weg vorher ... [Liicke]. 

In den drei ersten Unterrassen waren es religiose Widerspiegelun- 
gen dessen, was in den makrokosmischen Vorgangen gewirkt hatte. 
Nun kommt ein neuer Aufbau: erst Weisheit, dann Sohn und dann 
Vater. Das Aufleuchten der Weisheit geschah in der vierten Unter- 
rasse, in dem semitischen Volk, das aus der dritten Unterrasse heraus 
in die vierte hineinwachst, und aus ihm wachst dann das Christentum 
heraus. Bei den Eingeweihten des jiidischen Volkes finden wir den 
ganzen Hergang gewesener Vorgange der Erde, alle Vorgange, die 
sich im groBen im Uberirdischen abgespielt haben, noch einmal wie- 
derholt in dem Elemente des Intellektes. Dort entwickelt sich das, 
was wir den unteren Geist nennen, Kama-Manas, das wieder mit an- 
derer Kraft begabt werden muB. Diese Begabung, dieser Einschlag 
ist Christus selbst, das fleischgewordene Wort, das auf das zukiinftige 
Wort hindeutet, wo alle Menschen imstande sein werden, ihren Ather- 
leib vom Astralleib aus zu beherrschen, wenn sie im Atherleibe das 
Wort so bewegen, daB es in ihnen ein lebendiges wird. Die Moglich- 
keit dieser Entwickelung in der Zukunft ist in der Erscheinung des 
fleischgewordenen Wortes in der vierten Unterrasse vorausgenom- 
men. Damit der Logos in dem Atherkorper inkarniert werden kann, 
muB die ganze Menschheit die Herrschaft iiber den Ather erlangt 
haben. Das ist als ein Urimpuls von dem im Fleische inkarnierten 
Christus ausgegangen. Wenn der Mensch durch die Kraft des Sohnes 
hindurchgegangen sein wird, dann kommt er zum Vater. 

Nun miissen die Stufen wieder hinaufgestiegen werden, durch die 
nach und nach von der ganzen Menschheit das erreicht wird, was 
gleichsam bei Christus im Fleisch erschienen war. In dem Geiste, der 
sich im Judentum entwickelt hat, muBte das hohere Manas entfacht 
werden. Daher beginnt die neue Ara mit dem Herunterkommen des 
Heiligen Geistes, der die Menschen dazu fiihren wird, daB in der 
sechsten Unterrasse das, was heute in dem Christentum nur angedeu- 



tet ist, das Christus-Prinzip, seine Vollendung findet. «Niemand 
kommt zum Vater denn durch mich», sagt der Sohn. Er sandte der 
Menschheit den Geist, der sie vorbereiten sollte fur die Zeit, wo Gut 
und Bose sich in der sechsten Unterrasse scheiden werden. Niemals 
hatte der Mensch diesen Impuls entwickelt, ohne jenen anderen Ein- 
schlag, den wir das sogenannte bose Prinzip genannt haben. Der 
Mensch muBte einen freien Willen bekommen, dann konnte sein Ver- 
stand zu einer Entscheidung zwischen Gut und Bose aufgerufen 
werden. Dieser Einschlag des Herabsteigens des Geistes vollzieht sich 
am Pfingstfest. 

Geist, Sohn und Vater sind in der Erde wie begraben: im phy- 
sischen Korper der Vater, im Atherkorper der Sohn und im Astral- 
korper der Geist. Aber der Mensch hat sein «Ich» ausgebildet, ist 
selbstbewuBt geworden. Nun muB er lernen, herunterzuwirken bis 
auf das Physische. Das wird in der Zukunft sein. In der gegenwarti- 
gen Zeit arbeitet der Mensch in seinen Astralleib hinein. Das Symbol 
dafurist die AusgieBung des Heiligen Geistes in die Kopfe derjenigen, 
die die Fiihrer der Menschheit sein sollen. Was diesen Geist aufge- 
nommen hat, ist etwas im Menschen, was mit diesem Geist verwandt 
ist. 

Ehe der Sohn wirksam werden konnte - das war in der hyperbo- 
raischen Zeit -, muBte von dem allgemeinen Geistprinzip ein Teil ab- 
gespalten, heruntergestoBen werden und andere Bahnen wandeln. Das 
ist in der Schlange ausgedriickt, dem Symbol der Erkenntnis, dem 
Luzifer-Prinzip. Dieser Funke des Geistes war es, der den Menschen 
zu einem freien Wesen machte und ihn befahigte, aus eigenem An- 
trieb das Gute zu wollen. Dieser Geist, der zu den Menschen her- 
untergekommen ist am groBen Pfingstfeste, ist verwandt mit jenem 
Geist, welcher heruntergestoBen wurde, und der auch im Prometheus 
verkorpert ist, welcher den Funken wieder angefacht hat, damit unser 
Ich sich entschlieBen kann, dem Geiste zu folgen, wie es spater dem 
Sohne und noch spater dem Vater folgen wird. Der Mensch konnte 
zwar bose werden, aber andererseits konnte er nur auf Kosten dessen, 
daB er bose werden konnte, zur Gotterwelt wieder hinaufgefiihrt 
werden, aus der er stammt. Das ist der Zusammenhang des Piingst- 



festes mit dem luziferischen Prinzip. Daher ist das Piingstfest auch das 
Prometheus- und Freiheitsfest. 

Jetzt werden Sie auch den Zusammenhang der sieben salomoni- 
schen Konige der Vorerde - von denen Konig Salomo in der Bibel 
wie der Nachkomme erscheint - mit den Kainssohnen einsehen. Die 
Weisheit wurde zuerst der Menschheit von auBen iiberliefert. Dann 
sollte sie aus dem Inneren quellen. Salomo baute den Tempel, aber 
nur mit Hilfe des Hiram-Abiff. Mit diesem Kainssohne im Bunde 
eignete er sich die Kiinste an, die zum Aufbau des Tempels notwen- 
dig sind. So laufen die Stromungen, die getrennt in der Welt gehen, 
wieder zusammen. 

Als die Sonne sich von der Erde abspaltete, wurde das Wort in 
der Erde begraben. Es wird wieder auferstehen, wenn die Erde bis zur 
sechsten Wurzelrasse wird vorgeschritten sein. Der Mensch wird die- 
ses Wort aus der Erde auferwecken. Aber in ihm muB vorher der 
Geist leben, der das Wort in ihm selbst erklingen laBt. Das haben 
die Apostel beim Pfingstfest errungen. In «Licht auf den Weg» steht: 
«Erwirb dir das Wissen, und dir wird die Sprache» - die Sprache 
kommt mit dem echten Wissen, das herunterkommt wie der Feuer- 
funke auf die Apostel beim heiligen Pfingstfeste. Wenn das innere 
Wort kommt, das mit dem heiligen, gottlichen Worte Verwandtschaft 
hat und das sich in alles Atherische hineinsenkt, um es zu beleben, 
dann redet der Mensch nicht mehr aus sich selbst, sondern aus dem 
gottlichen Geiste heraus. Dann ist er Bote der Gottheit und ver- 
kiindet aus freiem Willen das innere Wort der Gottheit. 

So wurde das innere Wort bei den Aposteln lebendig; so wirkte 
es aus ihnen heraus. Das feurige Wort verkiindeten sie und fiihlten 
sich als Boten der Gottheit. Deshalb schwebt der Heilige Geist in 
Form feuriger Zungen iiber ihnen. Sie bereiten die Menschheit vor 
zum Empfang des Logos. Der groBe Initiierte Christus Jesus ging 
voran. Der Heilige Geist folgte und befruchtete die Astralkorper, daB 
sie reif wurden, ihren Atherleib unsterblich zu machen. Ist dies er- 
reicht, dann ist das Christus-Prinzip in die Menschheit eingezogen. 
Das meinten auch die Eingeweihten, die etwa wie Heraklit davon 
sprachen: Wenn du dem Irdischen entflohen, zum freien Ather em- 



porsteigst - im Unsterblichkeitsglauben -, wirst ein unsterblicher 
Geist du sein, dem Tode - dem Physischen - entronnen. 

Ein jeder Mensch wird in der Mitte der sechsten Wurzelrasse die- 
sen Punkt erreichen. Jetzt aber unterliegt er noch dem Tode, weil sein 
Atherleib noch nicht Unsterblichkeit erlangt hat. Im Christentum ist 
das Geheimnis enthalten, wie der Mensch sich nach und nach hinauf- 
entwickeln kann zu der Auferstehung des Atherleibes. Hier hangt die- 
ses dritte der groBen Feste mit den zwei anderen christlichen Festen 
zusammen. 

Ich wollte hier einmal die unendliche Tiefe des Pfingstfestes aus- 
einandersetzen und zeigen, wie der Mensch nach und nach das leben- 
dige Gefiihl fiir die Umwelt bekommt, da6 er verwandt ist mit alien 
Dingen, die um ihn herum sind und mit allem, was um ihn herum 
vorgeht. In der Benennung der Wochentage finden Sie niedergelegt, 
was um uns herum vorgegangen ist. 

Der Mensch begeht das Pfingstfest am besten, wenn er sich klar- 
macht, welche tiefen Wahrheiten die Weisen in ein solches Fest wie das 
Pfingstfest hineingelegt haben. Und ein Fest begehen, heiBt eigent- 
lich : Im Geiste sich mit dem Weltengeist verbinden. 



DER LOGOS UND DIE ATOME 
IM LICHTE DES OKKULTISMUS 



Berlin, 21. Oktober 1905 (Notizen) 

Eine Grundempfindung muB uns durchdringen, wenn wir wahres 
Verstandnis fur Theosophie haben wollen: daB wir namlich in der 
theosophischen Stromung die Seele erweitert erhalten, das Herz um- 
fassender, gehobener fiihlen zu hoheren Aufgaben, zum Mitwirken an 
den Angelegenheiten der Welt, wovon man keine Ahnung hat, wenn 
man nicht etwas weiB vom Okkultismus. 

Es wird oft gesprochen von der groBen Absicht, durch die theo- 
sophische Bewegung hinzulenken die Menschheit auf jenen Punkt, wo 
in der Zukunft eine neue Menschenrasse aufgehen wird, wo nicht 
mehr unser jetziger Verstand die Hauptrolle spielen wird in der Welt, 
sondern wo er befruchtet von Buddhi sein wird. Wir miissen mitar- 
beiten an dieser groBen Weltenstromung und haben dadurch eine 
groBe Verantwortlichkeit gegeniiber der theosophischen Bewegung. 
Die Aufgabe des Theosophen erstreckt sich in die feme Zukunft. 
Wir begeben uns nicht in ein Wolkenkuckucksheim dabei, sondern 
was wir erfahren iiber eine solche feme Zukunft, das ist in uns krafte- 
weckend, das ist in uns etwas erzeugend, was wir auch fur den Alltag 
gebrauchen konnen. Anders handelt jemand, der auch nur zehn Mi- 
nuten des Tages diese groBen Weltenperspektiven durch den Kopf 
ziehen laBt, als der, der im Alltag aufgeht. Er kann etwas hineinbrin- 
gen in die Gegenwart, was neu, produktiv und originell ist. Auf dem 
Hineinbringen von Originellem in die Menschheit beruht alle Ent- 
wickelung. 

Wir wollen ausgehen von etwas, was sich an das Wirken der Devas 
anschlieBt. Devas sind Wesen, welche auf einer hoheren Stufe stehen 
als der Mensch und die imstande sind, auf hoheren Stufen des Daseins 
zu wirken. So finden wir die Devas, wenn wir als Seher die hoheren 
Plane betreten. Wir finden Devas auf dem Astralplan, auf dem Rupa- 
plan, auf dem Arupaplan und weiter hinauf. Was bedeutet das Wirken 
der Devas fur die Welt, in welcher wir selbst sind? Wir gehen bei 



Beantwortung dieser Frage davon aus, daB wir uns fragen: Was ist 
der Zweck unseres menschlichen Daseins, dieser fortdauernden Re- 
inkarnationen? Der Mensch kame umsonst und zwecklos in die Welt 
herein, wenn er nicht bei jeder Hereinkunft eine besondere Lektion 
lernen, eine besondere Aufgabe erfiillen konnte. Jedesmal muB sich 
die Erde so weit geandert haben, daB der Mensch eine Situation an- 
trifft, die er bei seiner friiheren Verkorperung noch nicht angetrof- 
fen hat. 

Okkult rechnet man eine Verkorperung aus einer mannlichen und 
einer weiblichen bestehend. Zwischen 2600 bis 3000 Jahren liegen 
zwei solche zusammengehorige Verkorperungen. Die Erfahrungen, 
die der Mensch auf der heutigen Stufe der Evolution in der Welt 
macht, sind so verschieden bei Mann und Weib, daB es sehr notwen- 
dig ist, diese zu machen. 

Die Veranderungen, die zwischen zwei Inkarnationen eines Men- 
schen in der Welt bewirkt werden, diese Veranderungen sind fur einen 
auBerhalb der theosophischen Welt stehenden Menschen eigentlich 
ziemlich unbegreiflich. Tatsachlich finden aber die Menschen nicht nur 
moralisch, sondern auch physisch ganz andere Verhaltnisse. Fur den, 
der okkult zuriickblickt, haben sich in den letzten dreitausend Jahren 
auch die physischen Verhaltnisse wesentlich verandert. In der Zeit der 
alten Griechen, der Griechen Homers, 800 vor Christus, da wiirden 
wir vorhergehende Inkarnationen von uns durchschnittlich antreffen. 
Damals waren ganz andere geographische und klimatische Verhalt- 
nisse, eine wesentlich andere Pflanzenwelt und auch eine andere Tier- 
welt. In diesen Reichen gehen [standig] wesentliche Veranderungen 
vor. Ein auBerer Ausdruck fiir diese Veranderungen ist das Fort- 
schreiten der Sonne am Himmelsgewolbe. Zwolf Sternbilder haben 
wir und die Sonne riickt mit dem Friihlingsanfangspunkt immer von 
einem zum andern vor. Vor 8000 Jahren ging die Sonne zum ersten- 
mal im Sternbild des Krebses auf. Die Zeit, wahrend der die Sonne 
durch ein Sternbild durchgeht, diese Zeit, die da verflieBt, dauert etwa 
2600 Jahre. Das ist auch die Zeit zwischen zwei Inkarnationen des 
Menschen. Ungefahr um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert 
riickte die Sonne aus dem Sternbild des Widders in das Sternbild der 



Fische vor, so daB sie jetzt im Friihjahr im Sternbild der Fische 
auf gent.* 

Die Menschen, die noch Sinn fiir Okkultismus hatten, wuBten etwas 
von dem Zusammenhang im Leben des Menschen mit diesen Verande- 
rungen am Firmament. Friiher, ehe die Sonne in das Zeichen des 
Widders trat, herrschte in Asien der Stierdienst (Mithras, Apis). Dann 
folgte die Verehrung des Widders, die damit beginnt, daB die Sage 
von Jason und dem Goldenen Vlies entsteht. Christus nennt man das 
«Lamm Gottes». Noch weiter zuriick findet man das persische Sym- 
bol, die Zwillinge. Dies hangt zusammen mit der damaligen [per- 
sischen] Kultur [und ihrer Anschauung] des Guten und des Bosen. 

Wenn die Sonne unter anderen Verhaltnissen auf die Erde herein- 
scheint, sind auch immer andere Verhaltnisse da. Daher fiihrt das Er- 
stehen der Sonne in einem neuen Sternbild auch jedesmal eine neue 
Inkarnation herbei. Oben am Himmel das Fortschreiten der Sonne, 
unten auf der Erde eine Veranderung der klimatischen Verhaltnisse, 
der Vegetation und so weiter. 

Wer bewirkt das? Der Theosoph muB es fragen, denn Wunder gibt 
es fiir den Theosophen nicht. Es gibt Tatsachen auf hoheren Planen, 
aber keine Wunder. Gegeniiber der Frage des Zusammenhanges des 
Menschen mit den Erscheinungen auf der Erde muB man einen hohe- 
ren Standpunkt einnehmen. 

Nach dem Tode ist der Mensch in Kamaloka. Wir fragen nicht: 
Haben die Tiere und Pflanzen BewuBtsein, sondern wir fragen: Wo 
haben sie ihr BewuBtsein? - Wir wissen, daB die Tiere ihr BewuBt- 
sein in Kamaloka, auf dem Astralplan, haben, die Pflanzen auf dem 
Rupaplan, die Mineralien auf dem Arupaplan. Der Mensch hat sein 
BewuBtsein auf dem physischen Plan. Man nehme an, der Mensch 
kame jetzt nach Kamaloka. Dann ist er an demselben Orte, wo die 
Tiere ihr BewuBtsein haben. Dann steigt er hinauf in das Devachan, 
wo die Pflanzen ihr BewuBtsein haben. Auf der heutigen Evolutions- 
stufe ist der Mensch nicht imstande, auf das Reich der Tiere oder auf 
das Pflanzenreich einen EinfluB auszuiiben. Diesen EinfluB hat er aber 



Siehe unter Hinweise. 



wohl in den unteren Partien des Devachanplanes. Seine Genossen sind 
dort alle, die ein devachanisches BewuBtsein haben. Das sind Krafte, 
Wesenheiten, die aus dem Devachan heraus schaffen, die das Wach- 
sen und Gedeihen der Pflanzenwelt bewirken. Vom Devachanplan 
aus wird das ganze Leben der Pflanzen dirigiert. Von dort aus tut der 
Mensch mit beim Schaffen und Umwandeln der Pflanzen. Es erwach- 
sen ihm dort Krafte, so da6 er tatsachlich auf die Vegetation einen 
EinfluB gewinnt. Aber zum Regieren dieser Tatigkeit sind nun die 
Devas da. Er wird gelenkt von ihnen, so da6 er mitarbeiten kann an 
der Transformation der Pflanzenwelt. Die Krafte, die der Mensch 
heute in einer Inkarnation gesammelt hat, die benutzt er im Deva- 
chan zur Umgestaltung der Pflanzenwelt. Wie sich wahrend der De- 
vachanzeit des Menschen Daseinskrafte andern, so andert er mit die 
Vegetation auf der Erde. Vom Devachan aus andert der Mensch tat- 
sachlich die Umgebung, die um ihn erwachst. 

Die sich lange aufhalten im Devachan, arbeiten auch mit an der 
Veranderung der physischen Krafte. Wenn man eine Million Jahre 
zuriickgeht in Deutschland, findet man noch vulkanische Gebirge; 
die Alpen als niedrige Hiigelwellen. Die spatere Veranderung ist 
durch die Menschen vom Arupaplan aus herbeigefiihrt worden, da- 
mit sie spater eine ihnen passende physische Konfiguration in Europa 
vorfinden. Das Wirken des Menschen im Weltenall ist dasjenige von 
innen gesehen, was wir in der Umwelt von auBen sehen. 

Jetzt kommen wir dazu, wie in anderer Gestalt auf noch hoheren 
Planen umgestaltend gewirkt wird in der Welt. 

Man liest oft vom Herabstromen des Logos und fragt sich, wie das 
[vorzustellen] ist, wie man zu einer Vorstellung kommen kann iiber 
den Logos, zu einer Vorstellung, die etwas mehr ist als ein bloBes 
Wort. Wir wollen uns nun den Zusammenhang des Logos mit dem 
Kleinsten vor Augen fiihren. Eine Beschreibung - nicht Spekulatio- 
nen - gebe ich Ihnen von Ergebnissen uralter okkulter Forschun- 
gen, wie sie iiberliefert wurden, namentlich in den okkulten Schulen 
Deutschlands ausgebildet worden sind, besonders vom 14..Jahrhun- 
dert an. 

Wenn man iiber das Atom nachdenkt, so fallt uns ein, da6 das 



Atom ein sehr kleines Ding ist. Jedem ist klar, daB das kleine Ding, 
das man Atom nennt, niemals von irgendeinem Mikroskop, selbst 
wenn es sehr vollkommen ist, gesehen worden ist. Die okkulten 
Biicher geben aber Beschreibungen der Atome, Bilder von Atomen. 
Wo sind diese Bilder hergenommen? Wie kann man nun als Okkul- 
tist etwas iiber die Atome wissen? 

Nun, stellen Sie sich vor, wenn es moglich ware, das, was ein Atom 
ist, zum Wachsen zu bringen, so daB es immer groBer und groBer 
werden wiirde, bis es so groB ist wie die Erde, dann wiirde man eine 
sehr komplizierte Welt finden. Innerhalb dieses kleinen Dinges wiirde 
man viele Bewegungen und mancherlei Erscheinungen wahrnehmen. 
Man halte diesen Vergleich fest, daB das Atom so vergroBert ware wie 
die Erde. Wenn es wirklich moglich ware, das Atom so zum Wach- 
sen zu bringen, so konnten wir alle einzelnen Vorgange darin beob- 
achten. Nur der Okkultist ist imstande, das Atom so zum Wachsen 
zu bringen und es im Inneren zu betrachten. 

Betrachten wir zweitens alles menschliche Treiben auf der Erde, 
von den untersten Bildungsstufen des Menschen angefangen, mit sei- 
nen Trieben und Leidenschaften, aufsteigend zu sittlichen Idealen, 
Religionsgemeinschaften und so weiter, so sehen wir, daB die Men- 
schen gleichsam Faden zwischen sich spinnen, die sich von Mensch 
zu Mensch schlingen und immer hohere und hohere Gemeinschaften 
entstehen: die Familie, der Stamm und weiter ethnische und staatliche 
Gemeinschaften, und schlieBlich Religionsgemeinschaften. In diesen 
kommt schon zum Ausdruck die Wirkung der hoheren Individuali- 
ties Solche Gemeinschaften sind aus der Quelle und dem Born der 
einheitlichen Weltenweisheit heraus entstanden durch einen Religions- 
stifter. Die Religionen stimmen alle [im tieferen] iiberein, weil sie 
Stifter haben, die zu der groBen Loge gehoren. 

Es gibt eine besondere weiBe Loge, welche zwolf Mitglieder hat, 
von denen sieben besonders wirken, und von diesen werden dann 
Religionsgemeinschaften begriindet. Solche waren Buddha, Hermes, 
Pythagoras und so weiter. Der groBe Plan der ganzen Menschheits- 
entwickelung wird tatsachlich spirituell ausgebaut in der weiBen Loge, 
die so alt wie die ganze Menschheit ist. Ein gleichmaBiger Plan der 



Fiihrung des ganzen Menschheitsfortschrittes tritt uns da entgegen. 
Alle anderen Gemeinschaften sind nur Verzweigung; auch Familien- 
gemeinschaften und so weiter sind alle verkniipft mit dem groBen 
Plan, der uns hinauffiihrt in die Loge der Meister. Da wird gespon- 
nen und gewoben der Plan, nach dem sich die ganze Menschheit 
entwickelt. 

Verfolgen wir alles das, was weiter geschieht. Da miissen wir erst 
einen Spezialplan, namlich den Plan unserer Erde, kennenlernen. Be- 
trachten wir die vierte Erdenrunde, in der wir stehen. Sie ist dazu be- 
stimmt, das Reich des Minerals immer mehr und mehr menschlich um- 
zuwandeln. Man bedenke, wie der menschliche Verstand die minera- 
lische Welt schon umgewandelt hat, bis zu der Umwandlung hinauf, 
die wir im Kolner Dom sehen, bis zur technischen Maschine. Unsere 
Menschheit hat die Aufgabe, die ganze mineralische Welt zu einem 
reinen Kunstwerk umzugestalten. Die Elektrizitat weist uns schon 
hin in okkulte Tiefen des Stoffes. 

Wenn der Mensch die mineralische Welt neu aufgebaut hat aus sei- 
nem Inneren heraus, dann wird das Ende unserer Erde gekommen 
sein; dann ist die Erde ans Ende der physischen Entwickelung ge- 
langt. Der Spezialplan, nach dem das Mineralreich umgewandelt wird, 
lebt in der Loge der Meister. Heute ist dieser Plan schon fertig, so 
daB, wenn man diesen einsieht, man sehen kann, was fur Wunder- 
bauten, Wundermaschinen und so weiter aus dieser mineralischen 
Welt noch entstehen werden. Wenn die Erde am Ende des physischen 
Globus angelangt sein wird, wird die ganze Erde eine innere Struk- 
tur, ein inneres Gefiige haben, das der Mensch selbst ihr gegeben hat, 
so daB sie ein Kunstwerk geworden ist, nach dem Plane der Meister 
der weiBen Loge. Ist das geschehen, dann geht die Erde in ihren 
astralen Zustand iiber. Das ist etwas Ahnliches, wie wenn die Pflanze 
anfangt zu verwelken. Das Physische vergeht; alles geht ins Astrale 
hinein. Bei dem Hineingehen in die astrale Welt geht das Physische 
immer mehr zusammen, wird ein immer kleinerer Kern, der um- 
geben ist vom Astralischen, in den Rupa- und dann in den Arupa- 
zustand iibergeht und dann verschwindet in einen schlafahnlichen 
Zustand. 



Was ist dann vom Physischen iibrig ? Wenn die Erde in den Arupa- 
zustand iibergegangen ist, so ist darin noch ganz zusammengedrangt 
ein kleiner Abdruck der ganzen physischen Entwickelung von dem, 
was unter dem Plane der Meister aufgebaut, gleichsam eine ganz 
kleine Miniaturausgabe dessen, was die mineralische Erde einstmals 
war. Dies ist das, was [vom Physischen] heriibergeht. Das Physische 
ist da nur als diese kleine Miniaturausgabe friiherer Entwickelungen 
vorhanden, das Arupa aber groB. Wenn dies heriibergeht aus dem 
Devachanzustande, vermehrt es sich in unzahlige gleiche Dinge nach 
auBen. Und wenn die Erde wieder in den physischen Zustand her- 
iibergeht, dann besteht sie aus unzahligen solcher kleinen Kiigelchen, 
welche ein Abdruck sind dessen, was die Erde friiher war. Aber alle 
sind verschieden geartete Kiigelchen, fiihren jedoch auf dasselbe zu- 
riick. So wird die neue physische Erde der fiinften Runde aus sol- 
chen unzahligen kleinen Teilen bestehen, welche alles das enthalten, 
was die Meister als Ziel der mineralischen Welt, als Plan in ihrer 
Loge haben. Jedes Atom der fiinften Runde enthalt den ganzen Plan 
der Meister. Heute arbeiten die Meister das Atom der fiinften Runde 
im groBen aus. Alles was in der Menschheit vorgeht, das wird zu- 
sammengedrangt in ein Resultat: das ist das Atom der fiinften 
Runde. 

Daher, wenn wir den Blick richten auf das Atom, das heute be- 
steht, und gehen zuriick iri der Akasha-Chronik, dann sehen wir, daB 
das Atom von heute einen WachstumsprozeB durchmacht. Es wachst 
immer mehr und mehr; es geht immer mehr und mehr auseinander ... 
[Liicke im Text] ... und es enthalt die in der dritten Runde durch- 
einanderwogenden Krafte der Menschheit. Daran konnen wir den Plan 
der Meister der dritten Erdenrunde betrachten. Was erst ganz auBer- 
halb ist, das wird ganz innerhalb, und im kleinsten Atom sehen wir ein 
Spiegelbild des Planes der Meister. Diese kleinen Spezialplane sind 
nichts anderes als ein Stuck des ganzen Menschheitsplanes. Wenn 
man das so betrachtet, daB der Plan der einen Runde das Atom der 
nachsten Runde ist, dann sieht man das Gefiige des groBen Welten- 
planes. So geht der groBe Weltenplan hinauf in immer hohere Stufen, 
zu Wesenheiten, die immer hohere Plane des Weltenbaues haben. 



Wenn wir diesen Plan betrachten, so haben wir den dritten Logos. 
So schliipft der Logos fortwahrend hinein in das Atom. Erst ist er 
drauBen und wird zum Anordnungsplan fur das Atom, und dann wird 
das Atom ein Abbild dieses Planes. Der Okkultist zeichnet einfach 
den Plan aus der Akasha-Chronik iiber die friiheren Runden auf und 
erforscht so das Atom. 

Woher haben nun hdhere Wesen diesen Plan? Darauf bekommen 
wir eine Antwort, wenn wir bedenken, daB es noch hohere Stufen 
der Entwickelung gibt, wo die Plane entworfen werden. Da wird 
die Weltentwickelung vorgezeichnet. Hingewiesen wird auf die hohe- 
ren Stufen bei den Alten, zum Beispiel bei Dionysius, dem Schiiler 
des Apostels Paulus, und auch bei Nicolaus Cusanus. Er erkannte: Ho- 
lier als alles Wissen und Erkennen ist das Nichterkennen. Aber dieses 
Nichtwissen ist ein Uberwissen und dieses Nichterkennen ist ein 
Ubererkennen. 

Wenn wir nicht mehr auf das sehen, was wir als Gedanken und 
Begriffe von der Welt erhalten, sondern uns zu dem wenden, was 
hinaufsprieBt, zu der Kraft im Inneren, dann finden wir etwas noch 
Hoheres. Die Meister konnen den [dritten] Logos spinnen, weil sie 
noch hoher gestiegen sind, als es die Natur des Denkens ist. Wenn 
die hoheren Krafte entwickelt sind, dann erscheint das Gedachte bei 
solchen Wesenheiten als etwas anderes. Es ist dann so wie bei uns 
das ausgesprochene Wort. Der Gedanke, der fiir den Meister die 
innerste Wesenheit ausmacht, kann selbst der Ausdruck einer hoheren 
Wesenheit sein, wie das Wort der Ausdruck des Gedankens ist. Wenn 
wir selbst den Gedanken ansehen als das Wort eines noch hoheren 
Wesens, dann nahern wir uns dem Begriff des Logos. Das Wissen, 
aus dem Gedanken herausgeholt, steht auf einem noch hoheren 
Plan. 

Auf dem einen Ende der Welt befindet sich das Atom. Es ist ein 
Abbild des aus der Tiefe des Geistes der Meister hervorgegangenen 
Planes, der der Logos ist. 

Wenn wir nun die Umgestaltung der Menschheit selbst in der gro- 
Ben Weltenperiode suchen, dann werden wir wieder hineingefiihrt in 
die Welt. 



Wie der Mensch heruntergestiegen ist, hinabgetaucht bis auf den 
physischen Plan, so ist es auch mit der ganzen Welt. Was das mensch- 
liche Selbst vorwartsbringt, das liegt um den Menschen herum in 
der Welt. 

Dann aber werden wir heruntergefiihrt in die niederen Plane, die 
aber selbst die hoheren Plane enthalten ... die Loge der Meister. 

Bei den Meistern lebt heute der Geist der Erde, und dieser Geist 
der Erde wird sein das physische Kleid des nachsten Planeten. Das 
Kleinste was wir tun, wird seine Wirkung im kleinsten Atom des 
nachsten Planeten haben. Dies Gefiihl gibt uns erst einen vollen Zu- 
sammenhang mit der Loge der Meister. Das soil einen Mittelpunkt 
der Theosophischen Gesellschaft geben, weil wir wissen, was die 
Wissenden wissen. 

Wenn Goethe vom Erdgeist spricht, so spricht er eine Wahrheit. 
Der Erdgeist, er webt an dem Kleide des nachsten Planeten. «In 
Lebensfluten - im Tatensturm» webt der Geist [der Erde] das Kleid 
der nachsten planetarischen Gottheit. 

Zur Erganzung: 

Zwei Jahre spater, wiederum zur Generalversammlungszeit, sprach Rudolf Steiner im 
Vortrag Berlin, 21. Oktober 1907 (Bibl.-Nr. 101) noch einmal iiber das Atom in dem 
Sinne, wie von einem Planeten geistig auf den anderen heriibergewirkt wird, wie also «vom 
Mond auf die Erde und wiederum von der Erde auf ihren Nachfolger, den Jupiter» 
heriibergewirkt wird. 
Der in Frage kommende Auszug lautet: 

Sie alle wissen, daB die Erde gefiihrt wird in einer gewissen Bezie- 
hung von der sogenannten weiBen Loge, in der hochentwickelte 
Menschen-Individualitaten und Individualitaten noch hoherer Art 
vereinigt sind. Was tun die da? Sie arbeiten; sie fiihren die Erden- 
entwickelung ; wahrend der Fiihrung der Erdenentwickelung arbeiten 
sie einen ganz bestimmten Plan aus. Das ist tatsachlich der Fall, daB 
wahrend der Entwickelung eines jeden Planeten von den fiihrenden 
Machten ein bestimmter Plan ausgebildet wird. Wahrend sich die Erde 
entwickelt, wird in der sogenannten weiBen Loge der Erde der Plan 
fur das Einzelnste dessen aufgestellt, wie sich der Jupiter entwickeln 
muB, der die Erde ablost. Der ganze Plan wird in alien Einzelheiten 



entwickelt. Und darin besteht der Segen und das Heil der Fortent- 
wickelung, daB im Einklang mit diesem Plan gehandelt wird. 

Wenn nun eine planetarische Entwickelung zu Ende geht, wenn 
also unsere Erde am Ende ihrer planetarischen Entwickelung ange- 
langt sein wird, dann werden auch die Meister der Weisheit und des 
Zusammenklanges der Empfindungen fertig sein mit dem Plan, den 
sie fur den Jupiter auszuarbeiten haben. Und jetzt am Ende einer sol- 
chen Planetenentwickelung geschieht etwas hochst Eigentiimliches. 

Dieser Plan wird durch eine Prozedur zu gleicher Zeit unendlich 
verkleinert und unendlich vervielfaltigt. So da6 von dem ganzen 
Jupiterplan unendlich viele Exemplare, aber ganz «en miniarure», vor- 
handen sind. So war es auch auf dem Monde: der Plan der Erden- 
entwickelung war da, unendlich vervielfaltigt und verkleinert. Und 
wissen Sie, was das ist, dieser verkleinerte Plan, was da im Geistigen 
ausgearbeitet worden ist? Das sind die wirklichen Atome, die der 
Erde zugrunde liegen. Und die Atome, die dem Jupiter zugrunde lie- 
gen werden, sie werden wiederum der ins Kleinste umgesetzte Plan 
sein, der jetzt in der fiihrenden weiBen Loge ausgearbeitet wird. Nur 
wer diesen Plan kennt, kann auch wissen, was ein Atom ist. 

Wenn Sie dieses Atom, das der Erde zugrunde liegt, nach und nach 
erkennen wollen, so werden Ihnen zur Erkenntnis dieses Atoms eben 
diejenigen Weisheiten entgegentreten, die von den groBen Magiern 
der Welt ausgehen. 

Nun konnen wir natiirlich iiber diese Dinge nur andeutungsweise 
sprechen, aber wir konnen wenigstens etwas geben, was uns einen Be- 
griff gibt von dem, um was es sich hier handelt. 

Die Erde ist in gewisser Weise zusammengesetzt aus diesen ihren 
Atomen. Ein jedes Wesen, Sie selbst alle sind zusammengesetzt aus 
diesen Atomen. Und Sie stehen dadurch in Einklang mit der ganzen 
Erdenentwickelung, daB Sie in unendlicher Zahl den verkleinerten 
Erdenplan in sich tragen, der friiher ausgearbeitet worden ist. Dieser 
Erdenplan konnte auf dem vorhergehenden planetarischen Zustand 
unserer Erde, dem Monde, nur dadurch ausgearbeitet werden, daB 
fiihrende Wesenheiten gewirkt haben in Einklang mit der ganzen 
planetarischen Entwickelung durch Saturn, Sonne, Mond hindurch. 



Nun handelte es sich aber darum, den unendlich vielen Atomen das 
mitzugeben, was sie in die richtigen Verhaltnisse bringt, sie in der 
richtigen Weise zusammenordnet. Ihnen das mitzugeben, war den fiih- 
renden Geistern des Mondes nur moglich, wenn sie die Erdenent- 
wickelung in eine ganz bestimmte Bahn lenkten, was ich ofter schon 
gesagt habe. 

Als die Erde nach der Mondentwickelung wieder hervortrat, da 
war sie eigentlich noch nicht «Erde», sondern Erde plus Sonne plus 
Mond; ein Korper, den Sie erhalten wiirden, wenn Sie die Erde mit 
Sonne und Mond zusammenriihrten und einen einzigen Korper dar- 
aus machten. Das war die Erde zunachst. Dann trennte sich zuerst 
die Sonne und damit auch alle diejenigen Krafte, die fur den Men- 
schen zu diinn und geistig waren und unter deren EinfluB er sich 
viel zu schnell vergeistigt haben wiirde. Wenn der Mensch nur ge- 
standen haben wiirde unter dem EinfluB der Krafte, die in diesem 
Sonnen-Monden-Erdenkorper zusammen enthalten waren, dann hatte 
er sich nicht bis in die physische Materialitat herunterentwickelt 
und er hatte dann nicht jenes Selbst-, jenes Ich-BewuBtsein erlangen 
konnen, das er erlangen muBte. ... 



DAS VERHALTNIS DES OKKULTISMUS 
ZUR THEOSOPHISCHEN BEWEGUNG 

Berlin, 22. Oktober 1905 (nachmittags)* 

Ich mochte noch einmal bekanntgeben, daB ich mir gestatten werde, 
morgen friih einen Vortrag zu halten iiber gewisse gegenwartige ok- 
kulte Fragen im Zusammenhang mit der Freimaurerei. Und das soil 
geschehen, nach altem okkultem Usus, getrennt fiir Herren und Da- 
men. Um zehn Uhr wird der Vortrag fiir Herren stattfinden, um halb 
zwolf Uhr fiir Damen. Sie werden vielleicht fragen, warum dieser 
Usus besteht, der erst in der theosophischen Weltanschauung iiber- 
wunden werden wird. Das wird sich aus dem Inhalt der Vortrage er- 
geben, und ich mochte mir noch erlauben zu bemerken, daB morgen 
Abend der Besant-Zweig seine ordentliche Versammlung haben wird 
um acht Uhr. 

Nun mochte ich also iiber das Verhaltnis des Okkultismus zur theo- 
sophischen Bewegung und einige andere damit zusammenhangende 
Fragen sprechen. Es ist oft und oft dariiber gesprochen worden, ob 
die theosophische Bewegung, insbesondere insofern sie sich in der 
Theosophischen Gesellschaft zum Ausdruck bringt, eine okkulte Be- 
wegung sei, oder ob man von allem Okkultismus in der theosophi- 
schen Bewegung absehen miisse. 

Die theosophische Bewegung als solche, insofern sie sich in der 
Theosophischen Gesellschaft zum Ausdruck bringt, kann keine ok- 
kulte Bewegung sein. Eine okkulte Bewegung hat andere Voraus- 
setzungen, als diejenigen sind, die in der Theosophischen Gesellschaft 
zum Ausdruck kommen konnen. Okkulte Gesellschaften hat es zu 
alien Zeiten gegeben. Diese hatten vor alien Dingen eines notwendig: 
namlich, daB sie durch die ganze Art ihres Strebens eine Art von 
hierarchischer Gliederung hatten. Das heiBt, daB die Mitglieder einer 
solchen Gesellschaft, einer solchen Bruderschaft, nach Graden ge- 

* Im AnschluB an die Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophi- 
schen Gesellschaft. 



ordnet waren. Jeder Grad, vom ersten bis hinauf in die neunziger 
Grade, hatte seine ganz bestimmte Aufgabe. Innerhalb jeden Grades 
gab es ganz bestimmte Aufgaben. Niemand konnte vorher in einen 
hoheren Grad befordert werden, bis er die Aufgaben des niederen 
Grades erfiillt hatte. 

Ich kann nur ganz im allgemeinen andeuten, warum das so ist. Da 
miissen wir namlich iiberhaupt iiber die Aufgaben solcher okkulten 
Bruderschaften sprechen. Die verehrten Freunde, die iiber solche 
Dinge mich schon ofter haben sprechen horen, werden mich heute 
um so besser verstehen. Okkulte Bruderschaften sind Fiihrerbruder- 
schaften der Menschheit. Sie haben die Aufgabe, die Dinge der Zu- 
kunft vorzubereiten. Alles was in der Zukunft geschehen soil, bereitet 
sich ja schon in der Gegenwart vor, findet in der Gegenwart seinen 
Ausdruck als Idee, als Plan und wird dann in der Zukunft verwirk- 
licht. Selbst wenn Sie auf dem auBeren physischen Plan die Entwicke- 
lung des Menschengeschlechtes ansehen, so werden Sie doch finden, 
daB Dinge, die spater eine Verwirklichung erfuhren, viel friiher in 
Kopfen und Seelen von fiihrenden Personlichkeiten und Individuali- 
taten als Idee aufkeimten und nach Ausdruck rangen. Nehmen Sie 
zum Beispiel die Dampfmaschine: Sie werden finden, wenn Sie die 
Sache zuriickverfolgen, wie sich die Dampfmaschine aus den einfach- 
sten Tatsachen heraus entwickelt hat; wie schon der mit kochendem 
Wasser gefiillte Kochtopf die Idee der Dampfmaschine enthalt, die 
sich dann von dieser einfachsten Form bis zum kompliziertesten Me- 
chanismus fortsetzt. 

Das sind aber Kleinigkeiten gegeniiber dem groBen Menschheits- 
bau, den wir vor uns haben. Die wichtigsten Dinge setzen viel gro- 
Bere und viel bedeutungsvollere Perspektiven voraus. Sie setzen vor- 
aus, daB dasjenige, was in weiter ferner Zukunft geschehen soil, in 
gewisser Weise heute schon vorbereitet wird. Wie kann so etwas ge- 
schehen? Dadurch, daB man es in der Hand hat, heute schon die 
Krafte in die Welt hineinzulegen, welche in der Zukunft wirksam 
werden sollen. Alles was in der Zukunft hier auf dem physischen 
Plan geschehen wird, das bereitet sich bereits viel friiher, als es hier 
auf dem physischen Plane geschieht, auf dem Astralplane und auf 



dem Devachanplane vor; so daB tatsachlich feme, zukiinftige Ereig- 
nisse, ihrer Kraft nach, in den hoheren Planen und Welten verfolgt 
werden konnen. Aber der Mensch kann nicht gut in die Zukunft 
hineinwirken, wenn er nicht, aus der Kenntnis der wirkenden Krafte 
heraus, diese Wirkung vorbereitet. Der Mensch ist ein selbstbewuBtes 
Geschopf und muB sein Geschick selbst in die Hand nehmen. Des- 
halb hat es immer fortgeschrittene Briider unseres Menschengeschlech- 
tes gegeben, welche nicht bloB auf dem physischen Plane sehen kon- 
nen, sondern auch auf hoheren Planen. 

Versuchen wir zu begreifen, was das heiBt: auf hoheren Planen 
voraussehen. Nehmen wir an, Sie haben einen Teich mit Wasser. Sie 
konnen voraussehen, daB der Teich, wenn die Temperatur sinkt, ein- 
gefroren sein wird, daB darauf Schlittschuhlaufer und so weiter sein 
konnen. In ahnlicher Weise haben wir es mit dem Verhaltnis des so- 
genannten astralen Planes zum physischen Plane, das heiBt, zu unserer 
Welt zu tun. Wenn man namlich die Vorgange auf dem astralen 
Plane verfolgt, dann kann man in der Tat mit Hilfe des astralen Er- 
eignisses dasjenige sehen, was in spaterer Zeit, gleichsam als Ver- 
dichtung davon, da sein wird. Und so kann man aus den astralen 
Ereignissen dasjenige ersehen, was spater auf dem physischen Plane 
verdichtet auftritt. Nichts anderes sind die physischen Begebenheiten 
als so verdichtete Ereignisse, die sich vorher in den hoheren Welten 
zugetragen haben. 

Ein Beispiel: Im ganzen Altertum gab es Mysterien. Diese hatten 
die Aufgabe, einzelne Menschen aufzunehmen und sie einzuweihen 
in die Geheimnisse des Daseins, oder - wie Johannes der Apokalyp- 
tiker sagt - zu zeigen, was «in Kiirze», das heiBt, in der Zukunft 
geschehen soil. In solchen Tempelstatten wurden diejenigen Schiiler, 
die in den ersten Grad aufgenommen werden sollten, unterrichtet. Es 
gab dann auch einen Unterricht fur hoher und immer hoher ent- 
wickelte Schiiler. Die erste Stufe war die, daB die Betreffenden ihren 
Astralleib lauterten. Dies bestand darin, daB sie nicht bloB die ge- 
wohnliche biirgerliche Ethik sich zu eigen machten. Die biirgerliche 
Ethik wurde vorausgesetzt; das was hier in Betracht kommt, muBte 
in strenger Pflichterfiillung befolgt werden. Wenn der Schiiler dann 



mehr und mehr zu hoheren Idealen aufstieg, aus den Leidenschaften 
und Trieben des gewohnlichen Lebens hinaufstieg zu den Wiinschen, 
die liber allem Kleinlichen des Menschen stehen, und seine Lust und 
Unlust so reinigte, daB die groBen, weltumfassenden Angelegenheiten 
des Menschengeschlechtes die seinigen wurden, wenn er iiber sich 
hinaus mitfiihlte und mitempfand, dann war er auf dem Wege, das, 
was man die Reinigung des Astralkorpers nannte, zu vollziehen. Dann 
durfte er auch in die dichteren Leiber eingreifen. Er durfte an seinem 
Atherkorper arbeiten, er durfte nicht nur die weiche, biegsame und 
schmiegsame astrale Materie in seinem Geist- und seinem Seelen- 
korper umgestalten, sondern er durfte hineinarbeiten in seinen Ather- 
leib. Dann war er das, was man einen Chela nennt. Ein solcher Chela 
ist derjenige, der nicht nur hohere Pflichten anerkennt, der nicht nur 
die Reinigung so weit vorgenommen hat, daB er die menschlichen 
Pflichten zu den seinigen gemacht hat, sondern so weit ist, daB er 
hinausgewachsen ist iiber die niederen und hoheren Angelegenheiten 
der einzelnen Volker, selbst der einzelnen Bekenntnisse. Sein Blick 
ist auf das Leben der ganzen Menschheit gerichtet. Und durch den 
nunmehr durchorganisierten Atherkorper wird er ein Teilnehmer an 
den groBen Angelegenheiten des Erdenbaues. Dazu muBte folgendes 
geschehen. 

Es muBte der Chela alle die Krafte lahmlegen, weiche ihn an der 
Arbeit an seinem Atherleib hinderten. Wenn Sie einen Menschen vor 
sich haben, so hat er ja den physischen Korper, Atherkorper und 
Astralkorper. Der Chela hat seinen Astralkorper gelautert und darf 
hineinarbeiten in seinen Atherleib. Sie werden begreifen, warum der 
Mensch diese Reinigung seines Astralleibes durchfiihren muB. Was 
geschieht denn, wenn der Astralleib gereinigt ist? Was dringt da ein 
in den Atherleib? Dasjenige, was im Astralleib veranlagt ist. Die 
Dinge, die im Astralleibe leben, driicken sich dem Atherleib ein. So- 
lange Sie am Astralleib arbeiten, konnen Sie die Fehler immer wieder 
umarbeiten: die Astralmaterie ist diinn und weich; Sie konnen das 
immer wieder ins Gleichgewicht bringen. Hat ein Mensch aber als 
Chela den Atherleib zu entwickeln begonnen, dann driicken sich diese 
Eigenschaften in den Atherleib ein, und dieser ist viel dauernder. 



Der Mensch wiirde dadurch, daB er das irdisch Fehlerhafte dauerhaft 
macht, zu einem gefahrlichen Mitgliede der Menschheit werden. Da- 
her die immerwahrende Betonung der notwendigen Reinigung. Die- 
ser Atherleib wird durch die Krafte, die auf ihn wirken, beeindruckt. 
Denken Sie ihn sich getrennt von dem physischen Korper, so hat er 
eine ganz andere Elastizitat. Wenn er darinnen steckt, so halt er diesen 
in der Form; aber er ist, solange er darinnen weilt, zunachst zu 
schwach, um das in sich hineinzudriicken, was als Astralitat durch 
die Katharsis durchgegangen ist. 

Daher hat man das Altertum hindurch folgendes machen miissen. 
Man muBte jene die Elastizitat des Atherleibes verhindernden Krafte 
zunachst beseitigen. Das geschah dadurch, daB der ganze physische 
Leib in einen lethargischen Zustand gebracht wurde. Der Mensch 
lag da, und der Atherleib wurde herausgeholt aus dem physischen 
Leibe. Der physische Korper blieb dann wie tot liegen und der Ather- 
leib wurde nach seinen eigenen Kraften geformt. Das ist die Grab- 
legung. Der Betreffende wurde drei bis dreieinhalb Tage in lethar- 
gischen Zustand versetzt. Und dann konnte er am Atherleib arbeiten. 
Und dann, nachdem er den Atherleib dem Astralleib entsprechend 
geformt hatte, kehrte er zuriick in den physischen Leib. Dann hatte 
er das innere Leben in sich erweckt, dann war er ein Auferstandener, 
und er bekam einen neuen Namen. 

Das war eine Handlung auf dem Astralplan. Alles das, was ich be- 
schrieben habe, ging auf dem Astralplan vor sich; der physische Leib 
hatte dabei nichts zu tun. Dieses Ereignis wiederholte sich in alien 
alten Mysterien. Jeder Eingeweihte kannte es. Stellen Sie es sich nun 
verdichtet vor, herabgeholt auf den physischen Plan, so daB etwas 
geschehen ist mit diesem Ereignis, das sich friiher nur astral zugetra- 
gen hat. Vergleichsweise so, wie wenn Sie zum Beispiel da, wo Sie 
friiher Wasser hatten, jetzt ein Stuck Eis haben. Viele solche astralen 
Ereignisse miissen zusammenfallen, zusammenflieBen, damit die phy- 
sische Verdichtung einst moglich wird. Dadurch, daB durch die Er- 
scheinung Christi dasjenige auf dem physischen Plane sich ereignete, 
was vorher oft und oft in den Mysterienstatten auf dem astralen Plane 
sich abgespielt hatte, ist das Mysterium von Golgatha historisch mog- 



lich geworden, es hat herabgeholt werden konnen auf den physi- 
schen Plan. An diesem Beispiel lernen wir begreifen, wie in okkulten 
Bruderschaften tatsachlich die Zukunft vorbereitet wird. 

Wenn wir uns nun fragen: Was geschieht denn da eigentlich? - so 
ist zu antworten: GewiB, in Gedanken, in der Idee kann man sehr 
vieles erfassen. Aber die Idee hat keine Wirklichkeit. Die Idee ist 
nichts anderes als das, was auf den physischen Plan von den hoheren 
Planen heruntergeholt wird. Was der Mensch dariiber denkt, ist aber 
das Wirkungsloseste dabei, weil dieses nur auf dem physischen Plane 
vorhanden ist. Anders ist es, wenn dieser Idee etwas entgegenge- 
bracht wird, das auch aus den hoheren Spharen stammt. Nehmen Sie 
zum Beispiel die Lehre der Spharenmusik des Pythagoras, wie er sie 
seinen Schiilern beigebracht hat. Die Philosophen suchen die okkulte 
Musik des Pythagoras als ein ganz einfaches System darzustellen. Der 
Verstand kann das schnell auffassen. Aber ihm kam es darauf an, daB 
der Schiiler erst dann dazu kam, wenn sein Gemiit, seine Stimmung 
dafiir vorbereitet waren. So ist es auch unmoglich, demjenigen, der 
keinen Sinn hat fur Bilder, die dem Astralischen entstammen, das Bild 
der Sixtinischen Madonna von Raffael in seinem tieferen Sinne er- 
klaren zu wollen. Das Gefiihl, das Gemiit muB sich an ihm hinauf- 
ranken. Dasjenige, was sonst in der Idee kalt laBt, erscheint ihm hier 
im Bild kiinstlerisch lebensvoll als der gottliche Weltgedanke, als das- 
jenige, wonach die gottlichen Krafte die Welt geschaffen haben, und 
eine einfache Linie wird zu etwas Heiligem! Dadurch daB die Ge- 
danken sich um das Element des Gottlichen herumschlingen, wird 
der Gedanke entgegengebracht gottlicher Einwirkung. So handelt es 
sich bei einer solchen Schulung darum, den Menschen gradweise dar- 
auf vorzubereiten, wie er sich den groBen Weltgedanken nahern kann, 
wie er sie zu empfangen hat. Dann verbindet er allmahlich mit dem 
Eindringen in diese groBen Weltgedanken jene wirksame, aber sonst 
okkulte Kraft, welche im Astralen schon vorher die Zukunft fur den 
physischen Plan vorbereitet. Hat der fiihrende Menschenbruder viel- 
leicht Schiiler bei sich, welche an solchen geistdurchdrungenen Ideen 
hangen, dann sind diese eine Kraft, die auch ihm vorwarts hilft in 
seinem Wirken fur die auBere Welt; es entstehen die groBen spiri- 



tuellen Zentralstatten des geistigen Wirkens. Sie sehen also, daB tat- 
sachlich dasjenige, was ich Okkultismus genannt habe, mit dem Fort- 
schritt der Menschheit sehr viel zu tun hat. Und in unserer Zeit haben 
wir eine ganz besonders wichtige Aufgabe. Versuchen wir mit ein 
paar Worten nur hinzudeuten darauf, wie wir zu dieser unserer Auf- 
gabe gekommen sind. 

Wir stehen innerhalb der groBen Wurzelrasse der Menschheit, wel- 
che diese Erde bevolkert, seitdem aus den Fluten des Meeres empor- 
gestiegen ist der Boden, den wir heute bewohnen. Seitdem die atlan- 
tische Rasse allmahlich zu verschwinden begonnen hat, seitdem ist 
die groBe arische Wurzelrasse diejenige, welche herrschend ist auf der 
Erde. Wenn wir uns selbst betrachten, so sind wir hier in Europa die 
fiinfte Unterrasse der groBen arischen Wurzelrasse. Die erste Unter- 
rasse lebte in urferner Vergangenheit im alten Indien. Und die heuti- 
gen Inder sind Nachkommen jener ersten Unterrasse, deren Geistes- 
leben noch vorhanden ist in den uralten Veden der Inder. Die Veden 
sind indessen nur Nachklange der alten Rishikultur. Damals ist ja 
noch keine Schrift dagewesen; da gab es nur Tradition. Dann kamen 
die zweite, die dritte und die vierte Unterrasse. Die vierte Unterrasse 
hat das Christentum aufgenommen. Dann sehen wir, daB um die 
Mitte des Mittelalters die fiinfte Unterrasse sich gebildet hat, zu der 
wir und die angrenzenden Volker gehoren. 

Die alten Inder der ersten Unterrasse lebten unter anderen Bedin- 
gungen als wir und waren im Grunde genommen auch anders or- 
ganisiert. Selbst die heutigen Nachkommen, die heutigen Inder, sind 
wesentlich anders organisiert als unsere europaischen Volker. Wer 
als Okkultist die Unterschiede untersucht, der findet, daB im alten 
indischen Volke der Atherkorper viel weniger an den physischen Kor- 
per gefesselt ist, sich nicht so dicht in den physischen Korper hinein- 
versenkt hat, sondern daB er viel leichter vom Astralkorper zu be- 
einflussen ist. Damit hangt es zusammen, daB die indische Rasse leicht 
etwas vom Astralkorper auf den Atherkorper iiberleiten kann, daB 
diese indische Rasse leicht in den Atherkorper hineinarbeiten kann. 
Das heiBt nichts anderes, als daB durch okkulte Schulung der Inder 
leichter zu gewissen hoheren Anschauungen kommen kann. Je leich- 



ter der Atherkorper beeinfluBt werden kann durch den Astralkorper, 
desto leichter ist es mit Bildern, ohne abstrakte Begriffe, auf den 
Atherkorper einzuwirken. Um so leichter ist es dem, welcher im 
Astralen die Jogaschulung durchmacht, durch Bildvorstellungen zu 
den hoheren Gebieten in Beziehung zu kommen. Diese wirken auf 
den Atherkorper, der noch weich ist, ein. Man hat da nicht notig, in 
strengen Begriffen zu arbeiten, sondern mit hochst einfachen Bild- 
vorstellungen kann man an der Seele eines indischen Menschen arbei- 
ten, und er wird zu sehr hohen Entwickelungsstufen kommen konnen. 

Durch die verschiedenen Unterrassen hindurch hat sich das Men- 
schengeschlecht geandert. Unser Atherkorper ist heute viel starker 
unter dem EinfluB des physischen Korpers, als dies bei den alten 
Indern der Fall war. Und so kommt es, daB wir viel starker und 
innerlicher arbeiten miissen, um den Atherleib zu beeinflussen. Wir 
konnen nicht zu halb traumhaften Vorstellungen greifen. Wir miis- 
sen alles einer scharfen Konzentration unterziehen, an unserem Inne- 
ren arbeiten durch starke seelische Konzentrierung in das reine Uber- 
sinnliche, nicht bloB durch bildhafte Begriffe. Eine solche Vorstel- 
lung, die eine starke Konzentration unseres inneren Wesens bewirkt, 
kann dann viel kraftiger auf den an den physischen Korper gefessel- 
ten Atherleib wirken. Damit der Astralleib auf den Atherleib wirken 
konnte, muBte er in friiheren Zeiten aus dem Atherleibe heraus sein. 
Jetzt aber kann der Atherleib auch innerhalb des physischen Leibes 
vom Astralleib aus beeinfluBt werden. Wiirden wir dasselbe Experi- 
ment machen, das in den alten Mysterienstatten iiblich war, und die 
Lethargie herbeifiihren, so wiirden wir imstande sein, auf den Ather- 
leib einzuwirken. Aber wenn das ErdenbewuBtsein, die Beweglich- 
keit des Denkens wieder zuriickkehrten, wiirde diese sogleich wieder 
dasjenige ausloschen, was der Astralleib in den Atherleib eingedruckt 
hat. Wir miissen den Atherleib stark beeinflussen, wenn wir wollen, 
daB er das, was wir ihm eingepragt haben, beibehalt. Die okkulte Auf- 
gabe ist heute eine andere geworden, sie ist jetzt mehr eine innerliche. 

Und so sehen Sie auch, wie im Laufe der Zeit groBe Unterschiede 
in den einander folgenden okkulten Schulen auftreten. Das Joga- 
system der Inder ist etwas anderes als die Schulung der Rosenkreuzer. 



Die Rosenkreuzer Schulung ist berechnet auf das, was ich Ihnen jetzt 
auseinandergesetzt habe. AuBerdem tritt noch etwas anderes ein. Es 
muBte, damit iiberhaupt ein solcher Fortschritt geschehen konnte, auf 
die Verstandeskraft eingewirkt werden. Viel mehr als friiher wurde 
der Verstand angespannt, der dann, durch die Kraft der inneren Kon- 
zentration, sein Hinubergefiihrtwerden zum Erfassen des Ubersinn- 
lichen entwickeln kann. Es muBte in der neueren Zeit also viel mehr 
in Begriffen gelehrt werden; es muBte Gewicht gelegt werden auf die 
Verstandesausbildung und auf das abstrakte Vorstellungsvermogen. 

Vergleichen Sie einmal die Wandlungen in der Kultur von der 
alten indischen bis zu unserer Zeit. Im alten Indien haben Sie eine 
hone Intuition und eine geringe auBere Auswirkung der Zivilisation; 
jetzt, in unserer Zeit, ist es umgekehrt. Das bewirkt, daB auch die 
Stellung des Okkultismus allmahlich eine ganz andere wird; das be- 
wirkt, daB vieles von dem, was friiher geheimgehalten wurde, heute 
allgemeines Wissensgut geworden ist. Viele, viele solche Erkenntnisse 
und Begriffe waren friiher innerhalb der okkulten Bruderschaften be- 
wahrt worden, und es kam der Mensch an diese Dinge erst heran, 
wenn er sein ganzes Herz umgewandelt hatte. Heute hat der Okkul- 
tist dies nicht mehr in der Hand. Er muB vieles von dem, was man 
friiher fur spatere Stufen der Schulung aufbewahrt hatte, jetzt als 
schon durch die Kultur der AuBenwelt offenbar geworden, erkennen. 
Damit muB der Mysterieneingeweihte rechnen. Und so muBten viele 
Wahrheiten, die in den okkulten Schulen gelehrt worden sind, allmah- 
lich herausgetragen werden auf den physischen Plan. 

Schon das, was in den heutigen Elementarschulen gelehrt wird, 
wiirde uns hinwegfiihren von dem Geistigen, wenn nicht von einer 
anderen Seite her okkulte Hintergriinde dazutraten. In friiheren Zei- 
ten wuBte der Schiiler, daB hinter dem, was er in der Schule und der 
Gelehrtenwelt als Lehrstoff erhielt, noch etwas Hoheres ist, und daB 
er selbst vielleicht einst zu diesem hoheren Wissen wiirde kommen 
konnen. Er wuBte, daB er ein Glied ist innerhalb eines geistigen Or- 
ganismus. Heute nimmt man in der demokratischen Welt viele Be- 
griffe auf, die nicht zu solcher Einsicht fiihren. Daher muBte dem 
Bau des auBeren demokratischen Wissens gleichsam die Spitze der 



Pyramide hinzugefiigt werden. Das elementare Wissen von den in der 
Welt verborgenen Kraften war nun gegeben worden. Es fehlte noch 
die zu einer geistigen Weltanschauung fiihrende Spitze. Und um diese 
zu geben, muBte eine weltumfassende Bewegung begriindet werden. 
Die theosophische Bewegung war als eine solche gedacht. Daher ent- 
schloB man sich in gewissen Bruderschaften, als die Popularisierung 
der bisher verborgenen Weistiimer immer weiter und weiter vor sich 
gegangen war, der Welt so viel von den hinter ihr stehenden Ge- 
heimnissen mitzuteilen, als notig war, um das Wissen der auBeren 
Welt mit dem umfassenden okkulten Wissen der Bruderschaften in 
Einklang zu bringen. 

Hier stehen wir an dem Punkte, wo wir den Zusammenhang der 
theosophischen Bewegung und der Theosophischen Gesellschaft mit 
dem Okkultismus sehen konnen. Die Theosophische Gesellschaft ist 
keine okkulte Bewegung, keine okkulte Bruderschaft, denn sie ist 
auf demokratischer Grundlage errichtet, wo ein jeder gleichwertiges 
Mitglied mit den andern ist. Doch etwas anderes ist es, wie man die 
Aufgabe der Theosophischen Gesellschaft erfassen soil. Die Aufgabe 
der Gesellschaft ist auf dem physischen Plan. Will man diese voll er- 
fassen, so muB man hinaufsehen konnen in die hoheren Welten. Aber 
darum handelt es sich nicht, daB der Theosoph schon hinaufsehen 
kann in die hoheren Welten, sondern es handelt sich darum, daB 
innerhalb der Bewegung auch okkulte Krafte entwickelt werden, da- 
mit die Theosophische Gesellschaft eine Statte sein konne, von wel- 
cher der Okkultismus ausstrahlen kann und zur Sprache kommt. Es 
ist etwas anderes, ob eine Gesellschaft eine okkulte Bruderschaft ist, 
oder ob sie sich sagt: Wir sind zwar keine okkulte Bruderschaft, aber 
in unserer Gesellschaft kommt der Okkultismus wieder zur Sprache. 

Heute, wo im Grunde genommen die ganze Menschheit sehnsiich- 
tig aufschaut zu den hoheren Welten, ohne die Wege dahin zu finden, 
heute muB dementsprechend ein noch weiterer Teil der okkulten 
Kenntnisse popularisiert werden. Und diese Aufgabe hat der Okkul- 
tismus innerhalb der Theosophischen Gesellschaft. Immer haben gei- 
stige Bewegungen befruchtend gewirkt auf die Entfaltung der Kultur 
auch auf dem physischen Plan. Ihr auBerer Ausdruck ist nichts ande- 



res als die irdische Verwirklichung dessen, was geistig vorbereitet 
worden war. Was ist es denn anderes, wenn wir zum Beispiel die 
Werke von Michelangelo und Leonardo da Vinci ins Auge fassen? 
In diesen Werken haben Sie in Farben und Formen etwas Geistiges 
an die Wand hingezaubert: durchsetzt ist das Bild von dem, was zu- 
erst als Spirituelles in der Seele des Kiinstlers lebte. Das Spirituelle 
geht voraus demjenigen, was spater als sein Ausdruck in der materiel- 
len Welt erscheint. 

Und die materialistische auBere Kultur ist nur der Abdruck der 
materialistisch gewordenen inneren Gesinnung der Menschen. Seit 
1850 breitet sich in den zivilisierten Staaten die rein materialistische 
Stadtekultur aus. Wir sehen das GroBe, das sie auf dem physischen 
Plan geleistet hat; wir sehen aber auch, was sie nicht hat leisten 
konnen. Im Kiinstlerischen zum Beispiel hat sie keinen wirklich 
neuen Stil hervorgebracht, den einen ausgenommen: und das ist der 
Stil des Warenhauses. Dieser ist etwas, was im Verhaltnis zu unserer 
auBeren Zivilisation innerlich wahr ist. Alles andere, was aus alten 
Zeiten iibernommen wird, hat keine Beziehung zur Jetztzeit. Erst 
wenn wir eine Gesellschaft gebildet haben, deren Mitglieder ergriffen 
sind von einer spirituellen Kraft, wie sie friiher im Christentum ge- 
lebt hat, und wie sie in den besten christlichen Seelen noch als Sehn- 
sucht lebt und wiedergewonnen werden kann, dann werden wir wie- 
der eine spirituelle Kultur haben. Und eine solche Kultur wird wieder 
Kiinstler auf alien Gebieten des Lebens hervorbringen. Lassen Sie 
die Theosophie in den Seelen der Menschen leben, dann wird sie wie- 
der als Stil, als Kunst aus den Seelen herausstromen, sie wird da sein 
auch fur unsere Augen und Ohren. Es wird die Welt wieder ein 
auBerer Ausdruck sein konnen des Spirituellen, wenn es heute in ei- 
ner solchen Gesellschaft schon dargelebt wird. 

In diesem Sinne konnte die Theosophische Gesellschaft der Ge- 
staltung der ferneren Kultur dienen. Sind wir beieinander, so miissen 
wir uns klar sein, daB wir wie Zellen sind, die sich zusammenschlie- 
Ben miissen zur Ausgestaltung einer kiinftigen Kultur. In unseren 
Seelen werden diejenigen Krafte vorbereitet, welche kiinftig die Welt 
so umbilden werden, daB sie ein physischer Abdruck werden wird 



unserer heutigen Stimmungen und Lebensanschauungen. Alles was 
heute offenbar wird und sich manifestiert, ist ehemals okkult gewesen. 
Wie heute die Elektrizitat eine offenbare Kraft ist, so war sie einst 
eine okkulte Kraft. Und was heute noch okkult ist, das ist dazu be- 
stimmt, eine treibende Kraft fiir die Zukunft zu werden. Genau eben- 
so wie vor Jahrmillionen dieser unser Menschenkorper vorbereitet 
worden ist aus Kraften, die in unserer Umgebung sind, so bereitet 
sich heute in uns ein hoherer Korper vor, ein Korper der Zukunft; 
doch erst in einer fernen Zeit wird dieser Korper der Zukunft der 
unsrige sein. 

Verfolgen wir einmal ein wenig unseren Entwickelungsweg zu- 
riick. Was war einst da? Ein dumpfes MenschenbewuBtsein - ringsum 
die Welt, die anders ausgesehen hat als die unsrige -, das wie ein traum- 
hafter Spiegel war. Ein traumendes BewuBtsein hatten die Menschen. 
Und auch als die Entwickelung ihres Gemeinwesens weiterschritt, hat- 
ten sie keine Parlamente, die auf Meinungsaustausch beruhen; nichts 
Derartiges hatten sie. Es spiegelte sich bloB alles in dem BewuBtsein, 
das im Menschen aufstieg. Und die heutigen Korperorgane, wodurch 
sind sie entstanden? Dadurch, daB jene Krafte an den Menschen ge- 
arbeitet haben. So wie die Tiere in den finsteren Hohlen von Ken- 
tucky ihre Sehkraft verloren, weil sie sie nicht brauchten, so organi- 
sierten die auBeren Krafte auch dasjenige, was wir als Auge und als 
Ohr haben. Diese sind durch die Schall- und Lichtkrafte ausgebildet 
und aus unserem Organismus herausentwickelt worden. Aus dem, 
was jetzt in uns lebt, wird sich unser geistiger Organismus in der Zu- 
kunft entwickeln. Diejenigen Dinge, die als Ausdruck unserer spiri- 
tuellen Kultur vor uns stehen, die Kirchen und so weiter, die Kultur- 
werke, die uns Schonheit und Wahrheit vermitteln, sie werden sich 
einpragen in unsere hoheren Wesensglieder. Und wenn diese sich 
einst entfalten werden zu einem selbsteigenen Leben, dann wird das, 
was als Schonheit und Wahrheit in der auBeren Kultur lebt, in unse- 
rem Inneren aufsteigen. Was Augen und Ohren jetzt wahrnehmen, 
das sind Bausteine fiir die Organisierung einer hoheren Zukunft. Be- 
trachten wir die Welt von diesem Gesichtspunkt aus, dann gewinnt 
das menschliche Innere eine ganz andere Bedeutung. 



Wir stehen damit vor einer Tatsache, die in einfacher Weise be- 
greiflich machen kann, was man Joga oder innere Schulung nennt. 
Aus den Worten, die ich gesprochen habe, werden Sie entnehmen 
konnen, daB dasjenige, was die Welt einst geschaffen hat, was in der 
Welt gewirkt und gekraftet hat, friiher von unserem Inneren aufge- 
nommen worden ist. Was heute in mir ist, war einstmals auBer mir: 
das ist der Grundgedanke der okkulten Schulung. Ehe unser physi- 
scher Korper war, war schon unser Atherleib vorhanden. Unser Ather- 
leib wiederum ist ein Gebilde, das von unserem Astralleibe geformt 
worden ist. Und davon geht die Jogaschulung aus. Wer sich auf die 
Jogaschulung einlaBt, steigt hinab in seinen Atherleib und weiB, daB 
er im Atherleib die Kraft findet, die einst vor Jahrmillionen ihn auf- 
gebaut hat. Langsam hat sich der physische Korper herausgehoben 
aus der Grundlage des Atherleibes. 

Nur in groBen Zugen kann ich beschreiben, wie das Hinunterstei- 
gen in den Atherleib vor sich geht. Da gibt es gewisse Stromungen 
im Atherleibe, welche die Vorboten sind fur die physischen Kor- 
perorgane. Die Nervenstrange des sympathischen Systems, das 
bis in den Rucken verlauft, die Nervenknoten des sympathischen 
Nervensy stems, das sind Teile, die atherisch vor Urzeiten heraus- 
gebildet wurden. Das ist ein Vorgang, der sich abgespielt hat in 
grauer Vorzeit. Dann, nachdem der Mensch weiter und weiter vor- 
geschritten ist, gab es eine Zeit, wo sich herausbildete innerhalb dieses 
Korpers, der nun in sich die Anlage zum physischen Nervensy stem 
hatte, das Gebilde, welches uns fahig macht zur Entfaltung der inne- 
ren Korperwarme, zur Bereitung des warmen Blutes. Das ist wieder- 
um ein spateres Gebilde aus dem Atherkorper, der dann schon stark 
von den Kraften des Astralleibes beeinfluBt war. Und aus dem, was 
wir hernach als Grundlage des Gehirns vorfinden, hat sich der Ruk- 
kenmarks Strang herausgebildet wiederum aus dem Atherleibe heraus, 
als dem anderen Pol des Atherleibes, der sich auf der einen Seite zum 
Gehirn herausbildete, auf der anderen Seite zur inneren Blutwarme. 
Das ist in der Vergangenheit geschehen. An dieser Bildung des Men- 
schen haben nicht nur die Naturkrafte gearbeitet, sondern auch ho- 
here geistige Wesenheiten. 



Wenn nun der Jogi stufenweise hinuntersteigt in diesen Atherleib, 
dann dringt er hinein in die Zeiten der Vergangenheit, wo seine gei- 
stige Ursprungsform von diesen Kraften und Wesenheiten beeinfluBt 
worden ist und dasjenige hervorgebracht hat, was heute in uns lebt. 
Wenn der Mensch so hinuntergestiegen ist in das Leben, dann kann 
er beim Hinabstieg jenen Punkt noch einmal erreichen. Er steigt vom 
Kopfe abwarts in die unteren Gebiete hinunter, die in den altesten 
Zeiten aufgebaut worden sind, und dann wieder zuriick in seinen 
Kopf. Das ist eine Beschreibung des okkulten Erkenntnisweges, wenn 
auch nur eine sparliche Beschreibung. Weiteres kann in den okkulten 
Schulen gegeben werden. So bildete der Schiiler der Mysterienweis- 
heit die Fahigkeit aus, in die friiheren Zeiten hineinzublicken; dann 
kommt die Zeit, wo er die okkulte Pilgerschaft unternehmen kann. 
Er erreicht dies auf dem Wege einer bestimmten Ubung, durch die er 
sein personliches Selbst iiberwindet und dadurch aufhort, das kleine 
gebundene Ich zu sein. Erst dann kann er den Aufstieg in das Uni- 
versum vollziehen. Noch einmal steigt er hinunter, indem er die Welt- 
kraft so mitnimmt, in das Meer der Vergangenheit. In aufsteigender 
Linie kann er allmahlich hinaufkommend dann im einzelnen den 
Weg verfolgen, den er so zuriickgelegt hat. Langsam und allmah- 
lich lernt der Mensch hinunterschreiten in das Meer seiner Bilde- 
krafte, und zuletzt kommt er an einen Punkt, der in der Nahe des 
Ursprungs liegt. So muB es den Menschen ergangen sein, denen zu- 
erst das Auge erstand, um den Blick ins Weltall zu lenken. Dann 
geht dem Schiiler auf der ZusammenfluB des Ich mit dem groBen 
Welten-Ich. Und nun muB er lernen, zu sagen zu dem kleinen Ich: 
Ich bin nicht du. 

Es ist ein wichtiger Moment, wo er sich klarmacht, was dies heiBt: 
Ich bin nicht du. - Das ist ein Moment, wo man anfangt zu begreifen, 
daB es hohere Krafte in der Natur gibt als das Denken, daB es auBer 
ihm etwas gibt, was man nicht mit den Gedanken der Gegenwart 
ausdriicken kann, was aber bewirkt, daB bei zwei Menschen, die iiber 
dasselbe sprechen konnen, die Rede des einen klar aber ode, die des 
anderen durchpulst ist von dem warmen Licht, das die Zukunft schaf- 
fen wird. 



Wenn der Schiiler so weit ist, dann kann er in noch anderer Weise 
lernen, als er bis jetzt lernen konnte. Er erlebt da etwas ganz Beson- 
deres. Ihm tritt in der iibersinnlichen Welt ein geistiges Wesen ent- 
gegen: er trifft diejenige Individuality, welche mit ihm friiher schon 
einmal verbunden war. Das ist ein groBes wichtiges Mysterium, daB 
sich gewisse Stufen unseres Daseins wiederholen. Wir steigen bewuBt 
auf vom Manas zu den hoheren Kraften. Wir sind einst aus geistigen 
Welten heruntergestiegen, und damals hat dasselbe Wesen etwas in 
uns hineingesenkt, dem wir jetzt wieder begegnen auf der jenem 
Punkte in der Vergangenheit entsprechenden Stufe, auf welcher es 
damals mit uns war. Es ist der Lehrer, der sogenannte Guru. Wir 
trafen ihn damals zum ersten Mai; jetzt treffen wir ihn wieder, wenn 
wir das, was er in unsere Seelen versenkt hat und wir unbewuBt emp- 
fangen haben, bewuBt auffassen konnen. Und steigen wir dann wei- 
ter hinunter, so treffen wir die Geister, die mitgebaut haben an uns 
vor Aonen. Wir treffen die zwolf Geister: die Geister des Willens, 
die Geister der Weisheit, die Geister der Form, die Geister der Be- 
wegung, die Geister der Personlichkeit oder des Egoismus, die Gei- 
ster des Feuers oder der Warme, die Geister der Dammerung oder des 
Zwielichts und so weiter. Das alles bietet sich unserem Geistessinn 
dar bei diesem Abstieg in das Universum, auf dieser Pilgerfahrt. Und 
das allein macht es uns moglich, einen Blick in die Zukunft zu tun, 
das macht es uns moglich vorauszunehmen, was «in Kiirze» gesche- 
hen soil, wie der Apokalyptiker sagt. 

Dies ist die Aufgabe des Okkultismus. Sie ist zu losen, weil diese 
Losung notwendig ist. Bewegungen, welche idealistisch sind, welche 
ethisch sind, gibt es genug. Die Bewegung aber, die man Theosophie 
nennt, unterscheidet sich von anderen dadurch, daB der Okkultismus 
bewuBt in dieser Bewegung zu Wort kommt. 

Damit ist das Verhaltnis des Okkultismus zur Theosophie klarge- 
legt. Die Theosophische Gesellschaft kann nie eine okkulte Bruder- 
schaft sein wollen. Was ihr Kraft geben muB zur Erfiillung ihrer Auf- 
gabe, was ihr das Leben geben muB, das konnen nur Dinge sein, die 
aus dem Okkultismus herausstromen. Deshalb wird die Theosophi- 
sche Gesellschaft gedeihen, wenn man Verstandnis haben wird fiir 



die Pflege okkulter Lehren und okkulten Lebens. Das ist noch keine 
Forderung, daB die Mitglieder selbst Okkultisten sein sollen. Wenn 
aber die Theosophische Gesellschaft vergessen sollte, daB in ihr die- 
ses Blut pulsiert, dann mag sie eine interessante Gesellschaft sein, aber 
das, was mit ihr gewollt worden ist von den erhabenen Machten, die 
an ihrem Ausgangspunkt gestanden haben, wird sie nicht leisten. 

Wer dies versteht, wird der Theosophischen Gesellschaft nimmer- 
mehr den okkulten Charakter nehmen wollen. Doch wird, wer so in 
der Theosophischen Gesellschaft steht, in eine zwiespaltige Lage ge- 
bracht. Er wird das Ohr richten miissen nach der Seite, von woher 
die okkulten Wahrheiten zu uns stromen, und auf der anderen Seite 
die Aufmerksamkeit auf das auBere exoterische Leben der Gesell- 
schaft richten. Trennen muB man diese Dinge streng voneinander; 
niemals diirfen sie miteinander vermischt werden. Aber man darf auch 
nicht, wenn man von der auBeren Theosophischen Gesellschaft spricht, 
von den okkulten Personlichkeiten, die am Ausgangspunkt stehen, 
sprechen. Niemals mischen sich diejenigen Machte, welche auf dem 
hoheren Plane leben, und die der Menschheitsentwickelung wegen 
auBerhalb des physischen Leibes leben, in diese Angelegenheiten ein. 
Niemals geben sie etwas anderes als Impulse. Wenn wir in sachlicher 
Weise fur die Ausbreitung der Theosophischen Gesellschaft wirken, 
stehen uns immer die groBen Individualitaten, die wir Meister nen- 
nen, zur Seite; wir diirfen uns an sie wenden und sie durch uns spre- 
chen lassen. Wenn es sich um die Verbreitung des okkulten Lebens 
handelt, dann sprechen die Meister. Handelt es sich nur um die Or- 
ganisation der Gesellschaft, dann iiberlassen sie das denjenigen, die 
auf dem physischen Plane leben. Das ist der Unterschied zwischen 
der okkulten Stromung und dem Rahmen der theosophischen Or- 
ganisation. Lassen Sie mich den Unterschied dessen, was als innerer 
spiritueller Strom geht, und was sich auslebt durch die einzelnen Per- 
sonlichkeiten, so ausdriicken, wie es vielleicht am besten ausgedriickt 
werden kann: Wenn es sich um das spirituelle Leben handelt, dann 
sprechen die Meister, handelt es sich um die bloBe Organisation, dann 
ist Irrtum moglich, denn da schweigen die Meister. 



FREIMAUREREI 
UND MEN SCHHEIT SENT WICKELUNG I 

Berlin, 23. Oktober 1905 (zehn Uhr) 
(Nur vor Mannern) 

Ich habe Sie gebeten, zu einer kleinen Besprechung iiber okkulte 
Fragen zu kommen aus dem Grunde, weil man der Ansicht sein muB, 
daB derjenige, der sich an der theosophischen Bewegung beteiligt, 
sich nicht nur iiber die auBeren Dinge, die in Programmen ausge- 
sprochen sind, klar sein muB, sondern auch dariiber, wozu diese theo- 
sophische Bewegung fiihren kann. Nun sind diejenigen okkulten Stro- 
mungen, die in der theosophischen Bewegung leben, in der Tat in 
gewisser Beziehung verwandt mit friiheren okkulten Stromungen. 
Namentlich eine derselben, die noch in die Gegenwart hereinreicht, 
soil es sein, an die wir heute ankniipfen: die Freimaurerei. 

Sie wissen, daB es in der Freimaurerei, wenigstens bis zum Ende 
des 17. Jahrhunderts, streng verpont war, irgendwelche weiblichen 
Mitglieder zu haben. Das hatte damals seinen guten Grund. Wenn 
namlich einmal in der Weltentwickelung der Grund wegfallen wird, 
warum die Freimaurer keine weiblichen Mitglieder hatten, dann wird 
auch die Zeit gekommen sein, daB die Arbeit der Freimaurerei auf 
dem physischen Plane abgelost wird von der theosophischen Arbeit. 
Vorlaufig ist die theosophische Arbeit eine Vorbereitungsarbeit. An 
der theosophischen Arbeit werden Manner und Frauen in gleichem 
MaBe teilnehmen. 

Wenn ich nun kurz sagen mochte, warum die Frauen von der Frei- 
maurerei ausgeschlossen sein sollten, so konnte ich das nur so sagen, 
daB man seine Geheimnisse nicht gerade dem Gegner verrat; daB man 
ihm nicht gerade seinen Feldzugsplan schickt. Das tut man in keiner 
Kriegsfiihrung. Und es wird sich uns zeigen, daB es sich in der Frei- 
maurerei in einer gewissen Beziehung um eine Gegnerschaft gegen 
die Frauenwelt handelt. 

Die Freimaurerei ist die Fortsetzung uralter Geheimbiinde und 
Bruderschaften. Solche Geheimbiinde, wenigstens in der Form, in 
der sie fordeben in der Freimaurerei, haben ihren Ursprung genom- 



men gleich beim ersten Aufgehen der vierten Unterrasse unserer fiinf- 
ten Wurzelrasse, also derselben Unterrasse, aus der spater das Chri- 
stentum entsprungen ist. 

Sie wissen, da6 man die auBere Abfassung der Bibel nur ein paar 
Jahrhunderte vor Christi Geburt zuriickverlegt, und das mit Recht. 
Aber Tradition war die biblische Offenbarung jahrtausendelang schon 
vorher. Friiher war es nicht Usus, da6 man solche Sachen aufschrieb, 
sondern da6 man sie von Mund zu Mund fortpflanzte. Daher hat es 
etwas fur sich, anzunehmen, da6 die Geheimnisse, die von Moses der 
Priesterschaft anvertraut worden sind, erst spater aufgeschrieben wur- 
den. 

Nun fallt in die Zeit, in der die Bibel als Dokument aufgetreten ist 
in der Weltgeschichte, auch die auBere Abfassung und das Auftreten 
dessen, was man die freimaurerische Legende nennt. 

In der Weltentwickelung ist es immer als ein Gesetz zu betrachten, 
da6 das, was friiher geschehen ist, spater kurz wiederholt wird. Jeder 
Mensch wiederholt im Mutterleibe die Stadien, die die Rasse bereits 
durchlaufen hat. Jeder Planet wiederholt in den ersten Stadien die be- 
reits durchlaufenen Entwicklungsstufen. Immer wird kurz wieder- 
holt, was friiher schon da war. So ist es auch mit den Rassen, Deshalb 
sind die erste, zweite, dritte Unterrasse unserer fiinften Wurzelrasse 
die Wiederholung friiherer irdischer Verhaltnisse, nur auf einem be- 
stimmten hoheren Gebiete. Was von der lemurischen Rasse angefan- 
gen durch die Atlantis hindurch sich entwickelt hat, wurde auf einem 
gewissen hoheren Gebiete in unseren drei Unterrassen wiederholt. So 
dafi wir also eine Wiederholung dessen haben, was vorher in der 
lemurischen Zeit auf einem untergeordneten Gebiet vorhanden war. 
Es war dies - bevor die Zweigeschlechtlichkeit entstand - eine Art 
Doppelgeschlechtlichkeit; eine Eingeschlechtlichkeit, insofern als im 
Einzelwesen beide Geschlechter vertreten waren. Dann folgte erst die 
Trennung in die zwei Geschlechter. Also Mannlich-Weibliches wurde 
dann erst ein Mannliches und Weibliches. Auf geistigem Gebiete 
wiederholt sich nun etwas Ahnliches in unserer Wurzelrasse. Tat- 
sachlich hat diejenige Erkenntnis, diejenige Weisheit, die dem alten, 
dem vorvedischen Indien eigen war, etwas Mannlich-Weibliches und 



dadurch zugleich etwas, was ganz unabhangig war von irgendeiner 
Zweiheit, von irgendeinem auBerlichen Prinzip. Dann kam die Kultur 
der zweiten Unterrasse. Diese ist eine im eminentesten Sinne zwei- 
geschlechtliche geistige Kultur. Daher tritt da der Dualismus auf: 
Ormuzd und Ahriman, Gut und Bose. Das alles mischt sich in die 
Erkenntnisse hinein. 

Nun wollen wir uns einmal klar werden, wie das gekommen ist. 
Das ist so gekommen, daB zunachst, bevor es ein mannliches und 
weibliches Geschlecht gab, eine Zweigeschlechtlichkeit in dem einen 
Individuum vorhanden war. Wir miissen nun fragen: Was war in dem 
einen Individuum das Befruchtetwerdende und was war das Befruch- 
tende? In der alten griechischen Mythologie wird Zeus dargestellt mit 
machtigen Frauenbriisten. Es driickt sich darin eine Wahrheit aus, die 
in den alten Mysterien bekannt war und die uns auch die Urkunden 
lehren, daB das Geschlecht - wenn ich es so nennen darf -, das unse- 
rem unmittelbar vorangegangen ist, auBerlich-physisch nicht dem 
mannlichen, sondern dem weiblichen Geschlecht ahnelte. So daB wir 
also vor der auBeren Trennung beide Geschlechter in einem Indivi- 
duum haben, das auBerlich - im physischen Ausdruck und im ganzen 
Empfinden und Wesen - weiblich war. Wir haben es also am Ursprunge 
des Menschengeschlechtes zu tun mit einem nach der weiblichen 
Seite hingeneigten, zweigeschlechtlichen Individuum. Das mannliche 
Geschlecht ist erst spater hervorgegangen. Nun miissen wir uns klar 
sein, daB in diesem Individuum, das die beiden Geschlechter in sich 
selbst hat, auch ein Befruchtendes, ein mannlicher Same da war. Das 
Weib hatte den Mann in sich. Wenn wir uns das klarmachen, daB das 
Weib den Mann in sich hatte, dann konnen wir uns auch nach unse- 
ren gewohnlichen naturwissenschaftlichen Begriffen vorstellen, daB 
die Fortpflanzung gesichert war. DaB dies damals durch das Weib 
geschehen ist, das wollen wir einmal festhalten. 

Nun trat die Zeit ein, in welcher die Dinge auseinandergehen soil- 
ten. Welchen Charakter hatte nun im Weibe eigentlich das Befruch- 
tende, das, was die Weibnatur da auf dem physischen Plan befruch- 
tete? Das, was auf das Weibliche als Same wirkte, das war das Mann- 
liche; und das war das Geistige, die Weisheit. Das Weib gab den 



Stoff, der Geist gab die Form. Ausgestaltung auf dem physischen 
Plan ist verwirklichte Weisheit. Im Weibe wirkte die Weisheit. Nun 
differenzierten sich die beiden, indem die zwei Dinge, die friiher zu- 
sammengewirkt hatten, als zwei getrennte Pole auftraten. Was friiher 
in ein einziges Organ des Menschen zusammengedrangt war, trennte 
sich, und dadurch entstand eine Zweiheit in der Menschenbildung. 
Diese Zweiheit entstand so, da6 zunachst in dem einen Individuum 
die Fruchtbarkeit, die Moglichkeit, da6 das weibliche Ei sich fort- 
pflanzte, aufhorte. Das weibliche Ei verlor die Moglichkeit, aus dem 
eigenen Korper befruchtet zu werden. So haben wir es zu tun mit 
einem unfruchtbar gewordenen Weiblichen und einem dariiberstehen- 
den Geistigen. Es geschah durch Abspaltung der physischen Organe 
die Trennung der beiden Geschlechter, und die Moglichkeit der Be- 
fruchtung wird nun durch das andere Geschlecht gegeben. Zwei In- 
dividuen entstehen, das eine mit physischer Weiblichkeit und das an- 
dere mit physischer Mannlichkeit: Die Weisheit hat beim Manne 
weiblichen, beim Weibe mannlichen Charakter. 

Die Trennung ist ein genauer Vorgang, den man verfolgen kann. 
Wir miissen uns aber da mit Andeutungen begniigen. Wir haben es 
also mit mannlich gefarbter Weisheit im Weibe und weiblich gefarb- 
ter Weisheit im Manne zu tun. Diese weiblich gefarbte Weisheit ist 
passiv, ist geeignet aufzunehmen, zu horen, zu schauen, aufzunehmen, 
was ringsherum ist. Die mannlich gefarbte Weisheit, die aktive Weis- 
heit, bringt hervor. Daher haben wir eine zweifache Weisheit: die 
weibliche Weisheit, die aktiv ist und die natiirlich auch auf die Man- 
ner iibertragen wird; so daB es auch geniigend Manner gibt, die die 
weibliche Weisheit iibernehmen. Unten schreitet das Geschlecht fort, 
und oben haben wir es mit einer aktiven Intuition zu tun, die vom 
Weibe stammt und mit einer passiven Erkenntnis, die entschieden 
mannlichen Charakter tragt. 

Das stellt die alte Mysterienlehre dar als den Gegensatz der Abel- 
sohne oder Gottersohne und der Kainssohne oder Menschensohne. 
Abel reprasentiert die weibliche aktive Intuition. Daher ist er nicht 
imstande, etwas von auBen aufzunehmen, das verarbeitet werden soil. 
Er nimmt auf das Gottliche, das ihn durchstromt, das in sein Intuitives 



einfliefit. Das symbolisiert der «Tierhiiter»: Er hegt und pflegt das 
Leben, wie Intuition das gottliche Weisheitsleben pflegt. Kain hat die 
mannliche Weisheit, die von auBen aufnimmt. Sie nimmt sich des 
Erdbodens an, um zu ackern; das Material ist drauBen. Er wird der 
«Ackerbauer». Was vollbringt nun diese Kainsweisheit, diese Kains- 
wissenschaft, da sie als passive Wissenschaft nur aufnehmend ist? 
Was vollbringt sie? 

Es gibt nun eine sehr interessante wichtige Legende, in der diese 
Wahrheiten fiir die Freimaurerei symbolisch zum Ausdruck kommen. 
Das ist die Tempellegende. Und daB es diese gibt, hat folgenden 
Grund. 

Die Bibel selbst, das Alte Testament, ist hervorgegangen aus der 
weiblichen, der intuitiven Weisheit, sie tragt deren Grundcharakter. 
Das Alte Testament ist weibliche Weisheit. Die mannliche Weisheit 
brachte es nicht zur Intuition. Sie beschrankte sich auf das Bauen und 
Arbeiten; sie nahm Steine und machte Gebaude, sie nahm Metalle 
und machte Geratschaften. Die Tempellegende stellt das so dar: 

Einer der Elohim befruchtete die Eva, und da entstand Kain. Nach- 
her schuf Jehova - ein anderer der Elohim, auch Adonai genannt - 
den Adam. Und Adam erzeugte mit Eva den Abel. Diese Legende 
stellt nun die Kainsweisheit der biblischen Weisheit entgegen, so daB 
wir beim Aufgehen der vierten Unterrasse zwei einander entgegen- 
stehende Stromungen haben: die Bibel als weibliche Weisheit und die 
Tempelweisheit als die mannliche Opposition dagegen. Das was der 
Mann [die mannliche Weisheit?] wollte, wurde der weiblichen Weis- 
heit schon in der vorchristlichen Zeit entgegenge stellt Das weitere 
ist so, daB Kain seinen Bruder Abel erschlagt. Das steht auch in der 
Tempellegende. Jehova machte Streit zwischen Kains Geschlecht und 
Abels Geschlecht, und Kain totete den Abel. Das heiBt nichts ande- 
res ... [Hier folgen in der Nachschrift einige sehr unklare Satze.] 

Was war die Folge davon, daB diese Kainsweisheit entstand? Die 
Folge davon war, daB das Fruchtbare, das sich durch die eigene Weis- 
heit fortpflanzte, getotet wurde. Indem Kain den Abel totete, totete 
mannliche Erkenntnis in ihm das, was durch die Gotter hervorge- 
bracht worden war: die Moglichkeit der Fortpflanzung aus sich 



selbst. Das heiBt, es wird dadurch, daB auf den Mann die Erkenntnis 
iibergeht, der Abel in ihm ertotet. 

Das ist ein Vorgang im Menschen selbst. Durch die mannliche Er- 
kenntnis wird die hervorbringende Kraft, wird Abel getotet. Nun 
stehen einander feindlich gegeniiber die Nachkommen des Kain und 
das Geschlecht derer, die an die Stelle des Abel gesetzt werden, die 
Nachkommen des Seth. Die Nachkommen des Kain sind diejenigen, 
welche ihre mannliche Weisheit verwenden auf den Bau der auBeren 
Welt; die passive Weisheit wird zum Bau der auBeren Welt verwen- 
det. Nicht die gottliche Weisheit stromt auf sie hernieder. Aus dem 
Freien muB sie mauern an der Welt. Sie hat keine gottliche Intuition. 
Durch Probieren, durch Erfahrung entsteht das Zusammenfiigen der 
rein mineralischen Produkte der Erde. So wird aus diesem Kains- 
geschlechte Tubal-Kain geboren, und so wird spater Hiram- Abiff oder 
Adon-Hiram aus diesem Geschlecht geboren. 

Ich habe mir vorbehalten ... * 

Unter den Abeliten finden Sie den starksten Reprasentanten in Sa- 
lomo. In der dritten Unterrasse hatten sie ihre Reprasentanten alle in 
den Priestern. Die alte Priesterweisheit war die intuitive Weisheit. 
Diese Weisheit, die vorher im Weibe als Befruchtung gewirkt hat, 
war umgewandelt auf einer hoheren Stufe zu der geistigen Weisheit. 
Und aus dieser Priesterweisheit ist die Bibel hervorgegangen. Eine 
weibliche Weisheit ist die Bibel auf diese Weise geworden. Diese 
weibliche Weisheit ist imstande, iiber das Gottliche groBe Offenbarun- 
gen zu geben; zu sagen, wie es sich mit den Engeln und Geistern 
verhalt. Zu schaffen auf der Erde ist Sache der Kainssohne. Darum 
ist auch Tubal-Kain der Urvater der Schmiede. Daher muB Salomo 
den Hiram-Abiff berufen, der ihm den Tempel bauen kann. Er baut 
dem Konig Salomo, dem Nachfolger der alten Priesterweisheit, den 
Tempel, ihm, dem Salomo, der die Priesterweisheit umsetzt in auBere 
Macht. Es ging das Konigtum als auBere Institution aus der Priester- 
herrschaft hervor. 

Salomo lieB also den Hiram-Abiff kommen. Und so wird der Salo- 
monische Tempel gebaut. Nun kommt aber die Konigin von Saba 

* Siehe unter Hinweise. 



an den Hof des Konigs Salomo, und es wird dort eine Art Verlobung 
zwischen beiden gefeiert. Es wird ihr auch der Tempel gezeigt, und 
sieverlangt den Baumeister dieses herrlichen Tempels kennenzulernen. 
Als sie den Baumeister dieses herrlichen Tempels kennenlernt, da geht 
in ihr etwas ganz Eigentiimliches vor. Ein Blick von Hiram-Abiff 
fiel auf sie, und das wirkte in ihr entziindend. Und das zweite, was 
vorging, war das Folgende. Als sie die Arbeiter sehen will und wie 
das alles vor sich geht auf dem physischen Plan, da nimmt Hiram- 
Abiff das Tau-Zeichen, halt es in die Luft empor, und die Arbeiter 
laufen alle zusammen wie die Ameisen. Sie wird dadurch dem Salomo 
abtriinnig. Einige Gesellen des Hiram-Abiff, die Hiram nicht zu Mei- 
stern machen wollte, kommen dem Salomo zu Hilfe. Und diese wollten 
nun das Meisterstiick des Hiram, den GuB des Ehernen Meeres, ver- 
hindern. Statt dafi ein Kunstwerk entstand, stromten nun die Feuer- 
strome nach alien Seiten auseinander. Hiram bemiihte sich, das Ganze 
durch Wasser zu dampfen; aber er brachte es dadurch erst recht in 
Verwirrung. Ein Feuerregen spriiht hernieder und alle kommen hin- 
ein. Auch Hiram-Abiff. Eine Stimme ruft ihm aber zu, keine Angst 
zu haben, denn daraus werde sein groBter Erfolg hervorgehen. Nun 
wird er von einer Gestalt nach dem Mittelpunkt der Erde gefiihrt. 
Da trifft er Kain selbst, zu dem er durch Tubal-Kain - den Schopfer 
der Schmiedekunst - gefiihrt worden ist. Da wird ihm nun eine wich- 
tige Weisheit offenbart. Es wird ihm gesagt: Erkenne du nun den 
eigentlichen Jehova, der die Ursache ist, da6 du da bist. Aber Jehova 
haBt die Feuersohne und will sie vernichten; er will seine eigene Her- 
vorbringung vernichten. Aber ihr habt nichts zu fiirchten. Dir wird 
ein Sohn geboren werden, den du nicht selbst sehen wirst, aus dem 
aber ein Geschlecht hervorgehen wird, aus dem eine neue Feuer- 
anbetung auf der Erde entstehen wird. - Mit dem Hammer, der ihm 
von Tubal-Kain gegeben wird, ist er daraufhin imstande, das projek- 
tierte Eherne Meer zustande zu bringen und sich dadurch noch mehr 
die Zuneigung der Konigin von Saba zu erwerben. Dieser erscheint 
bei einem Spaziergang ein Vogel in der Luft, der das mystische Tau- 
Zeichen zeigt. Daran erkennt die Amme der Konigin, daB unter 
diesem Zeichen des Tau die Zukunft der Weisheit verborgen ist. Bei 



einem Feste, bei dem sich Salomo berauscht hatte, zieht ihm die K6- 
nigin von Saba den Verlobungsring wieder von der Hand. Hiram- 
Abiff aber wird von den Gesellen iiberfallen und getotet. Er ist nur 
noch imstande, das verborgene Wort auf ein goldenes Dreieck zu 
schreiben und dieses zu verbergen. Es wird spater gesucht und ein- 
geschlossen in einen Stein, der Wiirfelgestalt hat. Auf diesem Stein, 
der das verborgene Wort verhiillt, stehen die Zehn Gebote. 

Das ist die Tempelweisheit, welche die mannliche Wissenschaft der 
weiblichen Weisheit entgegengesetzt hat. Das sind Dinge, die nur 
erklart, die nur auf ihren okkulten Gehalt hin untersucht zu werden 
brauchen, um den tiefen Gehalt zu erkennen. 

Denken Sie sich, Hiram- Abiff wird zum Urvater seines Geschlechts 
gefiihrt. Da erhalt er eine Instruktion: es wird ihm gesagt, Jehova 
ist ein Feind der Feuersohne. Welches sind die Feuersohne? Das sind 
die, welche erst entstehen konnten durch die Trennung der Ge- 
schlechter, durch die Einwirkung des physischen Mannes auf ein 
physisches Weib. Das Feuer ist die Wirkungskraft des mannlichen 
Samens. Im mannlichen Samen lebt das Feuer im okkulten Sinne. 
Diese Grundkraft muBte Jehova schaffen, damit das Geschlecht fort- 
gepflanzt werden konnte. Jehova schuf die Feuersohne, was nur mog- 
lich war auf Grund dieses Feuers. Daher ist er der Feind des Neuen. 
Er war es, der die alte Art der Fortpflanzung fortlebte. Es war also 
ein Ausfluchtsmittel, was da geschaffen worden ist, und daher hatte er 
sich wieder den Priestern zugewendet und hat sie zu seinen Verkiin- 
digern gemacht. Er hat seine Macht und die Herrlichkeit der eigenen 
Weisheit durch die Priesterweisheit verkiindigen lassen. Durch die 
Priesterweisheit ist die Weisheit Jehovas verkiindigt worden. 

Hiram- Abiff ist also dazu berufen, das Eherne Meer, das heiBt, die 
Verwandlung des Mineralreiches durch die Kunst zu iibernehmen. 
Auch wird ihm gesagt, da6 ihm ein Sohn geboren werden wird, der, 
wenn er ihn auch nicht selbst sehen kann, ein neues Geschlecht hervor- 
bringen wird. Dieser Sohn ist nichts anderes als das neue Geschlecht, 
das einmal treten soil an die Stelle des alten, des jetzigen; das neue Ge- 
schlecht, bei dem es nicht mehr notig ist, daB beide Geschlechter sich 
miteinander verbinden, sondern wiederum die Fortpflanzung durch 



das eine menschliche Individuum bewirkt werden kann. Da wird auf 
eine feme Zukunft hingewiesen. Die alte weibliche Kultur wurde ab- 
gelost von der mannlichen. Das Weibliche als physiche Gestalt wird 
absterben. Dann muB das Mannliche eine Kraft in sich haben, ein In- 
dividuum aus sich selbst hervor2ubringen. Und wo sitzt diese Kraft? 

Friiher war Mannliches und Weibliches in einem Individuum. Und 
als diese beiden sich trennten, entstand ein Herauswinden des heutigen 
Individuums. Es entstand der obere Teil. Das was [heute] oberer Teil 
ist, war damals mit den Sexualorganen vereinigt. Das was heute Se- 
xualorgan ist, ist die Halfte der damaligen [Hervorbringungs-] Kraft. 
Daher ist auch die Kraft, die im Kehlkopf sitzt, die andere Halfte. Die 
Sprache bringt heute noch nichts hervor. Sie muB erst durchdrungen 
werden von der Kainsweisheit und muB dann so hervorbringen. Wenn 
der Mensch die Kraft erlangt haben wird, daB sein Kehlkopf so weit 
sein wird, daB sein Wort schaffend wird, so daB er durch das Wort 
seinesgleichen hervorbringen wird, dann wird die ganze produktive 
Kraft iibergehen auf das mannliche Geschlecht. Es wird dann auf die 
Menschen iibergehen, was einstmals durch die Gotter geschaffen 
wurde. Wannist das Wort verlorengegangen? Als die Zweigeschlecht- 
lichkeit entstand. Es ist vergraben, verborgen. Die Kainssohne haben 
es nur bei ihrem Urvater gehabt. Hiram-Abiff sollte wenigstens die 
Prophetie davon erhalten. Er wurde aber gleich darauf getotet. 

Das Wort ist vergraben, aber es ist da. Ware es nicht vergraben, 
so ware der Mensch selbstschopferisch, wie der Elohim selbstschop- 
ferisch ist. Daher ist das «Wort» in der Freimaurerei nicht das rich- 
tige, sondern das falsche «Wort». Das richtige Wort ist verborgen. 
Die Zehn Gebote sind eingegraben auf dem Stein, der das verborgene 
Wort enthalt. Was sind die Zehn Gebote? Das sind die Gesetze der 
sittlichen Weltordnung. Die halten den auBeren Verkehr aufrecht, wie 
er jetzt ist unter dem EinfluB von Menschen aus beiden Geschlech- 
tern. Solcher Gebote bedarf es nicht, wenn es keine zwei Geschlech- 
ter mehr gibt. Es ist diejenige Menschenordnung, die unter dem Ein- 
fluB der beiden Geschlechter entstanden ist. 

So haben wir in dem Freimaurertum die Bewahrung des Anden- 
kens an das verlorengegangene Wort, das errungen werden soil inner- 



halb derjenigen, die in der Freimaurerei arbeiten, und das nur dann 
errungen werden kann, wenn die passive mannliche Weisheit in sich 
selbst die Aktivitat erweckt. Deshalb sagt die Freimaurerei: Alles, 
was nicht aus der eigenen iiber die Welt verbreiteten Wissenschaft 
hervorgebracht wird, stammt noch aus den alten Zeiten weiblicher 
Priesterherrschaft. Diese wollen wir nicht bloB iibernehmen [iiber- 
winden?], sondern auch einen neuen Wirbel des Daseins beginnen; 
wir sollen selbst der mannlichen Kainserkenntnis die Intuition geben. 
Das wiirde unmoglich sein, wenn man dem Manne die Kraft nehmen 
wiirde dadurch, daB man das Weib zum Mitwisser des Geheimnisses 
machte. In dem Augenblick, wo vor Frauen gesprochen wiirde, wiirde 
das Ganze unwirksam sein miissen. 

Es ist also eine Notwendigkeit gewesen, daB das ganze weibliche 
Geschlecht von der Freimaurerei ausgeschlossen war. Es hangt das 
damit zusammen, daB das Organ des Wortes mit der Geschlechtlich- 
keit, der Sexualitat zusammenhangt. Deshalb mutiert auch der Mann, 
wenn er geschlechtsreif wird. Das Mutieren ist nichts anderes als der 
Ausdruck der alten Zusammengehorigkeit von Sprachorgan und Ge- 
schlechtsorgan. Jetzt werden Sie auch fassen, was der Freimaurer sagt : 
Es ist iiberhaupt nur der Mann dazu berufen, das verlorengegangene 
Wort auszusprechen und es umzugieBen; nur der mannlich gebaute 
Kehlkopf ist imstande, dasjenige zu sagen und zu wissen, was durch 
das verlorengegangene Wort wieder erreicht werden kann. Wenn wir 
es so auffassen, wird man begreifen, daB man es dem Weibe nicht 
gestattete, das Neue durch den Mund zu fiihren. - Es ist komisch, 
von Gelehrten als Grund angefiihrt zu sehen: die Frauen werden 
nicht aufgenommen, weil sie alles ausklatschen. - Der weibliche Kehl- 
kopf ist als ein Rudiment stehengeblieben. Der mannliche Kehlkopf 
ist es aber, der sich zum Zukunftsorgan bildet. 

Sie sehen, daB es sich um tiefe und bedeutsame Zusammenhange 
handelt, und daB der Ausdruck «Maurer» in einem moglichst wort- 
lichen Sinne zu nehmen ist. Daher waren die Maurer in der griechi- 
schen und romischen Zeit die Erbauer dessen, was Schonheit aus- 
driicken soil. Dome, Tempel und andere bedeutende Bauwerke wur- 
den von diesen Baumeistern erbaut. 



Die Sache ist nun so, daB selbstverstandlich ein Teil dessen, was 
geleistet worden ist durch den Freimaurerbund, doch wieder von der 
alten Priesterweisheit her genommen werden muBte. So haben Sie 
wieder eine Mischung von weiblicher Weisheit und mannlichem Stre- 
ben. Im Grunde genommen ist das Geheimnis der Freimaurerei das- 
jenige, was noch nicht enthiillt ist, was noch gar nicht da ist, was man 
also auch nicht verraten kann, da es noch nicht da ist. Es ist das- 
jenige, was ausgesprochen werden wird, wenn einmal dem Worte die 
Produktionskraft innewohnen wird. 

Das sind einige Worte, welche dem Okkultisten den Gedanken der 
Freimaurerei klarmachen werden. Noch bis ins 18. Jahrhundert hinein 
hat man gewuBt, daB die Dinge so sind. Erst als man den Zusam- 
menhang mit den hoheren Welten verloren hatte, verlor man auch in 
der Freimaurerei das BewuBtsein dessen, was man verloren hatte. 
Und doch wieder nicht. Man verwasserte die Maurerei, man sagte, 
man wisse nicht mehr die Bedeutung. Man muB sich aber klar sein 
dariiber, daB alles, was da existiert als Symbole, der alten Priester- 
weisheit entstammt, und daB das, was in den Symbolen darinnensteckt, 
erst noch herauskommen muB. Die eigentliche weibliche Weisheit 
geht allmahlich ganz verloren. Daher hat man die sogenannten Hoch- 
grade, die Bewahrer der weiblichen Weisheit, verschwinden lassen. 
Ubriggeblieben ist nur noch das, was man die Johannesmaurerei 
nennt, die sich nur noch mit weltlichen Dingen beschaftigt und nur 
davon etwas versteht. 

Das ist aber doch auch wieder ganz natiirlich, denn es muBte ja, 
indem der Materialismus sich entwickelte, die Priesterweisheit ver- 
lorengehen. Was kann nun geschehen? Die alte Weisheit ist fort. Wir 
sollen im AuBeren leben. Was ist die Folge davon? Dies, daB erst 
dann wieder etwas Besseres hineinkommen kann, wenn eine Weisheit 
kommt, die wiederum ungeschlechtlich ist, die nicht mehr zusammen- 
hangt mit der weiblichen und mannlichen Weisheit, nicht mehr mit 
dem weiblichen Bibeltum, nicht mehr mit der mannlichen Tempel- 
legende. Dieser Weisheit begegnen wir in der Theosophie. In dieser 
Weisheit verstehen sich beide Geschlechter. Da arbeitet am Weibe der 
Mann, der im Weibe ist, und da arbeitet am Mann dasjenige, was 



wiederum ungeschlechtlich ist. Da begegnen sich in der Erkenntnis 
des hoheren Planes das Mannliche und das Weibliche. Es ist also ganz 
natiirlich, daB die eigentliche okkulte Grundlage als Freimaurerei ge- 
bracht worden ist, und daB ein neuer Ansatz gemacht worden ist. So 
etwas nennt man einen «Wirbel» : 



So schlingen sich wirklich die Dinge in unserer Zeit zusammen. 
So miissen wir das ineinanderlaufend denken. Daher hat sich die Theo- 
sophie weder gestiitzt auf die Bibellegende, noch auf die Tempel- 
legende, sondern den Weisheitskern in allem aufgesucht, der wieder 
hergestellt werden muB, ungeschlechtlich. Nun sehen Sie, wie die 
Theosophie das Friedenstiftende, das Harmonie-Herbeifiihrende ist. 

Wie ist in unserer Wurzelrasse dies zusammengefiigt? Unsere Wur- 
zelrasse wiederholt, was friiher schon da war. Den Gegensatz dessen, 
was in der lemurischen Zeit schon da war, brachte sie zum deut- 
lichen Ausdruck auf geistigem Gebiet. Opposition muBte sich deshalb 
herausstellen, weil das weibliche Geschlecht friiher war und in abstei- 
gender Linie ist, wahrend das mannliche Geschlecht in aufsteigender 
Linie ist und die Samenkraft in sich sucht, die das Weib in sich hat. 
Wenn wir in den unteren Regionen bleiben, so miissen wir durch den 
Okkultismus genau unterscheiden: Wer Rassenmensch der Atlantier 
ist, braucht nicht zugleich auch Seelenmensch der Atlantier zu sein. 
So ist auch die Seele nicht an das Geschlecht gebunden. Die Seelen 
des weiblichen Geschlechts bewegen sich hindurch, bis sie die von 
den Mannern sich selbst gemachten Korper mitbewohnen konnen und 
ein Geschlecht auf der Erde sein wird. 

Solange die Manner noch dem Weiblichen in Opposition gegen- 
iiberstanden, muBten sie schweigen. Der Zusammenhang der Ge- 
schlechter wurde dadurch vorbereitet, daB im 18. Jahrhundert die 
Adoptionslogen gegriindet wurden. Im Jahre 1775 wurde die erste 




gegriindet. Da wurde eine Maurerei getrieben, welche andere Sym- 
bole als die mannliche Maurerei hatte. Dadurch aber, daB solche 
Adoptionslogen der mannlichen Freimaurer auch Frauen aufnahmen, 
wurde der Zusammenhang der Geschlechter vorbereitet. Mitglied 
einer solchen Adoptionsloge war auch die Begriinderin unserer Ge- 
sellschaft. Da spielt also auch die Sache hinein, die als Anfang der 
Theosophie bezeichnet werden mu6. Die Theosophie ist also eine 
Weltaufgabe, die mit okkulten Stromungen zusammenhangt und aus 
dem Freimaurertum heraus arbeiten mu6. Es konnte sogar noch ein- 
mal aufgeweckt werden und uns helfen konnen. 

Aber das ist der tiefere Gedanke: da6 auf theosophischem Gebiete 
diese einseitige mannliche Bestrebung iiberwunden werden mu6. Es 
gibt schon im ganzen Mittelalter eine groBartige Vorbereitung fur 
das Erzeugen des anderen Geschlechts im Manne auf geistige Weise. 
Der Mann erzeugt durch Konzentration in sich zuerst als Gedanke, 
was spater in ihm als Sein entstehen soil. Daher entstand im ganzen 
Mittelalter als Vorbereitung dazu der Marien-Kultus. Der ist nichts 
anderes als die Konzentration zur Erzeugung des Weiblichen im 
Mannlichen, wahrend beim Weibe der Jesus-Kult dem gleichen Zweck 
dient. Der Marien-Kult hat aus dieser Grundlage seinen Ursprung. 

Nun werden Sie einsehen, welche Verwirrung eintreten muBte, als 
ein Orden auftrat, der mit alle dem brach und die weibliche Weisheit 
wieder zuriickerobern will. Es geht um die Herrschaft der Welt, die 
erobert werden soil. Will jemand die alte Weisheit lassen, wie sie ist, 
so mu6 er die Welt fur die alten Krafte erobern. Einen solchen Orden 
gibt es: Es ist der Jesuitenorden. Er hat sich bewuBt diese Aufgabe 
gestellt. Daher stehen sich so schroff gegeniiber Jesuiten und Frei- 
maurer. 



FREIMAUREREI 
UND MENSCHHEITSENTWICKELUNG II 

Berlin, 23. Oktober 1905 (halb zwolf Uhr) 
(Nur vor Frauen) 

Die Dinge, die wir heute besprechen wollen, sind bisher nicht vor 
Frauen besprochen worden. Daher ist es eigentlich eine Kiihnheit, 
wenn ich heute dariiber zu Ihnen spreche. Aber gewisse okkulte 
Stromungen machen es notig. 

Innerhalb dieser Stromungen gibt es manche Dinge intimer Art, 
die bis vor kurzem nicht vor Frauen besprochen werden durften, weil 
die okkulten Bruderschaften - die den Zweck hatten, diese intimen 
Dinge zu pflegen - das strenge Gebot hatten, keine weiblichen Mit- 
glieder aufzunehmen. Das, was sie in der Welt zu tun hatten, sollten 
sie nicht unter Mitarbeit des weiblichen Elementes machen. Bis vor 
kurzem ist dieses Gebot piinktlich eingehalten worden. Heutzutage 
nun ist die einzige Moglichkeit, einen Ausgleich zwischen den zwei 
Geschlechtern zu schaffen, nur in der Theosophischen Gesellschaft 
gegeben. Hier ist auch allein die Statte, wo iiber diese Dinge vor 
Frauen gesprochen wird. 

Wir fragen nun: Warum hat diese Trennung der Geschlechter statt- 
gefunden, die in den Freimaurerlogen zu einem so grotesken Aus- 
druck gekommen ist? - Wenn man verstehen will, warum eigentlich 
diese Spaltung gepflogen worden ist, so mu6 man das mit einem etwas 
grotesken Vergleich ausdriicken: Wenn sich zwei Machte bekriegen, 
so wiirde es sehr toricht sein, wenn der eine Feldherr dem anderen, 
feindlichen, seinen Feldzugsplan verraten wollte, bevor der Krieg be- 
ginnt. Genauso wiirde es bedeuten, dem Feinde die Waffen auszulie- 
fern, wenn man in der Freimaurerei die Frauen herangezogen hatte. 
Denn um einen Krieg handelt es sich bei den Freimaurern, und zwar 
um den Krieg gegen den weiblichen Geist, um eine scharfe Opposi- 
tion gegen den weiblichen Geist als solchen. Dieser Kampf war not- 
wendig, ja, die okkulte Freimaurerei ist geradezu zu diesem Zweck 
gegriindet worden. Daher war es Usus, iiber die okkulten Dinge vor 
den Geschlechtern getrennt zu reden. Es mu6 erst eine Form ge- 



funden werden, in der von diesen Dingen zu Frauen gesprochen wer- 
den kann. 

Die Griindung der Freimaurerei gent in feme Vergangenheit zu- 
riick. Sie entstand beim Beginn der vierten Unterrasse unserer jetzi- 
gen fiinften Wurzelrasse. Zu derselben Zeit wurde auch erst das Alte 
Testament niedergeschrieben, welches uns AufschluB iiber diese Dinge 
gibt. Es wird gesagt, daB hohere Geister dem Moses die Offenbarun- 
gen gemacht haben, die er dann niedergeschrieben habe. Die Kennt- 
nis der hoheren Tatsachen war aber schon viel friiher vorhanden 
und wurde von Geschlecht zu Geschlecht miindlich, von Priester- 
mund zu Priestermund, weitergegeben, bis sie von Esra - dem die 
Niederschrift dieser Dinge zugeschrieben wird - schriftlich dokumen- 
tiert worden ist. Als das Alte Testament nun anfing, durch die 
Priesterschaft eine Macht zu werden, da entstand in der Bruderschaft 
der Freimaurer aus einer bestimmten Ursache heraus eine gewaltige 
Opposition gegen dieses Priesterbuch, die Bibel. Sie ist sicher immer 
dagewesen, und sie war notwendig. Wir miissen uns klarmachen, 
warum? 

Seien wir uns einig dariiber, daB alles, was auf dem physischen Plan 
vor sich geht, zuerst in einer gewissen Weise friihere Tatsachen wie- 
derholen muB. Es findet auf der Erde stets eine Wiederholung der 
Ereignisse friiherer Zeiten statt. Der Mensch muB vor der Geburt die 
Stadien durchmachen, die er in seinem dumpfen TierbewuBtsein frii- 
her durchgemacht hat. So war zum Beispiel auch die Renaissancezeit 
des Mittelalters eine Wiederholung der alten griechischen Zeit. Auch 
bei den planetarischen Vorgangen finden wir solche Wiederholungen. 
Bevor die Erde das wurde, was sie heute ist, muBte sie erst die Wie- 
derholung friiherer Zustande durchmachen, ehe sie in der vierten 
Runde ein selbstandiger Planet, eben unsere Erde wurde. So wieder- 
holen sich, wenn neue Tatsachen in der Welt auftreten sollen, immer 
die friiheren Stufen in einer neuen Form. So hat der Geist der Men- 
schen in der fiinften Wurzelrasse eine Wiederholung der lemurischen 
Rasse durchgemacht, wo der Mensch noch eingeschlechtlich war und 
dann zweigeschlechtlich wurde, was einen groBen EinfluB auf seine 
geistige Entwicklung hatte. In der dritten Unterrasse der fiinften 



Wurzelrasse, der babylonisch-agyptischen Zeit, hat sich nun nach und 
nach wiederholt auf dem Gebiete des geistigen Lebens, was in der 
lemurischen Zeit mit dem physischen Menschen vorgegangen ist. 

Bevor es Mannliches und Weibliches gab, war beides vereinigt, 
dann traten die zwei Geschlechter auseinander. Dieselbe Sache haben 
wir in der fiinften Wurzelrasse in bezug auf die geistige Entwicke- 
lung. 

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III. Wurzelrasse: Spaltung der physischen Entwickelung in mann- 
lich und weiblich, in zwei Geschlechter. 

V. Wurzelrasse: Spaltung der geistigen Entwickelung in mannlichen 
Geist und weiblichen Geist; in Jehovadienst oder Priesterschaft und 
Freimaurerei. 

In der ersten Unterrasse, in der indischen Kultur ist noch alles er- 
haben iiber den physischen Plan. Die uralte indische Weisheit, die aus 
der ersten Unterrasse der fiinften Wurzelrasse stammt, hangt geistig 
vor allem zusammen nicht mit dem heutigen physischen Plan, son- 
dern mit den Zustanden friiherer Zeit, wo der Mensch noch mannlich- 
weiblich war. Daher wird dort auch noch gar nicht Bezug genommen 
auf die Tatsache der Geschlechter. Von einem dualistischen Prinzip 
ist in ihr nicht die Rede; dieses trat erst in der folgenden Unterrasse 
auf. Die Veden sind aus viel spaterer Zeit. Bei der zweiten Unterrasse 
tritt schon eine gewaltige Spaltung auf. Das, worin sich diese Spal- 
tung auBert, das stellt uns das Alte Testament in einem wunderbaren 
Bilde dar. Sehr schon und deutlich steht es in der Genesis: Bevor 
Jahve den Menschen geschaffen hat, schuf er auf der Erde Friichte, 
Tiere und so weiter und zuletzt schuf er den Menschen, Adam, und 
diesen teilte er dann in zwei Geschlechter. 



Diese Darstellung beruht auf okkulter Erkenntnis der physischen 
Tatsachen. Nun stellt selbstverstandlich alle okkulte Weisheit einen 
Zusammenhang dar zwischen physischen Tatsachen und der spateren 
geistigen Weisheit. Denn die physischen Tatsachen sind aus der gott- 
lichen Weisheit hervorgegangen, und die Weisheit geht spater wieder 
aus dem physischen Leben, aus dem Menschen hervor. Es ist ein Zu- 
sammenhang da zwischen Weisheit, Erkenntnis und dem physischen 
Leben. 

Die ganze befruchtende und fruchtbringende Kraft, die einen neuen 
Menschen hervorbringt, war friiher in einem Geschlecht vereinigt. 
Dann wird der Mensch geteilt in mannlich und weiblich. Welchem 
Geschlecht kommt der eigentliche Anspruch auf die Zeugungskraft 
zu? Es ist das Weibliche. Daher wird in der altesten griechischen 
Mythologie Zeus, der als Vater der Menschheit verehrt wurde, mit 
einer Frauenbiiste, mit einer weiblichen Biiste dargestellt. Zeus als 
iibermenschliches Wesen war dem weiblichen Geschlecht naher. Das 
weibliche Geschlecht war also das erste, das friihere, und hatte damals 
in sich die Kraft, das ganze menschliche Individuum hervorzubringen. 
Diese hervorbringende Kraft war vorhanden in dem eingeschlecht- 
lichen Menschen, der in seiner physischen auBeren Form sich eben 
mehr der Form des Weibes naherte. In diesem eingeschlechtlichen 
Menschen war das Befruchtende die Weisheit, das Geistige selbst, 
und eine spatere Wiederholung davon ist die Befruchtung des weib- 
lichen Geistes mit inspirierter Weisheit. Dieser Mensch der einge- 
schlechtlichen Zeit war das Ergebnis des im Weibe gegebenen Stof- 
fes und der Befruchtung mit dem gottlichen Geiste. 

Nun miissen Sie sich klarmachen, was das war, wodurch das Weib 
den Menschen hervorbringen konnte. Physisch haben wir zunachst 
das Weib, das befruchtet wird von oben. Was das Befruchtende war, 
war der gottliche Geist im Weibe. Als die Spaltung der Geschlechter 
stattfand, trat die Differenzierung so ein, daB sich zunachst fiir das 
weibliche Geschlecht die geistigen Befruchtungsorgane in Weisheits- 
organe verwandelten. Die mannliche Kraft, die das Weib in sich hatte, 
die verwandelte die schopferische Kraft in die Organe der Weisheit. 
So blieb dem Weibe die Halfte der hervorbringenden Kraft; dem 



Manne blieb die schopferische physische Kraft. Durch diese Tren- 
nung entstanden physisch das Riickenmark und das Gehirn mit den 
Nervenstrangen, dargestellt in dem Baum des Lebens und dem Baum 
der Erkenntnis. Das Organ der Weisheit ist ausgebildet in den Riick- 
gratringen mit dem Riickenmark und dessen Ausdehnung im Gehirn. 
Von da an ist eine Zweiheit im Menschen: Das sind die zwei Baume 
in der biblischen Urkunde, der Baum der Erkenntnis und der Baum 
des Lebens. 

Nun passen sich die neuen Wesen dieser Umwandlung an. Nicht 
alle friiheren weiblichen Individuen haben nachher die weibliche Form 
angenommen. In dem einen Teil trat die weibliche Seite, die Mog- 
lichkeit, Menschen hervorzubringen, zuriick, und es bleibt ihm als 
Ersatz die Kraft der Befruchtung in einer ganz anderen Weise zuriick. 
Die physische Natur hatte sich gespalten in ein Befruchtendes und 
ein zu Befruchtendes. Ebenso hat sich auch die geistige Natur gespal- 
ten. Bei den weiblichen Individuen hat der Geist mannlichen Cha- 
rakter und Farbung; beim Manne hat das Geistige einen weiblichen 
Charakter. Das ist noch das Weib im Manne. 

Die biblische Legende stellt das sehr genau dar. Es wird bekannt- 
lich dem zweigeschlechtlichen Menschen verboten, vom Baume der 
Erkenntnis zu essen. Die Kraft, die Jehova in den Menschen gelegt 
hatte, war: seine Weisheit im Weibe wirken zu lassen. «Du sollst 
nicht essen vom Baume der Erkenntnis», heiftt soviel wie: Du sollst 
nicht die befruchtende Kraft abtrennen und selbstandig machen. - 
Denn dadurch geht dem Weibe die Jahvekraft, die befruchtende 
Kraft, verloren. Als das Weib vom Baume der Erkenntnis aB, legte 
es den Grund dazu, selbstandig in der Weisheit zu werden und somit 
aufzuhoren, ein unselbstandiges Werkzeug Jehovas zu bleiben, wie 
dieser es geplant hatte. So aber verlor es mit der Jehovakraft die 
Kraft, sich selbst mit Weisheit zu befruchten. Es setzte diese Kraft 
aus sich heraus, indem es [von dem Baume der Erkenntnis] a6 und 
dem Manne von dem Apfel gab. So wurde das Weib vom Manne 
abhangig. Es war Luzifer, der den Menschen auf diesen Weg brachte, 
um ihn selbstandig zu machen. Dem widersetzte sich Jehova und 
erlieB deshalb das Verbot, vom Baume der Erkenntnis zu essen. Das 



Weib aber i6t und gibt dem Manne. Der iBt auch, und dann folgt 
die Strafe, von Jehova verhangt. Neue Leiber miissen entstehen, die 
das Karma des vorigen Lebens austragen, der Tod und das Geboren- 
werden kommen in die Welt. Das Weib ist nun nicht mehr durch 
sich selbst fruchtbar, sondern ist unfruchtbar geworden. Und damit, 
daB die Befruchtung von auBen kommt, ist auch die Moglichkeit 
eines solchen Todes in die Welt gekommen. 

Im Bilde der biblischen Paradieses-Erzahlung wird uns dieser tiefe 
Zusammenhang dargestellt. Alte Priestertraditionen waren Inhalt die- 
ser Bilder geworden, alte Priesterweisheit war in diesen Bildern an- 
schaulich verkorpert. Das Weib ist dann unfruchtbar geworden in 
bezug auf geistige Weisheit, indem es nach physischer Erkenntnis 
verlangte. Es gab dem Manne, er aB auch, sie wurden schuldig und 
aus dem Paradiese, zu dessen Entstehung sie nichts getan hatten, ver- 
trieben. Das ist die alte Priestertradition iiber die Entstehung der 
Geschlechter. Es liegt eine tiefe Kenntnis vom Zusammenhange der 
tatsachlichen Vorgange darinnen. 

Was war nun geschehen dadurch, daB das Weibliche sich vom 
Mannlichen abspaltete? In welchem Geschlechte hat sich der Schatten 
der produktiven geistigen Weisheitskraft mehr erhalten, im mann- 
lichen oder im weiblichen? Wir haben gesehen, daB die weibliche 
Weisheit eigentlich einen mannlichen Charakter hat: das ist das Schaf- 
fende, das Produktive, die Intuition, das was originell ist, was her- 
vorbringt. Dieselbe gottliche Kraft, die friiher befruchtend im Weibe 
gewirkt hat, um den physischen Menschen hervorzubringen, wirkt 
nun befruchtend auf die Erkenntnis des gottlichen Wesenskernes im 
Menschen. Um diesen Vorgang zu fordern, wirken die Religionen 
durch Wort und Bild. 

Das weibliche Wesen wird physisch unfruchtbar, das heiBt, es kann 
keine Nachkommen aus sich heraussetzen wie ehedem. Der mannliche, 
passive Geist ist derjenige, der geistig unfruchtbar ist, aber der Mann 
ist der, der physisch befruchten kann. Geistig laBt er sich nun be- 
fruchten durch alles das, was in der Welt ist. Er wird nun geistig 
befruchtet, um selbst physisch befruchten zu konnen. Die ganze Welt 
dringt zunachst auf ihn ein. Er wird befruchtet geistig, das Weib 



physisch. Das Weib dagegen ist geistig selbst befruchtend; der Mann 
wird geistig befruchtet. Dadurch, da6 man drauBen alles sammelte 
und kombinierte, wurde die mannliche Weisheit befruchtet. So ent- 
stand die Mannerweisheit, die darauf bedacht war, die weltliche Weis- 
heit zu sammeln. Die war wirklich zunachst nicht vorhanden, wie 
die friiher von oben einstromende. Sie muBte erst gesammelt werden 
aus der Erkenntnis der physischen Welt. Die weibliche Weisheit da- 
gegen ging faktisch auf die Priesterschaft iiber. Die Priesterweisheit 
wurde das Gut, welches urspriinglich von der alten weiblichen Weis- 
heit herstammte. Jehova konnte das menschliche Geschlecht ja nur 
dadurch erhalten, daB er es in die zwei Geschlechter spaltete. Es ent- 
standen zwei Oppositionen: Freimaurerei und Priesterherrschaft, die 
symbolisiert sind durch Kain und Abel. 

Nun ist ein Unterschied zwischen der weiblichen Priesterweisheit 
und dem mannlichen Streben. Das wird uns dargestellt in der Legende 
von Kain und Abel. Abel war ein Hirte; er beschaftigte sich mit dem 
Leben, das schon da ist: Er ist das Symbol der angestammten gott- 
lichen Kraft, die im Menschen als Weisheit wirkt, die er sich nicht 
selbst erwirbt, die in ihn einstromt. Kain schafft Neues aus dem her- 
aus, was die Umwelt bietet: Er reprasentiert die passive mannliche 
Weisheit, die erst befruchtet werden muB von auBen; die in die Welt 
hinausgeht, um zu sammeln und zu schaffen aus der gesammelten 
Weisheit, Kain erschlug den Abel; das heiBt: die mannliche Weisheit 
wehrt sich gegen die weibliche Weisheit, denn sie fiihlt, daB sie die 
physische Weisheit erobern und umformen muB. 

Diese Opposition nun aufzunehmen, das setzten sich die alten Frei- 
maurer als Ideal vor. Sie wollten der weiblichen Weisheit, die auf die 
Priesterschaft iibergegangen war, entgegenarbeiten durch die mann- 
liche Weisheit. Die Bibel in ihren groBen Bildern war anzusehen als 
die auf die Priesterschaft ubertragene intuitive weibliche Weisheit; 
der wollten sie entgegensetzen die vom Manne selbst erworbene 
Weisheit. Dieser Kampf gegen die Priesterweisheit war der Ausdruck 
der Opposition der Freimaurer. Man muBte dabei diejenigen, die mit- 
wirkten, freihalten von einem jeglichen Einflusse weiblicher Weisheit. 
Es hatte dieser Kampf zu tun mit der physischen Entwickelung, und 



es war deshalb notwendig fur die Freimaurer, sich von jedem Ver- 
kehr mit dem weiblichen Geschlechte fernzuhalten in bezug auf ihre 
Arbeit. Sie wuBten, daB ihre Opposition gegen den weiblichen Geist 
nur durchgefuhrt werden konnte, wenn sie nicht gestort wiirden 
durch weibliche Gedanken. Man muBte das Positive hinstellen und 
iiberhaupt vermeiden, daB ein storendes Element dazwischen kam. 

Das Freimaurertum schuf nun als Gegensatz zur Bibellegende die 
Tempellegende. Diese sollte das Kampfesschwert gegen die Priester- 
schaft darstellen. Diese Tempellegende wollen wir uns nun vor die 
Seele stellen. Sie hat folgenden Inhalt: 

Ursprunglich schuf einer der Elohim den Kain, indem er sich selbst 
mit Eva verband. Dem stellte entgegen der Elohim Jahve den Adam. 
Dieser verband sich mit Eva, und daraus ging Abel hervor. Kain 
erschlug den Abel, Jehova machte darauf das Geschlecht des Kain 
Untertan dem Geschlecht des Abel. 

Das heiBt: ursprunglich wandte sich die weltliche Weisheit gegen 
die Priesterweisheit und unterlag, denn in Seth wurde das Abelprinzip 
fortgesetzt, und alle weltliche Weisheit wurde der Priesterweisheit 
unterworfen. 

Nun wird erzahlt, wie die Nachkommen des Kain die Erde erober- 
ten, wie sie die Kunste ausbildeten. Musik, Kunste und Wissenschaf- 
ten wurden von ihnen gepflegt. Tubal-Kain (1. Moses 4,21-22), der 
Meister von Erz und Eisenwerk, Jubal, von dem die Pfeifer und 
Geiger hergekommen sind, Hiram, der Erbauer des Salomonischen 
Tempels (1. Konig, 7,13), zahlten zu Kains Nachkommen. 

Da - mit Hiram - waren wir an der Grenze zwischen der dritten 
und vierten Unterrasse angelangt, wo die Priesterherrschaft uberging 
in die Konigsherrschaft. Es entstand das Konigtum von Gottes Gna- 
den, dessen Reprasentant der Konig Salomo war. Salomo hatte seine 
Macht nicht erhalten durch Arbeit auf dem physischen Plan, sondern 
durch das, was von Gottes Gnaden gekommen ist. Die Priesterweis- 
heit ging uber auf die Konigsherrschaft. So wird diese als die Nach- 
folgerin der Priesterherrschaft angesehen, die unfahig war, aus sich 
selbst heraus fur die Menschheit das fur den Erdenfortschritt Not- 
wendige zu tun. Aus den Abkommlingen Kains muBte derjenige, der 



den Tempel bauen sollte, geholt werden, weil er selbsterarbeitete 
Gedanken besaB. 

Die Legende erzahlt nun weiter, daB die Konigin von Saba, Balkis, 
verlobt war mit Konig Salomo. Sie kam zu ihm und staunte den 
Tempelbau an, er ihre Weisheit. Sie verlangte den Baumeister selbst 
zu sehen, denn sie konnte nicht begreifen, daB durch Menschenweis- 
heit dieser wunderbare Bau entstanden sei. Hiram kam und machte 
schon allein durch seinen Blick einen machtigen Eindruck auf sie. 
Nun verlangte sie auch die Arbeiter am Tempel zu sehen. Als Salomo 
sagt, daB das nicht gehe, da macht Hiram das mystische Tau-Zeichen 
in die Luft, und alsbald stromen die Arbeiter herbei. In dem mysti- 
schen Tau-Zeichen liegen die Krafte, durch welche die Kalnssohne 
arbeiten auf dem physischen Plan. 

Drei Gesellen des Hiram sind unzufrieden, weil er sie nicht zum 
Meistergrad befordert hat. Sie beschlieBen, dem Hiram zu schaden. 
Sie wollen sein Hauptwerk zerstoren. Er will namlich das Eherne 
Meer ausfiihren: das ist ein groBes Kunstwerk, das aus einem fliissigen 
Elemente, aus geschmolzenem Erz, gegossen werden soil. Das ist ein 
Symbol des groBen Kunstwerkes, zu dem das ganze Mineralreich um- 
gearbeitet werden soil: die Aufgabe unseres Manvantaras. Die drei 
Gesellen tun folgendes: sie bringen den GuB des Ehernen Meeres in 
Unordnung. Hiram versucht durch ZugieBen von Wasser den GuB 
wieder in Ordnung zu bringen: da zerstiebt alles in einem feurigen 
Spriihregen. Als Hiram verzweifelt sich verloren glaubt, wird er 
durch eine Gestalt, in der er Tubal-Kain erkennt, in den Mittelpunkt 
der Erde gefiihrt. Dort wird ihm gesagt: Jehova oder Adonai ist nichts 
anderes als ein Feind der Feuergeister. Er will die Feuergeister ver- 
nichten. Dir aber wird ein Sohn geboren werden, den du zwar selbst 
nicht sehen wirst, der aber ein neues Geschlecht auf die Erde bringen 
wird. - Nun gibt ihm Tubal-Kain einen Hammer, womit er den GuB 
des Ehernen Meeres zu Ende fiihren kann. Die drei Gesellen aber er- 
morden ihn. Vor seinem Tod haucht er noch ein Wort aus, das er auf 
ein goldenes Dreieck schreibt, und versenkt es. Man versteht das Wort 
nicht. Dies Wort ist das verlorene Wort der Freimaurer. Hiram wird 
beerdigt, ein Akazienzweig wird auf sein Grab gepflanzt. Das Drei- 



eck wird noch einmal ausgegraben, aber niemand weiB es zu wiirdi- 
gen. Es wird wieder versenkt und ein Wiirfel darauf gesetzt, auf wel- 
chem die Zehn Gebote geschrieben stehen. 

Was heiBt nun: Jehova haBt die Feuersohne? - Es sind diejenigen 
Menschen, die auf dem Wege der Eingeschlechtlichkeit hervorge- 
bracht sind (Kain). Die Weisheit ist in ihnen mit Kama, dem irdischen 
kamischen Feuer vermischt. Diejenigen, die sich dem weiblichen Prie- 
stertum zugewendet haben, sind die Abelsohne. Hiram wird verhei- 
Ben: Du wirst einen Sohn haben, der ein neues Geschlecht begriin- 
den wird. Du wirst ihn zwar nicht kennen. - Dieses neue Geschlecht 
soil herbeigefiihrt werden, wenn das verlorene Wort wieder seine 
Kraft erhalt, wenn es in neuer Weise entsteht. Dieses Wort wieder 
entstehen zu lassen, daran arbeitet die okkulte Tradition, die im Frei- 
maurertum verkorpert ist. Sie arbeitet daran, daB im mannlichen Ele- 
mente zu dem Passiven das Aktive hinzutreten kann, daB sie selbst 
das Befruchtende wieder erlange im Geiste, um aus dem Passiven ein 
Aktives zu machen, damit die Kainssohne aus sich selbst etwas her- 
vorbringen konnen. 

Die folgende Tradition bildete sich aus: Die weibliche war die ur- 
spriingliche Kraft. Sie hat der Welt alles gegeben, was an Weisheit 
in der Welt war. Sie hat aber einen Teil der physischen Produktions- 
kraft verloren und auf das Mannliche ubertragen. Nun vergeistigt 
sich wieder alles und bei der Vergeistigung sucht die mannliche Kraft 
die Herrschaft an sich zu reiBen. Das mannliche Element des Den- 
kens sucht das Weibliche zu iiberdauern. Es wird aber eine Zeit kom- 
men, wo wieder Geschlechtslosigkeit eintreten wird, und es handelt 
sich bei dem Kampfe darum, welches von den beiden Geschlechtern 
diese Geschlechtslosigkeit zuerst erobert. Das Freimaurertum strebt 
danach, daB das mannliche Geschlecht, besser gesagt der mannliche 
Geist, das Weibliche iiberdauern moge, die Geschlechtslosigkeit er- 
obern moge. 

Es gibt nun einen okkulten Zusammenhang zwischen der Kraft der 
Sprache und der geschlechtlichen Produktionskraft. Das «Wort» hat 
alles hervorgebracht. Es lebte urspriinglich im Menschen. Dann hat 
der Mensch es verloren. Er kann nicht mehr selbstandig schaffen, weil 



ihm das Wort fehlt. Nur der kann es wissen, der bei der Schopfung 
zugegen war. Tubal-Kain wuBte es und gab es dem Hiram. Dies 
Wort mu6 derjenige an sich reiBen, der wieder Hervorbringungskraft 
haben will. Die wirkliche produktive Kraft mu6 sich mit dem Wort 
vereinigen. Das Wort wird den Menschen der Zukunft hervorbrin- 
gen. Dann wird der Sohn des Hiram wirklich zu sehen sein. Das 
Feuer, die gottliche Kraft, wird dann in neuer Weise erstehen. Ein 
neues Geschlecht wird das alte ablosen. - In der alten hebraischen 
Sprache gibt es ein Wort, ein Mantram, von dem gesagt wird, da6 
es, geniigend stark ausgesprochen, die Welt hervorbringt. So wird der 
Mensch, wenn das Wort geniigend gesteigert ist, durch die Sprache 
selbst den geistigen Menschen hervorbringen. Jetzt begreifen wir, 
was im Baume der Erkenntnis dargestellt ist: Die Schlange ist das, 
was sich im Riickgrat als Riickenmark hinaufwindet. Die Erkenntnis 
im Physischen ist die, die aus dem Nervensystem entspringt. «Es 
wird Feindschaft sein zwischen dir und dem Weibe, zwischen ihrem 
Samen und deinem Samen» : damit ist die Feindschaft zwischen dem 
Samen des Physischen, der physischen Erkenntnis, und dem Samen 
des Geistigen, der geistigen Erkenntnis gemeint. Das Geistige, das 
Weib, zermalmt zwar der Schlange den Kopf, aber erst, nachdem 
diese es in die Ferse gestochen hat. Es ist das, was aus dem Mittel- 
punkt der Erde zu den FuBen dringt. 

Bei der Mannesreife wird die Sprachkraft eine andere. Das wurde 
als Vorbote angesehen fiir den neuen Sohn des Hiram (2. Chronik 
2,13). Darauf hinzuwirken, diesen Sohn aus dem mannlichen Ge- 
schlechte zu erzeugen, der durch die Kraft des Kehlkopfes entstehen 
soil, das war das Ideal, das sich die Freimaurer gestellt hatten. Alles 
was auf Erden spater im Physischen entstanden ist, hat seinen Ur- 
sprung im Geistigen. Im Urbeginne wirkte nur das, was vom gott- 
lichen Geiste auf der Erde entstand. Dann entstand auf der einen 
Seite die weibliche Bilder- und Priesterweisheit, auf der anderen Seite 
die bildlose Kainsweisheit. Und es ist interessant, da6, als gesucht 
wurde ein bildlicher Inhalt fiir die Kainsweisheit, da6 da die mann- 
liche Weisheit eine Anleihe macht bei der weiblichen Weisheit: die 
Tempellegende und der ganze Inhalt der Freimaurerei stammt aus der 



alten Priesterweisheit, der Offenbarung von Oben. Das wurde in Sym- 
bole gehiillt. Aber die Symbole wurden nach und nach nicht mehr 
verstanden. Alles Okkulte verschwand nach und nach aus der Frei- 
maurerei. Die drei Johannesgrade sind ganz auf den physischen Plan 
berechnet. 

Da wir gesehen haben, warum diese geistigen Stromungen neben- 
einander hergingen, so werden wir auch die Bedeutung der theoso- 
phischen Bewegung verstehen. Sie bereitet auf geistigem Gebiet vor, 
was spater auf dem physischen Plan geschehen wird: die Wiederver- 
einigung der Geschlechter. Auch die geteilte Weisheit muB wieder in 
die eine gottliche Weisheit zusammenflieBen. Im Menschen muB durch 
die theosophische Weisheit ein Ausgleich gefunden werden zwischen 
der religiosen Priesterweisheit und der freimaurerischen Weisheit. Die 
Weisheit der Zukunft muB geholt werden aus dem hoheren Men- 
schen heraus, der in beiden Menschen gleich lebt, dem weiblichen 
und dem mannlichen. Das zu entwickeln, worauf es ankommt, wor- 
auf der physische Plan gar keinen EinfluB mehr hat, das ist der Zweck 
der theosophischen Bewegung. 

Die Theosophie ist tatsachlich die mannlich-weibliche Weisheit, die 
fur beide Geschlechter gleich giiltige Weisheit. Durch die Lehre von 
der Reinkarnation erkennt man, daB dasjenige, was bei jeder neuen 
Wiederverkorperung zum Ausdruck kommt, nicht die Personlichkeit 
des jeweiligen Erdenlebens ist, sondern daB der Kausalkorper, die 
Entelechie, sich geschlechtslos aufbaut. Wenn wir uns dieser bewuBt 
werden, so lebt in uns geistig auf, was iiber dem Geschlechtlichen 
steht, was unabhangig ist von dem, worauf sich die Gegnerschaft der 
beiden Stromungen gegriindet hat. So ist die Theosophie die aus- 
gleichende Bewegung, und sie allein kann den Ausgleich herbeifiihren. 
Erst in der Theosophie kann man von einem Okkultismus sprechen, 
der beide Geschlechter gleichmaBig angeht. Nur von da aus kann man 
sich einen wirklichen Ausgleich zwischen beiden Geschlechtern den- 
ken. Nur die theosophische Bewegung kann das vollziehen. Alles 
andere ist eine Nachwirkung der friiheren Zweigeschlechtlichkeit. 

Das Freimaurertum stellt sich die Aufgabe, das Zukiinftige vorzu- 
bereiten. Deshalb wurde schon im 18. Jahrhundert abgesehen von dem 



friiheren vollstandig ausschlieBenden Prinzip. Und 1775 wurde eine 
erste sogenannte «Adoptionsloge» gegriindet: eine Frauenloge, weil 
man das Gesetz des Ausgleichs der Geschlechter erkannte. Und so 
wurde ein Zusammenhang hergestellt zwischen Mannern und Frauen, 
indem eine Frauenloge gegriindet wurde. Aber jedes Mitglied einer 
Frauenloge muBte von einem Manne in einer Mannerloge adoptiert 
sein. Einer solchen Adoptionsloge gehorte auch H. P. Blavatsky an. 
Aus der Freimaurerei selbst heraus wurde also jener theosophische 
Versuch gemacht. Dies zeigt Ihnen, daB dem, was richtig ist, stets 
ein Versuch vorangeht; nur der Grund, warum ein solcher Versuch 
gemacht wird, kann nicht gleich verstanden werden. Aber man kann 
auch nicht verlangen, daB das, was in der Welt als Grundkraft ist, 
gleich immer wirklich verstanden wird: es kann sein, daB man die 
eine oder die andere Stromung bevorzugt. Deshalb werden die beiden 
Stromungen wohl noch lange nebeneinander herflieBen. Es konnte, 
um ein ruhiges Ausgleichen zu bewirken, notig sein, in die Freimaure- 
rei hineinzugieBen, was sie hiniiberfuhrt zur theosophischen Bewe- 
gung. 

Nun werden Sie auch begreifen, warum die Kirche im Mittelalter 
ein ganz bestimmtes Ideal entwickeln muBte. Die Freimaurerei schuf 
ihr Ideal der Zukunft, die Kirche schuf ihr Ideal der Zukunft. Mit 
der Freimaurerei hatte sie nichts zu tun. Als Ideal lebte in der Kirche 
der Christus, also ein mannliches Ideal. Dieses mannliche Ideal 
konnte der okkulten Stromung innerhalb der Kirche nicht geniigen. 
Der Mann brauchte zu dem Passiven auch das Aktive, er muBte das, 
was ihm selbst fehlte, sich hinzudenken. Er brauchte als Konzentra- 
tionsmittel etwas, was ihn erganzte. Mann war er schon, das Weib 
muBte er hinzudenken. Der Okkultist, der etwas von den Dingen ver- 
stand, der nicht Freimaurer war, muBte das Weib denken. So entstand 
aus dem Monchstum bewuBt der Marienkultus. Dieser kam als dritte 
Stromung zu der Kirche, das heiBt zu dem Priestertum und dem 
Freimaurertum hinzu. 

Alle drei Stromungen hatten im Grunde genommen dasselbe Ziel: 
das Unabhangigwerden der Menschen von den Geschlechtern. Aber 
die Art der Arbeit, um das Ziel zu erreichen, war eine verschiedene. 



Der christliche Okkultist suchte in dem Weibe das mannliche Prin- 
zip, um es sich einzuverleiben. 

Man muB sich klar sein dariiber, daB der wahre innere Mensch 
unabhangig ist vom Geschlechte, welches trennt; daB er daher durch 
beide Geschlechter hindurchgeht in den verschiedenen Verkorperun- 
gen. Und nun miissen Sie bedenken, daB bei der Freimaurerei der 
Kampf auf dem auBeren physischen Plan gefiihrt wurde, damit alle 
Individualitaten, die sich in weiblichen Korpern inkarnieren, allmah- 
lich zum Mannlichen hinubergefiihrt werden sollen, so daB das Mann- 
liche langer dauert als das Weibliche. Es soil das Weibliche iiberdau- 
ern, weil dieses das Friihere war. Das schwebte der Maurerei als Ideal 
vor; aber das war eine Einseitigkeit. 

Was schwebt nun der Theosophie als Ideal vor? Das Ideal der 
Theosophie ist: durch die Weisheit, die von den hoheren Planen 
kommt, auch auf dem physischen Plan ein menschliches Geschlecht 
herbeizufiihren, welches iiber der Geschlechtlichkeit steht. Daher ist 
die Theosophie auch eine Weisheit, die nicht in Religionen differen- 
ziert ist, sich nicht auf eine besondere Religion stiitzt, sondern zu- 
riickgreift auf die uralte Weisheit, die die Welt geschaffen hat und die 
an die Stelle derjenigen Weisheit tritt, welche als Priesterweisheit in 
den verschiedenen Religionen differenziert ist. Sie muBte das tun, weil 
die Priesterweisheit eine im Laufe der Zeit vollendete Aufgabe erfiillt 
hat. Theosophie aber will die Zukunft erobern, das was noch entstehen 
soil gegeniiber dem, was friiher war. Sie ist in gewisser Weise eine 
Fortsetzung der alten Priesterweisheit, der Mysterien, und steht dabei 
doch in einem gewissen Gegensatz zu ihr. 

Gegner der theosophischen Bewegung wiirden diejenigen sein, wel- 
che starr an der alten Priesterweisheit hangen wollten, welche ver- 
suchen wiirden, sie zu konservieren, sie sozusagen einzubalsamieren 
in ihrer alten Gestalt. Der hohere Plan fiir die Weltengestaltung ist: 
sie hinuberzufiihren in den neuzeitlichen Geist, der die Zukunft zu 
schaffen hat. Die allererste Morgenrote zur Bildung einer neuen Weis- 
heit, die da kommen soil, ging auf in einer Zeit, die das neuzeitliche 
Geistesleben hereinbrachte in die Menschheitsentwickelung im 15. 
Jahrhundert durch die Rosenkreuzer. Es handelte sich darum, daB 



ein neuer Einschlag in die Welt kam. Ihr Thema lautete: die alte 
Priesterweisheit muB in ein Neues iibergehen. 

Es gab auch Machte, welche die Welt fiir die alte Priesterweisheit 
zuriickerobern wollten. Deshalb wurde ein Orden gegriindet zu dem 
Zwecke, die Erde fiir die alte Priesterweisheit wieder zu gewinnen. 
Dieser Orden [der Jesuitenorden] wahlte im Gegensatz zu dem Ma- 
rienkultus das Mannerideal. Er benutzte die okkulten Krafte, um etwas 
wie einen Wall aufzurichten, um alles selbstandig ausstromende Leben 
niederzuhalten, um das festzuhalten, was sich heraufranken will an 
dem Kreuz. Er vertritt das mannliche Prinzip: er vertritt das Kreuz 
allein ohne die Rosen. Ein anderer Orden aber fiigte dem Kreuze die 
Rosen hinzu, aus denen neues Leben sprieBt. 

Da haben wir zwei neuzeitliche Stromungen. Die eine hat das Alte 
in die Gegenwart hineingesetzt und will dadurch den Fortschritt mit 
aller Gewalt hemmen. Die andere hat das alte Kreuz mit Rosen um- 
geben, hat ein neues Reis hineingesenkt: das Kreuz von Rosen um- 
rankt. Diese beiden Stromungen gingen nebeneinander: der eine Or- 
den mit dem Kreuz ohne die Rosen; der andere, welcher die Rosen 
am Kreuz verehrt - ein Neues, das kommen soil. Das sind die Rosen- 
kreuzer. Auf dieser Stromung baut sich die theosophische Bewegung 
auf; sie entstammt dem neuen, griinenden Reis der Rose, das in die 
Zukunft hinein wachsen soil. 

So haben wir gesehen, wie dieser Kampf entstand, zu dem die 
Frauen nicht zugelassen wurden. Unsere Aufgabe ist es, die Kluft 
zwischen den Freimaurern und den Rosenkreuzern zu iiberbriicken. 
Die Arbeit ist schwer, aber sie muB getan werden. Sie besteht darin: 
zur Erkenntnis des hoheren iibergeschlechtlichen Menschen zu gelan- 
gen. Es ist schwer, sich dazu durchzuringen, aber es ist moglich, und 
es wird gelingen, es wird zur Wirklichkeit werden. 



DIE BEZIEHUNG DER OKKULTEN ERKENNTNISSE 
ZUM ALLTAGLICHEN LEBEN 



Berlin, 23. Oktober 1905 (abends) 



Heute mochte ich einiges sagen, was als Fortsetzung mancher Fragen, 
die in diesen Tagen Ihnen vor die Seele getreten sind, gelten kann. 
Heute mochte ich manches ausfiihren, was vielleicht durch Bemer- 
kungen in den vorhergehenden Tagen angeregt sein diirfte. Es ist 
so viel gesprochen worden iiber die Beziehungen des Okkultismus 
zur Theosophie, der Esoterik zur Theosophie und so weiter, aber 
noch nichts von der Beziehung der Theosophie zum alltaglichen Le- 
ben. Ich habe schon vor acht Tagen angedeutet, daB ich gerade iiber 
dieses Thema noch einige Worte sprechen mochte. Und zwar mochte 
ich heute einmal die Aufmerksamkeit auf weniger hohe Gesichts- 
punkte hinlenken, sondern davon sprechen, wie die okkulten Erkennt- 
nisse in das Leben des Alltags unmittelbar hineinspielen und wie tat- 
sachlich durch die theosophische Weltanschauung unser Blick nicht 
bloB iiber weite Zeiten und Raume hingelenkt wird, sondern wie wir 
auch durch die Begriffe des Okkultismus iiber die alltaglichsten Fra- 
gen einen ganz anderen AufschluB gewinnen konnen, als das ohne 
solche Begriffe moglich ware. Wir werden dann sehen, wie irrtiimlich 
die Meinung ist, der wir so oft begegnen, namlich daB der Okkul- 
tismus etwas Unpraktisches und dem gewohnlichen Alltagsleben un- 
gemein Fernstehendes sei. 

Und eine andere Frage werden wir noch beriihren. Es ist die Frage: 
Wie kann derjenige, der es noch nicht dazu gebracht hat - was jedem 
Menschen in Zukunft aber beschieden sein wird -, Einblicke in die 
hoheren Welten zu tun, wie kann er sich von dem Standpunkte, den 
jeder Mensch mit einer normalen Bildung einnimmt, die Uberzeugung 
davon verschaffen, daB die theosophischen Lehren Wahrheit sind und 
die Bestrebungen der Theosophie eine wirkliche Berechtigung haben? 
Die Beweise brauchen durchaus nicht bloB aus der okkulten Beob- 
achtung gewonnen zu sein, ja, sie konnen gar nicht eher daraus ge- 
wonnen werden, bevor sie nicht aus einem anderen Gebiete geholt 



sind, dem des alltaglichen Lebens. Das bereitet uns vor, uns auch die 
Uberzeugung von den hoheren Gebieten des Daseins zu verschaffen. 
Was sich immer zugetragen hat, das tragt sich auch heute noch zu in 
unserem alltaglichen Leben. 

Wenn wir den Menschen zuriickverfolgen bis in die friihesten Zeiten 
seines Entstehens, so finden wir, daB er seinen Ursprung aus einer 
viel feineren, geistigeren Materie genommen hat als die ist, aus der 
er heute besteht. Der heutige Mensch zeigt uns der Form nach in 
der Hauptsache drei Korper: den physischen Korper, den Ather- und 
den Astralkorper. Der Atherkorper ist eine Art Urbild des physischen 
Korpers. Der Astralkorper, die aurische Hiille, die den Menschen 
umgibt und durchdringt, ist dasjenige Gebilde, in welchem sich das 
Gemiitsleben, das Instinkt- und Leidenschaftsleben sowie jeder Ge- 
danke Ausdruck verschafft. Aus dem noch undifferenzierten Astral- 
korper hat sich im Grunde genommen der ganze Mensch im Laufe 
der Zeit herausgebildet. Wenn wir geniigend weit zuriickgehen, bis 
zu friihen Urepochen der Menschheit, dann finden wir, daB die phy- 
sische und atherische Substanz, die den heutigen Menschen durch- 
setzt, aufgelost ist in dem urspriinglichen Astralkorper des Menschen, 
wie ein Samenkorn in der Erde. 

Der heutige Mensch ist sozusagen verdichtet aus der astralen Grund- 
substanz. Dieser Vorgang findet heute noch alltaglich statt. Wenn 
zwei Menschen sich gegeniiberstehen, so sind es zunachst die beiden 
Astralkorper, die sich gegeniiberstehen in Liebe oder HaB, Wohl- 
wollen oder MiBfallen, Zorn oder Giite, abstoBend oder anziehend. 
Das alles sind Erscheinungen, die sich zwischen den Astralkorpern 
abspielen. Der Verkehr zwischen den Menschen ist ein fortwahren- 
der Austausch von Zustanden und Verhaltnissen der Astralkorper. 
Wenn ich einem anderen Menschen gegeniiberstehe, dann erfahrt mein 
physischer Korper keine groBe Veranderung, auch der Atherkorper 
nicht, wohl aber der Astralkorper. Wenn ein Mensch zu mir etwas 
sagt, das haBerfiillt ist, so gehen die haBerfiillten Strome in mei- 
nen Astralkorper ein und verandern denselben. Ich muB dasjenige, 
was von ihm ausstromt, in meinen eigenen Astralkorper aufneh- 
men, und dieser bekommt dann ganz andere Eigenschaften, je nach- 



dem mir von dem anderen Liebe, Geduld oder Zorn und Ungeduld 
zustromt. 

Zwischen dem Erzieher und dem Kinde spielt sich etwas ganz 
Ahnliches ab. Es ist ein groBer Unterschied, ob ein Erzieher lie- 
bevoll oder ob er ein engherziger Egoist ist. In dem kindlichen 
Astralkorper haben wir etwas, was anders aussieht als der Astral- 
korper des Erwachsenen. Der Astralkorper des Kindes ist licht und 
hell, er zeigt sich uns als etwas Jungfrauliches im Vergleich zu dem 
Astralkorper, wie er sich im Laufe des Lebens entwickelt. Was ist 
der Astralkorper des Kindes? Wie eine undifferenzierte Lichtwolke 
erscheint er, die erst nach und nach gestaltet wird. Es ist noch wenig 
in ihn eingegraben, was ihn mehr und mehr in sich bestimmt macht, 
so daB noch alles mogliche aus ihm geboren werden kann. Er wird 
geformt durch die Vorstellungen, die das Kind aus der Umgebung 
aufnimmt. Sie gehen in ihn ein und farben ihn und machen ihn 
anders. 

Je nachdem, was fur Vorstellungen das Kind aufnimmt, ob von 
materialistischen oder idealistischen Gesichtspunkten ausgehend, stro- 
men andere Gebilde in den Astralkorper des Kindes ein und formen 
ihn. Es tritt dann immer mehr eine Erfiillung der Seele mit solchen 
Vorstellungen ein. Wenn das Kind lieblos behandelt wird, tritt das 
Echo dieser Lieblosigkeit im Astralkorper des Kindes in Erscheinung. 
Er schlieBt sich dann wie mit einer Haut gegen die AuBenwelt ab. 
Das alles zeigt uns, daB tatsachlich ein fortwahrendes Umbilden des 
Astralkorpers stattfindet und daB der Verkehr mit den Menschen auf 
dieses Umbilden einen groBen EinfluB hat. 

Das Kind hat also noch einen gleichformigen, aber eine unend- 
liche Fiille von Moglichkeiten enthaltenden Astralkorper. Nehmen 
Sie den Astralkorper eines Kindes an, der einem idealistischen Erzieher 
gegeniibersteht, der selbst eine harmonische Seele hat und mit Hin- 
gabe in die Welt hineinblickt und empfanglich ist fur deren Schon- 
heit und Erhabenheit, einem Erzieher, der imstande ist, in sich selbst 
ein Abbild der Schonheit der Welt zu schaffen. Ein solcher Erzieher 
wird auch die Eigenschaft entwickeln, auf die Anlagen der kindlichen 
Seele einzugehen. Er bildet dann im Kinde weiche und empfangliche 



Gebilde aus und sendet in diese Strome hinein, die von dem eigenen 
Astralstoff des Kindes aufgelost werden. Ein solcher in sich selbst 
harmonisch gebildeter Erzieher sendet dem Kinde fortwahrend har- 
monische Strome zu. Wie selbstverstandlich flieBt dann die Charakter- 
eigenschaft des Erziehers in das Kind iiber, und damit flieBt auch 
iiber alle jene Weltharmonie, die er in Form der Schonheit aus der 
Umgebung entnommen hat. Was er GroBes aufnimmt, als edler Mensch 
und guter Beobachter, das sendet er als Erzieher in die Natur des 
Kindes und bringt diese dadurch zu harmonischer Entwickelung. 

Nehmen wir dagegen an, der Erzieher stehe dem Kinde als ego- 
istischer, pedantischer Mensch gegeniiber, als Mensch mit engen, 
eigensinnigen Vorstellungen und Begriffen. Diese Eigenschaften rufen 
in seinem eigenen Astralleibe Gebilde hervor, die ihn wie in einer 
festen Kruste eingeschlossen erscheinen lassen, ihn zu einem durch 
und durch festen, schwerbeweglichen Gebilde machen. Dann sendet 
er Strahlenstrome aus, die fest in sich geschlossen sind, so daB es 
dem Astralkorper des Kindes unmoglich ist, sie aufzulosen. Sie ver- 
letzen hochstens wie ein Pfeil den Astralkorper des Kindes, konnen 
aber nicht aufgelost werden und gehen einfach durch denselben hin- 
durch. 

Oder nehmen Sie etwas noch Alltaglicheres an. Zwei Menschen spre- 
chen miteinander. Man kann zwei solche Menschen sehr gut in bezug 
auf die Wirkungen ihrer Astralkorper aufeinander durch das gegen- 
seitige Aufeinandereinsprechen beobachten. 

In der astralen Substanz, im Astralen bildet sich immer etwas Neues. 
Ich will Ihnen dies in folgender Weise begreiflich machen. Der Mensch 
baut durch seine Vorstellungen fortwahrend Gebilde in den Astral- 
korper hinein. Diese zeigen sich in den mannigfaltigsten Formen. Die 
astrale Substanz, die zwischen den einzelnen Gebilden unbeniitzt bleibt, 
nennt man eine intermediare Astralsubstanz, im Gegensatz zu der- 
jenigen, die sich zu Gebilden gestaltet hat. Diese intermediare Astral- 
substanz erganzt sich fortwahrend aus der Astralsubstanz unserer Um- 
gebung, stromt fortwahrend ein und aus, wird fortwahrend erneuert. 
Aber die Gebilde bleiben fest, die der Mensch durch die Art seiner 
Empfindungen, Gedanken und Willensentschliisse ausgebildet hat. 



Nehmen wir also an, zwei Menschen stehen vor uns und fiihren ein 
gewdhnliches Gesprach miteinander. Der eine von ihnen hat starre, 
feste Begriffe ausgebildet, die auch sehr feste Gebilde in der Astral- 
substanz erzeugt haben. Der andere spricht auf ihn ein und versucht, 
ihm etwas klarzumachen. Worauf beruht dieses einem anderen etwas 
klarzumachen? Es beruht darauf, daB er seinen eigenen Begriff in die 
astrale Substanz des anderen Menschen hineinsendet. Dieser Begriff, 
dieser Gedanke stromt dann zunachst in die fremde Astralsubstanz 
hinein. Dort muB er sich erst durch die Zwischensubstanz auflosen 
und sich entsprechend den bereits vorhandenen Formen wieder er- 
zeugen und umgebildet werden. 

Nehmen wir nun an, der eine versuche dem anderen etwas klarzu- 
machen, zum Beispiel, was sich auf Reinkarnation bezieht. Der andere 
hat sich aber iiber Reinkarnation bereits einen festen Begriff gebildet. 
Nehmen wir an, er sei ein befangener Mensch und habe sich den Be- 
griff gebildet, daB sie etwas Torichtes und Unsinniges sei. Dieser 
Gedanke hat in seiner Astralsubstanz geschwebt. Nun kommt der 
Gedanke des ersteren und lost sich in der intermediaren Astralsub- 
stanz des anderen auf, miiBte sich aber in die bei ihm bereits beste- 
henden Gedankenformen umbilden konnen. Das geht aber nicht, weil 
sein Begriff zu starr, zu fest ist. Er kann den ihm zugesandten Ge- 
danken nicht in seine Gedankenform umbilden, und deshalb versteht 
er ihn nicht. 

Je mehr sich ein Mensch die Beweglichkeit der Begriffe erhalt, so 
daB diese immer von der sie umgebenden Zwischensubstanz aufgelost 
werden konnen, desto mehr Verstandnis wird er dem anderen Men- 
schen entgegenbringen. Davon riihrt es her, daB es so schwierig ist, 
akademisch gebildeten Leuten theosophisches Leben zu vermitteln. 
Die auf der Universitat aufgenommenen Begriffe erzeugen starre, 
feste, in sich abgeschlossene Gebilde, die nicht leicht auflosbar sind. 
Mit solchen Gebilden erfiillt, kommt der Akademiker gewohnlich 
zum theosophischen Vortrag und ist dann unfahig, theosophisches 
Leben zu erfassen. Ganz anders wiirde es sein, wenn er so erzogen 
ware, daB er sich bei alien Begriffen sagte: Ja, es konnte moglicher- 
weise auch anders sein, denn wir haben ja nur einen geringen Grad 



von Erfahrung, und manches, was wir jetzt fiir richtig halten, wird 
in der Zukunft noch korrigiert werden miissen. - Wiirde er das tun, 
dann ware die Seele noch aufnahmefahig. 

Nehmen wir noch einen anderen Fall. Ein Mensch steht einem ande- 
ren mit Gefiihlen der Verehrung gegeniiber. Wie nimmt sich fiir den 
Beobachter, der mit astralen Sinnen begabt ist, die Verehrung aus? 
Verehrung heiBt, solche Gedanken aussenden, welche sich in die Sub- 
stanz des fremden Astralkorpers hineinsenkt und sie gleichsam auf- 
saugt. Wenn Sie namlich einen verehrenden Gedanken haben, so 
kommt dieser dadurch zum Ausdruck, daB Sie selbst die Verehrung 
als ausstromende Warme dem anderen entgegenbringen. Diese von 
Ihnen ausstromende Warme hat in der astralen Welt ihr Spiegelbild, 
das sich in blaulicher Farbe als die Gedankenform der Verehrung 
und Devotion zeigt. Das warme, verehrende Gefiihl erzeugt eine Ge- 
dankenform, die blaulichen Charakter tragt. 

Was ist es aber, was blaulich erscheint? Das konnen Sie erkennen, 
wenn Sie in den unendlichen finsteren Weltenraum hinausschauen. 
Er erscheint Ihnen blau infolge der erleuchteten Atmosphare. Ebenso 
erscheint Ihnen [im Astralen durch den Gedanken der Verehrung] 
etwas, was vorher finster ist, und nun umleuchtet ist von dem war- 
men, hellen Gefiihl der Verehrung, auch in dieser blaulichen Farbe. 
Man umschlieBt einen dunklen Raum mit dem Gefiihl der Verehrung 
und der dunkle Kern erscheint dann als blaulich, ahnlich wie Ihnen 
in der Flamme ein blauer Kern erscheint, der vom Licht umzogen 
ist. So ist es auch mit dem Verehrungsgedanken. Er ist ein von Warme 
durchflossener leerer Raum. Sendet man den Gedanken der Verehrung 
einem anderen entgegen, so bietet man ihm dadurch die Gelegenheit, 
sein eigenes Wesen in diesen leeren Raum einstromen zu lassen. So 
spielt sich der Ausgleich zwischen dem Verehrenden und dem Ver- 
ehrten ab. 

Stehen Sie einem anderen dagegen gegeniiber mit dem Gefiihle des 
Neides, dann lebt in Ihnen eine andere Gedankenform, die Sie ihm 
entgegenbringen. Sie senden dann die rote Gedankenform des Egois- 
mus, der Selbstliebe aus. Diese umschlieBt ihrerseits wieder eine andere 
Gedankenform, die voll ist von der Vorstellung des eigenen Selbstes, 



die vielleicht durch Ehrgeiz erzeugt wurde. Dieser driickt sich nicht 
in einem leeren Raum, in einem Hohlgebilde aus, sondern in einer 
ganz erfiillten Form, in die nichts mehr hinein kann. Sie ist rings um- 
schlossen von dem Gefiihl der Kalte und hat die entgegengesetzte 
Gedankenform, namlich ringsherum einen blaulichen Kreis, in der 
Mitte einen roten Kern. Die Kalte der blauen Farbe stoBt alles zuriick, 
was hinein will, und die eitle rote Gedankenform bleibt wie sie ist. 
Sie nimmt nichts an. So steht der Neidische, der nicht verehren kann, 
dem anderen gegeniiber. 

Sie sehen, was sich in unserem Astralleibe abspielt, ist nichts ande- 
res als das Ergebnis des Alltagslebens. Was sich im Astralkorper ab- 
spielt, kann nur der sehen, der darauf trainiert ist. Aber die Wirkun- 
gen dieser Vorgange im Astralkorper sind im Physischen fortwah- 
rend da, und von diesen kann sich jeder durch das Leben iiberzeugen. 
Jeder kann folgende Probe machen, indem er sich sagt: Ich lasse es 
ganz dahingestellt, ob die Mitteilungen des Okkultisten wahr oder 
falsch sind. Aber ich will sie unbefangen priifen. Ich kann so leben, 
als ob diese Mitteilungen auf Richtigkeit beruhten. Ich kann mich 
dann meinen Mitmenschen gegeniiber dementsprechend verhalten, 
und wenn ich das vorsichtig tue, dann werde ich ja sehen, ob das Le- 
ben mir in jedem einzelnen Falle bestatigt, was der Okkultist sagt. 
Und das Leben wird Ihnen das in jedem Fall bestatigen. Sie werden 
einen ungeheuren Gewinn davon haben. 

Wer sich das durchdenkt und zum Beispiel sich als Erzieher nicht 
nur mit seinen padagogischen Begriffen und Ideen durchdringt, und 
nicht nur durch das wirkt, was er sagt, sondern auch durch das, was 
er fiihlt, empfindet und denkt, wer sich durchdringt mit dem Be- 
wuBtsein, daB zwei Astralkorper aufeinander einwirken und weiB, 
was bei dem Gegeniiberstehen dieser Astralkorper vor sich geht, der 
weiB auch, daB er die Pflicht hat, sich immer besser und besser zu 
machen. In dem Grade, wie er besser wird, wirkt er auch besser auf 
die Anlagen des Kindes ein. Er totet nicht die Anlagen, sondern holt 
sie heraus. 

Es bedeutet noch etwas ganz anderes, als nur zu wissen, daB es eine 
Wahrheit, eine Wirklichkeit ist, was uns durch die Verehrung eines 



anderen Menschen, der verehrungswiirdig ist, entgegengebracht wird; 
es bedeutet noch etwas anderes, zu erleben: wenn wir unzahlige 
solcher Gedankenformen, umhiillt von Warme, anderen Menschen 
zusenden, so wachsen wir durch die GroBe des anderen Menschen. 
Es ist das noch etwas ganz anderes, als solche Dinge nur auBerlich 
mit dem Verstande zu erfassen, als nur zu wissen, was sie darstellen. 
So lernen wir im Okkultismus das Leben mit groBerem Ernst er- 
fassen, lernen erkennen, daB das, was nicht handgreiflich ist, was 
nicht mit Sinnen wahrgenommen werden kann, doch eine Wirklich- 
keit hat. Wir lernen die ganze Tragweite und Bedeutung unserer see- 
lischen Welt verstehen und wiirdigen. 

Es mag vielleicht der eine oder andere sagen, das sind ja schema- 
tische Umgestaltungen. Nein, das sind sie nicht! Wir miissen ganz 
anders durchdrungen werden von der Tragweite unserer Taten und 
von der Verantwortlichkeit, die uns das Leben auferlegt. Das aller- 
alltaglichste Leben ist es, was auf diese Weise vom Okkultismus be- 
einfluBt werden kann. Derjenige, der weiB, was infolge von Gedan- 
ken und Gefiihlen in der unsichtbaren Welt erfolgt, der bringt es 
schlieBlich dahin, daB es ihm ebenso wichtig wird, einem anderen 
Menschen kein boses Gefiihl entgegenzusenden, wie es ihm wichtig 
ist, ihn nicht mit Flintenkugeln zu traktieren. Er weiB, daB es ebenso 
schlimm ist fiir den astralen Menschen, einen HaBgedanken auf ihn 
zu werfen, wie es fiir den physischen Menschen schadlich ist, wenn 
ein Ziegelstein auf ihn geworfen wird. 

Verstehen kann man dies sehr bald; fiihlen und erleben werden es 
diejenigen, welche in solchen Zusammenkiinften sich zusammenfin- 
den, wie es die theosophischen sind. Sie bringen dann daraus einen 
neuen Quell des Lebens mit. Sie konnen sich sagen, daB es fiir die 
anderen eine einfache Wirklichkeit gibt, fiir uns eine dreifache. Der 
andere fiihlt die Wirklichkeiten nur aus der Sinnenwelt und denkt 
sich nichts Boses dabei, wenn er sagt: Gedanken sind zollfrei! - Wer 
aber durch die theosophische Weltanschauung durchgegangen ist, der 
kann nicht mehr sagen, Gedanken sind zollfrei, sondern der ist iiber- 
zeugt, daB er dafiir verantwortlich ist, was er den anderen Menschen 
gegeniiber denkt und fiihlt. Dieses Verantwortungsgefiihl tragen Sie 



als schonste Frucht der theosophischen Weltanschauung in die Welt 
hinaus. Wenn wir auch noch Anfanger, Probierer sind, so wirken 
wir doch schon aus der verborgenen, okkulten Welt heraus in die 
sichtbare hinein. Wir verschonern und verbessern die Welt von den 
verborgenen Gebieten des Daseins aus. 

Das ist die eine Seite, wie wir das Leben verstehen. Aber es gibt 
noch andere. Der Mensch lebt nicht allein als Individuum in der 
Welt, er gehort auch einer Familie, einem Stamm, einem Volk, also 
einer Gesamtheit an. Er ist eigentlich nur seinem physischen und sei- 
nem Atherkorper nach so abgegrenzt. Ich habe schon gesagt, daB ein 
Astralkorper flieBende Giemen hat, daB die Zwischensubstanz fort- 
wahrend geneigt ist, Stromungen von auBen aufzunehmen und sich 
zu erneuern. Wenn wir aber bedenken, daB wir einem Volk, einem 
Stamm, einer Familie angehoren, dann bekommt die Sache noch einen 
weiteren Gesichtspunkt. 

Wenn wir den Astralkorper des einzelnen Menschen betrachten, so 
unterscheidet sich fast jeder von dem Astralkorper des anderen der 
Grundfarbung nach. Er hat eine gewisse Schattierung, die sich nach 
auBen als Temperament auBert. Das Temperament kommt also in einer 
gewissen Grundfarbe zum Ausdruck. Der Mensch steht auf diese 
Weise zu seiner ganzen Umgebung in Beziehung, indem sich der 
Charakter der Familie, des Stammes oder Volkes, denen er angehort, 
in der Grundfarbe auspragt. 

Man kann da als Okkultist interessante Beobachtungen machen, 
wenn man zum Beispiel eine Stadt wieder besucht, die man vielleicht 
vor zehn Jahren gesehen hat. Wenn man die jungfraulichen Astral- 
korper der Kinder betrachtet, so findet man, daB diese auBer der per- 
sonlichen Grundfarbe noch eine andere Grundfarbe haben. Hat man 
nun bei dem ersten Besuch diese jungfraulichen Astralkorper der 
Kinder genau angeschaut und vergleicht sie mit denen jener Kinder, 
die nach zehn Jahren in der Stadt leben, so findet man, daB sich deren 
Aussehen verandert hat. Es gibt etwas in der menschlichen Indivi- 
dualist, das so fortschreitet wie die Entwicklung der Stadt, des 
Stammes oder Volkes. Das kommt davon her, daB die Stromungen 
von einem Kollektiv-Astralkorper, der mich von auBen umgibt, fort- 



wahrend mit meinem eigenen in Wechselwirkung stent, der in diesem 
Kollektiv-Astralkorper lebt. Daher haben wir auch ein Volkstempe- 
rament, das sich in dem gemeinsamen Astralkorper des Volkes aus- 
driickt. 

Jedes Volk und jede andere Gemeinschaft hat einen solchen Astral- 
korper, und dieser stromt in die Astralkorper der einzelnen Menschen 
ein. Das ist der Grund, weshalb eine gewisse Disharmonie entstehen 
kann zwischen den einzelnen Menschen und der Aufgabe des ganzen 
Volkes. Es gehen namlich nicht immer alle Entwickelungsanlagen in 
der Welt den gleichen Gang. Das Umfassendere eilt sehr haufig dem- 
jenigen voraus, was weniger umfassend ist. 

Betrachten wir zum Beispiel ein Volk. Ein Volk ist nicht ein be- 
liebig in der Welt zusammengewiirfeltes Gebilde, nicht etwas, was 
durch Zufall erzeugt wurde, sondern jedes Volk hat seine bestimmte 
Aufgabe im Entwickelungsgang der Menschheit. Wer ein Volk von 
einem hoheren Gesichtspunkt aus betrachtet, der kann sich sagen, 
daB jedes Volk eine bestimmte Aufgabe hat und daB auch seinem 
Volke eine bestimmte Aufgabe zu erfiillen obliegt. Er kann sich sagen: 
Ich gehore diesem Volke an, so daB ich mit ihm der gemeinschaft- 
lichen Volksaufgabe dienen mu6, und ich kann ihr so dienen, weil in 
mir eine Astralitat lebt, welche dem ganzen Volke angehort. Diese 
Bestimmung des Volkes ist auf dem Astralplane deutlich ausgedriickt, 
sie ist ein bestimmter Gedanke, etwas, das auf Planen, die hoher sind 
als der Astralplan, lebt. Um die Gedanken der Weltordnung zu stu- 
dieren, mu6 man iiber den astralen Plan hinaufsteigen zu dem men- 
talen Plane. 

Die vierte Unterrasse zum Beispiel, aus der unsere Rasse hervor- 
gegangen ist, entwickelte sich aus einem kleinen Kreise von Men- 
schen in Asien und bildete sich zu der hebraisch-griechisch-lateini- 
schen Rasse aus. Diese hatte die Aufgabe, die erste Mission des Chri- 
stentums vom Volkerstandpunkte aus zu erfiillen. Der Gedanke dieser 
Rasse war der, das Christentum in seiner ersten Etappe iiber Europa 
und die angrenzenden Gebiete zu verbreiten. Das ist ein Volker- 
gedanke. 

In friiheren Zeiten gait der umfassende Gedanke von Reinkarna- 



tion und Karma. Dann trat ein Umschwung ein und die Menschen 
wurden in der Vorstellung erzogen, da6 das eine physische Leben 
von Wichtigkeit sei. In der griechischen Kunst tritt das deutlich her- 
vor, indem sie den Sinn fiir die auBere Form ausgebildet hat. Darin 
lag die Veredelung des physischen Planes fiir die auBeren Sinne. In 
dem romischen Volke kam dann das Recht zur Entwickelung, wel- 
ches sich unmittelbar auf dem physischen Plan auslebt. Das Christen- 
tum endlich durchdringt dieses Recht mit einer Moral, so daB ein 
einziges Erdenleben eine solche Wichtigkeit erlangt, daB eine ganze 
Ewigkeit davon abhangig gemacht wird. Das ist ein einseitiger Ge- 
danke, aber er war richtig und notwendig. Die katholischen Volker 
haben die Mission der Verbreitung des Christentums iibernommen 
und sie nach dem Norden Europas getragen, wodurch die germani- 
schen Volker eine neue Mission empfingen. 

Wir sehen also, daB ein Volksgedanke lebt im ganzen Volke, und 
jeder einzelne gehort diesem Gedanken zu. Was friiher auf dem Ge- 
biete der plastischen Kunst an schonen Formen der Sinnenwelt in der 
griechischen Kunst ausgebildet worden ist, was als Recht ausgebildet 
und spater zur Moralitat vertieft wurde, das haben wir in unserer Zeit 
zum Nutzen der Burger herausgebildet zum technischen Leben. Stadte 
wurden gegriindet, sie wuchsen und bliihten und bildeten so eine 
eigene Kultur heraus, die Kultur des Biirgertums. Aus dieser ging 
dann eine Niitzlichkeitsmoral hervor, die den AnstoB gab zur Ent- 
wickelung einer einseitigen Wissenschaft, die den Hohepunkt in unse- 
rer jetzigen Zeit erreicht haben diirfte. 

Hierin konnen wir das Wirken eines devachanischen Prinzips er- 
kennen. Das ist das Umfassende bei diesen Veranderungen im Laufe 
der Entwickelung, das uns zeigt, in welcher Weise ein Volksgedanke 
wirkt. Wie dieser Gedanke zum Ausdruck kommt, das hangt von 
dem gemeinsamen Astralkorper des Volkes ab, von dem Volkstempe- 
rament. Die Kunst zum Beispiel ware bei einem anderen Volke als 
dem griechischen in einer ganz anderen Weise zum Ausdruck ge- 
kommen. 

Obgleich nun der Volksgedanke in jedem einzelnen lebt, so geht 
der einzelne doch nicht im Volksgedanken auf. Er bringt daneben 



noch seine Personlichkeit zum Ausdruck. Hier zeigt sich uns nun 
etwas ganz Merkwiirdiges und Eigentiimliches. Leichter ist es zu- 
nachst fiir den Menschen, sich in die Gedankenwelt seines Volkes, 
in seine devachanische Bestimmung hineinzufinden, als den Ausgleich 
zwischen den eigenen Gefiihlen und den Gefiihlen dieses Volkes zu 
bewirken. Es ist das nicht so leicht, namentlich fiir solche, welche 
schon eine gewisse hohere Bildung und Gesittung errungen haben. 
Auf den niederen Entwickelungsstufen ist dieser Ausgleich der Ge- 
fiihle zwischen Mensch und Volk eher moglich, weil da immer eine 
groBere Einordnung des individuellen Empfindens in das allgemeine 
Volksempfinden stattfindet. Auf je niedrigerer Stufe der einzelne steht, 
um so starker kommt das Volksempfinden, der Volksgedanke bei ihm 
zum Ausdruck, in ahnlicher Weise, wie das Tier ein Abdruck der 
Tiergattung ist. 

Wenn der Mensch sich aber entwickelt, so hebt er seinen eigenen 
Astralkorper heraus, er wird differenzierter, bestimmter. Und dann ist 
es moglich, daB sein Astralkorper diejenige Form der Mentalitat auf- 
zunehmen imstande ist, welche iiber der Stufe der Mentalitat seines 
Volkes liegt. Wenn man das, was von dieser hoheren Stufe herunter- 
leuchtet, verstandesmaBig oder gedanklich erfaBt, so kann man leicht 
die Ideale ergreifen. Manchmal kommt es auch vor, daB die Gefiihle 
des Astralkorpers eines Menschen nicht so weit entwickelt sind wie 
seine Gedanken. Die Gedanken eines Volkes konnen so machtig auf 
die Gedanken eines einzelnen einwirken, daB sie ihn ergreifen, bevor 
er sich sonst geniigend entwickelt hat. 

Individuen, bei denen dies zutrifft, sind ideale Schwarmer, sind die 
Martyrer fiir den Fortschritt eines Volkes. Sie sind es deshalb, weil 
sie selbst dem vorauseilen, was ihr sonstiger Astralkorper tatsachlich 
ist, weil sie ihre ganze edlere Seele dem einen Ideale in selbstloser 
Weise zuwenden. Wenn solche Menschen dann mit Tod abgehen, dann 
tritt ihre unentwickelte Astralitat mit um so groBerer Starke hervor; 
dann tritt das, was nicht in dem Ideale des Volkes war, in Wirkung, 
denn sie haben es in Zukunft nur mit ihrer eigenen Entwickelung 
zu tun. Wenn ein solcher Mensch, der im Leben ein groBer und 
edler Idealist war, der sich dem Ideale seines Volkes gewidmet hat, 



gestorben ist, wird er iibertont von dem in ihm noch vorhandenen 
personlichen Element. Dann treten die niedrigen Eigenschaften seines 
Astralkorpers ganz hervor. Nehmen Sie nun an, ein solches Menschen- 
wesen ist zum Martyrer geworden. Er hat Edles geschaffen, ist aber 
von seinem Volke miBhandelt worden, wie manchmal solche fortge- 
schrittenen Naturen miBhandelt werden. Dann wird er gewohnlich 
zwar trotzdem wahrend seines Lebens kiihn und mutig seinem Ideale 
nachgehen, nicht nach rechts und nicht nach links schauen. Ist er 
aber gemartert oder gar getotet worden wegen seines Ideals, dann 
treten unmittelbar nach seinem Tode die Rachegedanken auf. In 
Kamaloka bleibt dann iibrig, was er als Personliches zuriickgedrangt 
hatte. 

Ein Volk, das auf diese Weise seine Idealisten behandelt, schafft 
sich schlimme Krafte in Kamaloka, die auf das Volk zuriickwirken. 
RuBland hat sich solche schlimmen Krafte geschaffen. Seit Jahren hat 
es gewisse edle Personlichkeiten mit der Knute miBhandelt. Die nied- 
rigen Krafte dieser Personlichkeiten sind nun in Kamaloka wirksam 
als Feinde dessen, was in RuBland lebt, als Feinde derer, fur die sie 
sich im Leben geopfert haben. Man konnte sehen, daB solche Mar- 
tyrer, die jiingst verstorben waren, jetzt kampften auf Seite der Ja- 
paner gegen ihr eigenes Volk. Dies ist eine Tatsache, welche uns ver- 
standlich wird, wenn wir in die tiefer wirkenden Krafte des Seelen- 
lebens hineinsehen. Die Erscheinungen der Zukunft werden uns klar, 
wenn wir sie von diesem Standpunkte aus betrachten. 

Wir leben als Mitglieder germanischer Volkerschaften, eingeschlos- 
sen im Osten von slawischen, im Westen von englisch-amerikanischen 
Volkerschaften. Beide, die amerikanischen und die slawischen Volker- 
schaften sind aufgehende Rassen, welche in der Zukunft ihren Zweck 
zu erfiillen haben, Rassen, die erst am Anfang ihres Volksgedankens 
stehen. Der Grundcharakter der slawischen Volker driickt sich aus in 
der spirituellen Veranlagung. Versuchen Sie die slawische Kultur zu 
verstehen, und Sie werden finden, daB sie zu einer spirituellen Kultur 
hinneigt, daB sich da etwas Spirituelles herauflebt. Diese slawischen 
Volker muBten sich zunachst mit den im Osten liegenden Volks- 
stammen auseinandersetzen, mit den Chinesen und Japanern. Das sind 



Uberbleibsel friiherer Volkerschaften der Atlantier, wie iiberhaupt alle 
Mongolen die Uberreste der spatatlantischen Kultur sind. Sie haben 
Astralkorper, welche selbst schon zur Spiritualitat neigen. Mit diesen 
haben sich die slawischen Volker auseinanderzusetzen. 

In Amerika haben wir etwas Ahnliches. Der Materialismus ist da 
auf die Spitze getrieben und radikal ausgebildet in alien Anschauungen 
des Volkes. Das fiihrte in der neueren Epoche dazu, den Geist selbst 
in materieller Weise aufzufassen. Wahrend bei den slawischen Vol- 
kern einzelne Personlichkeiten auftreten, wie Tolstoi, die schon und 
groB, aus der spirituellen Seele heraus, die Entwickelung anzuregen 
versuchen, bemiiht sich das amerikanische Volk, das Seelische und 
Geistige in materieller Weise zu fassen. Daher finden wir bei ihm 
einen stark materiellen Spiritualismus und Spiritismus. Der Geist wird 
bei ihnen in genau derselben Weise gesucht, wie sie nach physischen 
Wahrheiten suchen. Aber gerade in der Art des Suchens Hegt der 
Unterschied. Versuchen Sie das Geistige mit Augen zu schauen, so 
wird es psychisch und diese psychische Seite hat sich in Amerika stark 
entwickelt. 

Die amerikanischen Volker haben sich mit einem anderen Volks- 
element auseinanderzusetzen, das von der Atlantis herstammt und mit 
psychischen Anlagen begabt ist. Dieses Volkselement lebt in den 
Negervolkern. Die Art und Weise, wie diese beiden Volker zusam- 
menwachsen, ist charakteristisch. Das Psychische hat sich mit dem 
Psychischen auseinanderzusetzen, das Spirituelle mit dem Spirituellen. 
So haben wir einen spirituellen Volksgedanken im Osten und einen 
psychischen im Westen. 

Wir haben Wissenschaft und Kunst auf dem auBeren Plane erlebt, 
nun soil auch der Geist wieder emporgehoben werden. Das kann auf 
zweifache Art geschehen: entweder auf die spirituelle oder auf die 
psychische Weise. Die spirituelle Weise ist Fortschritt, die psychische 
ist Riickschlag. 

Sie sehen, wie hier die Welt verstandlich wird, wenn wir sie von 
der okkulten Grundlage aus betrachten. Wiederum braucht man nicht 
zu sagen, wir konnen uns von diesen Dingen nicht iiberzeugen. Man 
nehme nur das, was sich wirklich abspielt. Man wird probeweise zu 



der Uberzeugung gefiihrt werden, wenn man das psychische Weltbild 
und die psychische Forschung mit dem Weltbilde des Okkultismus 
vergleicht. Versuchen wir das Weltbild des Okkultismus zu verstehen, 
dann wird uns auch immer mehr die Erscheinungswelt begreiflich. 
Eine solche okkult-spirituelle Weltanschauung laBt uns keine Liicke 
im Begreifen der Welt. Daraus werden wir dann den Glauben an die 
okkulte Welt gewinnen, von der die Okkultisten berichten und durch 
diesen erziehen wir in uns ein Element, das uns hoher heben wird. 
Das ist kein blinder Glaube, sondern ein probierender Glaube. Mit 
jedem Erfahrungszuwachs wird dieser Glaube starker und berechtig- 
ter, immer fester und sicherer. Und wenn der Glaube diese Sicherheit 
in sich selbst erzeugt hat, erzeugt er auch die Anlage zum Wissen. 
Immer hat man probiert, bevor man zum Wissen aufgestiegen ist. 
Wer das Wissen haben will vor dem Forschen, gleicht dem, der die 
Frucht haben wollte vor dem Samen. Das Wissen soil von uns selbst 
erworben werden. WuBten wir schon, so brauchten wir nicht zu for- 
schen. Das, was den Forschern an GewiBheit und Sicherheit fehlt, 
muB die GewiBheit und Sicherheit des Glaubens erganzen. So miis- 
sen sie zusammenwirken, und so werden sie zuletzt in Einheitlichkeit 
erzeugen, was uns als Einheitliches entgegentreten muB: die Frucht 
der Erfahrung, das Wissen. 

Horen wir die Okkultisten und sagen wir dazu weder ja noch nein. 
Betrachten wir es aber als Grundlage unseres eigenen Lebens und 
unserer Lebenshaltung; betrachten wir es so, als ob ihre Forschungen 
brauchbare Leiter fur unser Leben waren, dann werden wir finden, 
daB sie uns Fiihrer sein werden durch das Leben und zuletzt hin- 
leiten zu einem inneren Wissen und einem Leben, das uns durch- 
stromt, dann werden wir finden, daB sie uns Fiihrer von Vertrauen 
sein werden zur Forschung, zur Befriedigung und zum harmonischen 
Leben in sich selbst. 



DIE KONIGLICHE KUNST IN EINER NEUEN FORM 

Berlin, 2. Januar 1906 
(Vor Mannern und Frauen gemeinsam) 

Heute mochte ich iiber einen Gegenstand zu Ihnen sprechen, der sehr 
vielen MiBverstandnissen ausgesetzt ist und iiber den auBerordentlich 
viele Irrtiimer in der Welt verbreitet sind. Die meisten von Ihnen 
wissen, daB ich bei Gelegenheit unserer diesjahrigen Generalversamm- 
lung iiber dasselbe Thema bereits gesprochen habe, und daB ich da- 
mals, einem alten okkulten Usus zufolge, vor Mannern und Frauen 
getrennt vortrug. Aus bestimmten Griinden, die vielleicht aus dem 
Vortrage selbst noch klarer werden konnen, habe ich heute von die- 
sem alten okkulten Usus Abstand genommen, und zwar deshalb, weil 
gerade die Griinde, die mich heute und auch damals bewogen haben, 
iiber diesen Gegenstand zu Ihnen zu sprechen, damit zusammenhan- 
gen, daB iiber kurz oder lang - hoffentlich iiber kurz - mit diesem 
alten Usus iiberhaupt gebrochen werden wird. 

Ich sagte: viele MiBverstandnisse sind iiber diesen Gegenstand ver- 
breitet. Ich brauche aus meinem eigenen Leben nur auf eine Tatsache 
hinzuweisen, die Ihnen zeigen wird, daB es wirklich heute nicht ge- 
rade leicht ist, iiber geradezu abenteuerliche und aberglaubische Vor- 
stellungen hinauszukommen, die in bezug auf diese Sache existieren; 
und andererseits brauche ich nur darauf hinzuweisen, wie leicht es 
moglich ist, sich diesen auBerordentlichen Dingen gegeniiber ganz 
unglaublich zu blamieren. 

Die Tatsache aus meinem Leben mochte ich einfach erzahlen. Sie 
werden sie vielleicht kaum fiir glaublich halten, und dennoch ist sie 
wahr. Es sind jetzt vielleicht siebzehn oder achtzehn Jahre her, da 
war ich in einer Gesellschaft von Universitatsprofessoren und einigen 
recht begabten Dichtern. Unter den Professoren befanden sich auch 
einige Theologen von der Theologischen Fakultat der Universitat des 
betreffenden Ortes. Es waren Katholiken. In dieser Gesellschaft wurde 
nun alien Ernstes folgendes erzahlt. Von einem dieser Theologen, der 
ein sehr gelehrter Herr war, ging das nicht unbegriindete Geriicht, 



daB er abends nicht mehr ausgehe, weil er glaube, daB da die Frei- 
maurer herumgehen. Der Betreffende vertrat ein ausgebreitetes Fach. 
Aber nicht er war der Erzahler, sondern ein anderer. Der erzahlte 
nun, daB wahrend seiner Anwesenheit in Rom eine Anzahl von 
Monchen eines bestimmten Ordens - es waren elf, zwolf oder drei- 
zehn - sich anheischig gemacht haben, folgendes Geschehen zu be- 
eiden. 

In Paris hatte einmal ein sehr bedeutender Bischof eine Predigt ge- 
halten, in welcher er iiber die furchtbare Gefahr des Freimaurerordens 
in der Welt sprach. Daraufhin trat nach der Predigt ein Mann zu ihm 
in die Sakristei und sagte, er ware Freimaurer und er mochte ihm 
Gelegenheit geben, sich eine Versammlung des Bundes einmal an- 
zusehen. Der Bischof willigte ein und sagte sich: Ich will mir aber 
einige geweihte Reliquien mitnehmen, damit ich geschiitzt bin. - Nun 
wurde ein Ort verabredet. Der Betreffende fiihrte den Bischof in die 
Loge, wo ihm ein verborgener Platz angewiesen wurde, von dem aus 
er jedoch alles beobachten konnte, was sich da abspielte. Er setzte 
sich in Positur, hielt vor sich hin seine geweihten Reliquien und harrte 
der Dinge, die da kommen sollten. Was er nun sah, wurde in der 
folgenden Weise erzahlt; ich betone, daB unter denen, die damals in 
der Gesellschaft waren, einige dabei waren, die die Sache als diskutabel 
ansahen. 

Die Loge ware eroffnet worden - sie hatte in Wirklichkeit den 
Namen «Satansloge» getragen, wahrend sie nach auBen hin einen 
ganz anderen Namen hatte -, und es ware eine merkwiirdige Gestalt 
erschienen. Nach altem Usus - woher er den Usus wuBte, hat er nicht 
erzahlt - sei sie nicht gegangen; Geister gehen ja bekanntlich nicht, 
sondern sollen nach manchen Auffassungen gleiten. Diese merkwiir- 
dige Gestalt hatte die Sitzung eroffnet. Was dann vorgegangen ware, 
wollte der Bischof absolut nicht erzahlen, es ware zu furchtbar ge- 
wesen. Er hatte aber die ganze Kraft der Reliquien angerufen, und 
da sei es wie Donnergepolter durch alle Reihen gegangen, der Ruf 
erscholl: Wir sind verraten! - und der, der die Sitzung gehalten hatte, 
verschwand. Kurz, es war ein glanzender Sieg der bischoflichen Krafte 
iiber das, was da vermutlich getan werden sollte. 



Das wurde also [in der Gesellschaft] als eine ganz ernsthafte Sache 
diskutiert. Daraus mogen Sie ersehen, daB es in unserer Zeit Menschen 
gibt, die vielleicht gelehrtere Herren waren als manche andere, die 
groBe Namen haben, und die dennoch auf dem Standpunkt stehen, 
daB derartige Vorgange sich in der Freimaurerei ereignen konnen. 

Die Sache ist nun so, daB in der Mitte der achtziger Jahre ein 
franzosisches Buch erschienen ist, das in ganz grausiger Weise die 
Geheimnisse der Freimaurerei darstellt, allerdings mehr grausig als 
geheimnisvoll. Namentlich wurde in demselben darauf hingewiesen, 
wie die Freimaurer Teufelsmessen halten. Dieses Buch wurde in Szene 
gesetzt von einem franzosischen Journalisten namens Leo Taxil. Er 
hat besonders viel Staub aufgewirbelt dadurch, daB er dann noch eine 
Miss Vaughan als Zeugin ins Feld fiihrte. Die Folge davon war, daB 
die Kirche die Freimaurer mit ihren nachtlichen Umtrieben fur so 
gefahrlich hielt, daB sie es fiir notig fand, einen Weltbund gegen die 
Freimaurer ins Leben zu rufen. In Trient wurde eine Art Konzil ab- 
gehalten. Es war kein wirkliches Konzil, es wurde aber das zweite 
Trienter Konzil genannt. Es war von zahlreichen Bischofen und Hun- 
derten von Priestern beschickt; ein Kardinal prasidierte. [Der Kon- 
greB wurde ein groBer Erfolg fiir Taxil.] Dann wurden aber doch 
Gegenschriften verfaBt und daraufhin erklarte Herr Taxil, daB der 
ganze Inhalt seiner Biicher sowie die darin angefiihrten Personen eine 
Erfindung von ihm seien. 

Sie sehen, es gibt genug Gelegenheiten, sich bei solchen Dingen 
eine groBe Blamage zuzuziehen. Dies war eine der schlimmsten Bla- 
magen, die sich eine in der Welt weitverbreitete Korperschaft zuge- 
zogen hat. Daraus miissen Sie wenigstens den einen SchluB ziehen, 
daB man eigentlich recht wenig iiber die Freimaurerei weiB. Denn 
wiiBte man sonderlich viel, konnte man sich leicht dariiber unter- 
richten, so ware es selbstverstandlich, daB solches Zeug nicht geredet 
und getan werden konnte. 

In weiteren Kreisen des Publikums herrscht ja heute diese oder jene 
Meinung iiber die Freimaurerei. Es ist heutzutage ja auch gar nicht 
so schwer, sich eine Meinung zu bilden, da doch eine ziemlich reiche 
Literatur besteht, die zum Teil von solchen geschrieben ist, die viele 



Dokumente erforscht haben, zum Teil aber auch Dinge enthalt, von 
denen der Freimaurer sagen wiirde, daB sie von Verratern in die 
AuBenwelt gekommen seien. Wer sich mit dieser Literatur einiger- 
maBen beschaftigt, wird sich von dem, um was es sich da handelt, 
einen gewissen Begriff machen. Indessen, einen richtigen Begriff da- 
von zu bekommen ist ganz ausgeschlossen, und zwar deshalb, weil 
heute in noch erhohterem MaBe richtig ist, was Lessing, der selbst im 
Freimaurerbund war, gesagt hat. Als er namlich aufgenommen wor- 
den war, fragte ihn der Meister vom Stuhl: Nun sehen Sie doch selbst, 
daB Sie in keine Dinge eingeweiht werden, die besonders Staats- oder 
religionsfeindlich sind? - Und Lessing antwortete: Ja, ich muB ge- 
stehen, solche Dinge habe ich nicht erfahren. Ich ware allerdings froh, 
wenn ich so etwas erfahren hatte, denn dann hatte ich doch wenig- 
stens etwas erfahren. 

Das ist der Ausspruch eines Menschen, der mit richtigem Verstande 
die Sache ansehen konnte und der gestand, daB er durch das, was da 
getrieben worden ist, gar nichts erfahren hat. Sie konnen daraus aber 
wenigstens den SchluB ziehen, daB diejenigen, die auBerhalb der Mau- 
rerei stehen, nichts wissen, daB aber auch diejenigen, welche inner- 
halb stehen, nichts Erhebliches wissen; sie kommen gewohnlich zu 
dem Resultat, daB sie nichts besonderes profitiert haben. Und dennoch 
ware es durchaus falsch, eine solche SchluBfolgerung zu ziehen. 

Nun gibt es noch eine andere Meinung, die indessen nicht viel mit 
dem eigentlich Freimaurerischen zu tun hat. Es gibt eine Schrift, 1875 
erschienen, worin der Verfasser behauptet, daB der erste Freimaurer 
Adam gewesen ware. Man kann allerdings bei dem Suchen nach dem 
Stifter einer Genossenschaft kaum weiter zuriickgehen als bis auf den 
ersten Menschen. 

Andere behaupten, daB die Freimaurerei eine alte agyptische Kunst 
sei, kurz, dasjenige, was man immer die «K6nigliche Kunst» genannt 
hat, und auch diese wird von einigen bis in die uraltesten Zeiten zu- 
riickgefuhrt. Endlich sind viele Riten - so nennt man die Art und 
Weise, wie sich die Freimaurer symbolisch betatigen - mit agyptischen 
Namen belegt, so daB Sie schon in diesen Namen den Hinweis dar- 
auf haben, daB es sich um etwas handelt, was aus der alten agyptischen 



Kultur herriihrt. Jedenfalls ist die Meinung in und auBerhalb der 
Maurerei verbreitet, daB sie etwas Uraltes ist. 

Nun ist die Maurerei etwas, was den Menschen schon zum Nach- 
denken veranlassen kann. Selbst an den Namen kniipfen sich zwei 
voneinander ganz verschiedene Auffassungen. Die eine behauptet - 
und das ist keine sehr groBe Partei innerhalb der Freimaurer -, daB alle 
Maurerei aus der Werkmaurerei, aus der Kunst, Gebaude zu erstellen, 
hervorgegangen sei; wahrend die andere Partei das fiir eine kindlich- 
naive Auffassung erklart und behauptet, daB die Freimaurerei in Wahr- 
heit immer eine seelische Kunst gewesen sei und die von der Werk- 
maurerei hergenommenen Symbole - wie zum Beispiel Schurzfell, 
Hammer, Kelle, MeiBel, Zirkel, Lineal, WinkelmaB, Senkblei, Wasser- 
waage und so weiter - als Sinnbilder fiir die innere Arbeit am Men- 
schen selbst zu betrachten seien. So daB unter dem Ausdruck «Mau- 
rerei» nichts anderes als das Bauen an dem inneren Menschen, die 
Arbeit an der eigenen Vervollkommnung zu verstehen sei. Wenn Sie 
heute mit einem Freimaurer sprechen, so konnen Sie erleben, daB 
man Ihnen sagt, es sei eine kindlich-naive Anschauung, zu glauben, 
daB die Freimaurerei jemals etwas zu tun gehabt hatte mit Werk- 
maurerei. Es habe sich vielmehr niemals um etwas anderes gehandelt 
als um das Bauen an dem Wundertempel, der der Schauplatz der 
menschlichen Seele ist, um die Arbeit an dieser Menschenseele selbst, 
die vervollkommnet werden soil, und um die Kunst, die man dazu 
anwenden muB. Dies alles sei dann, um es nicht vor profanen Augen 
bloBzustellen, in diesen Symbolen ausgedriickt worden. 

Von unserem heutigen Gesichtspunkte aus aufgefaBt, sind beide 
Anschauungen ganz und gar falsch. Und zwar aus dem Grunde, weil 
beziiglich der ersten Anschauung, der heutige Mensch - wenn er da- 
von spricht, daB die Freimaurerei aus der Werkmaurerei hervorge- 
gangen sei - sich das nicht mehr so bedeutsam denkt als es eigentlich 
gedacht werden muB; und weil die zweite Anschauung, daB die Sym- 
bole nur dazu da sind, um als Sinnbilder der Arbeit an der Seele zu 
dienen - auch wenn sie von der Majoritat des Freimaurerbundes wie 
etwas unumstoBlich Sicheres hingestellt wird -, im richtigen Sinne 
aufgefaBt, ein Unsinn ist. Viel richtiger ist es, daB die Freimaurerei 



mit der Werkmaurerei zusammenhangt, indessen nicht in der Art und 
Weise, wie man die Maurerei und Baukunst heute auffaBt, sondern 
in wesentlich tieferem Sinne. 

Es gibt innerhalb der Maurerei heute iiberall zwei Richtungen. Die 
eine ist vertreten durch die weitaus groBere Anzahl derjenigen, die 
sich heute Maurer nennen. Und dieser weitaus groBte Teil behauptet 
nun, daB alle Maurerei umfaBt werde durch das, was sie die soge- 
nannte symbolische oder Johannesmaurerei nennen, die auBerlich zu- 
nachst dadurch charakterisiert wird, daB sie in die drei Grade zerfallt: 
den Lehrlings-, den Gesellen- und den Meistergrad; iiber das Inner- 
liche werden wir gleich noch etwas zu sagen haben. Neben dieser 
Johannesmaurerei gibt es noch eine groBe Anzahl von Maurern, die 
behaupten, daB diese Johannesmaurerei nur ein Niedergangsprodukt 
der allgemeinen, groBen maurerischen Idee sei. Ein Abfall von dieser 
groBen maurerischen Idee sei es, wenn behauptet wird, es umfasse 
die Maurerei nur diese drei symbolischen oder Johannesgrade, wah- 
rend doch das Wesentliche, die groBe Bedeutung der Maurerei in den 
sogenannten Hochgraden liege, die am reinsten bewahrt seien in dem 
sogenannten schottischen oder angenommenen Ritus, in welchem in 
gewisser Beziehung konserviert werde das, was man den agyptischen 
Ritus, den Misraim- oder Memphisritus nennt. 

So haben wir zwei einander entgegenstehende Richtungen: die Jo- 
hannesmaurerei und die Hochgradmaurerei. Die Johannesmaurer be- 
haupten, daB die Hochgradmaurerei nichts weiter sei als ein Firlefanz, 
gegriindet auf menschliche Eitelkeit, die sich darin gefallt, etwas Be- 
sonderes, geistig Aristokratisches fiir sich zu haben durch das Hinauf- 
steigen von Grad zu Grad, und damit groB zu tun, im Besitze des 
18., 20. oder noch hoheren Grades zu sein. 

Sie haben jetzt schon ein ziemliches Biindel von Dingen kennen- 
gelernt, die geeignet sind, MiBverstandnisse herbeizufiihren. 

Die Hochgradmaurerei fiihrt sich zuriick auf die alten Mysterien, 
auf die Einrichtungen, wie sie von unserer Theosophie, soweit es 
moglich ist, beschrieben worden sind und beschrieben werden: auf 
Einrichtungen, wie sie in uralten Zeiten bestanden haben und auch 
heute noch bestehen, und die den Menschen das hohere iibersinnliche 



Wissen bewahrten. Dieses dem Menschen zugangliche iibersinnliche 
Wissen wurde jenen, die Zugang gewinnen konnten zu diesen Myste- 
rienstatten, vermittelt, indem in ihnen gewisse iibersinnliche Krafte 
entwickelt wurden, die die Anschauung der iibersinnlichen Welt er- 
moglichten. Innerhalb dieser Urmysterien - sie sind heute anders ge- 
worden und wir wollen dariiber jetzt nicht sprechen - waren auch 
die Urkeime enthalten fiir alle spatere Geisteskultur. Denn, was in 
diesen Urmysterien vorgefiihrt worden ist, war nicht dasjenige, was 
heute die menschliche Kultur ausmacht. 

Wenn Sie die heutige Kultur erfassen wollen, und sich in sie ver- 
tiefen, so werden Sie finden, daB sie in drei Gebiete zerfallt: in das 
Gebiet der Weisheit, das Gebiet der Schonheit und das Gebiet der 
Starke. In diesen drei Worten ist in der Tat der ganze Umfang der 
Geisteskultur enthalten. Man nennt sie daher auch die drei Saulen 
der menschlichen Kultur. Sie sind dasselbe wie die drei Konige in 
Goethes Marchen von der griinen Schlange und der schonen Lilie: der 
goldene, der silberne und der eherne Konig. Damit hangt es zusam- 
men, daB man die Freimaurerei die «Konigliche Kunst» nennt. Heute 
sind diese Kulturgebiete voneinander getrennt. Die Weisheit ist im 
wesentlichen in dem enthalten, was wir Wissenschaft nennen; die 
Schonheit ist im wesentlichen in dem inkarniert, was wir die Kunst 
nennen; und was man, freimaurerisch gesprochen, die Starke nennt, 
ist enthalten in dem gegliederten, organisierten sozialen Zusammen- 
leben der Menschen in dem Staate. Das alles faBt der Maurer zusam- 
men als das Verhaltnis des Willens zu diesen drei Gliedern: Weis- 
heit, Schonheit, Starke. 

Was sie den Menschen geben sollten, floB in uralten Zeiten den 
Mysterienkandidaten aus der Anschauung der Mysteriengeheimnisse 
zu. Wir blicken da auf eine Zeit zuriick, in der es Religion, Wissen- 
schaft und Kunst noch nicht getrennt gegeben hat, sondern wo sie 
noch vereinigt waren. In der Tat, wer iibersinnlich, astral anzuschauen 
vermag, hat die drei Glieder nicht getrennt vor sich: Weisheit, Schon- 
heit und der Umkreis der Willensimpulse sind fiir ihn eine Einheit. 
Auf den hoheren Gebieten des Schauens gibt es keine abstrakte Wis- 
senschaft. Es gibt nur eine solche, die in Bildern, in dem lebt, was 



nur ein schattenhaftes Dasein in der Welt hat, und schattenhaft in 
der Imagination zum Ausdruck kommt. Nicht beschrieb man das, 
was in abstrakter Weise in Biichern, in dieser oder jener Schopfungs- 
urkunde zu lesen ist [iiber den Ursprung der Welt und des Menschen], 
sondern man fiihrte es in lebendigen Bildern, farbenprachtig und to- 
nend, an dem Auge des Schiilers vorbei. Und was er da als Weisheit 
empfand, das war zu gleicher Zeit Kunst und Schonheit, war das, was 
in einem noch viel hdheren MaBe die Gefiihle erregte, die wir haben, 
wenn wir vor erhabenen Kunstwerken stehen. Wahrheits- und Schon- 
heitstrieb, Weisheits- und Kunsttrieb und auch das religiose Moment 
haben sich gleichzeitig entwickelt. Das Kiinstlerauge schaute auf zu 
dem, was sich [in den Mysterien] abspielte, und der, welcher fromm 
sein wollte, fand in diesen hoheren Vorgangen, die vor seinen Augen 
sich abspielten, den Gegenstand seiner religiosen Inbrunst. Religion, 
Kunst, Wissenschaft waren eins. 

Dann kam die Zeit, in der sich diese Einheit in drei Kulturgebiete 
trennte, die Zeit, in der der Verstand seine eigenen Wege ging. In der 
Zeit, wo die Mysterien, die ich eben geschildert habe, ihre Bedeu- 
tung verloren, entstand die Wissenschaft. Sie wissen, daB die abend- 
landische Philosophie und Wissenschaft, die eigentliche Wissenschaft 
mit Thaies beginnt. Das ist die Zeit, als sie sich aus der einstigen Fiille 
des Mysterienlebens heraus entwickelte. Da begann auch das, was man 
im abendlandischen Sinne als Kunst auffaBt: aus den Mysterien her- 
aus entwickelte sich dann die griechische dramatische Kunst. Wah- 
rend man es in Indien bis zum agyptischen Kultus zu tun hatte mit 
der leidenden und sterbenden Gottheit, hat man es bei den groBen 
griechischen Tragodiendichtern - bei Aschylos, Sophokles und so 
weiter - mit einzelnen Personen zu tun, welche Abbilder sind der 
groBen Gottheit, durch welche der Mysterienschiiler in seinen Dra- 
men die leidende, kampfende, darbende Gottheit rekonstruiert und 
so den Gott den schauenden Menschen vorfiihrt in seinen mensch- 
lichen Abbildern. 

Wer verstehen will, was Aristoteles mit der Reinigung, der Kathar- 
sis meinte, der muB den Begriff aus dem Astralen, aus den Geheim- 
nissen der Mysterien heraus erklaren. Die Ausdriicke, die er [als Er- 



klarung] fiir die Tragodie gebraucht, sind ein schattenhafter Abglanz 
dessen, was der Schiiler in den Mysterien lernte. Erinnern Sie sich, 
wie Lessing nachforschte iiber die Seelenkrafte der Furcht und des 
Mitleids, die durch die Tragodie erregt werden sollen. Das hat seit 
Lessing den Gegenstand fiir manche groBe und gelehrte Diskussion 
abgegeben. In Wahrheit wurden diese Gefiihle in [dem Mysterien- 
schiiler] erregt, wenn ihm der Gott in seinem Weltengange vorge- 
fiihrt wurde. Da wurden die Leidenschaften, die in der Menschenseele 
vorhanden sind, geradezu aufgeriittelt, herausgeholt, wie man ein 
Fieber herausholt, und bis zu ihrem Hohepunkt gebracht. Dadurch 
trat die Reinigung ein, um dann zur Wiedergeburt schreiten zu kon- 
nen. Das alles trat in schattenhaften Abbildern in den alten griechi- 
schen Tragodien auf. Ebenso wie die Wissenschaft, so hat sich auch 
die Kunst aus diesen alten Mysterien heraus entwickelt. 

Auf diese alten Mysterien leiten die Hochgradmaurer ihren Ur- 
sprung zuriick. In ihren Hochgraden haben sie nichts anderes als eine 
Nachbildung der Hochgrade der Mysterien, in welche die Mysterien- 
schiiler nach und nach eingeweiht worden sind. Nun konnen wir es 
auch begreifen, warum sich die Johannesmaurerei so sehr darauf ver- 
steift, daB es solche Hochgrade nicht mehr geben soil. Tatsachlich 
haben innerhalb der Freimaurerei in den letzten Jahrhunderten die 
Hochgrade mehr oder weniger ihre Bedeutung verloren. Was sich in 
den letzten Jahrhunderten in der Kultur abgespielt hat, ist zum gro- 
6en Teil ohne Impuls von dieser Seite gekommen. Aber es gab eine 
Zeit, in welcher gerade von dem, was die Freimaurerei sein soil, die 
groBen Kulturimpulse ausgegangen sind. Um das zu verstehen, miis- 
sen wir ein klein wenig tiefer hineinschauen in ein Zeitalter, auf das 
ich hier schon Ofter hingewiesen habe, heute aber in freimaurerischem 
Sinne hinweisen mochte: namlich auf das 12.Jahrhundert unserer 
europaischen Kulturentwickelung. 

Damals spielte fiir die ganze moderne Kultur der Okkultismus, der 
unter den mannigfaltigsten Namen auftrat, eine viel groBere Rolle, 
als man sich das heute iiberhaupt denken kann. Aber alle diese ver- 
schiedenen Namen tun heute nichts mehr zur Sache, und ich will Ihnen 
auch sagen, warum. An einem Beispiel aus der Freimaurerei selbst 



will ich Ihnen zeigen, warum diese Namen nichts Wesentliches zum 
Verstandnis der Sache beitragen. 

Das, was ich nun erzahle, kann jeder, der Lehrling in der Frei- 
maurerei wird, schon erleben, und da diese Dinge wenigstens dem 
Namen nach bekannt sind, so kann ich das wohl auch sagen. 

Ein iiblicher Brauch ist das sogenannte «Decken». Wenn die Loge 
eroffnet wird, der Meister seinen Platz eingenommen hat und der 
Tiiraufseher an der Tiire steht, dann ist die erste Frage des Mei- 
sters: Bruder Aufseher, ist die Loge gedeckt? - Der Maurer, die 
diesen Ausdruck: «Ist die Loge gedeckt?» - verstehen, sind wahr- 
scheinlich sehr wenige. Da aber die Sache einfach ist, so kann ich Ihnen 
die Erklarung dieses Ausdrucks schon geben. Damals, in der Zeit, 
von der ich spreche, hieB Freimaurer sein soviel wie in heftigster 
Opposition zu stehen gegen alles, was die auBere, offizielle Macht 
hat. Daher war es notwendig, daB das Wirken des Freimaurerordens 
mit auBerordentlich groBer Vorsicht gepflegt wurde. Gerade aus die- 
sem Grunde war es damals notwendig, daB die Freimaurerei unter 
verschiedenen Namen auftrat, die harmlos erschienen. Man nannte 
sich unter anderem auch Johannesbriider und so weiter. Heute ist ein 
groBer Teil dessen verwirklicht, was dazumal die Freimaurerei ange- 
strebt hat. Heute ist sie selbst offiziell eine Macht in der Welt. 

Wenn Sie mich fragen, worin eigentlich die Freimaurerei besteht, 
so muB ich Ihnen mit abstrakten Worten sagen: sie besteht darin, 
daB ihre Mitglieder einige Jahrhunderte die Ereignisse vorherdenken, 
die die Welt voranbringen sollen; daB sie die hohen Ideale der 
Menschheit in ganz bewuBter Weise ausarbeiten, so daB diese Ideale 
nicht bloB abstrakte Ideen sind. 

Wenn heute ein Maurer von Idealen redet und man ihn fragt, was 
er mit den hochsten Idealen meint, so sagt er: Die hochsten Ideale 
sind Weisheit, Schonheit und Starke -; was aber bei genauerer Be- 
trachtung meist nichts als Phrase ist. Wenn dazumal oder auch heute, 
von denen, die davon wirklich etwas verstehen, die Rede ist von diesen 
Idealen, so ist bei solchen Menschen von etwas ganz Bestimmtem die 
Rede; von etwas so Bestimmtem, das sich zum Verlaufe der Ereig- 
nisse in den nachsten Jahrhunderten so verhalt, wie der Gedanke 



eines Baumeisters, der eine Fabrik baut, zu dieser Fabrik, wenn sie 
gebaut ist. 

Damals [im 12. Jahrhundert] war es gefahrlich, dasjenige [im vor- 
aus] zu wissen, was seither geschehen ist. Daher war es auch notwen- 
dig, harmlos klingende Namen als Decknamen zu beniitzen. Und da- 
von kommt auch dieser Ausdruck: Ist diese Loge gedeckt? - was 
soviel heiBt wie: Sind nur solche hier anwesend, die wirklich Bescheid 
wissen in diesen Dingen, die der Zukunft der Menschheitsentwicke- 
lung durch die Freimaurerei einverleibt werden sollen? - Denn jeder 
muBte sich sagen, treten wir in die Offentlichkeit, dann darf uns nie- 
mand als Maurer erkennen. Diese friiher notwendige VorsichtsmaB- 
regel hat sich bis in unsere Zeit hinein erhalten. Ob viele Maurer 
wissen, was damit gemeint ist, ist fraglich. Die meisten meinen, es 
sei irgendeine formelle Redensart, oder legen sie in mehr oder weniger 
geistreichem Sinne aus. So konnte ich Ihnen noch unzahlige Beispiele 
anfiihren, welche Ihnen zeigen wiirden, wie auBere Verhaltnisse dazu 
gefiihrt haben, praktische MaBregeln anzuwenden, aus denen man sich 
heute bemiiht, tiefsinnige symbolische Auslegungen herauszuholen. 

Nun aber zu dem eigentlichen Kern dessen, was man dazumal im 
12. Jahrhundert gewollt hat. Das ist ausgedriickt in der symbolisch tief 
bedeutsamen Sage vom Heiligen Gral, von jenem wundersamen GefaB, 
das aus dem fernen Morgenlande stammen und die Kraft haben soil, 
Menschen zu verjiingen, Totes zum Leben zu rufen und so weiter. 

Was ist nun der Heilige Gral - jetzt freimaurerisch gesprochen - 
und was ist dasjenige, was der ganzen Sage zugrunde liegt? Wir kom- 
men am leichtesten dazu, zu erkennen, was der Sage zugrunde liegt, 
wenn wir uns vergegenwartigen ein Symbol gewisser freimaurerischer 
Vereinigungen, das in denkbar plumpster Weise heute miBverstanden 
wird. Es ist ein Symbol, das aus dem Geschlechtsleben entnommen 
ist. Es ist durchaus wahr, daB gerade dasjenige, was zu den tiefsten 
Geheimnissen der Freimaurerei gehort, aus dem Geschlechtsleben her- 
genommene Symbole hat, und daB viele, die heute solche Symbole 
zu deuten versuchen, nur ihrer eigenen schmutzigen Phantasie folgen, 
wenn sie diese Symbole in geistig unreinem Sinne auffassen. Es ist 
sehr wahrscheinlich, daB die Ausdeutung dieser Geschlechtssymbole 



in nachster Zeit keine geringe Rolle spielen wird, und daB gerade 
dies in nachster Zeit zeigen wird, wie schlimm es den alten freimaure- 
rischen, groBen Geheimnissen in der heutigen Zeit ergeht, und auf 
der anderen Seite, wie notwendig es in dieser heutigen Zeit ist, die 
reine, edle und tiefe Grundlage der freimaurerischen Symbole hehr und 
unangetastet zu erhalten. 

Diejenigen, die meinen neulichen Vortrag bei der Generalversamm- 
lung angehort haben, wissen, daB es mit der eigentlichen urspriing- 
lichen Bedeutung dieser Symbole zusammenhangt, warum man bis 
vor kurzer Zeit keine Frauen zur Maurerei zugelassen hat, und warum 
bis vor kurzem iiber solche Dinge nur getrennt zu Mannern und 
Frauen gesprochen werden konnte. Andererseits wissen Sie auch, daB 
diese Symbole zusammenhangen - und das betone ich noch ganz be- 
sonders - mit den zwei durch die ganze Welt gehenden und auch bis 
in die hochsten geistigen Gebiete hinaufragenden groBen Stromungen, 
die uns als das Gesetz der Polaritat auch in den Kraften des Mann- 
lichen und Weiblichen entgegentreten. Innerhalb derjenigen Kultur, 
die fur uns in Betracht kommt, driickt die freimaurerische Sprache in 
dem weiblichen Prinzip auf geistigem Gebiete - auf dem geistigen 
Gebiete, welches fiir die Kulturentwickelung zunachst in Betracht 
kommt - das Priesterprinzip aus. Die Priesterherrschaft wird durch 
das Weibliche ausgedriickt. Das mannliche Prinzip ist dagegen alles 
dasjenige, was der Widerpart dieser Priesterherrschaft ist, so aber, 
daB dieser Widerpart nicht minder das Heiligste, das Edelste, das 
GroBte und Geistigste in der Welt zu vertreten hat. Zwei Stromungen 
sind es also, mit denen wir es zu tun haben: eine weibliche und eine 
mannliche Stromung. Den Reprasentanten der weiblichen sieht der 
Maurer in Abel, den der mannlichen in Kain. 

Damit kommen wir auf den Grundgedanken der Maurerei, der nun 
allerdings alt, uralt ist. Die Maurerei ist in alten Zeiten als Widerpart 
der Priesterkultur entstanden. Nun miissen wir uns aber auch das- 
jenige, was unter Priester kultur verstanden worden ist, in der richtigen 
Weise klarmachen. 

Das, worum es sich hier handelt, hat nichts mit kleinlicher Oppo- 
sition gegen Kirchen oder Glaubensbekenntnisse zu tun. Priesterart 



kann namlich bei vollkommenstem Laientum auftreten. Aber auch 
dasjenige, was heute als Wissenschaft auftritt und in vielen geistigen 
Ziinften herrscht, ist nichts anderes als das, was man, maurerisch 
ausgedriickt, das Priesterelement nennt; und anderes wiederum ist im 
tiefsten Sinne maurerisch. Wir miissen uns also die Dinge in ihrer 
ganzen Tiefe vorstellen, wenn wir sie richtig erkennen wollen. DaB 
das, was in der Wissenschaft auftritt, vielfach dasjenige ist, was der 
Maurer als Priesterelement bezeichnet, mochte ich Ihnen an einem 
Beispiele klarmachen. 

Wer wird heute, wenn er Mediziner ist, nicht furchtbar hohnlachen, 
wenn man ihm von dem Heilwert der Quelle von Lourdes redete? 
Andererseits, welcher Mediziner wird es nicht als selbstverstandlich 
betrachten, daB es fiir gewisse Leute das Rationellste ist, wenn sie 
nach Wiesbaden oder Karlsbad gehen? Ich weiB, daB ich etwas furcht- 
bar Ketzerisches ausspreche; ich vertrete aber nicht das Priesterprin- 
zip und auch nicht die Medizin; aber es wird schon eine Zeit kom- 
men, wo man unbefangen iiber beide urteilen wird. Und wenn es heute 
eine wirkliche Medizin gabe, so gehorte zu den Dingen, die der Arzt 
verordnet, auch mit der Glaube an die Heilkraft. Dann waren aber 
die Griinde, aus welchen er jemanden nach Karlsbad schickt, die- 
selben wie die, wenn ein anderer jemanden nach Lourdes schickt. 
Nennen Sie es auf der einen Seite die groBte Frommigkeit, auf der 
anderen Seite den krassesten Aberglauben: es ist letzten Endes die- 
selbe Sache. 

Was einem solcherart verstandenen Priesterprinzip zugrunde liegt, 
konnen wir bezeichnen als ein den Dingen nicht bis auf den Grund 
Gehen, als ein Hinnehmen der Dinge, wie sie sich von irgendwoher 
in der Welt darbieten, und mit diesem Gegebenen zufrieden sein. 
Das Symbol fiir dasjenige, wofiir der Mensch nichts kann, das eigent- 
liche Sinnbild fiir das, was dem Menschen im wahrsten Sinne des 
Wortes geschenkt wird, das ist vom Geschlechtsleben hergenommen 
worden. Da ist der Mensch produktiv. Aber was sich in dieser Pro- 
duktionskraft ausdriickt, hat nichts mit menschlicher Kunst, nichts 
mit menschlichem Wissen zu tun und nichts mit menschlichem Kon- 
nen. Da ist ausgeschlossen, was sich in den drei Saulen der «Konig- 



lichen Kunst» zum Ausdrucke bringen lafit. Wenn daher gewisse 
Freimaurer die geschlechtlichen Symbole vor das Menschengeschlecht 
hinstellen, so wollen sie damit sagen: Darin driickt sich die mensch- 
liche Natur aus, nicht wie der Mensch sie gemacht hat, sondern so, 
wie sie ihm von den Gottern gegeben worden ist. Dies findet seinen 
Ausdruck in Abel, dem Jager und Hirten, der das Opfertier, das 
Opferlamm opfert, also das, wozu er selbst nichts getan hat um es 
hervorzubringen, was ohne ihn geworden ist. 

Kain dagegen, was opfert er? Er opfert das, was er selbst erarbeitet 
hat, was er an Friichten des Feldes gewonnen hat, indem er den Er- 
dengrund beackert. Er opfert dasjenige, wozu menschliche Kunst, 
Wissen und Weisheit notig war; dasjenige, was man iiberschauen 
konnen mu6, wo einem klar sein muB, was man selbst gemacht hat, 
was sich in geistigem Sinne auf die Freiheit, auf die Selbstbestim- 
mung des Menschen griindet. Das mu6 man sich erkaufen mit der 
Schuld, damit, da6 man zunachst das von der Natur oder von den 
gottlichen Machten geschenkte Lebendige totet, so wie Kain den Abel 
getotet hat. 

Durch die Schuld geht der Weg zur Freiheit. Alles, was hervor- 
gebracht wird in der Welt - und woran der Mensch hochstens tatig 
sein kann durch seine Zutat -, alles, was dem Menschen von den 
gottlichen Machten geschenkt wird, was da ist, ohne daB er selbst 
dabei rastlos Hand anzulegen braucht, das ist uns zunachst in den 
Reichen der Natur gegeben, iiber die wir keine Herrschaft haben, in 
den Reichen der Natur, deren Krafte der menschlichen Mitwirkung 
entzogen sind: im Pflanzen-, Tier- und Menschenreiche, insofern es 
sich in diesen Reichen um das physische Hervorbringen handelt. Alle 
Fortpflanzungskraft in diesen Reichen ist uns von der Natur geschenkt. 
Insofern wir das Lebendige zu unserem Gebrauche hinnehmen, indem 
wir die Welt, die sich aufbaut aus dem Lebendigen, zu unserem 
Wohnplatze machen, opfern wir das gegebene Opfertier, wie Abel 
das ihm gegebene Opfertier opferte. 

Das Symbol dieser drei Reiche ist das Kreuz. Der untere Balken 
symbolisiert das Pflanzenreich, der mittlere, der Querbalken, das Tier- 
reich, der obere das Menschenreich. 



Die Pflanze ist mit der Wurzel in den Erdboden hineingesenkt und 
richtet in der Bliite dasjenige nach aufwarts, was der Mensch nach 
abwarts gerichtet hat. Was in der Bliite zum Vorschein kommt, ist 
das Sexuelle, das Geschlechtliche der Pflanze. Der nach abwarts ge- 
richtete Teil, die Wurzel, ist der in die Erde versenkte Kopf der 
Pflanze. Das Tier ist die halbgewendete Pflanze und tragt das Riick- 
grat horizontal zu dem Erdboden. Die ganz umgewendete Pflanze, so 
daB das Untere nach oben gerichtet ist, ist der Mensch. 

Mensch 

A 



Tier 



Pflanze 



Diese Anschauung liegt alien Mysterien des Kreuzes zugrunde. Und 
wenn uns die Theosophie zeigt, wie der Mensch im Laufe seiner Ent- 
wickelung durch die verschiedenen Reiche, durch das Pflanzen-, Tier- 
undMenschenreichhindurchgehen muB, dannist das dasselbe, was Pla- 
to mit den schonen Worten ausdriickt: Die Weltenseele ist an das Kreuz 
des Weltenleibes geschlagen. - Die Menschenseele ist ein Funke der 
Weltenseele, und der Mensch als physischer Mensch ist zu gleicher 
Zeit Pflanze, Tier und physischer Mensch. Indem die Weltenseele sich 
auseinandergespalten hat in die einzelnen Funken der Menschenseelen, 
ist sie gewissermaBen an das Weltenkreuz geschlagen worden, an das, 
was in den drei Reichen - Pflanzen-, Tier- und Menschenreich - zum 
Ausdruck kommt. In diesen Reichen wirken Krafte, die der Mensch 
nicht meistert. Will er Meister werden, dann muB er ein neues Reich 
zu seinem Ureigensten machen, das nicht im Kreuze ausgedriickt ist. 

Wenn ich iiber diesen Gegenstand rede, dann wird oft gefragt: Wo 
bleibt denn das Mineralreich ? - Das Mineralreich ist nicht im Kreuze 
symbolisiert. Denn es ist dasjenige Reich, in welchem sich der Mensch 
schon heute in heller, lichter Klarheit auBern kann, wo er die Kunst 
des Wagens und Zahlens, der Geometrie und Arithmetik, kurz alle 



die Dinge, die der unorganischen Natur angehoren, auf das Unorga- 
nische, das mineralische Reich anwenden lernt. 

Wenn Sie einen Tempel vor sich haben, so wissen Sie, daB ihn der 
Mensch aufgerichtet hat mit RichtmaB, Zirkel, Dreieck, Senkblei und 
Wasserwaage und endlich mit den Gedanken, die die unorganische 
Natur dem Architekten in der Geometrie und Mechanik iiberliefert 
hat. Und wenn Sie den ganzen Tempel durchdringen, so werden Sie 
finden, daB dieser Tempel, sofern er unlebendig ist, aus menschlicher 
Freiheit und Kopfarbeit hervorgegangen ist. Das konnen Sie aber 
nicht sagen, wenn Sie eine Pflanze oder ein Tier der menschlichen 
Betrachtung unterwerfen. 

So sehen Sie, daB das, was der Mensch meistert, worin er Meister 
sein kann, bis heute das Reich des Unlebendigen ist. Und alles, was 
der Mensch aus dem unlebendigen Reiche in Harmonie und Ordnung 
uberfiihrt, ist das Symbol seiner koniglichen Kunst auf Erden. Was 
er mit dieser seiner koniglichen Kunst in dieses Mineralreich hinein- 
legt, das ist der AusfluB und die Inkarnation der gottlichen Weisheit 
zunachst gewesen. Gehen Sie zuriick in die Zeit der alten Chaldaer, 
der alten Agypter, wo man nicht bloB mit dem Verstande gebaut hat, 
sondern alles mit hohen Empfindungen durchdrang, da hat man die 
Bemeisterung der unorganischen Natur als «Konigliche Kunst» emp- 
funden. Und deshalb hat man diese Bemeisterung der Natur dann als 
«freie Maurerei» bezeichnet. Mag dies zunachst als Phantasie erschei- 
nen, es ist aber mehr als das. 

Stellen Sie sich einmal den Augenblick, den Zeitpunkt unserer Er- 
denentwickelung vor, wo noch kein Mensch Hand angelegt hatte an 
die Gestaltung der unorganischen Natur, wo der ganze Erdball dem 
Menschen iiberliefert war, so wie er aus der Natur entlassen worden 
ist! Und was ist dann geschehen? Blicken Sie zuriick auf den Bau 
der agyptischen Pyramiden, wie da Stein auf Stein durch Menschen- 
werk zusammengefiigt worden ist. Durch menschliches Denken ist 
das, was die Natur geformt hat, in neue Formen verwandelt worden. 
So hat die menschliche Weisheit die Erde umgebildet. Das empfand 
man als die eigentliche Mission des freien, des bauenden Menschen 
auf der Erde. Durch die mannigfaltigen Werkzeuge haben des Men- 



schen Krafte seit den Urzeiten bis in unsere Zeit hinein, wo die 
menschliche Kraft ohne mechanische Vermittlung bis in die fernsten 
Fernen wirken kann, die allmahliche Umgestaltung des Mineralischen 
aus menschlicher Weisheit heraus bewirkt. Und das ist die erste Saule, 
die Saule der Weisheit. 

Etwas spater sehen wir die zweite Saule einsetzen: die Saule der 
Schonheit, der Kunst. Durch die Kunst wird ebenfalls der mensch- 
liche Geist in den unlebendigen Stoff ergossen, wodurch wieder eine 
Beseelung (Besiegung) des in der Natur befindlichen Unlebendigen 
stattfindet. Versuchen Sie einmal sich zu vergegenwartigen, wie, all- 
mahlich iibergehend, die Weisheit in der Kunst die leblose Natur be- 
meistert, und Sie werden sehen, wie Stuck um Stuck desjenigen, was 
ohne Betatigung des Menschen da ist, durch den Menschen selbst 
umgestaltet wird. Stellen Sie sich meinetwegen in phantastischer Weise 
den Moment vor, in dem die ganze Erde von menschlicher Hand 
umgestaltet sein wird, in dem die ganze Erde ein weisheitsvolles und 
schonheitsstrahlendes Kunstwerk geworden sein wird, aufgebaut von 
Menschenhand, ersonnen von Menschenweisheit! Phantastisch mag 
es erscheinen; es ist aber mehr als das. Denn es ist die Mission des 
menschlichen Geschlechtes auf Erden, den Erdball kimstlerisch um- 
zugestalten. Das haben Sie ausgedriickt in der zweiten Saule, der 
Saule der Schonheit. 

Dazu konnen Sie nehmen als die dritte Saule die Gestaltung des 
Menschengeschlechts im Staats- und Volkerleben und Sie haben die 
Ausbreitung des Menschengeistes innerhalb der Welt; Sie haben sie 
auch hier im Reiche des Unlebendigen. 

Darum haben die mittelalterlichen Menschen des 12. Jahrhunderts, 
riickblickend auf die alte Weisheit, sich gesagt, dass die Weisheit der al- 
ten Zeiten aufbewahrt ist in Marmordenkmalern, die Weisheit der Ge- 
genwart aber noch in der menschlichen Brust ruht. Sie tritt dann 
beim Kiinstler heraus und wird durch die Arbeit seiner Hande zum 
Kunstwerk. Was der Kiinstler empfindet, pragt er dem ungeformten 
Stoffe ein, meiBelt es aus dem toten Stein heraus. In dem toten Stein 
lebt dann zwar nicht, aber erscheint das Seeleninnere des Menschen. 
Alles in der Kunst ist dieser Mission gewidmet. Gleichgultig ob der 



Bildhauer den Marmor meiBelt, ob der Maler Farben, Licht und 
Schatten verteilt, es ist immer eine Bemeisterung der unlebendigen, 
der unorganischen Natur. Und auch der Staatsmann formt die Na- 
tur [?]... immer haben Sie - soweit nicht dasjenige in Betracht kommt, 
was Pflanzen-, Tier- und Menschenkraft ist - es mit dem eigenen 
Geiste des Menschen zu tun. 

So blickte der mittelalterliche Denker des 12. Jahrhunderts zuriick 
auf die alte chaldaische okkulte Weisheit, auf die griechische Kunst und 
Schonheit, und auf die Starke in dem Staatsgedanken des Romischen 
Reiches. Das sind die drei groBen weltgeschichtlichen Saulen: Weis- 
heit, Schonheit, Starke. Goethe stellte sie dar in seinem «Marchen» 
durch die drei Konige: durch den goldenen die okkulte Weisheit; 
durch den silbernen die Schonheit, wie in Griechenland; durch den 
ehernen die Starke, die im romischen Staatsgedanken ihren weltge- 
schichtlichen Ausdruck fand und dann in die Organisation der christ- 
lichen Kirche iiberging. Und das Mittelalter mit seinem Chaos durch 
das Treiben der Volkerwanderung und seinen gemischten Stilen kommt 
in dem ungestalten gemischten Konig, der aus Gold, Silber und Erz 
gebildet ist, zum Ausdruck. In ihm ist durcheinandergeworfen, was 
auf die verschiedenen Kulturen des Altertums verteilt war. Erst spa- 
ter miissen sich wieder die einzelnen Krafte aus dem Chaos heraus zu 
einer hoheren Stufe entwickeln. 

Diese einzelnen Krafte auf eine hohere Stufe iiberzufiihren aus 
Menschenkraften heraus, setzten sich diejenigen zur Aufgabe, die im 
Mittelalter den Heiligen Gral als ihr groBes Symbol ansahen. Der 
Heilige Gral sollte etwas wesentlich Neues sein, obgleich er in seiner 
Symbolik zunachst an uralte, sagenhafte Uberlieferungen mit ihren 
Sinnbildern ankniipft. 

Was ist nun der Heilige Gral? Fur denjenigen, der diese Sage rich- 
tig versteht, bedeutet er - und das laBt sich sogar literarisch nach- 
weisen - folgendes. 

Bisher hat der Mensch lediglich das Unlebendige in der Natur be- 
meistert. Die Verwandlung der lebendigen Krafte, die Verwandlung 
dessen, was in der Pflanze sproBt und wachst, was in der tierischen 
[und menschlichen] Fortpflanzung erscheint, liegt auBerhalb seiner 



Macht. Diese geheimnisvollen Krafte der Natur mu6 der Mensch un- 
angetastet lassen. Da kann er nicht eingreifen. Was durch diese Krafte 
entsteht, kann von ihm nicht vollig durchschaut werden. Der Kiinst- 
ler kann zwar einen Zeus in wunderbarer Schonheit schaffen, aber er 
kann diesen Zeus nicht ganz durchschauen. In Zukunft wird der 
Mensch eine Stufe erreichen, wo er auch das kann. So wahr es ist, dafi 
der Mensch die Herrschaft iiber die unlebendige Natur errungen hat, 
die Schwerkraft beherrscht mit Wasserwaage und Senkblei, die Rich- 
tungskrafte der Natur beherrscht mit demjenigen, was ihm in der 
Geometrie und Mechanik zur Verfiigung steht, so wahr ist es, da6 
er in Zukunft durch sich selbst beherrschen wird das, was er heute 
nur als Geschenk der Natur oder der gottlichen Machte hat: das 
Lebendige. 

Indem Abel in der Vergangenheit das, was er aus gottlicher Hand 
empfangen hatte, opfert, opfert er auch auf dem Gebiete des Leben- 
digen nur das, was er von der Natur empfangen hat. Kain dagegen 
hat das geopfert, was er durch eigene Arbeit der Erde als Fruchte 
seines FleiBes abgerungen hat. Deshalb tritt in dieser Zeit [im Mittel- 
alter] eine wesentlich neue Richtung in der Maurerei auf. Und diese 
Richtung ist die, die man mit dem Sinnbilde des Heiligen Gral be- 
zeichnet : die Kraft der Selbstopferung. Schon ofter habe ich gesagt: 
Harmonie innerhalb der Menschheit wird nicht dadurch geschaffen, 
daB man sie predigt, sondern dadurch, da6 man sie begriindet. Wo 
wirkliche Krafte in der Menschennatur erweckt sind, gibt es keine 
Unbriiderlichkeit mehr. In dem, was in den Freimaurersymbolen zum 
Ausdruck kommt, haben Majoritat und Minoritat keine Bedeutung. 
Streit kann es da nicht geben, denn es handelt sich nur um Konnen 
oder Nichtkonnen. Keine Majoritat kann entscheiden, ob das Senk- 
blei oder die Wasserwaage benutzt werden soil; da mu6 die Sache 
entscheiden. Darin sind alle Menschen briiderlich, da finden sich alle 
zusammen. Dariiber kann kein Streit sein, wenn jeder den Weg des 
Objektiven geht, den Weg, der in der Erwerbung der hoheren Krafte 
besteht. So ist der Bund [der Freimaurer] selbstverstandlich ein Bund 
der Briiderlichkeit, der sich in ausgedehntestem MaBe auf das den 
Menschen Gemeinsame in der unlebendigen Natur stiitzt. 



Es sind aber nicht mehr alle Krafte in der unlebendigen Natur vor- 
handen. Manches, was einst da war, ist wiederum verschwunden, weil 
in dem Zyklus der Natur, in dem wir uns gegenwartig befinden, und 
den wir Erde nennen, die materielle Erkenntnis im Vordergrunde 
stent und die intuitive verlorengegangen ist. Nur auf eine Tatsache 
mochte ich hier hinweisen: es ist in der Baukunst vollig abhanden 
gekommen, wirklich akustische Gebaude erstellen zu konnen. Diese 
Kunst hat man aber friiher verstanden. Wer ein Gebaude nur auBer- 
lich zusammenkonstruiert, wird niemals eine Akustik zustandebrin- 
gen. Wer aber intuitiv denkt, mit seinem Denken in hoheren Gebieten 
wurzelt, wird den akustischen Bau herzustellen vermogen. Diejenigen, 
die das wissen, die wissen auch: ebenso wie die Schwerkraft, wie 
Licht und Elektrizitat von den Menschen in der unlebendigen Natur 
erobert worden sind, so werden auch diejenigen Krafte in der Zu- 
kunft erobert werden miissen, iiber die wir heute noch gar keine 
Herrschaft haben, was die auBere Natur betrifft. 

Wenn auch unsere Zeit noch nicht dahin gekommen ist, in der 
auBeren lebendigen Natur herrschen zu konnen, wenn auch jene Kul- 
turepoche noch nicht erreicht ist, wo auch die lebendigen, die leben- 
gebenden Krafte gemeistert werden, so gibt es doch heute schon die 
Vorschule dazu, die inauguriert wurde durch jene Bewegung, die man 
die Loge vom Heiligen Gral genannt hat. Die Zeit wird aber kom- 
men, und es ist ein ganz bestimmter Zeitpunkt, wo die Menschen, 
abweichend von ihrer heutigen Neigung, einsehen werden, daB man 
iiber innere tiefere Seelenkrafte nicht durch Majoritatsbeschliisse ent- 
scheiden kann, daB es unmoglich ist, iiber das umfangreiche Gebiet 
der Liebe, iiber das, was man empfindet, was man fiihlt, durch Ab- 
stimmung etwas auszumachen. Diejenige Kraft, die in alien Menschen 
einheitlich lebt und die sich im Intellektuellen ausdriickt in jener gro- 
Ben Einheit, iiber die es keinen Streit geben kann, nennt man Manas. 
Und wenn es die Menschen so weit gebracht haben werden, daB sie 
nicht nur dem Verstande nach zusammenstimmen, sondern auch in 
ihrem Empfinden und Fiihlen, in ihrem tiefsten Seelenleben harmo- 
nieren, daB sie sich finden in dem, was edel und gut ist, in Liebe sich 
zusammenfinden im Objektiven, im Gemeinsamen, so wie sie sich 



heute schon streitlos zusammenfinden in dem, da6 zwei mal zwei vier 
und drei mal drei neun sind, dann ist die Zeit gekommen, wo die 
Menschen auch das Lebendige werden bemeistern konnen. Einigkeit, 
objektive Einigkeit im Empfinden und Fiihlen, ein wirklich iiber die 
Menschheit ausgegossenes objektives Leben in der Liebe, das ist die 
Voraussetzung fur die Bemeisterung des Lebendigen. 

Diese Bemeisterung des Lebendigen war einmal vorhanden - so 
sagen diejenigen, welche im 12. Jahrhundert die Bewegung des Heili- 
gen Gral begriindet haben -, sie war vorhanden bei den Gottern, die 
den Kosmos schufen und sich herabsenkten, um dem Menschen die 
Keimanlage fur diese gottlichen Krafte zu geben, die sie selber hatten: 
so daB der Mensch heute ein werdender Gott ist, da sich in seinem 
Inneren etwas befindet, das hinaufstrebt, dahin, wo einst die Gotter 
gestanden haben. Heute ist der Verstand, der Intellekt die herrschende 
Kraft; die Liebe [Buddhi] wird es in Zukunft werden, und in noch 
fernerer Zeit wird der Mensch die Atmastufe erreichen. 

Diese Gesamtkraft (Gemeinsamkeitskraft), die dem Menschen Macht 
gibt iiber dasjenige, was durch das Kreuz 

symbolisiert wird, sie wird - insofern es sich um diese Kraft bei den 
Gottern handelt - ausgedriickt durch ein Symbol, namlich durch das 
Dreieck mit der Spitze nach unten. Und insofern sich diese Kraft in 
der Menschennatur ausdriickt, wie sie samenhaft zu der gottlichen 
Kraft hinaufstrebt, wird sie symbolisiert durch ein Dreieck, dessen 
Spitze nach oben geht. Die Gotter haben sich aus dem Menschen 
herausgehoben und sich von ihm entfernt; aber sie haben in ihm zu- 
riickgelassen das Dreieck, das sich in ihm weiterentwickeln wird. Die- 
ses Dreieck ist auch das Symbol des Heiligen Gral. 

Die Kraft bei den Gottern ^ Das Symbol des 

Die Kraft bei den Menschen A Heiligen Gral* 



Siehe hierzu unter Hinweise auf Seite 346. 



In der Form des Dreiecks driickte der mittelalterliche Okkultist das 
Symbol des Heiligen Grales aus, das Sinnbild fur die Erweckung der 
Meisterschaft im Lebendigen. Dazu bedarf es keiner gemeinsamen 
Kirche, die in starrer Organisation sich um den Erdball schlingt; eine 
solche kann wohl der einzelnen Seele etwas geben; sollen aber alle 
Seelen zusammenklingen, so muB in jeder einzelnen die Kraft des 
Gral erweckt werden. Demjenigen, der in sich diese Kraft des Gral 
erwecken will, niitzt es nichts, wenn er sich zu den offiziellen kirch- 
lichen Machten wendet, ob sie ihm vielleicht etwas sagen konnten, 
sondern er muB nicht viel fragen und aus sich selbst heraus diese 
Kraft erwecken. Von der Dumpfheit geht der Mensch aus und steigt 
auf durch den Zweifel zu der Kraft. Dieser Pilgerweg der Seele wird 
ausgedriickt in der Gestalt des Parzival, der zum Heiligen Gral pilgert. 
Das ist eine der mannigfaltigen, tieferen Bedeutungen der Gestalt des 
Parzival. 

Was niitzt es meinem Wissen, wenn eine noch so groBe Korper- 
schaft durch ihre obrigkeitlichen Organe die Wahrheit der Mathe- 
matik verkiindigt? Will ich Mathematik verstehen lernen, so muB ich 
mich selbst damit beschaftigen und mir das Verstandnis dafiir aneig- 
nen. Und was niitzt es, wenn eine Korperschaft die Kraft des Kreuzes 
enthalt? Will ich die Kraft des Kreuzes, die Bemeisterung des Leben- 
digen anwenden, dann muB ich sie mir selbst erringen. Das kann mir 
ein anderer nicht sagen, nicht durch Worte mitteilen; er kann es mir 
hochstens im Symbole zeigen, das leuchtende Symbol des Gral geben, 
nicht aber in Verstandesformeln sagen. 

Die erste Erfiillung dieses mittelalterlichen Okkultismus wiirde so- 
mit dasjenige sein, was sich in den mannigfaltigsten Bewegungen in 
Europa geltend macht: das Streben nach Individuality in der Reli- 
gion, das Loskommen von der starren, einheitlichen Kirchenorgani- 
sation. Sie konnen es schwerlich erkennen, was alles in dieser Rich- 
tung Wolfram von Eschenbachs «Parzival» zugrunde liegt. Was erst in 
der Reformation zum Ausdruck gekommen ist, das liegt schon alles 
im Symbol des Heiligen Gral. Wer eine Empfindung fiir die groBe 
Bedeutung dessen hat, was uns in dieser Symbolik entgegentreten 
kann, der wird den groBen, tiefen Kulturwert einer solchen Symbolik 



einsehen. Nicht aus dem laut Tonenden, nicht aus dem Tumultuari- 
schen heraus wird das GroBe in der Welt geboren, sondern aus dem 
Intimen, dem Stillen. Nicht mit Kanonendonner wird die Mensch- 
heit in der Entwickelung vorwarts gebracht, sondern aus der Kraft 
dessen, was intim in solchen geheimen Gesellschaften geboren wird, 
aus der Kraft dessen, was in solchen weltumspannenden Symbolen 
ausgedriickt ist, an denen sich die Menschheit aufrichtet. 

Durch unzahlige Quellen ist seit jener Zeit in die Herzen der Men- 
schen eingeflossen dasjenige, was jene gedacht haben, die in der Mitte 
des 12. Jahrhunderts in die Mysterien des Heiligen Gral eingeweiht 
waren, die sich vor der Welt unter Decknamen verbergen muBten, 
aber eigentlich die Vorbereiter, der Sauerteig der Kultur in den letzten 
vierhundert Jahren waren. 

So leben in den okkulten Gesellschaften die Bewahrer groBer Ge- 
heimnisse und derjenigen Krafte, die fortwirken in der Menschheits- 
entwickelung. Nur andeuten kannich, was da eigentlich vorliegt; denn 
die Sache selbst geht tief, tief in das okkulte Gebiet hinein. 

Fur diejenigen, welche wirklich den Zugang zu solchen Mysterien 
gewinnen, ergibt sich als praktische Konsequenz ein freier Uberblick 
iiber dasjenige, was [in der Zukunft] in der Welt geschieht. 

Langsam und allmahlich greifen in den gegenwartigen Entwicke- 
lungszyklus der Menschheit die organischen, die lebendigen Krafte 
ein. Es wird eine Zeit kommen, so phantastisch es auch dem heutigen 
Menschen erscheinen mag, wo der Mensch nicht mehr nur Bilder 
malen, nicht mehr nur leblose Skulpturen anfertigen wird, sondern 
wo er imstande sein wird, dasjenige lebendig zu erschaffen, was er 
heute nur malen, mit Farbe und MeiBel gestalten kann. 

Was aber weniger phantastisch erscheinen wird, ist die Tatsache, 
daB schon heute im Wirken des sozialen Lebens die erste Morgen- 
rote der Verwendung der lebendigen Krafte beginnt: das eigentliche 
Geheimnis, das sich um den Gral herumschlingt. Das letzte Ereignis 
auf sozialem Gebiet, das durch die alte Maurerei herbeigefiihrt wurde, 
war die Franzosische Revolution, in der mit den Ideen Gleichheit, 
Freiheit, Briiderlichkeit konsequent die Grundidee der alten Maurerei 
auf sozialem Gebiete in die Offentlichkeit kam. Die das wissen, wissen 



auch, daB durch unzahlige Kanale die Ideen, die vom Gral ausgegan- 
gen sind, verbreitet wurden und die eigentlich wirkenden Krafte in 
der Franzosischen Revolution waren. 

Nur als ein miBgliickter, als ein unmoglicher Versuch, als letzter, 
ich mochte sagen, verzweifelter Kampf innerhalb der zu Ende gehen- 
den Menschheitswelle steht das da, was man heute Sozialismus nennt. 
Er kann ein wirklich positives Resultat nicht herbeifiihren. Was durch 
inn erreicht werden soil, kann nur durch das lebendige Wirken er- 
reicht werden; die Saule der Starke geniigt nicht. Der Sozialismus 
kann nicht mehr durch unlebendige Krafte bemeistert werden. Die 
Ideen der Franzosischen Revolution, Freiheit, Gleichheit, Briiderlich- 
keit waren die letzten Ideen, die aus dem Unlebendigen flossen. Un- 
fruchtbar, dem Sterben geweiht ist alles dasjenige, was noch in dem- 
selben Geleise bleibt. Denn das heute in der Welt bestehende groBe 
Ubel, das ungeheure Elend, das mit so furchtbarer Gewalt zum Aus- 
druck kommt in dem, was man die soziale Frage nennt, kann nicht 
mehr mit dem Unlebendigen gemeistert werden. Dazu bedarf es einer 
koniglichen Kunst; und diese konigliche Kunst ist es, die inauguriert 
worden ist in dem Symbol des Heiligen Gral. 

Der Mensch mu6 durch diese konigliche Kunst etwas in seine Hand 
bekommen, was ahnlich ist derjenigen Kraft, die in der Pflanze sproBt, 
derjenigen Kraft, die der Magier verwendet, wenn er die Pflanze, die 
vor ihm steht, schneller wachsen macht. In ahnlicher Weise mu6 von 
dieser Kraft ein Teil verwendet werden zum sozialen Heil. Diese 
Kraft, die beschrieben worden ist von solchen, die etwas von den 
rosenkreuzerischen Geheimnissen wissen, wie zum Beispiel von Bulwer 
in seinem Zukunftsroman «Vril», ist gegenwartig aber noch in ele- 
mentarem Keimzustande. Sie wird in der Freimaurerei der Zukunft 
der eigentliche Inhalt der hoheren Grade sein. Die konigliche Kunst 
wird in der Zukunft eine soziale Kunst sein. 

Wiederum - ich mochte sagen, wegen des Umfassenden, Umspan- 
nenden der Idee - mu6 ich etwas sagen, was Uneingeweihten phan- 
tastisch erscheinen wird. Ewig, unverganglich ist dasjenige, was der 
Mensch als die von seiner Seele ausgehende Form dem Stoffe auf 
unserem Erdenrund aufpragt. Wenn auch auBerlich der geformte Stoff 



zerfallt, unverganglich ist dasjenige, was die konigliche Kunst seit 
uralten Zeiten in Pyramiden, Tempeln und Kirchen geformt hat. 
Was der Menschengeist im Stoff geformt hat, das bleibt als fortwir- 
kende Kraft in der Welt vorhanden. Das wird dem vollstandig klar, 
der in solche Dinge eingeweiht wird. Der gotische Dom von Koln 
zum Beispiel vergeht; daB aber die Atome einmal in dieser Form da 
waren, ist von weittragender Bedeutung. Diese Form selbst ist das 
Unvergangliche, das fortan im Fortentwickelungsgange der Mensch- 
heit so mitwirkt wie die lebendige Kraft, die in der Pflanze ist, im 
Fortentwickelungsgang der Natur! Der Maler, derheute ein Bild malt, 
der sein Seelenblut in den toten Stoff hineinpragt, er schafft auch 
etwas, was in mehr oder weniger kurzer Zeit in tausend Atome zer- 
stoben sein wird. DaB er es aber geschaffen hat, daB in den Stoff 
etwas aus seiner Seele eingeflossen ist, daB iiberhaupt etwas geformt 
worden ist, das hat einen unverganglichen, bleibenden Wert, das hat 
Ewigkeitswert. 

Auch die Staaten und alle anderen Gemeinschaften der Menschen 
entstehen und vergehen vor unseren Augen. Aber was die Menschen 
aus ihrer Seele heraus als solche Gemeinschaften gebildet haben, das 
sind die von den Menschen hineingelegten Ideen mit Ewigkeitswert, 
mit ewig fortwirkender Bedeutung. Und wenn dieses Menschenge- 
schlecht in neuer Form einst wieder auf der Erde erscheinen wird, 
dann wird es die Friichte dieser Elemente von Ewigkeitswert er- 
blicken. 

Wer heute den Blick zum Sternenhimmel hinaufrichtet, der erblickt 
eine wunderbare Harmonie. Diese Harmonie ist geworden, sie war 
nicht immer da. Genau ebenso wie wir heute Stein auf Stein legen, 
wenn wir einen Dom bauen, Farbe neben Farbe setzen, wenn wir 
Bilder malen, Gesetz nach Gesetz auspragen, wenn wir Gesellschaften 
organisieren, so haben einst auch bildende Wesenheiten gearbeitet an 
dem, was uns heute als Kosmos entgegentritt. Nicht Mond noch 
Sonne wiirden leuchten, kein Tier und keine Pflanze wiirde sich fort- 
pflanzen, wenn nicht alles, was uns im Kosmos entgegentritt, von 
Wesen bearbeitet worden ware, wenn nicht Wesen vorher gewesen 
waren, welche ebenso gearbeitet haben, wie wir heute an der Umfor- 



mung des Kosmos arbeiten. Wie wir heute am Kosmos durch Weis- 
heit, Schonheit, Starke bauen, so haben einst auch die Wesenhei- 
ten, die nicht zum jetzigen Menschenreich gehoren, am Kosmos ge- 
baut. 

Eine Harmonie ist immer das Ergebnis von Disharmonien friiherer 
Zeiten. Wie die Steine zum griechischen Tempel geformt worden 
sind, wie sie dadurch in andere Formen iiberflossen und aus der ver- 
wirrenden Mannigfaltigkeit der geordnete Bau wurde, wie das Farben- 
durcheinander auf der Palette im Bilde sinnvoll zusammengestellt ist, 
so war das ganze Materielle chaotisch in anderen Verbindungen, be- 
vor es der bildende Geist zu diesem Kosmos geformt hat. Auf neuer 
Stufe wiederholt sich dasselbe, und am klarsten selbst im Kleinsten 
wirkt nur derjenige richtig, der das GroBte iiberschaut. Alles was in 
der Welt fiir den Fortschritt des Menschengeschlechts wirklich Be- 
deutung gehabt hat, ist mit Umsicht und Einsicht, mit Einweihung 
in die groBen Gesetze des Weltenplanes entstanden. Was der Tag 
schafft, ist verganglich. Unverganglich aber ist dasjenige, was aus der 
Erkenntnis der ewigen Gesetze in den Tag hineingeschaffen wird. 
Aus der Erkenntnis der ewigen Gesetze in den Tag hineinschaffen, 
das bedeutet soviel wie frei maurern. 

So sehen Sie, daB in der Tat dasjenige, was uns entgegentritt in 
Kunst, Wissenschaft und Religion, soweit es nicht ein Geschenk der 
Gotter ist und sich im Symbol des Kreuzes ausdriickt, hervorgegan- 
gen ist aus freier Maurerei. Aus ihr ist entsprungen, was wirklich 
gebaut worden ist in der Welt. Daher hangt die Maurerei zunachst 
mit alledem zusammen, was Menschenhand in der Welt geformt hat, 
was aus dem rohen, unlebendigen Stoff die Kultur geschaffen hat. 
Gehen Sie auf das zuriick, was die Kulturepochen im groBen er- 
zeugt haben, sehen Sie sich zum Beispiel Homers Dichtungen an! 
Was ist in ihnen enthalten? Das, was die Eingeweihten den Menschen 
gelehrt haben als die groBen, weltumspannenden Ideen. Die groBen 
Kiinstler haben nicht ihren Stoff erfunden, sie haben vielmehr das, 
was die ganze Menschheit umspannt, in Formen gebracht. Ist ein 
Michelangelo denkbar ohne die christlichen Gedankenkrafte ? Versuchen 
Sie in ahnlicher Weise dasjenige, was tiefe, wirklich einschneidende 



Bedeutung in der Kultur erlangt hat, auf seinen Ursprung zuriick- 
zuverfolgen, und Sie werden iiberall zuriickgefiihrt werden auf das- 
jenige, was von der Initiation, von der Einweihung ausgegangen 
ist. 

Alles muB schlieBlich durch eine Schule gehen. Die letzten vier 
Jahrhunderte waren auch eine Schule fiir die Menschheit: die Schule 
der Gottverlassenheit, in der es nur ein menschliches Probieren, von 
einem gewissen Standpunkte aus ein Zuriickgehen auf das Chaos gibt. 
Heute probiert ein jeder, ohne daB er den Zusammenhang mit den 
hoheren Welten kennt, mit Ausnahme derjenigen, die wieder den Zu- 
sammenhang mit den geistigen Welten gesucht und gefunden haben. 
Heute lebt fast jeder ganz fiir sich, ohne daB er etwas von dem wirk- 
lichen, alles durchdringenden gemeinsamen Aufbau merkt. Das hat 
auch die furchtbare Unbefriedigtheit auf alien Gebieten hervorge- 
bracht. 

Was uns not tut, ist eine Erneuerung des Gralsrittertums in einer 
modernen Form. Derjenige, der dem nahertreten kann, wird dadurch 
die wirklichen Krafte kennenlernen, welche heute im Entwickelungs- 
gang der Menschheit noch verborgen sind. 

Dasjenige, was heute zahlreiche Menschen, die die alten Symbole 
nehmen und sie nicht verstehen, in den Geschlechtssymbolen in miB- 
verstandlicher Weise hinstellen, kommt dem richtigen Verstandnis des 
freimaurerischen Gedankens nicht nahe. Das Verstandnis ist in dem 
zu suchen, was gerade die bloBe Naturkraft ablost: das Lebendige in 
ahnlicher Weise zu bemeistern und zu durchdringen, wie der Geo- 
meter das Unlebendige mit Lineal, Zirkel, Wasserwaage und so wei- 
ter bemeistert und durchdringt; das Lebendige so zu schaffen, wie 
derjenige, der einen Tempel baut, die unlebendigen Steine zusammen- 
fiigt. Das ist der groBe Zukunftsgedanke der Maurerei. 

Es gibt in der Freimaurerei ein uraltes Symbol, das sogenannte 
Tau: 

T 

Dieses Tau-Zeichen spielt in der Freimaurerei eine groBe Rolle. Es 
ist im Grunde genommen nichts anderes als das Kreuz, an dem der 



obere Balken weggelassen ist. Das Mineralreich ist weggelassen, um 
iiberhaupt das Kreuz zu bekommen; der Mensch beherrscht es bereits. 
LaBt man das Pflanzenreich in Aktion treten, so erhalt man das nach 
oben gerichtete Kreuz... * Das, was aus der Erde, aus der Seele heraus 
als Macht iiber die Erde sich entfaltet, ist das Symbol der zukiinftigen 
Maurerei. 

Wer meinen vorigen Vortrag iiber die Maurerei gehort hat, wird 
sich erinnern, wie ich damals anfiihrte, daB in der freimaurerischen 
Legende von Hiram-Abiff erzahlt wird, daB er an einem bestimmten 
Punkte mit dem Tau-Zeichen eingriff. Die Konigin von Saba 
wiinschte, daB er die Arbeiter, die am Tempelbau beschaftigt waren, 
nochmals zusammenrufe. Auf Salomos Wink erschienen niemals die in 
sozialer Gemeinschaft zusammenwirkenden Leute. Auf das Tau-Zei- 
chen hin - von Hiram-Abiff erhoben - erschienen die Leute von alien 
Seiten. Dieses Tau-Zeichen symbolisiert eine ganz neue Macht, die 
auf die Freiheit gegriindet ist und in der Erweckung einer ganz neuen 
Naturkraft besteht. 

An die Bemerkung, mit der ich das letzte Mai schloB, darf ich 
wohl jetzt nochmals ankniipfen. Ich sagte Ihnen, wozu die so groBe 
Bemeisterung der unlebendigen Natur fiihrt. Ohne viel Phantasie 
kann man sich das, worum es sich handelt, mit einem Beispiel vor 
Augen fiihren: Die drahtlose Telegraphie wirkt in die Feme von der 
Aufgabestelle zur Aufnahme-Empfangsstelle. Man kann da, wenn man 
will, den Apparat in Bewegung setzen und auf groBe Entfernungen 
Wirkungen auslosen und sich dadurch verstandigen. Eine ahnliche 
Kraft, wie sie bei dieser drahtlosen Telegraphie wirkt, wird dem 
Menschen in spaterer Zeit auch ohne Apparat zur Verfiigung stehen, 
wodurch es ihm moglich sein wird, in weiter Entfernung groBe Ver- 
heerungen anzurichten, ohne daB man den Ausgangspunkt dieser Zer- 
storungen wird entdecken konnen. Wenn dann der Hohepunkt dieser 
Entwickelung erreicht sein wird, dann wird es schlieBlich dazu kom- 
men, daB sie sich iiberschlagt. 

Was durch das Tau ausgedriickt wird, ist eine Triebkraft, die nur 

* Siehe unter Hinweise auf Seite 347. 



in Bewegung gesetzt werden kann durch die Macht der selbstlosen 
Liebe. Sie wird selbst dazu verwendet werden konnen, Maschinen zu 
treiben, welche aber stillstehen werden, wenn egoistische Menschen 
sie bedienen. 

Vielleicht ist Ihnen bekannt, daB Keely einen Motor konstruiert hat, 
der nur ging, wenn er selbst dabei war. Er hat damit den Leuten 
nichts vorgemacht, denn er hatte in sich selbst jene treibende Kraft, 
die aus dem Seelischen hervorgeht und Mechanisches in Bewegung 
setzen kann. Eine Antriebskraft, die nur moralisch sein kann, das ist 
die Idee der Zukunft; die wichtigste Kraft, die der Kultur eingeimpft 
werden muB, wenn sie sich nicht selbst iiberschlagen soil. Das Mecha- 
nische und das Moralische werden sich durchdringen, weil dann das 
Mechanische ohne das Moralische nichts ist. Hart vor dieser Grenze 
stehen wir heute. Nicht bloB mit Wasser und Dampf, sondern mit 
spiritueller Kraft, mit spiritueller Moral werden in Zukunft die Ma- 
schinen getrieben werden. Diese Kraft ist symbolisiert durch das Tau- 
Zeichen und wurde schon poetisch angedeutet durch das Bild des 
Heiligen Gral. Wie der Mensch nicht mehr nur angewiesen ist darauf, 
zu beniitzen, was ihm die Natur freiwillig hergibt, sondern wie er die 
Natur formt und umgestaltet, wie er zum Werkbaumeister des Un- 
lebendigen geworden ist, so wird er zum Werkbaumeister des Leben- 
digen werden. 

Als etwas, das erobert werden muB, steht das alte geschlechtliche 
Symbol am Ausgang der Maurerei. Wie wenn ein mit wild wachsen- 
dem Gras bedeckter, aus dem Felsen herausgeschlagener Stein hin- 
gestellt wiirde neben eine wunderbar ausgestaltete Statue eines Bild- 
hauers, so konnen Sie das alte Geschlechtssymbol der Maurerei neben 
die neue Symbolik der zukiinftigen Maurerei hinstellen. Das haben 
diejenigen, die einigermaBen eingeweiht waren in die konigliche 
Kunst, gewuBt. Zum Beispiel hat dies Goethe im zweiten Teil des 
«Faust» in der Episode des Homunkulus in wunderbarer Weise zum 
Ausdruck gebracht. Darin liegen noch viele Mysterien, die erst ge- 
hoben werden miissen. 

Diese Dinge sollen darauf hinweisen, daB die Menschheit vor einer 
neuen Entwickelungsepoche der okkulten koniglichen Kunst steht. 



Am wenigsten wissen diejenigen, die heute offiziell das Freimaurer- 
tum vertreten, was dieses zukiinftige Freimaurertum sein wird. Am 
wenigsten wissen sie, daB etwas ganz Neues anstelle der alten, von 
ihnen so vielfach miBverstandenen Symbole treten wird, und daB 
diese eine ganz neue Bedeutung erhalten werden. 

So wahr es ist, daB in der Vergangenheit alles wirklich GroBe aus 
der koniglichen Kunst hervorgegangen ist, so wahr ist es, daB alles 
wirklich GroBe der Zukunft aus der Pflege der koniglichen Kunst 
hervorgehen wird. GewiB, heute kann jeder Schuljunge den pythago- 
raischen Lehrsatz beweisen, entdecken konnte ihn nur Pythagoras, 
weil er Meister in der koniglichen Kunst war. So ist es auch mit der 
Zukunft der koniglichen Kunst. So sehen Sie, daB die maurerische 
Kunst an einem Wendepunkt der Entwickelung steht und daB sie im 
engsten Zusammenhange ist mit dem, was in der Gralsloge tatig war 
und was als Heil erscheinen kann in den furchtbaren Kampfen, die 
uns heute umgeben. 

Diese Kampfe sind erst im Anfang. Die Menschheit weiB nicht, 
daB sie auf einem Vulkane tanzt. Aber sie tanzt auf einem Vulkan. 
Es beginnen diejenigen Revolutionen auf unserer Erde, die eine neue 
Phase der koniglichen Kunst notwendig machen. Diejenigen, welche 
nicht gedankenlos dahinleben, werden wissen, was sie zu tun haben; 
werden wissen, daB sie mitzuwirken haben an der Entwickelung unse- 
rer Erde. Darum muB in gewisser Weise diese uralte konigliche Kunst 
in einer neuen Form geschildert werden und das Uralte begleiten. In 
diesem Uralten liegt trotzdem eine unversiegliche Kraft. Die den 
neuen freimaurerischen Gedanken erfassen, werden wieder Funken 
schlagen aus den alten freimaurerischen Symbolen. Dann wird sich 
auch zeigen, daB das Herumstreiten iiber Johannes- oder Hochgrad- 
maurerei keine Bedeutung hat gegeniiber dem Bestreben der wahren 
Maurerei. 

Dazu ist notwendig — was uns zum Ausgangspunkte wieder zuriick- 
fiihrt - die Frage zu beantworten: Was war die konigliche Kunst bis- 
her? - Diese konigliche Kunst war bisher die Seele unserer Kultur. 
Und diese unsere Kultur hat zwei Grundeigenschaften. Einerseits ist 
sie aufgebaut auf diejenigen Krafte in der menschlichen Seele, welche 



sich mit dem Unlebendigen beschaftigen, und andererseits auf die- 
jenigen Krafte unter den Menschen, die vorzugsweise dieses Bemei- 
stern des Unlebendigen sich zu ihrer Aufgabe machen einfach ver- 
mittels der durch ihren Organismus hervorgerufenen Krafte: das sind 
die Manner. Daher war die konigliche Kunst bisher eine Manner- 
kunst. Die Frauen waren daher ausgeschlossen und konnten nicht 
daran teilnehmen. Abgesondert, getrennt wurden die Arbeiten in den 
Logen verrichtet - wie im einzelnen, darauf kommt es nicht an - von 
dem, was sich auf die Familie, die Fortpflanzung der reinen Natur- 
grundlage des Menschengeschlechtes bezieht. In der Freimaurerei 
wurde daher ein Doppelleben gefiihrt: die groBen Ideen, die in der 
Loge zum Ausdruck kamen, durften nicht verquickt werden mit dem, 
was im Zusammenhange mit der Familie steht. Die Logenarbeit, als 
sich auf das innerste Seelenleben beziehend, lief neben der Pflege des 
Zusammenlebens in der Familie einher. Im Kampfe lag die eine Stro- 
mung mit der anderen. Ausgeschlossen waren die Frauen von der 
Maurerei. Das horte in dem Augenblicke auf, als die Freimaurerei 
nicht mehr nach riickwarts schaute, sondern den Blick vorwarts rich- 
tete. Denn gerade dasjenige wurde als weibliche Stromung bezeich- 
net, was von auBen [?] zufloB; dasjenige wurde von der Maurerei als 
etwas Priesterliches bezeichnet, was von Natur aus da war. Und das 
sah das Maurerische bisher als das Feindliche an. 

Der Mann ist seiner Natur nach der Reprasentant der im Unleben- 
digen schaffenden Kraft, wahrend die Frau die Reprasentantin der 
lebendig schaffenden, das Menschengeschlecht aus der Naturgrund- 
lage heraus fortentwickelnden Krafte darstellt. Dieser Gegensatz muB 
iiberwunden werden. 

Was in der Zukunft bewirkt werden soil, wird nur bewirkt werden 
konnen, wenn dasjenige in der Welt iiberwunden ist, was sich auf die 
alten Symbole stiitzt, die gerade im Geschlechtlichen ausgedriickt 
sind. Die heute veraltete Freimaurerei hat deshalb diese Symbole, weil 
sie gerade damit sagen will: dies miissen wir iiberwinden; aber es muB 
dieses Geschlechtliche bestehen bleiben drauBen in den Institutionen, 
die sich auf das Natiirliche beziehen; nur abgesondert kann man das 
iiberwinden. 



Der Baumeister, der Kiinstler, der Staatsmann, sie alle haben nichts 
zu tun — in ihrer Denkweise selbstverstandlich, ich bitte das zu er- 
wagen - mit der Naturgrundlage der Geschlechtlichkeit. Sie arbeiten 
alle mit dem Verstande, mit dem Intellekt, an der Bemeisterung der 
unlebendigen Krafte. Das wird ausgedriickt in den freimaurerischen 
Symbolen. Diese Naturgrundlage in ferner Zukunft zu iiberwinden, 
die Krafte des Lebendigen zu bemeistern - wie seit den fernen Zeiten 
der lemurischen Rasse der Mensch angefangen hat, die unlebendigen 
Krafte zu bemeistern -, das wird in neuen Symbolen zum Ausdruck 
kommen. Dann wird nicht bloB im Gebiet des Leblosen, sondern 
auch im Gebiete des Lebendigen die Naturgrundlage iiberwunden 
werden. 

Wenn wir das bedenken, dann erscheinen uns die alten geschlecht- 
lichen Symbole gerade als dasjenige, was im weitesten Sinne iiber- 
wunden werden muB, und dann finden wir in dem Gedanken der Ver- 
einigung von mannlichen und weiblichen Geisteskraften dasjenige, 
was in Zukunft das Schaffende, das eigentlich Wirkende sein soil. 
Das auBere Ereignis fur diesen Fortschritt in der Freimaurerei ist da- 
her der Eintritt des weiblichen Geschlechtes. 

Es gibt einen sinnigen Brauch in der Freimaurerei, der auf diese 
Sache Bezug hat. Wer in die Loge eingefiihrt wird, bekommt zwei 
Paar Handschuhe: das eine Paar, damit er es selbst anziehe, das 
andere Paar dagegen soil er derjenigen anziehen, die er am liebsten 
hat. Damit soil angedeutet werden, daB sich beide nur mit Hand- 
schuhen anfassen sollen, damit sinnliche Regungen nichts zu tun haben 
mit dem, was die Freimaurerei angeht. Auch in einem anderen Sym- 
bol ist dieser Gedanke ausgedriickt: Das Schurzfell ist das Symbol 
fur die Uberwindung des Sexuellen. Das wird zugedeckt mit dem 
Schurzfell. Wer diese tiefe Idee in der Freimaurerei nicht erkennt, 
wird auch keine Ahnung davon haben konnen, was das Schurzfell 
eigentlich bedeutet. Mit der Freimaurerei im engeren Sinn kann man 
das Schurzfell nicht in Verbindung bringen. 

Wir haben also auf der einen Seite die Uberwindung des Natiir- 
lichen durch den frei schaffenden Geist, auf der anderen Seite aber 
auch die Trennung durch die Handschuhe. Die Handschuhe werden 



wir aber schlieBlich auch ausziehen konnen nach Uberwindung des 
Niederen, mit Aufwendung der unmittelbaren freien geistigen Kraft 
beider Geschlechter. Dann wird wirklich erst dasjenige, was sich heute 
in der Geschlechtlichkeit auBert, schlieBlich iiberwunden sein. In 
einem freien, durchaus freien menschlichen Schaffen, in einem Zusam- 
menwirken von Mann und Frau an dem groBen Menschheitsbau wer- 
den die Handschuhe nicht mehr ausgeteilt werden, weil sie sich frei 
die Hande reichen konnen, weil jetzt Geist zu Geist spricht, nicht 
Sinnlichkeit zu Sinnlichkeit. Das ist die groBe Zukunftsidee. 

Wenn heute jemand ankniipfen will an die alte Maurerei, so ist er 
nur dann auf der Hohe des freimaurerischen Gedankens fiir die Ge- 
staltung der Zukunft des Menschengeschlechts, wenn er in diesem 
Sinne wirkt und trotz des Alters dieses Ordens Verstandnis hat fiir 
das, was die Zeiten von uns fordern. Wenn es moglich sein wird, 
Verstandnis zu finden fiir das, was man das Geheimnis der koniglichen 
Kunst nennt, so wird zweifellos die Zukunft uns die Wiedergeburt 
der alten, guten, herrlichen, heute aber heruntergekommenen Frei- 
maurerei bringen. 

Einer der Wege, auf denen der Okkultismus in die Menschheit 
dringen wird, wird die wiedererstehende Freimaurerei sein. Gerade 
dadurch zeichnet sich das Allerbeste aus, daB es am meisten den Feh- 
lern seiner Tugenden ausgesetzt ist. Und kann man auch heute die 
Freimaurerei nur als eine Karikatur der groBen koniglichen Kunst 
bezeichnen, so diirfen wir doch nicht verzagen in dem Bemiihen, die 
in ihr schlummernden Krafte wieder aufzuwecken: eine Arbeit, die 
uns obliegt auf einem Gebiete, das mit der theosophischen Bewegung 
parallel lauft. Wenn wir die Frage, die auf uns lastet, nicht pfuscher- 
maBig betrachten, sondern wirklich aus den Tiefen des Weltwirkens 
erfassen wollen, wenn wir erfassen wollen, was in den Seelen der Ge- 
schlechter, im Kampfe der Geschlechter heute zum Ausdruck kommt, 
dann werden wir sehen, daB aus diesen Kraften die bildende Kraft fiir 
die Zukunft flieBen muB. 

Das alles, was man heute herumredet, ist nichts. Beantworten kann 
man diese Fragen nicht, wenn die Antwort nicht aus den Tiefen ge- 
schopft wird. Was als soziale oder als Frauenfrage heute in der Welt 



existiert, ist nichts, wenn es nicht aus den Tiefen der Weltenkrafte 
erkannt und mit ihnen in Einklang gebracht wird. 

So wahr es ist, daB groBe Taten in der Vergangenheit aus der 
Maurerei herausgeholt worden sind, so wahr ist es, daB die kunftigen 
groBen praktischen Taten aus den Tiefen der zukunftigen maureri- 
schen Ideen herausgeholt werden mussen. 



Auf den folgenden Seiten: 

Notizbucheintragungen Rudolf Steiners zum Vortrag Berlin, 2. Januar 
1906 (Notizbuch Archiv-Nr. 225). 




j fi t 



Lessing 

1875 Adam erster Freimaurer 
Werkmaurerei 

Goethes Marchen: Weisheit, 

Schonheit, Starke. 

decken! 

hi. Gral. 
Abel Kain 

Priestertum - Maurertum 
Durch Schuld erkampfen. - 



Tempel Hiram Abiff 
Gruppen 



Elohim - Eva 



Kain 



Jehovah 



Adam -Eva 



Abel 



Feuersohne 

Erdensohne: Gedanke - Fort- 
schritt - Wahrheit. 

Enoch - Steine behauen, 
Hauser bauen. 

Irad Mehujael 

Methusael T 



Lamech Tubalkain (Hohlen 
zum Schutz vor der 
Sintflut) 



Tubalkain 

Nimrod - Jagd Babylon 
Adoniram 



Tempel. Goldener Thron, 
prachtvolle Bauten. 

Saba: Balkis. 

Adoniram: Blick. 



drei Gesellen: 

syrische Maurer: Fanor 
phon. Zimmermann: Arnru 
israel. Grubenarbeiter: 

Methusael 

Ehernes Meer: 
Benoni 



Stimme von oben: 

«Sei ohne Furcht, ich habe dich 
unverbrennbar gemacht; stiirze 
dich in die Flammen.» - 

In den Mittelpunkt der Erde: 
Tubalkain 

Hammer 



Had-Had 



Sarahil 



fa 



UBER GOETHE UND SEIN VERHAL TNIS 
ZUM ROSENKREUZERTUM 



In das Rosenkreuzer-Mysterium Goethes einzudringen gibt es zwei 
Wege, einen exoterischen und einen esoterischen oder okkulten. Der 
esoterische ergibt sich durch Studium derjenigen Dichtungen Goethes, 
die ein auBerer Ausdruck seiner rosenkreuzerischen Gesinnung und 
seines diesbeziiglichen Wissens sind. 
Dahin gehoren: 

1. Das Gedicht «Geheimnisse». Es stellt dar das Mysterium der 
Loge der 12 mit dem 13. an der Spitze. Der Inhalt ist eine Hindeu- 
tung auf die Erlebnisse im Vorhof der rosenkreuzerischen Parcival- 
Einweihung (Gral-Initiation). 

2. Die Grundlage im «Faust». Homunkulus ist der Astralleib; der 
Gang zu den «Muttern» ist die Darstellung der Aufsuchung des «gol- 
denen Dreiecks» und des «verlorengegangenen Wortes». 

3. Die Stellen im «Wilhelm Meister», die «Wanderung und Wande- 
lung der Seele» darstellend bis zur Erweiterung des BewuBtseins zum 
kosmischen Schauen (Kontemplation der kosmischen Vorgange. Ma- 
kariens Vision ist solche Kontemplation). 

4. Das Marchen von der griinen Schlange und der schonen Lilie 
stellt dar die alchymistische Initiation, in der von Christian Rosenkreutz 
gestifteten Form: das was in richtiger Schrift - nicht nach der man- 
gelhaften Tradition der Logen - geschrieben wird der 030 Grad (vul- 
gar in Maurersprache der 30. Grad). Dieses Marchen enthalt in sym- 
bolischer Sprache alle Geheimnisse dieses Grades, wie die Herkules- 
Sage alle Geheimnisse des Royal-Arch-Grades enthalt, der in richtiger 
Schrift geschrieben wird 013 Grad und welcher auch der 4. genannt 
wird. 

5. Wichtiges iiber Rosenkreuz-Initiation enthalt auch das Gedicht 
«Pandora». 



Die Mittel, um auf esoterisch-okkultem Wege in Goethes Rosen- 
kreuzertum einzudringen, werden gegeben bei der Einweihung (In- 
itiation) in den wirklichen 020 Grad, der auch - um das Geheimnis 
zu verhullen - so geschrieben wird 6 3 Grad und gelesen 6x3 = 
18. Grad (Rose-Croix). Da wird auf okkultem Wege gezeigt, daB 
Goethe zwischen seinem Leipziger und StraBburger Aufenthalt eine 
Initiation erhalten hat, welche aber erst allmahlich fruchtbar in ihm 
geworden ist, und die es ihm ermoglichte, eine ganz bestimmte rosen- 
kreuzerische Mission zu erfullen. Man kann dariiber mehr nicht 
niederschreiben; mundlich konnte man noch einiges dariiber sagen: noch 
mehr nur in einer wahren rosenkreuzerischen Loge des 6 3 =6x3 = 
18. Grades. 



Dieser Text liegt nur in der Handschrift von Marie Steiner-von Sivers vor. Vermutlich 
wurde er von Rudolf Steiner niedergeschrieben fiir Edouard Schure um 1906 herum, da 
sich diese Niederschrift bei Marie Steiner unmittelbar anschlieBt an diejenige eines von 
Rudolf Steiner fiir Schure 1906 niedergeschriebenen Textes «Zeichen und Entwickelung 
der drei Logoi in der Menschheit» (abgedruckt in «Nachrichten der Rudolf Steiner- 
NachlaB Verwaltung» Nr. 14, Michaeli 1965, sowie in «Die Apokalypse des Johannes», 
Bibl.-Nr. 104, 6. Auflage GA1979). 



HINWEISE 



Der Titel des Bandes, die Inhaltsangaben und die Hinweise stammen vom 
Herausgeber. 

Angaben zu den Textunterlagen finden sich jeweils am Beginn der Hin- 
weise fiir den betreffenden Vortrag. 

Werke Rudolf Steiners, welche in der Gesamtausgabe (GA) erschienen sind, 
werden in den Hinweisen mit Bibliographie-Nummer und Erscheinungs- 
jahr der letzten Auflage angegeben. Siehe auch die Ubersichtam SchluB des 
Bandes. 

Vortrag Berlin, 23. Mai 1904 

Textunterlagen: Stenographische Notizen von Franz Seiler und stenogra- 
phische Kurznotizen von Walter Vegelahn. 

Zum Text: Bei diesen nur in gekiirzter Form festgehaltenen Ausfuhrun- 
gen iiber den Beginn der irdischen Menschheitsentwickelung ist zu be- 
rucksichtigen, daB es sich teilweise - ohne daB dies im Text besonders 
deutlich wird - um eine Interpretation von Darstellungen in H. P. Bla- 
vatskys «Geheimlehre», Band II handelt. 

Zu Seite: 

21 Es war vorauszusehen, dafi heute nur eine Heine Gemeinde sich versammeln 
wiirde: Vermutlich war der Vortrag kurzfristig angesagt worden, da 
Rudolf Steiner soeben von einer Reise nach London zuruckgekehrt 
war. 

21 Frau Besant... wieder zu horen: Annie Besant, 1847-1933, von 1907 
an Prasidentin der Theosophical Society, sprach anlaBlich der Be- 
grundung der Deutschen Sektion im Oktober 1902 schon einmal in 
Berlin. Im September 1904 machte sie auf Einladung Rudolf Steiners 
eine Vortragsreise durch verschiedene deutsche Stadte. Ihre englisch 
gehaltenen Vortrage wurden von ihm auf deutsch referiert. 

21 zwei nachsten offentlichen Vortrage ... dann werden die Montagsveranstal- 
tungen wieder regelmafiig hier stattfinden: Diese beiden offentlichen Vor- 
trage vom 30. Mai und 6. Juni 1904 (enthalten in «Spirituelle Seelen- 
lehre und Weltbetrachtung», Bibl.-Nr. 52, GA 1972) fanden nur 
ausnahmsweise montags statt; sonst fanden an den Montagabenden 
regelmaBig Mitgliedervortrage statt. 

21 werde ich sprechen iiber Theosophische Kosmologie: Drei Vortrage, 26. Mai, 
2. und 9. Juni 1904 (bisher ungedruckt). 



21 Vortrage iiber die Elemente der Theosophie: Gemeint sind die schon fur 
April angekundigt gewesenen Vortrage iiber Grundbegriffe der 
Theosophie, die dann im Herbst gehalten wurden. Siehe «Ursprung 
und Ziel des Menschen. Grundbegriffe der Geisteswissenschaft», 
Bibl.-Nr. 53, GA 1980. 

22 Manuskript, das sich im Vatikan befindet ... eine Kopie besitzt ... der 
Grafvon Saint-Germain: Dies war durch H. P. Blavatskys «Geheim- 
lehre» (1888) offentlich bekannt. In Band II (deutsche Ausgabe Leip- 
zig o.J., Seite 249f.) heiBt es: «Nun enthalt das vatikanische Kab- 
bala-Manuskript - dessen einziges Exemplar (in Europa) im Besitze 
des Grafen Saint-Germain gewesen sein soil - die vollstandigste 
Darlegung der Lehre...» 

22 oder es im Astrallichte zu lesen vermochte: Hier deutete Rudolf Steiner 
wohl auf die den Zuhorern bekannte Fahigkeit Blavatskys, seltene 
Manuskripte im Astrallicht lesen zu konnen, wie es zum Beispiel in 
den 1893 erschienenen «Reminiscences of H. P. Blavatsky and The 
Secret Doctrine» von Constance Wachtmeister u.a. beschrieben 
wurde. 

22 Grafvon Saint-Germain: Eine der ratselhaftesten und umstrittensten 
Gestalten des 18. Jahrhunderts. Sein Geburts- und Todesjahr, wie 
auch sein eigentlicher Name sind nicht bestimmt anzugeben. Nach 
Rudolf Steiners Vortrag in Neuchatel, 27. September 1911, in 
«Das esoterische Christentum und die geistige Fiihrung der Mensch- 
heit», Bibl.-Nr. 130, GA 1977, wurde der Name nicht nur einer Per- 
sonlichkeit beigelegt, sondern auch anderen. In dem wahren Trager 
des Namens lebte die Individuality des Christian Rosenkreutz. Siehe 
hierzu den Vortrag vom 4. November 1904 (in diesem Band) und 
Hinweise dazu. 

23 meine Atlantisvortrage: Es handelt sich um im Januar 1904 gehaltene 
Vortrage, von denen jedoch keine Nachschriften existieren. 

23 Zu dem Satz: Zur Orientierung miissen wir...: Dieser Abschnitt lautet 
in den Notizen von Vegelahn: «Zur Orientierung miissen wir einen 
kurzen Einblick gewinnen in zwei Stromungen der heutigen Zeit, 
die in den Gemutern der funften Rasse verborgen sind und sich 
vielfach streiten. Die eine Stromung, die sich am reinsten in den 
indischen und siideuropaischen Bekenntnissen wiederfindet, die 
Weltanschauung, die auch dem Judentum und den Babyloniern zu- 
grunde liegt; und die andere ist enthalten in den Bekenntnissen und 
Anschauungen der Perser westwarts von Persien bis hin zu den Re- 
gionen der Germanen.» 



23/24 zwei Strdmungen ... siidlicher ... nordlicher Weltanschauungsgiirtel: Siehe 
hierzu «Der Orient im Lichte des Okzidents. Die Kinder des Luzi- 
fer und die Briider Christi» (5.Vortrag, Miinchen 27. August 1909), 
Bibl.-Nr.113 , GA 1960. 

23ff. Devas: Indische Bezeichnung fur Gotter des Devachan, der himm- 
lischen Welt. 

24ff. Asuras: Indisch. Suras = Gotter (von Asu = Atem) wurden zu 
Nichtgottern, zu Ungottern — A-Suras. In den alten ostlichen Reli- 
gionen und auch spater von Rudolf Steiner als Name fiir satanische 
Wesenheiten gebraucht. Im Zusammenhang dieses Vortrages ist je- 
doch jener Aspekt der Asuras gemeint, wie er in Blavatskys «Ge- 
heimlehre» (zum Beispiel in Band II, Abteilung IV: Uber den 
Mythus von den gefallenen Engeln in seinen verschiedenen Aspek- 
ten, deutsche Ausgabe Seite 525) charakterisiert wird: «Esoterisch 
sind die Asuras, die in der Folgezeit in bose Geister und niedere 
Gotter umgewandelt wurden, welche ewig im Kampfe mit den gro- 
Ben Gottheiten liegen - die Gotter der geheimen Weisheit. In den 
altesten Teilen des Rigveda sind sie die Geistigen und die Gott- 
lichen, indem der Ausdruck Asura auf den hochsten Geist angewen- 
det wurde und dasselbe war, wie der groBe Ahura der Zoroastrier. 
Es gab eine Zeit, da die Gotter Indra, Agni und Varuna selber zu 
den Asuras gehorten.» - Erst in der atlantischen Zeit, beim Uber- 
gang von der lemurischen zur atlantischen - Zeit wurden diese ur- 
spninglich hohen Gotter zu Ungottern. 

In den Notizen von Rudolf Steiners Vortragsreihe iiber «Planetarische 
Entwickelung» (1. Vortrag, Berlin, 17. Oktober 1904) heiBt es zu 
diesem Thema: «Wollen wir die Stellung des geistigen Evolu- 
tionsprinzipes begreifen, miissen wir eine bedeutungsvolle Begeben- 
heit in der atlantischen Rasse feststellen. Die im Anfange geistige 
Wesen waren, die erschienen nun als die Emporer, die Aufruhrer, die 
sich jetzt ihre Unabhangigkeit erobern wollten. Suras wurden jetzt zu 
Asuras. Bis zu diesem Zeitpunkt waren sie latent auf der Erde. Es sind 
diejenigen Machte, welche gerade in der gegenwartigen Epoche die 
intellektuelle und geistige Seite der Menschheit vertreten. Diese Natur 
Luzifers ist diejenige, die auch das Christentum in den ersten Jahrhun- 
derten vertreten hat. Zwei Dokumente gibt es davon, eines im Vati- 
kan und eine Abschrift davon hat der initiierteste Christ des Abend- 
landes: der Graf von Saint-Germain. » Die Notizen dieser Vortragsrei- 
he sind gesamthaft abgedruckt in «Beitrage zur Rudolf Steiner Ge- 
samtausgabe», Nrn. 67/68, 69/70, 71/72 und 78. 

25 Zu dem Abschnitt: «Wir erhalten dariiber Aufschlufi...»: Bei diesem 
Abschnitt ist besonders zu berucksichtigen, daB der Text der Nach- 



schrift mangelhaft ist. Siehe hierzu Blavatskys «Geheimlehre», 
Band II, Abschnitt: Die Geschichte der vierten Rasse. 

26 Die Sdhne der Gotter fanden, dafi die Tochter der Menschen schon waren: 
Moses 1,6,1-2. Siehe auch Blavatskys «Geheimlehre», Band II, 
2. Teil, Abteilung IV «t)ber den Mythos von den gefallenen En- 
geln in seinen verschiedenen Aspekten». 

27 symbolisiert in der Sage von Prometheus: Auch hier kniipft Rudolf 
Steiner an Blavatskys «Geheimlehre», Band II, an. 

27 In Schmerzen sollst du Kinder gebaren: Moses 1, 3,16. 

30 das «Stirb und Werde», damit er nicht bleibe ein triiber Gast aufdieser dunklen 
Erde: Frei wiedergegebene Zeilen aus dem Goethe-Gedicht «Selige 
Sehnsucht» des Zyklus «West-6stlicher Diwan»: «... Und solang du 
das nicht hast / Dieses Stirb und Werde / Bist du nur ein triiber 
Gast / Auf der dunklen Erde.» 

30 Drei sind, die da zaugen auf der Erde: das Blut, das Wasser und der Geist: 
1. Epistel Johannes 5,7. Schon im Vortrag vom 29. April 1904 
hatte Rudolf Steiner diese Epistelstelle ausfiihrlich erlautert. Danach 
sind mit Blut und Wasser nicht die heutigen materialistischen Be- 
griffe zu verbinden. Wenn es heiBt: Drei sind, die da zeugen im 
Himmel: Vater, Wort und Heiliger Geist und diese Drei sind eins - 
so heiBt das theosophisch gesprochen: Atma, Buddhi, Manas, die 
drei oberen Prinzipien. Und wenn es weiter heiBt: Drei sind, die da 
zeugen auf Erden: Der Geist, das Wasser und das Blut, so bedeutet 
dies die drei unteren Prinzipien, die drei seelischen Elemente. Mit 
Blut ist das unterste Glied der Seele, das Astrale gemeint, nicht 
unser physisches Blut. «Die jiidische Esoterik glaubt, daB die Be- 
wegung des Blutes vom Astralkorper herruhrt, und das ist richtig. 
Alle Einfliisse, die nicht unmittelbar durch die Seele gehen, sondern 
etwas Korperliches noch bewirken, das nennt die jiidische Esoterik 
das Blut. Es ist das Tatige, das Treibende. Wir nennen nur den 
roten Saft, der durch den Korper stromt, das Blut.» Mit Wasser sei 
in jeder Geheimsprache Kama gemeint, die Gefuhle, Leidenschaften, 
Begierden usw. «Und nun will ich Ihnen sagen, warum das Wasser 
genannt wird. Sie miissen sich schon einmal vertraut machen mit 
der Vorstellung, daB die Menschheit sich heute gewohnt hat, sich 
vieles materialistischer vorzustellen, als es in fruheren Zeiten der 
Fall war. Wenn Sie sich einen alten Kabbalisten vorstellen, so sah 
der in diesem Wasser nicht bloB das flieBende Element, sondern ein 
Gleichnis, und er kam dazu auf folgende Art. Er sagt sich, im Was- 
ser leben diejenigen Tiere, die wir zu den ursprunglichsten rechnen 
miissen. Aus dem fliissigen Element ging ursprunglich das Tierische 
hervor: Seetiere, Quallen, Amphibien. Diese gingen dann aus dem 



Wasser heraus ans Land. Nirgends entstanden Leidenschaften und 
Gefiihle, als aus dem Wasser... Wir unterscheiden die untere Seele, 
die das Blut wallen macht und wo wir Lust und Unlust empfinden, 
die eigentlichen inneren Schmerzen. Und das nennt er das Wasser, 
weil er dieses Seelenelement aus dem Wasser herleitet. Dann kommt 
noch die denkende Seele, der Geist...» 

31 in geheimen Manuskripten ... die sie im Astrallichte zu sehen vermogen: 
Siehe Hinweise zu Seite 22. 

32 die grofien Meister ... die grofien Adepten, welche die Griinder der spiri- 
tuellen Bewegung sind - nicht der Gesellschaft: Hierzu auBerte sich 
Rudolf Steiner am 2. Januar 1905 brieflich an ein in die Esoterische 
Schule aufzunehmendes Mitglied in ahnlicher Weise: «... Sie wissen, 
daB hinter der ganzen theosophischen Bewegung hochentwickelte 
Wesen stehen, die wir < Meister > oder < Mahatma > nennen. Diese er- 
habenen Wesen haben den Weg bereits zuriickgelegt, den die iibrige 
Menschheit noch zu gehen hat. Sie wirken nun als die groBen (Leh- 
rer der Weisheit und des Zusammenklanges der Menschheitsemp- 
findungen). Sie sind heute bereits tatig auf den hoheren Planen 
(Ebenen), zu denen sich die ubrigen Menschen im Laufe nachster 
Entwicklungszeiten, sogenannter < Runden > hinauforganisieren wer- 
den. Auf dem physischen Plane wirken sie durch die von ihnen be- 
auftragten <Boten>, deren erster H. P. Blavatsky war, das heiBt fur 
die theosophische Bewegung erster. Eine auBere Organisation oder 
Gesellschaft begrunden die Meister weder, noch stehen sie einer sol- 
chen vor. Die Theosophische Gesellschaft ist zwar von ihren Be- 
grundern (H. P. Blavatsky, Olcott u.a.) ins Leben gerufen, um das 
Werk der Meister auf dem physischen Plan zu fordern, doch haben 
auf die Gesellschaft selbst als solche diese Meister selbst nie einen 
EinfluB genommen. Sie ist nach Wesen und Fiihrung das Werk von 
Menschen rein auf dem physischen Plane. » Siehe den Band «Zur 
Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoteri- 
schen Schule 1904-1914», GA 264, sowie auch die Ausfiihrungen im 
Vortrag vom 22. Oktober 1905 in dem vorliegenden Band. 

Vortrag Berlin, W.Juni 1904 

Textunterlagen: Stenographische Notizen von Franz Seiler und Walter 
Vegelahn sowie langschriftliche Kurznotizen von Marie Steiner-von Sivers. 

33 Schon das letzte Mai habe ich darauf hingedeutet: Am SchluB des Vor- 
trages vom 27. Mai 1904 mit der Bemerkung: «Das nachste Mai 
werde ich eine der bedeutsamsten Erzahlungen durchnehmen, die 
Sie oftmals gehort haben, deren innere Bedeutung aber so unendlich 
tiefist wie kaum etwas anderes: die Geschichte von Kain und Abel.» 



33 das Verhaltnis von Kain und Abel eine Allegorie fur aufierordentlich tiefe 
Geheimnisse: Siehe auch hierzu Blavatskys «Geheimlehre», II Band 
(Seite 131 f.: Der gottliche Hermaphrodit), aber auch Rudolf Steiners 
spatere Vortrage «Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung 
des Menschen fur seine Hiillen - physischen Leib, Atherleib, Astral- 
leib - und sein Selbst?», Bibl.-Nr.145 , GA 1974. 

33 Enoch: Apokryphe Schrift, 

33 Nehmen Sie den ersten Satz imfunften Kapitel des ersten Buck Moses: 
Rudolf Steiner gibt den Satz frei wieder. In der Luther-Ubersetzung 
lauteter: «Dies ist das Buch von des Menschen Geschlecht. Da Gott 
den Menschen schuf, machte er ihn nach dem Gleichnis Gottes; und 
schuf sie einen Mann und ein Weib und segnete sie und hieB ihren 
Namen Mensch zur Zeit, da sie geschaffen wurden. Und Adam war 
hundertunddreiBig Jahre alt und zeugte einen Sohn, der seinem 
Bild ahnlich war und hieB ihn Seth.» - Rudolf Steiner betonte spa- 
ter ofter, daB die Stelle «und schuf sie einen Mann und ein Weib» 
sachgemaB iibersetzt lauten miisse: «und schuf sie mannlich-weib- 
lich». Siehe zum Beispiel «Agyptische My then und Mysterien» 
(8. Vortrag), Bibl.-Nr. 106, GA 1978; oder auch «Die Geheimnisse 
der biblischen Sch6pfungsgeschichte» (11. Vortrag), Bibl.-Nr. 122, 
GA 1976. 

34 Abel heifit auf Griechisch «Pneuma» und auf Deutsch «Geist» und . . . 
hat einen entschieden weiblichen Charakter: Siehe hierzu auch «Das 
Matthaus-Evangelium» (5. Vortrag), Bibl.-Nr. 123, GA 1978. 

37 Das Gehirn wurde mdnnlich...: Diese Passage scheint unklar fest- 
gehalten worden zu sein, man vergleiche hierzu die Ausfiihrungen 
in den Vortragen vom 23. Oktober 1905 und 2. Januar 1906 (in 
diesem Band). 

38 Eine Sunde ist es, wenn «die Gottersohne Gef alien finden an den Tochtern 
der Menschen»: Siehe Hinweis zu Seite 26. 

38 Daraus ging ein Geschlecht hervor, das gewdhnlich in den offentlichen Buchern 
des Alten Testamentes nicht einmal erwahnt, sondern nur angedeutet wird: 
Moses 1, 6,4 lautet in der Ubersetzung Luthers: «Es waren auch zu 
den Zeiten Tyrannen auf Erden; denn da die Kinder Gottes zu den 
Tochtern der Menschen eingingen, und ihnen Kinder zeugeten, 
wurden daraus Gewaltige in der Welt und beruhmte Manner. » 

38 «Rakshasas» ... ahnlich den «Asuras» der Inder: Nach H. P. Blavat- 
skys «Geheimlehre» gibt es in der esoterischen Philosophic des 
Ostens auch fiir dieses Geschlecht der Rakshasas mehrfache Deu- 
tungen. In Band II, Seite 301 der deutschen Ausgabe, werden sie 



Riesendamonen ahnlich den Titanen Griechenlands genannt. In dem 
in der Bibliothek Rudolf Steiners befindlichen Werk des englischen 
Okkultisten C. G. Harrison «Das transzendentale Weltenall», 
1. deutsche Ausgabe 1897, das von Rudolf Steiner fur diese damali- 
gen Vortrage ebenfalls herangezogen wurde, ohne daB dies aus den 
Notizen selber deutlich wird, heiBt es im 5. Vortrag: «Die halb- 
menschlichen Geschopfe, die Nachkommen gefallener Engel, sind 
in den indischen Schriften als die <Asuras> bekannt, werden manch- 
mal < Rakshasas > oder Damonen genannt. » Dies verdeutlicht, daB 
Rudolf Steiner unter «Asuras» in dem Vortrag vom 10. Juni 1904 
andere Krafte versteht als im Vortrag vom 23. Mai 1904. 

Die Wesen der Rakshasas kamen dadurch in einen Zustand der Lahmung 
und Lethargie: Diese Passage lautet in den Notizen von Marie Stei- 
ner- von Sivers: «Die Rakshasas traten in den Zustand der Lahmung 
dadurch, daB ihnen von zwei Seiten entgegengewirkt wurde: der 
alte Chela, der verbunden war mit dem physischen Plan und ein 
reines geistiges Wesen, Christus. Von zwei Seiten wurde also die 
Kraft in Lahmung gehalten. Es entstand etwas Kosmisches. - Jene 
Spannkraft, jene Energie der Lage durfte nicht in die Energie der 
Wirksamkeit hineingeraten - das ist das Christus-Prinzip im Kampfe 
gegen den Antichrist. » 

Bei C. G. Harrison a.a.O. heiBt es hierzu: «Die Asuras sind ihrer 
Natur nach feurig oder dynamisch und ihre Macht zum Bosen war 
furchtbar. Diese wurde fur immer durch die Erscheinung Jesus 
Christus vernichtet und sie werden nun, wie der hi. Judas Thaddaus 
annimmt, <in ewigen Ketten gehalten, bis zum Gerichte des groBen 
Tages >. In wissenschaftlichen Ausdriicken erklart, werden sie im 
Schache gehalten, unfahig sich ruckwarts oder vorwarts zu bewegen, 
zwischen der Erde und der achten Sphare, an dem latenten Punkte, 
auf dem die Anziehung beider auf alien Gebieten die gleiche ist, 
bis zum < groBen Tage> des Zusammentreffens der Achsen, wobei 
sie unwiderstehlich in den Wirbel der letzteren einbezogen werden. 
Dieser Satz des hi. Judas ist in ungliicklicher Weise miBverstanden 
und es ist unterstellt worden, daB er sich auf Lucifer und den ersten 
Fall der Engel beziehe; daraus entstanden die My then Miltons und 
des Mittelalters.» 

Nostradamus: Eigentlich Michel de Notre-Dame (1503-1566). Astro- 
nom und Arzt in Frankreich. Beruhmt durch seine in franzosischen 
Versen verfaBten Prophezeiungen. 

Marie -Antoinette, 1755-1793: Tochter der osterreichischen Kaiserin 
Maria Theresia und seit 1774 Konigin von Frankreich. Sie endete, 
nicht achtend der Warnungen Saint-Germains, auf dem Schafott. 



40 Sie wissen, dafi Jesus Christus nach dem Tode noch zehn Jahre auf der Erde 
geblieben ist: Rudolf Steiner setzte hier voraus die Kenntnis der 
Publikationen des englischen Theosophen G. R. S. Mead «Pistis 
Sophia. A gnostic gospel», London 1896; «Fragments of a faith 
forgotten», London and Benares 1900, deutsch «Fragmente eines 
verschollenen Glaubens», Berlin 1902 mit einer Inhaltsangabe 
der «Pistis Sophia», welche mit der Mitteilung beginnt, daB Jesus 
nach seiner Auferstehung elf Jahre lang bei seinen Jiingern geblieben 
sei und sie unterrichtet habe. 

40 Die Pistis Sophia: Titel einer dem Gnostiker Valentinus zugeschrie- 
benen Schrift, die durch den Englander Askew (daher auch Codex 
Askewianus) nach England kam und erstmals 1851 in lateinischer 
Ubertragung in Berlin von Petermann veroffentlicht wurde. 1895 
erfolgte die erste franzosische, 1896 durch Mead die erste englische 
und 1905 durch Carl Schmidt die erste deutsche Ubersetzung unter 
dem Titel «Koptisch-gnostische Schriften 1. Band». 

40 Sinnetts «Esoterischer Buddhismus»: «Esoteric Buddhism», 1883, 
deutsch «Die esoterische Lehre oder Geheimbuddhismus», Leipzig 
1884. Siehe hierzu «Die okkulte Bewegung im 19. Jahrhundert und 
ihre Beziehung zur Weltkultur», Bibl.-Nr. 254, GA 1969. 

40 Druidenpriester ... «Nebelheim» ... «Riese Ymir» : Siehe hierzu die 
Notizen vom Vortrag 30. September 1904 (in diesem Band) sowie 
«Grundelemente der Esoterik» (1. und 31. Vortrag), Bibl.-Nr. 93a, 
GA 1976. 

41 Reinkarnation . . . weil man die Menschen so recht herunterziehen wollte in 
Kama-Manas: Siehe hierzu «Grundelemente der Esoterik» (23. Vor- 
trag), Bibl.-Nr. 93a, GA 1976. 



Vortrag Berlin, 30. September 1904 (Notizen) 

Textunterlagen: Es liegen lediglich die kurzen Notizen von Marie Steiner- 
von Sivers vor. Die beiden in eckige Klammern gesetzten Satze auf Seite 
44 sind in den Originalnotizen stark korrumpiert und vom Herausgeber 
redigiert worden. 

Zur Erganzung werden auf Seite 358 ff. die Darstellungen iiber die Druiden 
und die skandinavischen Mysterien aus Charles William Heckethorn «Ge- 
heime Gesellschaften, Geheimbunde und Geheimlehren», deutsche Ausgabe 
Leipzig 1900, angefuhrt. Das Buch gehort zur Bibliothek Rudolf Steiners, 
ist mit Anstreichungen von seiner Hand versehen und wurde offensichtlich 
fiir diesen und andere Vortrage dieses Bandes benutzt. 



Vortrag Berlin, 7. Oktober 1904 



Textunterlagen: Stenographische Notizen von Franz Seiler sowie langschrift- 
liche Notizen von Marie Steiner-von Sivers. 

Zur Prometheussage hat sich Rudolf Steiner auch spater noch geauBert. 
Zum Beispiel in «Agyptische My then und Mysterien» (10. Vortrag), 
Bibl.-Nr. 106 , GA 1978; in «Der irdische und der kosmische Mensch» 
(7. Vortrag), Bibl.-Nr. 133, GA 1964; in «Gegenwartiges und Vergange- 
nes im Menschengeiste» (Vortrag vom 18. April 1916), Bibl.-Nr. 167, GA 
1962; in «Metamorphosen des Seelenlebens» (Vortrag vom 21. Oktober 
1909), Bibl.-Nr. 59, GA 1971. 

Auf den Vortrag iiber die Prometheus sage folgten noch die Vortrage 
iiber die Argonautensage und die Odyssee, Die Siegfriedsage und der 
Trojanische Krieg, abgedruckt in «Esoterik und Weltgeschichte in der 
griechischen und germanischen Mythologie», Dornach 1955. Sie erscheinen 
innerhalb der Gesamtausgabe in anderem Zusammenhang. 

47 meine verschiedenen Freitagsvortrage: Im Jahre 1904 sprach Rudolf 
Steiner auBer an den fortlaufenden Zweigabenden, die montags 
stattfanden, jeweils noch freitags vor einem sehr kleinen Kreis, der 
sich in der Wohnung von Fraulein Klara Motzkus in der Schliiter- 
straBe versammelte. Das Hauptthema waren Mythen und Sagen. 
Nicht von alien Vortragen, die dort gehalten worden sind, haben 
sich Nachschriften erhalten, hochstens sehr mangelhafte Notizen. Die 
Vortrage dieses vorliegenden Bandes vom Jahre 1904 - mit Aus- 
nahme des ersten vom 23. Mai 1904 - sind alle in diesem Freitags- 
kreis gehalten worden; die Vortrage vom Jahre 1905/06 wurden 
im Montagskreis des offiziellen Berliner Zweiges gehalten; die Ok- 
tobervortrage 1905 vor dem Generalversammlungspublikum der 
deutschen Sektion. 

50 Manu: Der Name kommt von der Sanskritwurzel «man» = denken. 
In der indisch-theosophischen Terminologie werden damit hohe gei- 
stige Wesen bezeichnet, denen die Bildung neuer Rassen obliegt. 
liber den Manu der fiinften Wurzelrasse oder des nachatlantischen 
Zeitraums siehe Rudolf Steiners Werke «Aus der Akasha-Chronik», 
Bibl.-Nr. 11, GA 1973; «Die Geheimwissenschaft im UmriB», Bibl.- 
Nr. 13, GA 1977; «Das Prinzip der spirituellen Okonomie im Zu- 
sammenhang mit Wiederverk6rperungsfragen», Bibl.-Nr. 109/111, 
GA 1979. 

51 Das Bewufitsein davon, dafi die Menschheit der fiinften Rasse unter dem 
Zeichen des Feuers stent, das driickt sich zunachst in der Prometheussage 
aus: In Blavatskys «Geheimlehre» (3. Band, «Esoterik», Seite 330 



der deutschen Ausgabe) wird darauf hingewiesen, daB Prometheus 
ein Symbol und eine Personifikation der gesamten Menschheit ist 
in bezug «auf ein Ereignis, das wahrend ihrer Kindheit stattfand - 
die < Feuertaufe > sozusagen -, das ein Mysterium innerhalb des gro- 
Ben prometheischen Mysteriums ist, das gegenwartig nur in seinen 
breiten allgemeinen Ziigen erwahnt werden kann.» 

52 Scott Elliots Broschiire iiber die Atlantis: «Atlantis», Leipzig o.J. 
Vgl. auch Rudolf Steiner iiber die atlantischen Vorfahren in «Aus 
der Akasha-Chronik», Bibl.-Nr.ll, GA 1973. 

56 Adam Kadmon: Vgl. hierzu den Vortrag Oxford, 22. August 1922 
in «Das Geheimnis der Trinitat», Bibl.-Nr. 214, GA 1970. 

57 Zu dem Abschnitt: So stellen uns die Sagen ... [Esfolgen einige unklare 
Satze]: Diese Satze lauten: «Jede Sage verandert sich. Sie kommt 
aus dem Uraltesten und verandert sich an einer ganz bestimmten 
Stelle. Die gibt es in jeder Sage, auch die, wo sie wieder wortlich 
zu nehmen ist.» 



Vortrag Berlin, 4. November 1904 

Textunterlagen: Notizen von Mathilde Scholl sowie langschriftliche Notizen 
von Marie Steiner-von Sivers. 

58 Im Beginne des 15Jahrhunderts: In den Nachschriften heiBt es «14.» 
Jahrhunderts. Rudolf Steiner zahlte gelegentlich die Jahrhunderte 
in der Art, wie sie die Italiener zahlen: Quattrocento = 15. Jahrhun- 
dert. In einer handschriftlichen Niederschrift von 1907 dagegen 
heiBt es: «Christian Rosenkreutz ging in der ersten Halfte des 15. 
Jahrhunderts... » Vgl. «Briefwechsel und Dokumente 1901-1925», 
Bibl.-Nr. 262, GA 1967. 

58 Christian Rosenkreutz: Eine von der auBeren Geschichte nicht als 
historisch angesehene Personlichkeit des 14. /15. Jahrhunderts, legen- 
dar bekannt aus zwei anonymen Rosenkreuzerschriften «Fama Fra- 
ternitatis oder Entdeckung der Bruderschaft des Hochloblichen 
Ordens des R. C», Kassel 1614, und «Confessio Fraternitatis oder 
Bekandtnus der loblichen Bruderschaft des hochgeehrten Rosen 
Creutzes», Kassel 1615, und nach diesen ein Deutscher adeliger 
Abkunft, der von 1378 bis 1484 lebte. Der Name tritt erstmals auf 
in der 1604 verfaBten und handschriftlich verbreiteten, 1616 anonym 
erschienenen Schrift «Chymische Hochzeit: Christiani Rosenkreutz. 
Anno 1459», deren Verfasser Johann Valentin Andreae von Rudolf 



Steiner als Inspirationstrager des Christian Rosenkreutz dargestellt 
wird. Siehe Rudolf Steiner, Die Chymische Hochzeit des Christian 
Rosenkreutz in «Philosophie und Anthroposophie, Gesammelte 
Aufsatze 1904-1918», Bibl.-Nr. 35, GA 1965. Der Aufsatz ist auch 
enthalten in der Ubertragung der Chymischen Hochzeit ins Neu- 
deutsche von Walter Weber, Basel 1978. Nach Rudolf Steiner 
war Christian Rosenkreutz eine wirklich historische Personlichkeit. 
Vgl. hierzu auch «Das esoterische Christentum und die geistige Fiih- 
rung der Menschheit», Bibl.-Nr. 130, GA 1977. 

Seit seiner ersten Begrundung im Anfang des 15Jahrhunderts ist dieser 
Mythos vielfach in Bruderschaften erzahlt und interpretiert worden: Es ist 
hervorhebenswert, daB Rudolf Steiner hier den Ursprung der Tem- 
pellegende auf Christian Rosenkreutz im 14./15. Jahrhundert zuriick- 
fiihrt. liber die Wege, auf denen die Legende vom Rosenkreuzer- 
tum her in die Freimaurerei Eingang gefunden hat, hat er sich je- 
doch nicht geauBert. In der Freimaurerei selber ist der Ursprung 
der Legende ungeklart. Allgemein wird angenommen, daB sie im 
18. Jahrhundert entstanden sei, weil sie damals zum erstenmal lite- 
rarisch in Erscheinung trat. Wenn auch vermutet wird, daB sie schon 
friiher zum Gedankengut der Maurerei gehort habe, so ist dies je- 
doch dokumentarisch nicht nachweisbar. Als literarische Wiedergabe 
der Tempellegende diente Rudolf Steiner offensichtlich auch hier die 
Fassung bei Heckethorn, «Geheime Gesellschaften, Geheimbunde 
und Geheimlehren», Leipzig 1900. Siehe den Text auf Seite 363f. 

Vor der Franzosischen Revolution erschien bei einer Hofdame der Konigin 
Marie-Antoinette, der Madame dAdhemar, eine Personlichkeit ... der 
Graf von Saint-Germain: Als historische Quelle hierfur gelten die 
1836 in Paris erschienenen « Souvenirs sur Marie-Antoinette, Archi- 
duchesse d'Autriche, Reine de France, et sur la cour de Versailles 
par Madame la Comtesse d'Adhemar, Dame du Palais», die damals 
von dem Schriftsteller Etienne-Leon, Baron de Lamothe-Langon 
veroffentlicht wurden. Rund 50 Jahre spater wurden durch H. P. 
Blavatsky und deren Freunde diese Erinnerungen der Vergessenheit 
entrissen. Eines der mehr als seltenen Exemplare der Erinnerungen 
fand sich in der Bibliothek einer Tante von H. P. Blavatsky in 
Odessa. Henry Steel Olcott, der 1875 mit Blavatsky die Theoso- 
phische Gesellschaft gegrundet hatte, schrieb in seinen 1895 erschie- 
nenen «01d diary leaves - the true story of the Theosophical So- 
ciety^ Band I, Seite 241: «If Mme. de Fadeef - H. P. B's aunt - 
could only be induced to translate and publish certain documents 
in her famous library, the world would have a nearer approach to 
a true history of the Pre-revolutionary European mission of this 
Eastern Adept than has until now been available. » 



Die englische Theosophin Isabella Cooper-Oakley veroffentlichte 
einige Jahre spater einen ersten Auszug, dessen deutsche Uberset- 
zung in der Zeitschrift «Die Gnosis» (l.Jahrg. Nr. 20 vom 15. De- 
zember 1903) erschienen ist. (Siehe den letzten Hinweis zu Seite 107, 
Vortrag 16. Dezember 1904.) In ihrem 1912 herausgegebenen Buch 
«The Comte of Saint- Germain - The secret of Kings» erschienen 
alle den Grafen von Saint- Germain behandelnden Teile aus den 
Souvenirs der Madame d'Adhemar. In deutscher Ubersetzung fin- 
den sich die wesentlichsten Teile in Karl Heyer, «Aus dem Jahr- 
hundert der Franzosischen Revolution», Manuskriptvervielfaltigung 
KreBbronn 1937. 2. Auflage 1956. 

64 Graf von Saint-Germain ... Christian Rosenkreutz: Die geistige Iden- 
titat dieser beiden Gestalten ist ein Forschungsergebnis Rudolf 
Steiners. Es findet sich auBerdem dargestellt im Vortrag Neuchatel, 
27. September 1911 in «Das esoterische Christentum und die geistige 
Fiihrung der Menschheit», Bibl.-Nr. 130, GA 1977. 

65 Wer Wind sat, wird Sturm ernten. Dies hatte er schon damals gesagt, bevor 
es dann von Hosea gesagt und aufgeschrieben wurde: Hosea 8,7. Siehe 
auch den Hinweis zu Seite 107. 

65 Kreuze des Weltenleibes: Siehe den Hinweis zu Seite 149. 



Vortrag Berlin, 11. November 1904 

Textunterlagen: Neu uberpriifte stenographische Notizen von Franz Seiler; 
Notizen von Mathilde Scholl; langschriftliche Notizen von Marie Steiner- 
von Sivers. 

Zum Text: Aus alien Unterlagen geht deutlich hervor, daB es sich um eine 
gekiirzte Wiedergabe handelt. Der SchluB des Vortrages ist von alien nur 
noch ganz fragmentarisch festgehalten. Auf einer handschriftlichen Ab- 
schrift der Scholischen Notizen findet sich die Bemerkung, daB der Inhalt 
spater zum 3. Grad der symbolisch-kultischen Abteilung gehorte. Der be- 
sondere Wert dieser Notizen liegt heute darin, daB sie im Gesamtwerk die 
einzige eingehendere Darstellung des Manichaismus bedeuten. Als litera- 
rische Quelle benutzte Rudolf Steiner das in seiner Bibliothek befindliche 
und von ihm im Juli 1903 in seiner Zeitschrift «Luzifer» (vgl. Hinweis zu 
Seite 68) als bedeutsam besprochene Werk von Eugen Heinrich Schmitt, 
«Die Gnosis - Grundlagen der Weltanschauung einer edleren Kultur», 
l.Band Leipzig 1903. In dem Kapitel iiber den Manichaismus hat sich 
Rudolf Steiner die fiir seinen Vortrag beniitzten Stellen angestrichen. Der 
Vortrag wurde in dem gleichen Jahr gehalten, in dem die ersten mani- 
chaischen Originalhandschriftenreste aus Turfan veroffentlicht wurden. 



68 Faust-Problem: Siehe «Goethes Geistesart in ihrer Offenbarung 
durch seinen Faust und durch das Marchen von der Schlange und 
der Lilie», Bibl.-Nr. 22, GA 1979; sowie «Geisteswissenschaftliche 
Erlauterungen zu Goethes Faust», Bandl und II (insbesondere 
Vortrag vom 3. November 1917 in Band II iiber Faust und das 
Bose), Bibl.-Nrn. 272 und 273, GA 1967. 

68 erstes Heft des «Luzifer» . . . «Luzifer»-Aufsatz: Die erste Nummer 
des von Rudolf Steiner herausgegebenen «Luzifer», Zeitschrift fiir 
Seelenleben und Geisteskultur, Theosophie, mit dem ErofFnungs- 
artikel «Luzifer» erschien im Juni 1903. Innerhalb der Gesamtaus- 
gabe enthalten in «Luzifer-Gnosis. Grundlegende Aufsatze zur 
Anthroposophie und Berichte aus der Zeitschrift < Luzifer > und 
<Luzifer-Gnosis> 1903-1908», Bibl.-Nr. 34, GA 1960. 

68 Augustinus: Der groBe lateinische Kirchenvater Augustinus (354- 
430 n. Chr.) war seinem eigenen Bekenntnis gemaB vor seiner so- 
genannten «Bekehrung» fast neun Jahre Anhanger der Manichaer. 
Siehe auch Vortrag Dornach, 26. Dezember 1914 in «Okkultes 
Lesen und okkultes H6ren», Bibl.-Nr. 156, GA 1967. 

68 Persdnlichkeit, die sich selbst als Mani bezeichnete und etwa im 3Jahr- 
hundert lebte: Ursprunglich soil Mani «Corbicius» geheiBen haben. 
Er gab sich den Namen «Mani», der nach Eugen Heinrich Schmitt 
(siehe oben unter «Zum Text») soviel bedeutet wie «ein Aon der 
Mandaer: Mana rabba, der ungefahr den Sinn des verheiBenen Tro- 
sters, des Paraklet hat». Manis Lebensdaten werden allgemein auf 
215 oder 216 bis 276 oder 277 n.Chr. festgelegt. 

69. die mittelalterlichen Albigenser, Waldenser und Katharer sind die Fort- 
setzung dieser Geistesstrdmung, zu der auch der . . . Templerorden und eben- 
so ... das Freimaurertum gehdren: Laut Charles William Heckethorn 
«Geheimgesellschaften, Geheimbunde und Geheimlehren», deutsche 
Ausgabe Leipzig 1900, gelten die im Mittelalter in Europa weitver- 
breiteten Ketzerbewegungen als «SproB des Manichaismus», die 
«ihrerseits die Keime der Templer, der Rosenkreuzer und aller Ver- 
einigungen», die den «Kampf gegen kirchliche oder staatliche 
Unterdruckung» fortsetzten, befruchteten. Uber die Verbindung von 
Manichaismus und Freimaurerei heiBt es bei Heckethorn (S. 410): 
«Die Trager des maurerischen Meistergrades nennen sich die < Kin- 
der der Witwe> ... die Bezeichnung [kniipft] vielleicht an die 
Manichaersekte an, deren Bekenner sich < Sonne der Witwe > nann- 
ten.» 

Nach Joseph Schauberg «Vergleichendes Handbuch der Symbolik 
der Freimaurerei mit besonderer Rucksicht auf die Mythologien und 
Mysterien des Altertums», Band III Seite 368 (in der Bibliothek 



Rudolf Steiners), zeigen fast alle maurerischen Symbole, daB «der 
Glaube und Dienst der alten Bauleute ein orientalischer Lichtglaube 
und Lichtdienst, eine Art Parsismus oder Sabaismus, vielleicht auch 
Manichaismus gewesen sei». 

Der ja noch fur sich zu besprechende Templrorden: Es liegen keinerlei 
Unterlagen vor, wonach das damals in diesem Zusammenhang ge- 
schehen ware. Siehe auch Hinweis zu Seite 145. 

Hier hinein gehort das Freimaurertum eigentlich, trotzdem es sich mit den 
Rosenkreuzern verbunden hat: Der Ursprung der Freimaurerei und ihr 
Zusammenhang mit dem Rosenkreuzertum ist in der freimaureri- 
schen Literatur selbst ein umstrittenes und ungeklartes Thema, 
wahrend es von der eigentliehen Geschichtswissenschaft bisher kaum 
angegangen wurde. Erste Versuche von dieser Seite, wenngleich 
ausschlieBlich vom rationellen und aspirituellen Gesichtspunkt sind 
die Schrift von Hans Schick «Das altere Rosenkreuzertum — Ein 
Beitrag zur Entstehungsgeschichte der Freimaurerei», 1942, und die 
Schrift von Frances A. Yates «Aufklarung im Zeichen des Rosenkreu- 
zes», deutsche Ausgabe Stuttgart 1975. 

Die aufiere Geschichte, die uns von Mani erzahlt wird, ist hochst einfach: 
An diesem Punkt durften die Ausfiihrungen Rudolf Steiners beson- 
ders mangelhaft notiert worden sein. Er basiert hier auf einer Le- 
gende, die er spater in einem internen Vortrag (nach Notizen ohne 
Ort und Datum) noch einmal erzahlte: In den genannten Notizen 
ist der Wortlaut wie folgt festgehalten: «Im dritten nachchristlichen 
Jahrhundert trat zunachst in Babylonien auf Mani oder Manes, der 
Begrunder des Manichaismus. Eine eigentumliche Legende erzahlt 
iiber ihn das folgende: Skythianos und Therebinthus oder Buddha 
waren seine Vorganger. Der letztere war der Schuler des Erstge- 
nannten. Nach dem gewaltsamen Tode des Skythianos flieht er mit 
dessen Buchern nach Babylonien. Auch ihm ergeht es schlecht; nur 
eine alte Witwe nimmt seine Lehre an. Sie erbt seine Biicher und 
hinterlaBt diese ihrem Pflegesohn, der im Alter von zwolf Jahren 
steht und den sie als siebenjahrigen Sklavenknaben an Kindesstatt 
angenommen hat. Dieser, der auch wiederum ein < Sohn der Witwe > 
genannt werden kann, tritt mit 24 Jahren auf als Manes, der Be- 
grunder des Manichaismus. » 

Ausfiihrlich behandelt und quellenmaBig belegt findet sich diese 
Legende in dem Werk von D. Chwolson «Die Ssabier und der 
Ssabismus», Band I, Petersburg und Leipzig 1856, Seite 130 ff. (Der 
ausfuhrliche Quellenapparat wird im folgenden jedoch nicht zitiert.) 

«Nachdem es nun festgestellt ist, daB der Manichaismus aus dem 
Mendai'smus hervorgegangen ist, wollen wir versuchen eine andere 
von den Kirchenvatern in bezug auf Mani aufbewahrte Nachricht 
zu beleuchten. Nach Epiphanius, Cyrillus Hierosolymitanus, Socrates 



und dem Verfasser der Acta Disputationis S. Archelai namlich, mit 
denen Theodoretus, Suidas und Cedrenus zum Teil iibereinstimmen, 
war Mani nicht der eigentliche Griinder des Manichaismus, sondern 
er hatte seine Vorlaufer in der Person eines gewissen Scythianus und 
in dessen Schuler Terebinthus, der sich nachher Buddha nannte. Ein 
jeder, heiBt es ferner, welcher sich von der Irrlehre Manis lossagen 
wollte, muBte zugleich Zarades (Zoroaster), Buddha und Scythianus 
abschworen. Letzterer war nach den Actis ein Scythe aus Scythien - 
weshalb er wohl auch jenen Namen fiihrte; sein eigentlicher Name 
war also nicht Scythianus -, sei zur Zeit der Apostel aufgetreten und 
habe die Lehre von den zwei Prinzipien zu verbreiten angefangen. 
Er soil seiner Herkunft nach, heiBt es endlich, ein Saracene gewesen 
sein und habe eine Frau aus der oberen Thebais geheiratet, derent- 
wegen er sich in Agypten niederlieB, wo er mit der Weisheit der 
Agypter bekannt wurde. Ungefahr dasselbe berichten auch Epipha- 
nius, Socrates und Cyrillus Hierosolymitanus. Nur bemerkt ersterer, 
daB er aus der Gegend der Saracenen herstamme, in Arabien erzogen 
wurde und Reisen nach Indien und Agypten gemacht hatte, und 
letzterer sagt von ihm ausdrucklich, daB er mit Juden- und Christen- 
tum nichts gemein hatte. Er selbst oder sein Schuler Terebinthus 
habe vier Schriften verfaBt, welche letzterer nach seiner Auswande- 
rung nach Babylon, bei seinem Tode an eine Witwe vererbt hatte. 
Mani, der Sklave dieser Witwe war, sei durch dieselbe in Besitz jener 
Schriften gekommen, deren Lehren er dann fiir die seinigen ausgab. 
Theodoretus, Suidas und Cedrenus berichten von Terebinthus und 
Mani dasselbe, nur identifizieren sie letzteren mit Scythianus; Theo- 
doretus bemerkt sogar, daB Mani deshalb auch Scythianus genannt 
wurde, weil er Sklave war, und Suidas und Cedrenus sagen von 
ihm, daB er seiner Herkunft nach ein Brachmane war. Baur meint, 
daB diese beiden Vorlaufer des Mani, Scythianus und Terebinthus- 
Buddha, <unmoglich) fiir historische Personen gehalten werden kon- 
nen: <schon der auffallende Anachronismus, den Scythianus in das 
Zeitalter der Apostel zu setzen, und doch schon kurz nachher seinen 
Nachfolger Manes auftreten zu lassen, muB uns die historische Wahr- 
heit der Erzahlung sehr verdachtig machenx Dies ist aber eine durch- 
aus unrichtige Voraussetzung. Das Zeitalter der Apostel reicht bis 
Traiari, der 117 starb, denn erst unter der Regierung desselben starb 
nach Eusebius der Evangelist Johannes; wenn es also heiBt, daB 
Scythianus im Zeitalter der Apostel aufgetreten ist, so sind damit 
nur die letzten Lebensjahre des erwahnten Apostels gemeint. Als 
Beweis dafiir kann eine Stelle aus Suidas dienen, wo es heiBt: der 
Kaiser Nerva (regierte seit 97 1 Jahr und 4 Monate) habe den Evan- 
gelisten Johannes aus seinem Verbannungsort Patmus zuruckgerufen 
und nach Ephesus zuruckgefuhrt; damals, fiigt Suidas hinzu, ist 
das Dogma der Manichaer zum Vorschein gekommen, indem Manes 
seine Haresis offentlich vortrug. Letztere Nachricht beruht aber 
sicher auf einer Verwechslung; denn an einer andern Stelle sagt 
Suidas selbst, daB Manes zur Zeit des Kaisers Aurelian (reg. von 
271-275) aufgetreten sei. Suidas hat aber ohne Zweifel in seiner 
Quelle gefunden, daB Scythianus zur Zeit des Nerva seine dualisti- 



sche Lehre verkiindigt hat, und da er wie oben bemerkt wurde, 
Scythianus mit Manes irrtiimlicherweise identifiziert, so hat er letz- 
tern statt des erstern substituiert. Scythianus trat also demnach mit 
seiner Lehre zur Zeit des Nerva, d.h. im Jahre 97, auf. Sein Schil- 
ler Terebinthus-Buddha kann also bis 170 oder 180 und sogar lan- 
ger gelebt haben. Mani aber scheint um 190 geboren zu sein. En- 
Nedim teilt namlich nach Mohammed ben Is'haq Sahrmani, der uns 
sonst weiter unbekannt ist, die Nachricht mit, daB Mani vor Scha- 
biir ben Ardsir (also Sapores I.) im zweiten Regierungsjahre des 
romischen Kaisers (Trebonianus) Gallus (trat seine Regierung im 
November 251 an) und zwar, wie en-Nedim nach der Aussage der 
Manichaer hinzufiigt, am 1. April, also im April des Jahres 253, 
aufgetreten sei. Da aber Mani nach en-Nedim, bevor er vor Schabur 
auftrat, vierzig Jahre lang im Lande herumgestreift ist und Anhan- 
ger geworben hat und da er, wie oben mitgeteilt wurde, in seinem 
vierundzwanzigsten Lebensjahre mit seiner Lehre aufgetreten ist, so 
folgt daraus, daB seine Geburt um das Jahr 190 p.Chr. zu setzen ist. 
Nach den Berichten der oben erwahnten Kirchenvater trat Mani 
nicht in unmittelbare Beruhrung mit Terebinthus, sondern er kam als 
siebenjahriger Knabe in das Haus der Witwe, in deren Handen die 
Schriften des damals schon verstorbenen Terebinthus sich befanden. 
Die Chronologie stimmt also demnach sehr gut und Scythianus und 
Terebinthus-Buddha konnten also wohl alle beide historische Per- 
sonen sein; nur vermutet Baur aus Grunden, die vieles fiir sich 
haben, daB diese beiden identisch sind, was wohl sein konnte, da 
Mani, wie bemerkt, mit keinem von beiden in unmittelbare Beruh- 
rung kam. Nun bleiben aber die Fragen zu beantworten: wer war 
Scythianus? und woher hat er seine dualistischen Lehren empfan- 
gen? Die Acta sagen ausdrucklich, daB er ein Scythe aus Scythien 
war und dennoch wird er allgemein Saracenus genannt. Wir erklaren 
uns diesen Widerspruch auf folgende Weise: er stammte aus irgend- 
einer nordostlichen Gegend Parthiens, die in spaterer Zeit mit dem 
generellen Namen Scythien bezeichnet wurde, und ist nachher nach 
Vorderasien, und zwar nach dem siidlichen Mesopotamien und nach 
dem nordostlichen Arabien ausgewandert (woher der Name Sara- 
cenus herkommt), wo er zur Zeit des Nerva mit seiner dualistischen 
Lehre auftrat und so ein Vorlaufer Manis wurde. Auf eine ahnliche 
Weise hat sich auch Baur ausgesprochen. El'hasai'h oder Elchasai' 
oder Elkesai', der Stifter der Sekte der Babylonischen Ssabier des 
Corans oder der Mendai'ten stammte gleichfalls aus dem nordost- 
lichen Parthien, ist in derselben Gegend und genau zu derselben 
Zeit mit seinem Dualismus aufgetreten, wo der sogenannte Scythia- 
nus dieselbe Lehre verkiindigt hat, und war ebenfalls, wie oben be- 
wiesen wurde, in gewisser Hinsicht Vorlaufer des Mani. Liegt hier 
nicht die Vermutung auf der Hand, daB der nach seinem Vaterlande 
so benannte Scythianus mit dem El'hasai'h des en-Nedim, Elchasai' 
des Pseudorigines und Elkesai' des Epiphanius und Theodoretus 
identisch ist? 

Nach dem Gesagten ist der EinfluB des Parsismus auf den Men- 
dai'smus auBer allem Zweifel, was schon von Lorsbach vermutet 



wurde. Baur will in den Nachrichten iiber Scythianus und Tere- 
binthus-Buddha, die er, wie bemerkt, beide identifiziert und deren 
historische Existenz er leugnet, ferner in der oben erwahnten Ab- 
schworungsformel der zur Kirche sich bekehrenden Manichaer, bei 
der dieselben sich unter andern auch von Buddha lossagen muBten, 
und in vielen andern Punkten Andeutungen iiber das Vordringen 
des Buddhismus und iiber den EinfluB desselben auf den Manichais- 
mus finden. Ein so fruhzeitiger EinfluB des Buddhismus in Vorderasien 
ist allerdings moglich; denn en-Nedim sagt ausdrucklich, daB der 
Buddhismus schon vor Mani auch in Transoxiana eingedrungen ist. 
Weber findet es sogar < hochst wahrscheinlich, daB die buddhistischen 
Missionare, von ihrem frischen Religionseifer getrieben, sich zu die- 
ser Zeit (der griechischen Herrschaft in Indien) auch schon iiber die 
weiteren westlichen iranischen Lander verbreitet haben >. Weber 
fiigt jedoch hinzu, daB eigentliche Data hieruber fehlen. An einer 
andern Stelle bemerkt er <der bedeutende EinfluB, den der Buddhis- 
mus auf die Lehre des Mani ausgeiibt hat, ist leicht erklarlich durch 
die hohe Bliite desselben unter den Yueitchi-Fiirsten (Indoscythen), 
deren Herrschaft sich ja zeitweilig auch iiber einen groBen Teil der 
ostlichen iranischen Provinzen erstreckte). Wir glauben auch, daB 
die Nachrichten des Mas'udi von den Reisen des Biidasp (Buddha) 
nach Seg'estan, Zabulistan und Kerman auf eine friihzeitige Ver- 
breitung des Buddhismus in Persien hinweisen. Wenn nun dem- 
nach Scythianus, der unserer Ansicht nach eine wohl vielfach be- 
zeugte historische Person ist, Verbreiter buddhistischer Lehren war, 
so muBte man, nach der obigen Auseinandersetzung, bei den Men- 
dai'ten auch buddhistische Elemente suchen und buddhistischen Ein- 
fluB wahrnehmen. Vielleicht riihren die vielfachen Aussagen der 
mohammedanischen Schriftsteller, daB Biidasp, d.h. Buddha, der 
Stifter der Religion der Ssabier war, von einem historisch wirklich 
stattgefundenen EinfluB des Buddhismus auf die Mendai'ten her, die 
doch von den Mohammedanern urspriinglich Ssabier genannt wur- 
den. Man kennt aber bis jetzt weder die genetische Entwicklung 
des Buddhismus, noch die des Mendai'smus hinlanglich, um schon 
jetzt iiber den EinfluB des erstern auf den letztern bestimmte An- 
sichten aufstellen zu konnen und wir wollen daher nur leise Andeu- 
tungen und Winke den kiinftigen Forschern geben, die vielleicht 
die Auffassung des Gegenstandes fordern konnen. » 



Wenn die neuesten Forschungen diese Legende nicht mehr beriick- 
sichtigen, weil sie anderes iiber Manis Herkunft zu berichten haben, 
so wird die Legende doch nicht hinfallig, wenn sie als die Beschrei- 
bung der «geistigen» Herkunft Manis verstanden wird. Vgl. den 
Hinweis zu Seite 72 (Warum sich Mani selbst den <Sohn der 
Witwe > nannte) und Rudolf Steiners Vortrag Munchen, 31. August 
1909, 9. Vortrag in «Der Orient im Lichte des Okzidents. Die Kin- 
der des Luzifer und die Briider Christi», Bibl.-Nr. 113 , GA 1960. 



Mani ... der aufierdem in die Mysterien des Mithradienstes eingeweiht ge- 
wesen war: Nach Franz Cumont «Die Mysterien des Mithra», l.fran- 
zosische Ausgabe 1899, deutsch 1923, S. V und S. 197 war der Mani- 
chaismus der Erbe der Mithramysterien und setzte deren Werk fort. 

Mani bezeichnete sich als Paraklet ... als Heiligen Geist ... als eine In- 
karnation jenes Heiligen Geistes: Siehe hierzu ebenfalls Vortrag Miin- 
chen, 31. August 1909 in «Der Orient im Lichte des Okzidents», 
Bibl.-Nr.113 . 

Augustinus stellte seine katholische Anschauung der manichaischen Lehre 
gegeniiber, die er durch eine Persdnlichkeit vertreten lafit, die er Faustus 
nennt: In der Schrift «Contra Faustum». Uber Faustus vgl. Bruck- 
ner «Faustus von Mileve», Basel 1901, nach dem Faustus als be- 
deutendster Vertreter des Manichaismus im romischen Kulturkreis 
gilt. 

die hegende des Manichaismus ... eine grofie kosmische Legende: Bei Eugen 
Heinrich Schmitt (a. a. O. S. 595) wird die Legende wie folgt wieder- 
gegeben : 

«<Wahrend die Machte der Finsternis in wilder Wut einander ver- 
folgten und auffraBen, gelangten sie einst bis an die Grenze ihres 
Gebietes. Hier erblickten sie einige Strahlen des Lichtreichs und 
wurden von dem herrlichen Anblick so bezaubert, daB sie ihre Zwi- 
stigkeiten untereinander aufzugeben beschlossen, und dariiber berie- 
ten, was zu tun sei, um sich des ihnen zum ersten Male erschienenen 
Gutes zu bemachtigen, von dem sie friiher gar keinen Begriff hatten. 
Ihre Begierde darnach war so groB, daB sie sich, so viel ihrer waren, 
zum Angriffe rusteten.) So schildert den Vorgang Titus von Bostra; 
wesentlich in gleicher Weise Alexander von Lycopolis. <In der Hyle 
(der Materie) sei einmal die Begierde erwacht, an den oberen Ort 
emporzuklimmen; da habe sie voll Verwunderung den gottlichen 
Lichtglanz erblickt und alsbald beschlossen, denselben an sich zu rei- 
Ben.) (Vgl. Gfrorer, Kircheng. I, S. 467.) Uber die Anstalten, die nun 
das bedrohte Lichtreich traf, berichten die Akten des Archelaus. 
(Acta disputationis cum Maneto c.7. Vgl. Ebend.) <Als der Vater 
des Lichtes gewahrte, daB die Finsternis gegen seine heilige Erde 
eindringe, lieB er eine Kraft von sich ausgehen, welche die Mutter 
des Lebens heiBt, diese ihrerseits erzeugte aus sich den Urmenschen, 
der angetan mit den fiinf reinen Elementen: Licht, Feuer, Wind, 
Wasser, Erde wie ein gewappneter Held herabstieg und gegen die 
Finsternis kampfte. > Manes selbst nannte die von Gott ausgehende 
Kraft die allgemeine Seele oder Weltseele. Wir erkennen hier wie- 
der dieselbe Gestalt, die bei Bardesanes und anderen Gnostikern als 
die himmlische Mutter oder als Heiliger Geist erscheint. (Bei Titus 
von Bostra I, 29. Vgl. Baur. Manichaism., S. 51.) 

Bei dem Angriff der Hyle, sagte Alexander von Lycopolis, sei 
Gott uber ihre Bestrafung zu Rate gegangen. Da er aber nichts 



hatte, womit er sie strafen konnte, weil im Hause Gottes nichts 
Boses ist, sandte er eine Kraft aus, diese Seele, gegen die Materie 
und vermischte dieselbe mit der ganzen Materie, auf daB der Tod 
die Materie verzehre durch die Kraft dieser Trennung, dieser inne- 
ren Spaltung und Zerrissenheit also, die das Reich der Stofflichkeit 
durchzog, infolge des Eindringens der gottlichen Kraft. Es erinnert 
das an den Satz Christi: <Ein Reich, welches in sich selbst uneinig 
ist, wird zerstort.) (Luk. 11,17.) Die letztere Darstellungsweise ent- 
halt die tiefere esoterische Bedeutung des Bildes von obigem Kampfe. 
Nicht Gewalt mit Gewalt, nicht Boses mit Bosem kann dieses milde 
Himmelslicht, dessen Moral Christus verkiindete, vergelten. Sein 
Sieg muBte in ganz ariderer Weise erfolgen: in der Gestalt einer stil- 
len Zersetzung, in welcher sein Lichtstoff als Garungshefe gewisser- 
maBen, als Sauerteig, den Teig der Materie durchdringt, wie gleich- 
falls das Evangelium diesen ProzeB des Lichtkampfes in wundersam 
sinniger Weise beschreibt. Die Bilder Manis dnicken ganz dasselbe 
aus, was das Evangelium Christi, nur ausfiihrlicher und in einer 
Vertiefung, die der gereifteren geschichtlichen Lage entspricht. 

Es ist daher auch ganz derselbe Gedanke, der sich ausspricht in 
der weiteren Darstellung des manichaischen Heldengedichtes. Im 
Streit mit den feindlichen Machten vermag der himmlische Held, 
der gleich dem Proteus der griechischen Sage, unter der Hiille der 
verschiedenen Elemente sich verbergend, fortwahrend seine Gestalt 
wechselt, dann doch dem Ansturm der hylischen Machte nicht zu 
widerstehen. Die Damone schlagen ihn nieder und bemachtigen 
sich seiner Waffenrustung, ja sie reiBen viele Teile seiner Lichtnatur 
an sich und er ware vollig in ihre Gewalt geraten, wenn er nicht 
zum Vater, zum Urlicht gefleht hatte. Dieser sendet ihm den Geist 
des Lebens (pneuma zoon) zu Hilfe, der ihm die rettende Rechte 
bietet und ihn aus der Finsternis wieder nach den Hohen des Lichtes 
emporzog. <Daher kommt es, fiigen die Akten des Archelaus bei, 
(cap. 7) daB die Manichaer, wenn sie sich begegnen, sich die rechte 
Hand reichen, zum Zeichen, daB sie aus der Finsternis erlost sind, 
denn im Finstern, sagt Manes, wohnen alle Ketzereien.) Die Stelle 
ist besonders interessant, weil sie offen den Gegenstand jenes Bildes 
bezeichnet, die <Ketzerei), das heiBt die kirchliche, satanische Lehre, 
die das Lichtgewand, die auBeren Formen der Christusidee sich an- 
zueignen gewuBt hat, um damit tauschend auch die besseren Gemii- 
ter gefangen zu nehmen. Es sind das die geraubten Lichtteile <des 
Urmenschen), der in der Gewalt der Verworfenheit schmachtenden 
Menschheit, jener Verworfenheit, die durch diesen Raub den Schein 
der Heiligkeit annahm. Es ist das jedoch nur eine Seite der Bedeu- 
tung des Mythus, welcher Naturentwicklung und Geschichte in glei- 
cher Weise umfaBt. Die edelsten Teile des Urmenschen, dessen 
Sonne gleichsam, befestigt der Geist des Lebens nun am Firma- 
mente als Sonne und Mond. Diese sind die Symbole des allerleuch- 
tenden Lichtes und Lebens, des Christus und des Paraklet, wahrend 
die sonstigen Sterne als das zerstreute, das verendlichte Licht, als 
die am Himmel befestigten Damone der Nacht erscheinen. Dieser 
Geist des Lebens erscheint als der die Elemente der Materie bandi- 



gende Geist, als Geist, der ihnen MaB und Grenze setzt. Er fiihrte 
daher auch den Namen Weltbaumeister bei den Manichaern und 
spielt im wesentlichen die Rolle, die der Horos oder Horothathos 
der Grenzpfahlsetzer bei Valentinus spielt. Derjenige Teil des gott- 
lichen Lebens und Lichtes jedoch, der in den Gestaltungen der 
Natur, in der Pflanzen- und Tierwelt und Menschenwelt gefangen 
ist, fiihrt den Namen: der leidende Jesus: Jesus patibilis. Jesus ist 
im Sinne der Manichaer diese gottliche Gestalt nur, wenn er sein 
Leiden nicht bloB engselbstisch in dem Leibe erkennt, den man etwa 
auf dem Berge bei Jerusalem an das Kreuz geheftet hatte, sondern 
er ist der Erloser der Welt nur, indem Er sich selbst, sein gottliches 
Leben in all den leidenden Wesen erkennt, in einer Welt, die seines 
erlosenden Lichtgedankens harrt. Und nichts ist bezeichnender fur 
die Roheit der Grundanschauung der konstantinischen Kirchen, daB 
ihr groBter Vertreter, jener groBe Augustin in diesem Gedanken 
nichts anderes zu sehen sittlich befahigt ist, als eine Schmahung und 
Befleckung und Erniedrigung des gottlichen Lichtes, iiber welche 
die Manichaer zu erroten alle Ursache hatten. Wir haben dagegen 
gesehen, mit welcher Feinheit sich Manichaus der Aufgabe entledigt 
hat, einen Kampf des Gottlichen mit dem Hylischen, dem Bosen, 
dem Gewalttatigen und Damonischen zu versinnlichen und wie 
schon er in seiner Darstellung jene heilige Majestat gewaltloser 
Milde zu wahren und jenem Aufdammern einer edleren Kulturform 
Gestalt zu verleihen gewuBt hat, wovon der rohe Romersinn eines 
Augustinus keine Ahnung hatte. » 

warum sich Mani selbst den «Sohn der Witwe» nannte: Der Manichais- 
musforscher Hans Heinrich Schaeder schreibt in seiner Untersuchung 
iiber «Urform und Fortbildungen des manichaischen Systems» in 
der Sammlung «Vortrage 1924-1925 der Bibliothek Warburg», 
Leipzig-Berlin 1927: «Was <Sohn der Witwe > ist, wissen wir nicht.» 
Rudolf Steiner dagegen erklart den Ausdruck noch eingehender als 
in dem hier in Betracht kommenden Vortrag als eine Mysterien- 
benennung in den Vortragen vom Februar 1913 «Die Mysterien des 
Morgenlandes und des Christentums». Bibl.-Nr. 144, GA 1960. 

meine Schilderung der atlantischen Zeit und . . . der lemurischen Zeit: Die 
Darstellungen in der Zeitschrift «Luzifer». Siehe «Aus der Akasha- 
Chronik», Bibl.-Nr. 11, GA 1973. 

Manu: Siehe Hinweis zu Seite 50. 

Schdne Worte rtihren von dem Mani her: Rudolf Steiner gibt hier frei 
wieder, was Eugen Heinrich Schmitt (a.a.O. Seite 562/563 von 
Rudolf Steiner angestrichen) wie folgt anfiihrt: 

«Es wird daher eine sehr wichtige Probe dafiir sein, daB der Mani- 
chaismus, wie ihn die Eingeweihten verstanden, wie er innere < ge- 
heime > esoterische Lehre war, keine Umformung persischer Volks- 



fabeln, sondern eine auf Geistesanschauung gegriindete, eine echt 
gnostische Lehre war, wenn wir auch nur mit einer Stelle den Nach- 
weis liefern, daB die Manichaer die Quelle der Erkenntnis und die 
Biirgschaft fiir die Wahrheit nicht in einem auBeren Autoritatsglau- 
ben (etwa weil es Mani gesagt), sondern unmittelbar in der Innen- 
anschauung der Seele gesucht haben. Und diese Stelle konnen wir 
in der Tat nachweisen. Mani selbst leitet seinen grundlegenden 
Sendbrief (Epistola fundamenti) mit den folgenden Worten ein: 
<Dies sind Worte des Heiles und der ewigen lebendigen Quelle. 
Wer sie vernimmt und an sie vorerst glaubt, und was sie mitteilen 
bewahrt, wird nimmermehr dem Tode verfallen und ein wahrhaft 
ewiges und herrliches Leben genieBen. Denn in der Tat ist selig zu 
sprechen, dem durch diese gottliche Lehre die Erkenntnis (die Gno- 
sis) 2u Teil ward, durch welche befreit, er in das ewige Leben ein- 
geht. Der Friede des unsichtbaren Gottes und die Kenntnis der Wahr- 
heit wird mit ihren Brudern und Lieblingen sein, die an die himm- 
lischen Gebote ebenso glauben, wie dieselben befolgen. Und zur 
Rechten des Lichtes wird sie euch schauen und euch entziehen alien 
boswilligen Anfallen und alien Fallstricken der Welt; die Sanftmut 
des Heiligen Geistes wird in Wahrheit euren inneren Sinn eroffnen, 
auf daB ihr mit euren eigenen Augen eure Seele sehen werdet. > (Die 
letzteren Worte lauten im lateinischen Texte bei Augustinus De actis 
cum Felixe L. I c.14 Migne Aug. Opp. omnia Tomas VIII. S.530 
folgendermaBen: Pietas vero Spiritus sancti intima vestri pectoris 
adaperiat, ut ipsis oculis videatis vestras animas.)» 

73 Augustinus dagegen ... Ich wiirde die Lehre Christi nicht annehmen: Contra 
epist. Manich. 5. 

73 Der Manichaer Faustus sagt: In Augustinus' Schrift «Contra Fau- 
stum» VI, 8 antwortet Faustus, nachdem Augustinus (nach Johannes 
20, 27,29) diejenigen, die nicht sehen und doch glauben, als die 
Seligeren anpreist: «Wenn du glaubst, daB hiermit gesagt sei, daB 
wir ohne Vernunft und Urteil glauben sollten, so magst du seliger 
sein ohne Vernunft, ich aber werde mich damit begniigen, mit Ver- 
nunfteinsicht selig zu werden.» Zitiert nach Eugen Heinrich Schmitt 
a.a.O. Seite 561, von Rudolf Steiner angestrichen. 

73 Faust-Sage: Vergleiche Herman Grimm «Die Entstehung des Volks- 
buches von Dr. Faust» in «Funfzehn Essays», dritte Folge, Berlin 
1882. 

73 Luther-Sage: Es ist eine bekannte Sage, daB Luther wahrend seines 
Aufenthaltes auf der Wartburg in Thuringen als «Junker J6rg» 
unter dem Schutze Friedrichs des Weisen (1521/22) dem Teufel, der 
ihm erschienen sei, das TintenfaB an den Kopf geworfen habe. 

73 Luther ist der Fortsetzer des autoritativen Prinzips: Martin Luther, 
1483-1546. Der groBe Inaugurator der deutschen Reformation war, 



ehe er das Ordensleben verlieB, Augustinermonch. Siehe Rudolf 
Steiners Vortrage «Luther» und «Luther, der Januskopf» Berlin, 
11. und 18. September 1917 in «Menschliche und menschheitliche 
Entwickelungswahrheiten. Das Karma des Materialismus», Bibl.- 
Nr.176, GA1964. 

74 Das Zusammenklingen von Leben und Form: Uber die Begriffe Leben 
und Form hatte Rudolf Steiner 2ur Zeit dieses Vortrages schon ver- 
schiedentlich gesprochen. Siehe «Ursprung und Ziel des Menschen - 
Grundbegriffe der Geisteswissenschaft» (Vortrage 3. November und 
1. Dezember 1904), Bibl.-Nr. 53, GA 1980; «Grundelemente der 
Esoterik» (27. Vortrag, 30. Oktober 1905), Bibl.-Nr. 93a, GA 1976. 

76 Eine uber das Rosenkreuzertum hiniibergreifende Strdmung des Geistes will 
Mani schaffen: In einer Niederschrift vom Jahre 1907 schreibt Ru- 
dolf Steiner, daB innerhalb der Stromung des Rosenkreuzertums 
als «ein hoherer Grad» die Initiation des Manes angesehen wird, 
die «in der wahren Erkenntnis von der Funktion des B6sen» be- 
steht. Siehe «Briefwechsel und Dokumente 1901-1925», Seite 15, 
Bibl.-Nr. 262, GA 1967. 

77 Was in derfiinften Runde: Unter «Runden» sind zu verstehen die 
sieben Lebensstufen, auch «Reiche» genannt (1., 2., 3. Elementar- 
reich, 4. Mineral-, 5. Pflanzen-, 6. Tier- und 7. Menschenreich), 
durch die eine Planetenentwicklung hindurchgeht. Vgl. hieruber 
«Die Apokalypse des Johannes», Bibl.-Nr. 104, GA 1979. 

77 Nietzsches «Blonde Bestie» : Friedrich Nietzsche (1844-1900) brachte 
zum Beispiel in seiner Schrift «Zur Genealogie der Moral» den Be- 
griff der «Blonden Bestie» auf, der viel Beachtung gefunden hat. 
Aber, so sagt Rudolf Steiner an anderer Stelle (Vortrag Dornach 
6. Oktober. 1917 in «Die spirituellen Hintergrunde der auBeren 
Welt - Der Sturz der Geister der Finsternis», Bibl.-Nr. 177, GA 
1977), «verstanden haben die Menschen wenig davon... Es war 
schon der Teufel, der den Menschen die Versuchung eingegeben 
hat, als Nietzsche- Anhanger selber <Blonde Bestien) zu sein... Aber 
wenn die Menschen auch keine <Blonden Bestien) im Sinne Nietz- 
sches geworden sind - es ist doch schon etwas geworden aus diesen 
die Sozialitat zerstorenden Impulsen des 19. Jahrhunderts in diesem 
20. Jahrhundert.» 

77 achte Sphare: Diesen schwierigen okkulten Begriff hatte Rudolf 
Steiner damals kurz vorher schon erlautert, zum Beispiel am 31. 
Oktober 1904 folgender Art: «In der ersten Halfte der vierten 
Runde erwirbt der Mensch erst die Fahigkeit, seine Sinne zu dem 
Mineralreich in Beziehung zu setzen. In der zweiten Halfte der vier- 



ten Runde erlost er das Mineralreich. Aber ein Teil desselben bleibt 
zuriick, wird ausgeschieden, da es fur den Menschen nicht mehr 
brauchbar ist. Das bildet die achte Sphare, die fiir die Menschen- 
entwickelung nicht mehr brauchbar ist, sondern nur fiir hoherge- 
artete Wesenheiten.» (Aus bisher ungedruckten Notizen.) Im Jahre 
1915 hat Rudolf Steiner noch einmal ausfiihrlich den Begriff der 
«achten Sphare» behandelt. Vgl. «Die okkulte Bewegung im 19. 
Jahrhundert und ihre Beziehung zur Weltkultur», Bibl.-Nr. 254, 
GA 1969. 

78 Jesuitismus und Freimaurerei: TAX diesen nur noch stichwortartigen 
Notizen vgl. die ausfiihrlichen Darstellungen Rudolf Steiners in 
«Heilfaktoren fiir den sozialen Organismus», Bibl.-Nr. 198, GA 
1969. 

78f. So stehen sich ... (Schlufi des Vortrages) : Im Seilerschen Stenogramm 
finden sich nach dem Vortrag noch einige Satze. Es ist nicht er- 
kenntlich, ob es sich dabei um die Antwort auf eine Frage gehan- 
delt hat: «In der 6. Wurzelrasse erscheint der Christus selbst - das 
tausendjahrige Reich, ursprunglich steht der Aon, im Lateinischen 
steht [saeculum] saeculorum. In der 6. Wurzelrasse wird also sowohl 
das Bose als auch das Gute entfaltet sein ... [Liicke]. - Der Keely- 
Motor ist wohl zu friih gekommen. Ein einzelner wird in der 7. Un- 
terrasse so viel Krafte haben, daB er tausende und tausende mit einem 
Schlag zu toten vermag.» Vgl. hierzu den Hinweis zum Vortrag 
vom 2. Januar 1906 (in diesem Band). 



Vortrag Berlin, 2. Dezember 1904 

Textunterlagen: Stenographische Notizen von Franz Seiler sowie langschrift- 
liche Notizen von Marie Steiner-von Sivers. Fiir den Druck wurde das 
Seilersche Originalstenogramm neu uberpruft. 

80 bei Gelegenheit der Besprechung des Rosenkreuzerordens: Im Vortrag 
vom 4. November 1904 (in diesem Band). 

80 was man Geheimnis und Tendenz der Freimaurerei nennt, spricht sich in 
dieser Tempellegende aus: Die Tempellegende bildet den Mittelpunkt 
des Meistergrades (3. Grad) der Freimaurerei. 

83 Ich will Ihnen jetzt das am Aufnahmeritus bei der Johannes maurerei Vor- 
jahren : Hierfur benutzte Rudolf Steiner das mit entsprechenden An- 
streichungen von seiner Hand versehene Werk von Charles Hecke- 
thorn «Geheime Gesellschaften, Geheimbunde und Geheimlehren», 
siehe Hinweis zum Vortrag 30. September 1904. 



86 . Ich werde noch zu sprechen haben iiber den Zusammenhang des Manichdis- 
mus mit den Freimaurern: Es ist nicht bekannt, daB dies noch erfolgte. 

88 In Griechenland nannte man sie Dionysiacs: Nach Heckethorn a.a.O. 
Seite 396 wurden die Architekten- und Ingenieurverbande in Grie- 
chenland «Dionysiacs» genannt. 

88 Vitruv: Vitruvius Pollio, Konigsbaumeister unter Casar und Augu- 
stus, verfaBte zwischen 16 und 13 v.Chr. nach griechischen Quel- 
len und eigener Erfahrung «De architectura» in zehn Biichern. 

88 Wenn Sie im «Luzifer» nachlesen: Rudolf Steiner bezieht sich hier 
auf seine Aufsatze «Aus der Akasha-Chronik», Bibl.-Nr. 11, GA 
1973 (Kap.: Die lemurische Rasse), die damals laufend in der Zeit- 
schrift «Luzifer», spater «Luzifer-Gnosis», erschienen. 

90 Von Beziehungen zum Manichaismus ... [Liicke]: Vgl. Hinweis zu 
Seite 86. 

90 Hochgrade . . . die erst beim vierten Grad beginnen . . . Royal Arch: Der 
Grad vom Royal Arch (= Konigliches Gewolbe) gilt gemafi dem 
Toleranzvertrag vom Jahre 1813 als vierter Grad. Siehe Hinweis zu 
Seite 96 und die Aufzeichnungen «Uber Goethe und sein Verhalt- 
nis zum Rosenkreuzertum» (in diesem Band). 



Vortrag Berlin, 9. Dezember 1904 

Textunterlagen: Stenographische Notizen von Franz Seiler. Fur den Druck 
wurde das Originalstenogramm neu iiberpruft. 

91 ich als Nichtfreimaurer: Rudolf Steiner ging erst zwei Jahre spater 
(1906) eine rein formale Beziehung zur Misraim-Memphis-Maurerei 
ein. Naheres hierzu in dem Dokumentationsband «Zur Geschichte 
und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoteri- 
schen Schule 1904-1914», GA 265. 

91 f. Charta in Koln im Jahre 1535: Nach dem in der Bibliothek Rudolf 
Steiners enthaltenen Werk von Friedrich Heldmann «Die drei alte- 
sten geschichtlichen Denkmaler der teutschen Freymaurerbruder- 
schaft» bildet die Kolner Charta von 1535 - mit den altesten Sta- 
tuten der StraBburger Bauhutte vom Jahre 1459 und ihrer Revi- 
sion vom Jahre 1563 - das alteste Dokument der deutschen Frei- 
maurerei. Von Heckethorn u.a. wird sie jedoch fiir apokryph bzw. 
gefalscht gehalten. 



92 dieser Maurer ist Goethe: Goethe wurde 1780 Mitglied der Loge 
«Amalia» in Weimar. Siehe auch die Ausfiihrungen iiber « Goethe 
und sein Verhaltnis zum Rosenkreuzertum» (in diesem Band). 

92f. zwei Strophen aus dem Freimaurergedicht: Es sind die beiden letzten 
Strophen aus dem Gedicht Goethes «Symbolum». 

93 Royal Arch-Grad: Bei der Schilderung dieses Grades folgt Rudolf 
Steiner wiederum der Darstellung bei Heckethorn. 

93 Zerubabel: Der hochste Wiirdentrager des Royal Arch-Grades. Der 
Name bedeutet soviel wie «Herr des Lichts, Sonne». Er baut den 
Tempel Salomonis wieder auf und stellt daher die wiedererstandene 
Sonne vor. (Heckethorn a.a.O. Seite411.) Der Name Zerubabel 
kniipft vermutlich an den Zerubabel des Alten Testamentes an, weil 
dieser aus dem Geschlecht Davids stammende Fiirst der aus der 
babylonischen Gefangenschaft heimkehrenden Juden den Bau des 
Tempels von Jerusalem zu Ende fiihrte. 

93 Zu dem Satz: Ich erzahle also eigentlich den Idealfall...: Auf diesen 
Satz folgt in der Nachschrift noch der unklare Satz: «Es ist nur eine 
Art Erinnerung, ein Zeichen der Erinnerung daran, aber die Wirkung 
fehlt.» 

94 diesen vierten Grad der Maurerei, der der erste der hdheren Grade ist und 
in manchen Gegenden [ ?] noch einen Begriff gibt von dem, was die Tempel- 
legende wirklich bedeutet: Nach Heckethorn (a.a.O. Seite 399) muB die 
Johannesmaurerei «ohne den Royal Arch-Grad als unvollstandig an- 
gesehen werden, denn in demselben kommt das von Hiram weg- 
geworfene ursprungliche Meisterwort wieder zum Vorschein, wah- 
rend der Meistergrad bloB das von den Entdeckern der Leiche 
Hirams eingefiihrte Ersatzwort kennt». 

95 Es wird namlich die Geschichte der Maurerei in derfolgenden Weise erzahlt. 
Der erste wirkliche Maurer war Adam: Die Freimaurerei «erklart ihren 
Ursprung fiir gleichzeitig mit der Entstehung der Welt, denn das 
Licht war friiher vorhanden als der Mensch, fiir den es erst eine an- 
gemessene Wohnstatte vorbereiten muBte; das Licht aber ist End- 
zweck und Symbol der Freimaurerei. Edward Spratt, ein irischer 
Schriftsteller, stellte in seinem < Konstitutionenbuch fiir irlandische 
Logen> (1751) Adam als den ersten Freimaurer hin, der <auch nach 
seiner Vertreibung aus dem Paradiese groBe Kenntnisse besaB, na- 
mentlich in der Geometrie).» (Heckethorn a.a.O. Seite 394.) 

95 John Theophilus Desaguliers, 1683-1744. Von 1719 ab GroBmeister 
der ersten englischen GroBloge. Desaguliers gilt als die starkste 
Personlichkeit des sogenannten «Revival», der Wiedererweckungs- 



periode der Freimaurerei. Als namhafter Wissenschafter (Schuler 
von Isaac Newton) wird er u.a. zu denen gezahlt, die die Grund- 
lagen der Elektrizitatslehre vorbereiteten. 

96 orientalische Maurerei: Mit orientalischer Maurerei, die auch agyp- 
tische Maurerei genannt wird, ist die Misraim-Memphis-Maurerei 
gemeint. Siehe den Hinweis zu Seite 103. 

96 Auch in Deutschland, wo man in der Memphis-Misraim-Maurerei eine 
Abteilung hat, die in Zusammenhang mit der Maurerei der ganzen Welt 
ist: Rudolf Steiner bezieht sich hier auf die Angabe in der «Histo- 
rischen Ausgabe der Oriflamme» des «Schottischen, Memphis- und 
Misraim-Ritus der Freimaurerei» (1904), Seite 17, wonach damals 
freundschaftliche Beziehungen mit 12 GroBorienten und Supreme 
Grand Conseils des Alten und Angenommenen Schottischen Ritus 
und den Souveranen Sanktuarien von Amerika, Agypten, Ruma- 
nien, Spanien, Kuba, Neapel und Palermo bestanden. In Deutsch- 
land war damals die Memphis- und Misraim-Maurerei als sogenannt 
«irregular» jedoch nicht anerkannt. 

96 durch den Toleranzvertrag vom Jahre 1813 eine Art von Ausgleich entstan- 
den ist zwischen der Johannesmaurerei . . . und der Hochgradmaurerei: In 
der SchluBakte vom 1. Dezember 1813 heiBt es: «Es wird erklart 
und ausgesprochen, daB die reine Alte Maurerei nur aus drei Gra- 
den und nicht mehr besteht, namlich dem des Lehrlings, des Ge- 
sellen und des Meistermaurers, mit EinschluB des hohen Ordens des 
Heiligen Royal Arch. Aber dieser Artikel soil keine Loge oder kein 
Kapitel verbinden, eine Versammlung in irgendeinem der Grade des 
Ritterordens zu halten gemaB den Verfassungen des genannten 
Ordens. » Zitiert nach Heinrich Boos «Geschichte der Freimaure- 
rei», 2. Auflage Aarau 1906, Seite 163, in der Bibliothek Rudolf 
Steiners. 

97 Manifest, welches der Grofiorient des Memphis- und Misraim-Ritus her- 
ausgegeben hat: «Historische Ausgabe der Oriflamme. Der Schottische, 
Memphis- und Misraim-Ritus der Freimaurerei. A.D. 1904, Berlin. » 
Das Manifest wurde von Rudolf Steiner in diesem Vortrag voll- 
standig vorgelesen. 

100 Vitruv: Siehe Hinweis zu Seite 88. 

101 Rede, die der englische Premierminister Balfour gehalten hat: Die am 
17. August 1904 in der British Association gehaltene Rede Balfours 
erschien noch im gleichen Jahr auf deutsch unter dem Titel «Unsere 
heutige Weltanschauung», Leipzig 1904. Zur Zeit des Vortrages war 
sie bereits von Rudolf Steiner in der Novembernummer seiner Zeit- 
schrift «Luzifer-Gnosis» unter der Rubrik «Die Kultur der Gegen- 



wart im Spiegel der Theosophie» besprochen worden. Auch sind 
darin die entsprechenden Stellen von Balfour und von Blavatsky 
einander gegeniibergestellt. Die Besprechung findet sich innerhalb 
der Gesamtausgabe in «Luzifer-Gnosis», Bibl.-Nr. 34, GA 1960. 
Vgl. auch die Hinweise zu Seite 112. 

101 Der Okkultist weifi das seit 1879. Ich betone das, obwohl ich es nicht weiter 
begriinden kann: Spater hat Rudolf Steiner iiber die entscheidende 
Bedeutung des Jahres 1879 ofter ausfiihrlich gesprochen; zum Bei- 
spiel in «Die spirituellen Hintergrunde der auBeren Welt. Der Sturz 
der Geister der Finsternis», Bibl.-Nr. 177, GA 1977. 

102 Okkultistenkongrefi ... zwei Richtungen ... eine linksstehende und eine 
rechtsstehende: Siehe hierzu Rudolf Steiners ausfuhrliche Darstellun- 
gen in «Die okkulte Bewegung im 19. Jahrhundert und ihre Bezie- 
hung zur Weltkultur», Bibl.-Nr. 254, GA 1969. Fur diese Angabe 
benutzte Rudolf Steiner offensichtlich die Publikation des Engen- 
ders C. G. Harrison «Das transzendentale Weltall», deutsch 1897. 



Vortrag Berlin, 16. Dezember 1904 

Textunterlagen: Stenographische Notizen von Franz Seiler und langschrift- 
liche Notizen von Marie Steiner-von Sivers. Fur den Druck wurde das 
Seilersche Originalstenogramm neu uberpruft. 

103 vereinigte Ritus von Memphis und Misraim: Auch orientalische oder 
agyptische Maurerei genannt. Der Memphis-Ritus soil nach der 
Ordenssage das Werk eines Ormus sein, der im Jahre 46 durch 
St. Markus zum Christentum bekehrt wurde. Im 12. Jahrhundert 
sollen die Ritter von Palastina diese maurerische Weisheit nach 
Schottland gebracht und dort eine GroBloge gegrundet haben. Den 
Misraim-Ritus fiihrt die Ordenssage zuriick auf Misraim, einen Sohn 
Harns. Er kam nach Agypten, nahm das Land in Besitz und nannte 
es nach seinem Namen (Misraim oder Mizraim = alter Name fur 
Agypten). Von ihm soil die Lehre von Isis, Osiris, Typhon usw. 
ausgegangen sein. Vgl. Schuster «Die geheimen Gesellschaften, Ver- 
bindungen und Orden» (2. Band, Leipzig 1906, Seite 30/31). Nach 
Heckethorn a.a.O. (Seite 422) wurde die agyptische Maurerei von 
Cagliostro gegrundet. Mit neuen Grundlagen soil sie zu Beginn des 
19. Jahrhunderts von Italien ausgegangen sein, wahrend die Mem- 
phis-Maurerei als Nachahmung des Misraim-Ritus 1839 in Paris be- 
grundet und gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Misraim- 
Ritus vereinigt worden sein soil. Seitdem lautet die Bezeichnung 



«Memphis-Misraim». Fur Deutschland hatte John Yarker (vgl. Hin- 
weis zu Seite 110) als Souveraner General-GroBmeister in und fiir 
GroBbritannien und Irland der Vereinigten Schottischen, Memphis- 
und Misraim-Riten im Jahre 1902 einen GroBorient (GroBloge) ge- 
stiftet. 

104 Der sogenannte Graf Cagliostro: Graf Alexander Cagliostro, angeb- 
lich identisch mit dem Sizilianer Joseph Balsamo - was von Ca- 
gliostro selbst immer auf das Entschiedenste bestritten wurde -, 
gestorben 1795 in den Kerkern des Vatikans, gilt, ebenso wie der 
Graf von Samt- Germain, als eine der umstrittensten Gestalten des 
18. Jahrhunderts. In einem Lebensbericht von Francois Ribadeau 
Dumas «Cagliostro», deutsch Bechtle Verlag Miinchen 1966, wurde 
der Versuch gemacht, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. 
Zum Beispiel wird aus dem Protokoll des Inquisitonsgerichtes zi- 
tiert, daB «es nicht gelungen ist, gegen Cagliostro auch nur einen 
einzigen Zeugen auftreten zu lassen, der Balsamo gekannt hatte». 
Ferner wird angefiihrt als Cagliostros «gelehrter Historiograph» 
Dr. Marc Haven «Le maitre inconnu Cagliostro»: «Niemand hat be- 
wiesen, daB Balsamo und Cagliostro ein- und derselbe ist: weder 
Morande noch Goethe, noch der Kommissar Fontaine, noch der 
ProzeB des hi. Offiziums haben ein Dokument beibringen konnen, 
das jeden Zweifel ausschlieBt.» 

104 das menschliche Leben auf 5527 Jahre zu verlangern: In den Notizen 
von Marie Steiner-von Sivers heiBt es «5530 Jahre» ; bei Heckethorn 
a.a.O. «5557 Jahre» (vgl. den ersten Hinweis zu Seite 110). Nach 
Ribadeau-Dumas (a.a.O. Seite 303) soil Cagliostro eine Anzahl von 
Werken, u.a. «Die Kunst, das Leben zu verlangern», hinterlassen 
haben. Sie sind, abgesehen vom agyptischen Ritual, verschwunden. 
«Wenn sie nicht verbrannt wurden, muBten sie sich im Archiv des 
Vatikans befinden. Hoffen wir, daB die Vatikanbibliothek diese selt- 
samen Dokumente, auf die Cagliostro so oft anspielte und die ihn 
rechtfertigen konnten, im Zuge der neuen Ideen der okumenischen 
Bewegung und der Versohnung mit den < getrennten Brudern > eines 
Tages herausgibt.» 

106 Ich bemerkte schon friiher, dafi die Franzdsische Revolution hervorgegangen 
ist...: Es geschah dies sicherlich im Vortrag vom 4. November 
1904, wenn auch in den Notizen diese Bemerkung nicht festgehalten 
ist. 

106 Mabel Collins «Flita»: Mabel Collins (Pseudonym fiir Mrs. Ken- 
ningdale-Cook), 1851-1927, eine der besten Schriftstellerinnen der 
Theosophischen Gesellschaft. Zum Erscheinen der deutschen Uber- 
setzung des Romans «Flita, Wahre Geschichte einer schwarzen 



Magierin» schrieb Rudolf Steiner eine Besprechung. Siehe «Luzifer- 
Gnosis», Bibl.-Nr. 34, GA 1960. 



107 Bilchern der Grdfin d'Adhemar ... Graf von Saint-Germain: Siehe den 
Hinweis zu Seite 64 (Vortrag vom 4. November 1904). 

107 «Wer Wind sat, der wird Sturm ernten», under setzte hinzu, dafi er dieses 
Wort zwar schon vor vielen Jahrtausenden gesagt habe, und dann habe es 
der Christus wiederholt: Nach den Aufzeichnungen der Madame d'Ad- 
hemar sagte der Graf zu ihr: «Madame, wer Wind sat, erntet Sturme; 
Jesus hat es im Evangelium gesagt, vielleicht nicht vor mir, aber 
schlieBlich bleiben seine Worte geschrieben, man hat nur die meini- 
gen sich zunutze machen konnen.» Zitiert nach Heyer «Aus dem 
Jahrhundert der Franzosischen Revolutions Ausgabe 1956, Seite 97. 
Diese Worte finden sich jedoch nicht im Neuen, sondern nur im 
Alten Testament bei dem Propheten Hosea 8,7: «Denn sie saen 
Wind und werden Ungewitter einernten.» Siehe hierzu die Darstel- 
lungen im Vortrag vom 4. November 1904 (in diesem Band). 

107 In Buchern iiber den Graf Saint-Germain konnen Sie lesen, dafi er 1784 am 
Hofe des Landgrafen von Hessen gestorben ist: Er gilt als am 27. Fe- 
bruar 1784 in Eckernforde gestorben. Als Beleg gilt ein Eintrag im 
Totenregister der St. Nikolaikirche in Eckernforde, wonach er am 
2. Marz 1784 «still beigesetzt» worden sei. 

107 Landgrafvon Hessen: Prinz Karl, 1744-1836, Sohn des regierenden 
Landgrafen Friedrich II., danischer General und Statthalter der 
Herzogtumer Schleswig und Holstein. 1824 erschien seine freimaure- 
rische Schrift «La pierre zodiacale du temple de Denderah», und 
1861 in Kopenhagen, deutsche Ubersetzung Kassel 1866, seine 
1816/17 diktierten «Memoires de mon temps». Der darin enthaltene 
Bericht iiber den Grafen von Saint-Germain, zitiert nach Gustav 
Berthold Volz, «Der Graf von Saint-Germain», 1923, S. 353ff., siehe 
Seite 367ff. in diesem Band. 

107 die Grdfin d'Adhemar erzahlt aber in ihren Memoiren: Siehe Hinweis zu 
Seite 64. 

107 In Wahrheit ist er damals im Jahre 1790 ...in Wien gewesen: Rudolf 
Steiner stutzte sich hier offensichtlich auf einen Aufsatz von Isabella 
Cooper-Oakley in der Zeitschrift «Gnosis», l.Jg., Nr. 20 vom 15. 
Dezember 1903. Die hier in Frage kommende Schilderung lautet: 

«Franz Graffer hinterlieB uns die seltsame Schilderung einer Durch- 
reise Saint-Germains nach Wien. Leider vermag uns die Schilderung 
nicht vollauf zu befriedigen. Graffer gesteht selbst, daB sie lange 
nachher, am 15.Juni 1843, geschrieben wurde. <Ein unwidersteh- 
licher Drang trieb mich>, sagt er, < diese Dinge aufzuzeichnen, und 
die Tatsachen, die ich erzahle, sind niemals irgendwo eingetragen 



worden. > Der aufmerksame Leser wird mehr als eine Liicke in der 
absonderlichen Erzahlung entdecken. Nichtsdestoweniger folgt sie, 
wie sie ist: 

Eines Tages verbreitete sich die Nachricht, daB der ratselhafte 
Graf Saint-Germain in Wien sei. Dieser Name elektrisierte uns; der 
Kreis unserer Adepten bebte: Saint-Germain in Wien! ... Kaum 
hatte sich Rudolf (GrafFer, der Bruder Franz') von dieser iiberra- 
schenden Nachricht erholt, als er auch schon nach seinem Land- 
hauschen in Himberg lauft, wo er seine Papiere hat und sich mit 
einem an den Grafen Saint-Germain gerichteten Empfehlungsschrei- 
ben des genialen Abenteurers Casanova, den er in Amsterdam ge- 
kannt hatte, versieht. 

Er eilt in sein Bureau zuruckzukommen, wo ihm ein Angestell- 
ter sagt: <Vor etwa einer Stunde ist ein Edelmann gekommen, des- 
sen Anblick uns alle betroffen hat. Er sagte franzosisch, wie zu sich 
selbst, ohne unserer zu achten: ,Ich bin im Fedalhofe im Zimmer, 
das Leibniz im Jahre 1713 bewohnte.' Wir wollten sprechen, da war 
er verschwunden. Wir blieben wie versteinert zuruck...> 

In fiinf Minuten zum Fedalhof... Das Leibniz-Zimmer ist leer. 
Niemand weiB, wann der amerikanische Herr nach Hause kommen 
wird. Was das Reisegepack anbelangt, so bemerkt man nur eine 
kleine eiserne Kassette. Es ist Mittagszeit. Aber wer dachte ans Es- 
sen? Irgend etwas veranlaBte Graffer, den Baron Linden zu holen. 
Er findet ihn in der <Ente>. Sie fahren nach der LandstraBe und, 
durch eine dunkle Ahnung bestimmt, lassen sie mit verhangten 
Ziigeln fahren. 

Man offnet das Laboratorium, ein Schrei des Staunens entfahrt 
beiden. Saint-Germain sitzt am Tische und liest in einem Werke von 
Paracelsus. Sie verharren lautlos an der Schwelle. Der geheimnis- 
volle Besucher schlieBt gemachtlich das Buch und erhebt sich lang- 
sam. Die beiden Manner wissen, daB diese Erscheinung niemand 
anderer sein kann, als der <Wundermann>. Die Beschreibung des 
Angestellten war nur ein Schatten der Wirklichkeit. Leuchtender 
Glanz schien den Grafen zu umschlieBen; Wiirde und Erhabenheit 
stromten von ihm aus. Der Graf geht ihnen entgegen, sie treten ein. 
Mit gemessenem Tone, aber ohne Steifheit sagt er franzosisch zu 
Graffer: 

<Sie haben ein Empfehlungsschreiben des Herrn von Seingalt; 
das ist uberflussig. Ich wuBte, daB Sie zu dieser Stunde hier sein 
wiirden. Sie haben noch einen anderen Brief von Briihl. Aber den 
Maler wird man nicht retten konnen, seine Lunge ist zerstort, er 
wird am 8. Juli 1805 sterben.) ... 

Am Schlusse des Gespraches erstarrte Saint-Germain durch einige 
Sekunden hindurch zur Statue; seine unsaglich ausdrucksvollen 
Augen wurden farblos und erloschen. Alsbald belebte sich sein gan- 
zes Wesen. Er machte ein Zeichen mit der Hand, als wollte er sein 
Gehen anzeigen und sagte: <Ich reise morgen abends. Man benotigt 
mich dringend in Konstantinopel. Dann gehe ich nach England, um 
zwei Erfindungen vorzubereiten, die Ihr nachstes Jahrhundert haben 
sollt (Eisenbahn und Dampfschiffe). Sie werden notwendig werden. 



Die Jahreszeiten werden sich allmahlich andern, erst der Friihling, 
dann der Sommer. Das ist das stufenweise Fortschreiten des Still- 
standes der Zeiten, die Verkiindigung des Zyklusendes. Ich sehe all 
das. Die Astronomen und die Meteorologen verstehen davon nichts, 
glauben Sie es mir; man muB, wie ich, in den Pyramiden studiert 
haben. Ich werde gegen das Ende des Jahrhunderts aus Europa ver- 
schwinden und mich in die Regionen des Himalaja begeben. Ich 
werde mich ausruhen, ich muB ruhen. Man wird mich in 85* Jah- 
ren Tag fur Tag sehen. Lebt wohl, ich liebe Euch.> Nach diesen 
feierlich gesprochenen Worten machte der Graf noch ein Zeichen 
mit der Hand. Die beiden Adepten verlieBen das Zimmer in hoch- 
stem Erstaunen. Einheftiger GuB, von Donner begleitet, ging gleich- 
zeitig nieder. Sie kehrten instinktiv ins Laboratorium zuriick, urn 
unter Dach zu sein. Sie offneten die Tiire, Saint-Germain war nicht 
mehr drinnen. 

Wir wissen von anderer Seite, daB die beiden Graffer personliche 
Freunde Saint-Germains und Rose-Croix-Mitglieder waren. Trotz- 
dem das Datum des oberwahnten Zusammentreffens nicht angegeben 
ist, so klart uns eine Stelle derselben Schrift annahernd dariiber 
auf. Dort lesen wir: <Saint-Germain kam 88, 89 und 90 nach Wien, 
woselbst wir die unvergeBliche Ehre hatten, ihn zu treffen.)» 

was im Manifest der Maurerei gelesen werden kann: Vgl. den Vortrag 
vom 9. Dezember 1904 (in diesem Band). 

Dahersindim «Luzifer» an der Stelle .. . Punkte gemacht: Bezieht sich 
auf die Ausfuhrungen «Aus der Akasha-Chronik» in der Zeitschrift 
«Luzifer-Gnosis» (Dezember 1904). Siehe «Aus der Akasha-Chro- 
nik», Kap. «Die Trennung der Geschlechter», Bibl.-Nr.ll, GA 
1973. 

In der «Theosophical Review » ist ... eine ganz ahnliche Mitteilung ver- 
zeichnet worden, die genau dieselbe Sache in einer etwas anderen Form ent- 
halt: Der Artikel erschien in Nr. 208 vom Dezember 1904 und ist 
nur mit «E» gezeichnet. Die in Frage kommenden Passagen lauten 
in deutscher Ubersetzung (iibersetzt von R. Friedenthal, Dornach): 

«F. [derjenige, der durch das Schreibmedium sprach], obwohl ein 
Politiker und ein Mann der Welt, ist ein begeisterter Menschen- 
freund. ... Er erklarte sich als sehr besorgt, derm bald wiirde eine 
wichtige Entdeckung gemacht werden, die den Arzten eine groBere 
Macht geben wiirde als sie sie jetzt haben, und das wiirde zu einer 
vermehrten Grausamkeit bei Tierexperimenten fiihren. Denn der 
Mann, der die Entdeckung machen wiirde, wiirde glauben, daB er 
sie durch Vivisektion erlangt hatte. Aber merken Sie sich wohl, 
es ist nicht so; es ist keine Entdeckung, nur eine Erinnerung; denn 

* Das wurde im Jahre 1790 gesagt. Ob durch Koinzidenz oder nicht, 85 Jahre 
spater, 1875, wurde die Theosophical Society gegriindet. 



der Entdecker war ein Atlantier und die Atlantier hatten viel gro- 
Bere medizinische Kenntnisse als wir, der Korper hatte fur sie keine 
Geheimnisse... 

Sie beherrschten die Elemente, machten schones Wetter oder 
Sturm, wie es ihnen beliebte. Kinder gab es nicht, denn durch eine 
unnatiirliche Kraftanstrengung erlangten sie das groBe Geheimnis, 
Leben hervorzurufen ohne materielle Vereinigung der beiden Krafte. 
Die Seele kehrte zuriick und reinkarnierte sich durch eine Willens- 
anstrengung, wobei sie ihre Form den natiirlichen Elementen ent- 
nahmen ohne anderes Mittel. Dies war es, was letztlich ihrer Macht 
ein Ende bereitete. Denn das durfte nicht so weitergehen. Das ist 
schwach angedeutet in der hebraischen Legende durch den Lebens- 
baum. Es war kein Fortschritt mehr moglich und darum muBte 
diese Zivilisation in eine Katastrophe einmunden... 

Sie stiirzten das Gleichgewicht der Schopfung um und zerstorten 
ihre eigene Kultur. Die materielle Ursache war, daB sie der Erde 
die Lebenskrafte entzogen und alle Vorrate des Lebensstromes er- 
schopften. Dies fiihrte zu Naturkatastrophen und der Sturm brach 
aus, unwiderstehlich, fiirchterlich, und verschlang sie. Die Titanen 
wetteiferten mit den Gottern, die besiegt wurden. Alle Religionen 
erzahlen diese Geschichte zur Warnung. 

Eure Erde ist ein lebendes Wesen und wenn Ihr den Lebensstrom 
anzapfen konnt, dann konnt Ihr alle Wunder bewirken. Die Atlan- 
tier sind in manchen Fallen die heutigen Seelen, aber sie sind ent- 
thront... Sie muBten in das gewohnliche Leben zuruckkehren, in 
dem sie als ein gewohnliches Kind geboren wurden. ... 

Ich will jetzt noch etwas mehr von der wunderbaren Kraft von 
Atlantis sprechen, damit Sie verstehen, was der Mensch einmal ge- 
wesen ist und was er in kiinftigen Zeiten wieder sein wird; denn um 
die Wahrheit zu sagen, in Atlantis gab es materielle Vollkommen- 
heit und zu dieser kann die Menschheit niemals zuruckkehren, aber 
die Vollkommenheit wird wieder erlangt werden. 

Das Leben der hochsten Klassen in Atlantis war sehr einfach, 
denn Nahrung wurde eigentlich aus der Luft allein entnommen. Wie 
Orchideen nahmen die Herrscher und insbesondere die Priester ihre 
Lebensnotwendigkeiten aus der Substanz der Atmosphare. Fragen 
Sie einen Botaniker und Sie werden sehen, daB ich recht habe. Sie 
konnen dies nicht tun, denn Sie sind nicht selbstgeschaffen (seif 
materialised); Sie sind Kreatur, geboren und nicht durch Ihren eige- 
nen Willen entstanden. ... 

Es war die Entdeckung des grofien Geheimnisses, dasjenige des 
Lebensbaumes, welche die Dinge vereinfachte und dieses Geheim- 
nis werden Sie nie wieder erlangen, bis Sie nicht aufhoren, die 
Macht um ihrer selbst willen anzustreben. Es ist das Geheimnis von 
Geburt und Tod. Ich kenne es teilweise, aber nicht ganz, denn ich 
bin nicht gut genug, als daB man mir erlauben konnte, dieser wun- 
derbaren Kraft teilhaftig zu werden. Wenn ich es konnte, ware ich 
sogleich in Versuchung, es Ihnen zu enthullen, denn es ware, so Gott 
wollte, das Gliick fiir alle Ewigkeit. 

Ich will aber etwas zu beschreiben versuchen und ein Beispiel 



geben. Ein Mensch erneuert sich total in 7 Jahren; nach einiger 
Zeit nimmt er jedoch ab und gerat langsam in Zersetzung. Der 
Grund hierfur ist Unwissenheit, denn wenn er imstande ware, das 
EinflieBen von neuen Bestandteilen zu regulieren, so wiirde er nie- 
mals schlechtere, sondern bessere Bestandteile wahlen, und die 
Atome wiirden standig durch seinen Willen polarisiert werden. Der 
Mensch ist in einer einzigen Zelle enthalten. Diese Zelle ist unsterb- 
lich und geht von Generation zu Generation, wobei sie immer neue 
Formen schafft, in denen ein menschlicher Geist sich offenbaren kann. 
Wenn diese Zelle in dem Korper zuruckgehalten wird und keine Fort- 
pflanzung oder Verschwendung von Kraft stattfindet, dann ist kein 
Grund, warum der Mensch nicht ewig leben sollte wahrend eines 
Zyklus. In seinen Kindern reproduziert sich der Mensch jedoch und 
zerstort so seine eigene materielle Existenz. Ein Adept, der heiratet, 
wird zu einem niedrigeren Wesen, das dem Tod ausgesetzt ist. Dies 
ist Wahrheit. Jeder Mann oder jede Frau, die hervorbringen (creates), 
kann das nur tun durch Weitergabe (handing on) ihrer Unsterblich- 
keit. Der Mensch ist ein Geist und der Geist ist das Zentrum der 
materiell gewordenen Form. Die Menschheit als Ganzes akzeptiert 
den Tod als eine Notwendigkeit und suggeriert sich den Glauben, 
daB man sterben muB. Aber dafiir ist kein Grund, wenn die Zelle 
intakt gehalten wird. 

Uberdenken Sie dies und Sie werden verstehen, daB dieses eine 
der hauptsachlichsten christlichen Lehren ist, die verdorben worden 
ist. Christus ist von den Toten auferstanden, um die erste Frucht 
des Lebens zu werden. ... 

Ich nehme Bezug auf die neue Entdeckung, die gemacht werden 
wird und von der ich gesprochen habe. Sie war einmal bekannt und 
wird von dem vom Schicksal bestimmten Menschen wieder entdeckt 
werden und er wird als ein Wohltater der Menschheit begruBt wer- 
werden. In den alten atlantischen Tagen, als die Geheimnisse des 
Korpers der herrschenden Kaste der Menschheit enthiillt wurden, 
lernte man es in einer viel schrecklicheren Weise als durch Vivi- 
sektion, namlich durch die Verdummung der Seele, wodurch die 
Kraft der Entwicklung in einem Wesen zerstort wurde. Gott sei 
Dank wissen Sie davon nichts, sonst wiirde die Welt wieder von 
Teufeln bewohnt sein. ...» 

An der Spitze der amerikanischen Misraim-Bewegung stent . . . der ausge- 
zeichnete Maurer John Yarker: Yarker, 1833-1913, war Englander 
und wirkte auch innerhalb der englischen Freimaurerei. Wenn hier 
von ihm als an der Spitze der «amerikanischen» Misraim-Bewegung 
stehend gesprochen ist, so aufgrund der von ihm mitverfaBten Dar- 
stellung in der «Historischen Ausgabe der Oriflamme», Berlin 1904, 
wonach nur Amerika einen rechtmaBigen Charter besaB und Yarker 
1872 «vom S.G.C. 33° in New York zum GroBreprasentanten und 
Freundschaftsgaranten bei dem Manchester GroBorient des Schotti- 
schen Ritus und Souveranen Sanktuarium des Memphis- und Mis- 
raim-Ritus» ernannt worden war. Yarker war als bedeutender frei- 



maurerischer Schriftsteller hochgraduiert in verschiedensten Zu- 
sammenhangen und u.a. «Souveraner General-GroBmeister in und 
fiir GroBbritannien und Irland der Schottischen, Memphis- und 
Misraim-Maurerei» und hatte im Jahre 1902 einen GroBorient fiir 
Deutschland gestiftet. 

Ill eines gewissen Reufi: Theodor ReuB, 1855-1923. Von Yarker fiir die 
Einfiihrung des Memphis-Misraim-Ritus in Deutschland autorisiert. 
Vgl. hierzu den Dokumentationsband «Zur Geschichte und aus den 
Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule 
1904-1914», GA 265. 

Ill der bekannte Carl Kellner, 1851-1905, osterreichischer Erfinder und 
GroBindustrieller. Nach Hugo Goring in der Januarnummer 1895 
der Zeitschrift «Sphinx» (Organ der Deutschen Theosophischen 
Gesellschaft, herausgegeben von Hiibbe-Schleiden) war er der Er- 
finder der Cellulosefabrikation und arbeitete mit dem Arzt Dr. Franz 
Hartmann zusammen. Kellner war Souveraner Ehren-General-GroB- 
meister in GroBbritannien und Deutschland fiir den Memphis- und 
Misraim-Ritus und zeichnete als solcher fiir die «Historische Aus- 
gabe der Orinamme» von 1904. 

Ill Franz Hartmann, 1838-1912: Nach einem abenteuerlichen Leben 
und personlicher Bekanntschaft mit H. P. Blavatsky griindete er 
1897 die sogenannte «Leipziger» Theosophische Gesellschaft. Her- 
ausgeber der theosophischen Zeitschrift «Lotusbliiten». Siehe auch 
Rudolf Steiner «Mein Lebensgang», Bibl.-Nr. 28, GA 1962, und 
«Briefe» II, Dornach 1953. 

111 Der Lehrarten dieses Misraim-Ritus sind vier: Nach Heckethorn (a.a.O. 
Seite 423) gehen diese auf Cagliostro zuriick. 

112 Letztes Mai habe ich Ihnen aus einer Rede des englischen Premierministers 
Balfour vorgelesen: Dies ist in den vorliegenden Notizen nicht fest- 
gehalten worden. Zur Rede selber vgl. den Hinweis zu Seite 101 und 
den folgenden Hinweis. 

112f. Man kommt darauf, dafi dieses physikalische Atom ... nichts anderes ist als 
gefrorene Elektrizitat... Die Rede von Balfour betrachte ich als etwas aufier- 
ordentlich Wichtiges: Dies bezieht sich auf folgenden Text bei Balfour 
«Unsere heutige Weltanschauung», Leipzig 1904: «Gegenwartig 
gibt es aber bereits Gelehrte, die in der Materie selbst, in der Sub- 
stanz aller Dinge um uns, nichts weiter als geronnene Elektrizitat er- 
blicken; die da glauben, daB das elementare Atom des Chemikers, das 
wir mit unseren Sinneswerkzeugen langst nicht mehr wahrzunehmen 
vermogen, nichts anderes ist, als wieder nur ein System von zu- 
sammengehorigen Monaden oder Subatomen; daB diese Monaden 
ihrerseits keineswegs bloB von Elektrizitat erfiillte Materie, sondern 



schlankweg Elektrizitat selbst sind... Wenn aber die Materie derart 
in Atomgruppen und diese wieder in elektrische Monadensysteme 
zerfallen, woraus setzen sich dann schlieBlich diese kleinsten elek- 
trischen Einheiten zusammen? Niemand weiB es. Akzeptiert man 
aber die Hypothese, die Professor Larmor bietet, dann sind diese 
Monaden nichts weiter als Modifikationen des allgegenwartigen 
Athers; Modifikationen, welche man etwa mit Knoten innerhalb 
einer Masse vergleichen konnte... Eines bleibt unanfechtbar, daB 
man sich namlich diese Monaden unabhangig vom Ather nicht den- 
ken kann... Wir stehen somit hier vor einer ganz auBerordentlichen 
Umwalzung...» 

115 Pius IX. war eingeweiht in die Freimaurerei: Giovanni Maria, Graf 
Maetai-Feretti, 1792-1878, Papst seit 1846, ist der Verkunder der 
Dogmen von der unbefleckten Empfangnis und der Unfehlbarkeit der 
Papste. Er bekampfte die Freimaurerei in mehreren Kundgebungen, 
jedoch ist seine Zugehorigkeit zur Maurerei umstritten. Im Interna- 
tionalen Freimaurerlexikon von Lennhoff/Posner heiBt es: «Das Frei- 
maurermuseum in Bayreuth besitzt eine offensichtlich gefalschte Pho- 
tographic des Papstes, der iiber der papstlichen Stola ein gesticktes 
Freimaurerband tragt. Die Falschmeldung von der Zugehorigkeit des 
Papstes zum Bunde tauchte zur Zeit seiner Wahl und spater wieder- 
holt auf, so daB er ihr selbst 1849 entgegentreten muBte.» 



Vortrag Berlin, 23. Dezember 1904 

Textunterlage: Stenographische Notizen von Franz Seiler. Fur den Druck 
wurde das Originalstenogramm neu iiberpruft. 

116 In acht Tagen werde ich sprechen: Vortrag vom 30. Dezember 1904 
iiber das Dreikonigsfest. Abgedruckt in «Beitrage zur Rudolf Stei- 
ner Gesamtausgabe», Nr. 60, Weihnachten 1977. 

116 es ist unmoglich - um es geradeheraus zu sagen - in dem Stile, wie zum Bei- 
spiel das Manifest der Freimaurer gehalten ist, das ich Ihnen vor vierzehn 
Tagen vorgelesen habe, in der offentlichheit zu sprechen: Das Manifest 
wurde ganz vorgelesen im Vortrag vom 9. Dezember 1904. Uber den 
Stil fiir die Offentlichkeit siehe Rudolf Steiner «Mein Lebens gang» 
(32. Kap.), Bibl.-Nr. 28, GA 1962. 

119 Theologia deutsch: Um 1380. Erstausgabe von Luther (fragmenta- 
risch) Wittenberg 1516, vollstandige Ausgabe 1518. Erste deutsche 
Ubersetzung von Joh. Arndt 1597. Gegeniiberstellung von Urtext 
einer aus dem Jahre 1497 stammenden Handschrift und neudeut- 
scher Ubersetzung durch Franz Pfeiffer, 3. Auflage Gutersloh 1875. 



119 Die Meister sind in der Regel nicht gerade historische Persdnlichkeiten: 
Siehe hierzu den Hinweis zu Seite 32. 

125 Zu dem Satz: Diese Grundfarbe bildet ein bestimmter Stoff: Im Steno- 
gramm folgen an dieser Stelle aus einer groBeren Liicke nur noch 
die Worte: «und der halt die Menschen ... zuriick, was sie zur Ver- 
einigung bringt...» Fiir den Abdruck in «Was in der Anthroposo- 
phischen Gesellschaft vorgeht - Nachrichten fiir deren Mitglieder» 
(Nr. 47 vom 23. November 1947) wurde dieser Satz so korrigiert: 
«Diese Grundfarbe bildet ein bestimmter - Kundalini genannter - 
Stoff, und der halt im Menschen dasjenige zuriick, was zu dem Geist 
selber fuhrt.» 



Vortrag Berlin, 15. Mai 1905 

Textunterlagen: Stenographische Notizen von Franz Seiler, Walter Vegelahn 
und Berta Reebstein-Lehmann. 

129 In frilheren Vortrdgen habe ich auseinandergesetzt: Zum Beispiel in den 
Vortragen vom 30. September und 4. November 1904 (in diesem 
Band). 

132 Laokoongruppe: Siehe hierzu die Ausfiihrungen im Vortrag Miinchen, 
14. Marz 1910, in «Metamorphosen des Seelenlebens», Bibl.-Nr.59 , 
GA 1971. 

132 Sage vom trojanischen Pferd: Siehe Vortrag vom 28. Oktober 1904, 
abgedruckt in «Esoterik und Weltgeschichte in der griechischen und 
germanischen Mythologie», Dornach 1955. 

133 Darstellung des Livius: Titus Livius, geb. 59 v.Chr. Seine Lebens- 
arbeit: Die Geschichte Roms in 142 Buchern, in denen er als erster 
Romer die wechselvollen Schicksale der Stadt und des Reiches, von 
der Grundung Roms angefangen bis zu Drusus 9n.Chr., schildert. 

133 Alba = Priestergewand: Das alteste, von den agyptischen und he- 
braischen Priestern entlehnte Gewand der katholischen Geistlichkeit, 
ein bis auf die FuBe reichendes Hemd mit gegen die Hande spitz 
zulaufenden Armeln, das bei kirchlichen Funktionen liber den Talar 
gezogen wird. 

133 Die sieben romischen Konige stellen nichts anderes dar als die sieben Prin- 
zipien, wie wir sie aus der Theosophie kennen: Daraus ist nicht zu schlie- 
Ben, daB es die sieben romischen Konige gar nicht gegeben habe. 
Jedenfalls heiBt es im Vortrag Dornach, 7. September 1924 in GA 
Bibl.-Nr. 238, daB diese sieben romischen Konige es wirklich gege- 
ben habe. 



133 Sthula-Sharira, Linga-Sharira, Kama-Rupa, Kama-Manas, hdheres Manas, 
Buddhi, Atma: Diese theosophisch-indischen Bezeichnungen ersetzte 
Rudolf Steiner bald durch die deutschen: physischer Leib, Ather- 
leib, Astralleib und Ich, Geistselbst, Lebensgeist, Geistesmensch. 

138 Prometheus sage: Siehe auch den Vortrag vom 7. Oktober 1904 (in 
diesem Band). 

138 Jehova nennt man auch den Gott der Form: Siehe hierzu Vortrag vom 
25. Oktober 1905 in «Grundelemente der Esoterik», Bibl.-Nr. 93a, 
GA 1976. 

139 achte Sphare: Siehe Hinweis zu Seite 77. 

140 Zu dem Satz: Das verstehen heute selbst die Maurer nicht mehr und glau- 
ben, dafi der Mensch an seinem eigenen Ich arbeiten solle: An dieser Stelle 
heiBt es in den Notizen von Seiler «seinem egoistischen Ich», wah- 
rend es bei Vegelahn und Reebstein «geistigen Ich» heiBt, was durch 
einen Hor- oder Schreibfehler fur «eigenen Ich» entstanden sein 
konnte. 

142 Konnten wir es dazu bringen, Sozialreformen auf theosophischer Grundlage 
zu pflegen: Siehe hierzu Rudolf Steiners Aufsatz aus derselben Zeit 
«Theosophie und soziale Frage» in «Luzifer-Gnosis», Bibl.-Nr. 34, 
GA 1960, in dem er zum erstenmal seine Ideen zur sozialen Frage 
darstellt. Siehe aber auch die Schrift aus dem Jahre 1919 «Die 
Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der 
Gegenwart und Zukunft», Bibl.-Nr. 23, GA 1976. 

142 Albert Schaffle ... Werk iiber Soziologie: Albert Eberhard Friedrich 
Schaffle, 1831-1903, Nationalokonom, schrieb zahlreiche soziologi- 
sche Schriften. In anderem Zusammenhang erwahnt Rudolf Steiner 
sein Werk «Bau und Leben des sozialen K6rpers», 4 Bande, Tubin- 
gen 1875-1878. 

Vortrag Berlin, 22. Mai 1905 

Textunterlagen: Stenographische Notizen von Walter Vegelahn und von 
Berta Reebstein-Lehmann. 

143 Salomonischer Tempel ...jedes Wort, das die Bibel daruber bringt: 1. Buch 
der Konige 5., 6., 7. und 8. Kap. und 2. Buch der Chronika, 1.-7. Kap. 

143 Jean Paul erzahlt dieses Geschehnis von sich: Jean Paul (Pseudonym 
fur Jean Paul Friedrich Richter), 1763-1825, Dichter, Romanschrift- 
steller und Denker. Das Erlebnis berichtet er in «Wahrheit aus Jean 
Pauls Leben. Kindheitsgeschichte von ihm selbst geschrieben», 
3 Hefte in 2 Banden, Breslau 1826-1828, 1. Heft Seite 53. 



durfte nur der gesalbte Priester im Allerheiligsten den Namen «Jahve» aus- 
sprechen: «Nur einmal im Jahre, namlich am Versohnungstage, 
sprach ihn der Hohepriester im Allerheiligsten (Levit. 16,30) nach 
seinen wirklichen Lauten aus.» Hans Ludwig Held, in einer Studie 
uber den unaussprechlichen Namen Gottes «Vom Golem und 
Schern» in der Vierteljahresschrift «Das Reich», herausgegeben 
von Alexander von Bernus, Januar 1917. 

das eine ist die Arche Noah, das andere der Salomonische Tempel. Beide 
sind in einer Weise dasselbe und dock wieder verschieden: GemaB den 
Notizen vom Vortrag Koln, 28. Dezember 1907 (GA 101) fiihrte 
Rudolf Steiner dort dariiber folgendes aus: 

«Wiirden wir Jahrtausende in Betracht ziehen statt Jahrhunderte, 
so wiirden wir sehen, wie sich selbst die menschlichen Korperfor- 
men nach den Gedanken und Empfindungen und Vorstellungs- 
maBen von Jahrtausenden vorher richten; und die groBen leitenden 
Machte in der Entwickelung geben der Menschheit zur rechten 
Zeit die richtigen Vorstellungen, damit selbst die menschliche Ge- 
stalt umgebildet wird. ... 

Woher ist denn eigentlich die ganze heutige Lange und Breite und 
Hohe des physischen Leibes entstanden? Es ist eine Wirkung dessen, 
was zuerst im Astralleib und Atherleib vorhanden war. Da waren 
zuerst die Gedanken, Bilder, Empfindungen usw. Nun werden Sie 
das, was ich zu sagen habe, besser verstehen, wenn Sie sich erinnern 
an einen Vorgang, der unmittelbar nach dem physischen Tode ein- 
tritt. Da tritt das ein, daB der physische Leib zunachst von dem 
Atherleib und dem Astralleib verlassen wird. Der Schlaf besteht 
darin, daB der Astralleib und das Ich fortgehen und der Atherleib 
und der physische Leib im Bette liegenbleiben. Der Tod unterschei- 
det sich vom Schlaf dadurch, daB der physische Leib allein im Bette 
liegenbleibt, und der Atherleib mit den andern Gliedern des Men- 
schen fortgeht. Da tritt eine eigentiimliche Erscheinung ein, was man 
als eine Empfindung beschreiben konnte, die aber mit einer gewis- 
sen Vorstellung verkmipft ist: Der Mensch fiihlt, wie wenn er wach- 
sen wiirde - und dann tritt jenes Erinnerungstableau ein; aber zu- 
nachst fiihlt er, wie wenn er nach alien Richtungen sich ausdehnen 
wiirde -, er nimmt nach alien Richtungen Dimensionen an. 
Dieses Sehen seines Atherleibes in groBen Dimensionen ist eine 
sehr wichtige Vorstellung; denn in den atlantischen Zeiten muBte 
diese Vorstellung erweckt werden, als der Atherleib noch nicht mit 
dem physischen Leibe in so enger Verbindung war wie bei dem 
nachatlantischen Menschen. Da muBte diese Vorstellung, die heute 
nach dem Tode bei dem Menschen eintritt, erst erweckt werden. 
Wenn man sich ungefahr jene GroBen vorstellt, welche der Mensch 
heute erlebt, wenn er nach dem Tode so wachst, dann hat er die 
Ursache, die Gedankenform gebildet, um seinen physischen Leib 



etwa in die heutige Form zu bringen. Wenn also dem Menschen 
da, wo der Atherleib noch zuweilen getrennt war von dem physi- 
schen Leib, die richtigen MaBe vorgehalten wurden, so nahmen sie 
die Formen an, die der physische Leib heute hat. Und diese For- 
men wurden angeregt vor allem von denen, welche die Leiter der 
Menschheitsentwickelung sind. In den verschiedenen Flutsagen, vor 
allem auch in der biblischen Flutsage, ist die genaue Angabe dar- 
iiber enthalten. Wenn Sie sich den Menschen von denjenigen For- 
men imgefahr umschrieben denken, die sein Atherleib haben muB, 
damit in der richtigen Weise der physische Leib des Menschen ge- 
bildet wird, dann haben Sie die GroBe der Arche Noah. 
Warum wird in der Bibel genau das MaB der Arche Noah angege- 
ben? Damit dieser Mensch, der den Ubergang bilden soil von der 
atlantischen Zeit in die nachatlantische, ein Gebilde hat - 50 Ellen 
breit, 30 Ellen hoch, 300 Ellen lang -, wie es der Mensch urn sich 
haben muB, damit er aus Lange, Breite und Hohe die richtige Ge- 
dankenform bildet, die die Ursache abgibt, daB der nachatlantische 
Korper in der richtigen Weise gebildet werde. Da haben Sie ein 
Symbol, aus dem die MaBe Ihres heutigen Leibes stammen und die 
Wirkungen sind der Gedankenform, die Noah erlebte in der Arche. 
Man hat ihn nicht umsonst in die Arche hineingesetzt und diese 
so beschrieben; sondern man hat die Arche so bauen lassen, damit 
der menschliche Organismus in der richtigen Weise in der nach- 
atlantischen Zeit ausgebaut wiirde. Durch wirksame Symbole wurde 
die ganze Menschheit erzogen. Sie tragen heute in den MaBen des 
physischen Leibes die MaBe der Arche Noah in sich. Wenn der 
Mensch seine Hande nach oben ausstreckt, haben Sie in den MaBen 
der Arche Noah die MaBe fiir den heutigen menschlichen Leib. - 
Nun war der Mensch aus der atlantischen Zeit in die nachatlantische 
iibergegangen. In der Rasse, die die unsrige ablosen wird, in der 
sechsten, wird der menschliche Leib wieder ganz anders gestaltet 
sein, und auch heute muB der Mensch diejenigen Gedankenformen 
erleben, welche in der Lage sind, fiir die nachste der Rassen die Ur- 
sachen abzugeben, daB dann der Korper die richtigen MaBe erhalt. 
Das muB dem Menschen vorgefiihrt werden. Heute ist der Mensch 
in den MaBen von 50 zu 30 zu 300 gebaut. Kiinftig wird er ganz 
anders gebildet sein. Wie wird nun heute dem Menschen die Ge- 
dankenform gegeben, wonach er die kunftige Form des Menschen 
bildet? Das ist auch schon gesagt. Das ist in den MaBen des Salo- 
monischen Tempels. Und diese MaBe des Salomonischen Tempels 
stellen dar, wenn sie sich in der physischen Form realisiert haben, 
in defer Symbolik die ganze Organisation der physischen Form des 
Menschen der nachsten, der sechsten Rasse. 

Alle die Dinge, die in der Menschheit wirksam sind, geschehen von 
innen, nicht von auBen. Was in irgendeiner Zeit Gedanke und Emp- 



findung ist, ist in der nachsten Zeit auBere Form. Und die Indivi- 
dualitaten, welche die Menschheit leiten, miissen viele Jahrtausende 
vorher in die Menschheit die Gedankenform einpflanzen, die nach- 
her auBerliche Wirklichkeit sein soil. Da haben Sie die Funktionen 
der Gedankenformen, die angeregt werden durch solche symbolische 
Gestalten. Sie haben eine sehr reale Bedeutung.» 
Es gibt Abmessungen, wonach die Mafie der Arche ubereinstimmen mit den 
Mafien des menschlichen Korpers und mit den Mafien des Salomonischen 
Tempels: Die von Rudolf Steiner hier gemeinte literarische Quelle 
lieB sich nicht feststellen. In der «Cabbala» des Agrippa von Nettes- 
heim (Ausgabe Scheible, Stuttgart 1855) heiBt es im Kapitel «Von 
dem MaB, dem Verhaltnis und der Harmonie am menschlichen Kor- 
per» : «... Ja Gott selbst wies Noah an, seine Arche nach dem MaBe 
des menschlichen Korpers zu bauen, gleichwie er selbst der ganzen 
Weltmaschine die Symmetric des Menschen verlieh, und daher heiBt 
jene die groBe, dieser die kleine Welt. In obiger Beziehung bestim- 
men einige Mikrokosmologen das MaB des menschlichen Korpers 
zu sechs FuB, den FuB zu zehn Graden, den Grad zu fiinf Minuten; 
dies betragt sechzig Grade = dreihundert Minuten, und eben so viele 
geometrische Ellen war, nach Mosis Beschreibung, die Arche lang, 
gleichwie nun aber die Lange des menschlichen Korpers dreihundert 
Minuten, seine Breite fiinfzig und seine Tiefe dreiBig betragt, so war 
auch Noahs Arche nicht nur dreihundert Ellen lang, sondern auch 
fiinfzig Ellen breit und dreiBig tief oder hoch, woraus sich bei beiden 
ein sechsfaches Verhaltnis der Lange zur Breite, ein zehnfaches zur 
Tiefe oder Hohe, und ein Verhaltnis der Breite zur Tiefe ergibt, wie 
fiinf zu drei.» 

Ferner wies Franz Coci in seiner Schrift «Ausfiihrliche Berechnung 
der drei Seitenverhaltnisse bei der Arche Noes vom geometrischen 
und mechanischen Standpunkte» (iibersetzt aus dem Polnischen von 
Wenzel Bauernopl, Bilin 1899) mathematisch nach, daB «Das einzige 
passende und mogliche Verhaltnis zwischen der Breite und Hohe 
eines vierseitigen, innen hohlen Korpers, damit dieser dem verhalt- 
nismaBig kleinsten Materialverbrauch den moglichst groBten Fas- 
sung sraum (Rauminhalt) und gleichzeitig die groBte Stabilitat errei- 
che, ware das, daB man fur die Breite 5 - genau 5.322232 - und fun- 
die Hohe 3 - genau 2.967768 - gleiche Teile nehme. Und in diesen 
Verhaltnis sen war die Arche Noes auch wirklich gebaut.» 

Zu dem Abschnitt: Wir treten ein in den Salomonischen Tempel: Dieser 
Abschnitt ist nach den Notizen von Berta Reebstein-Lehmann wie- 
dergegeben. Bei Vegelahn ist dieser Passus sehr liickenhaft. Zum 
Beispiel steht nach dem Satz «der fiinfgliedrige Mensch, der sich 
seines hoheren Selbstes bewuBt wird» nur noch: «Der ... Tempel 
ist so geformt, daB er den fiinfgliedrigen Menschen umschlieBt. 
Das ... ist das wichtigste des Tempels. Das Quadrat ist heilig, das 



Dach, die Bedachung und die Seitenpfosten geben zusammen ... Vor 
dem Altar standen zwei Cherubim. » 

Tempelritter: Siehe die spateren ausfiihrlichen Darstellimgen Rudolf 
Steiners in «Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit. Goethe 
und die Krisis des 19. Jahrhunderts», Bibl.-Nr.171 , GA 1964. 
Zu dem Abschnitt: Wir haben die Zeit der ersten bis vierten Unterrasse 
verfolgt...: Der Text ist ganz offensichtlich nur unvollstandig fest- 
gehalten worden. Uber den Zusammenhang der Unterrassen (Kultur- 
epochen) mit dem Gang der Sonne durch den Tierkreis vgl. Rudolf 
Steiners Vortrag vom 8.1.1918 in «Mysterienwahrheiten und Weih- 
nachtsimpulse. Alte Mythen und ihre Bedeutung», Bibl.-Nr. 180, 
GA 1966. 

Zu dem Abschnitt: Man ver stent so wenig in den weiteren Kreisen...: 
Es ist zu berucksichtigen, daB die Ausfiihrungen nur sehr mangel- 
haft festgehalten worden sind. Am SchluB des Abschnittes steht in 
den Notizen von Vegelahn nur noch: «Aber dieser Tempel. . . », wah- 
rend es in den Notizen von Reebstein heiBt: «Aber diesen Tempel 
versteht noch nicht der Mensch», was offensichtlich auch unvoll- 
standig sein diirfte. Vielleicht sollte es heiBen: «Aber diesen Tem- 
pel versteht noch nicht der Mensch zu bauen.» 

Plato spricht davon, dafi die Weltenseele an das Kreuz des Weltenleibes 
gekreuzigt sei: Rudolf Steiner fiihrt dieses Bild haufig an. Die Darstel- 
lung Piatons im «Timaios», auf die er hier Bezug nimmt, ist Bestand- 
teil eines komplexen, stufenweise entwickelten Dialogs iiber die Ent- 
stehung der Welt (Kap. 8 u. 9; 34b-37c). Der von Rudolf Steiner hier 
angefiihrte Wortlaut findet sich darin nicht in dieser Formulierung. 
Ein anderer Beleg fiir dieses Bild ist eine Stelle in der Schrift des 
Wiener Philosophen und Geistlichen Vincenz Knauer: «Die Haupt- 
probleme der Philosophic in ihrer Entwickelung und ihrer theilweisen 
Losung von Thaies bis Robert Hamerling», Wien und Leipzig 1892. 
Rudolf Steiner hat in seinem erhalten gebliebenen Exemplar dieses 
Buches folgende Stelle auf S, 96 kraftig angestrichen: «Der Mythus 
berichtet Member im <Timaos>, Gott habe diese Weltseele in Kreuzes- 
form durch das Universum gelegt und dariiber den Weltenleib ausge- 
spannt.» Auffallenderweise ist es hier der «Mythus», der das im 
Timaios berichtet. 

Weder Piatons «Timaios», auf den sich Rudolf Steiner im Text be- 
zieht, noch Vincenz Knauers «Hauptprobleme der Philosophie», wo 
er die entsprechende Stelle kraftig angestrichen hatte, scheinen aller- 
dings Quellen fiir das hier angefiihrte Bild zu sein. Vielmehr hat wohl 
Rudolf Steiner bei diesen Philosophen eine (etwas modifizierte) Spur 
des von ihm selbstandig gefundenen Bildes entdeckt, was denn auch 
die Abweichung gegeniiber den Darstellungen bei Plato und Knauer 
erklaren wiirde. Diese Methode, seine geistigen Erkenntnisse durch 



historische Uberlieferungen zu veranschaulichen und zu belegen, 
beschreibt er in seiner Autobiographic «Mein Lebensgang» (Kap. 
XXVI): 

«An meiner Stellung zum Christentum wird voll anschaulich, wie ich 
in der Geisteswissenschaft gar nichts auf dem Wege gesucht und 
gefunden habe, den manche Menschen mir zuschreiben. Die stellen 
die Sache so hin, als ob ich aus alten Uberlieferungen die Geist- 
Erkenntnis zusammengestellt hatte. Gnostische und andere Lehren 
hatte ich verarbeitet. Was im (Christentum als mystische Tatsache) an 
Geist-Erkenntnis gewonnen ist, das ist aus der Geistwelt selbst unmit- 
telbar herausgeholt. Erst um Zuhorern beim Vortrag, Lesern des 
Buches den Einklang des geistig Erschauten mit den historischen 
Uberlieferungen zu zeigen, nahm ich diese vor und fiigte sie dem 
Inhalte ein. Aber nichts, was in diesen Dokumenten steht, habe ich 
diesem Inhalte eingefiigt, wenn ich es nicht erst im Geiste vor mir 
gehabt habe.» 

153 Zu dem Satz,-' Beim Aufgang unserer Rasse machten sich schon diese zwei 
Strdmungen geltend...: In dem Text von Vegelahn ist hier nur bruch- 
stuckhaft festgehalten «... zwei Stromungen geltend, die alten, die 
herkamen als die Gotter selbst noch am Bau der Welt waren, die 
zweiten ... die immer bauen werden soil in diesem Weisheitstem- 
pel...» 



Vortrag Berlin, 29. Mai 1905 

Textunterlagen: Stenographische Notizen von Franz Seiler, Walter Vegelahn, 
Berta Reebstein-Lehmann sowie langschriftliche Notizen von Marie Steiner- 
von Sivers. 

154 Es gibt ja eine sogenannte heilige Legende iiber die ganz ? Entwickelung des 
Kreuzes: Die Kreuzesholzlegende, wie sie sich in der aus dem 
13. Jahrhundert stammenden Legendensammlung «Legenda aurea» 
des Jacobus de Voragine findet. 

155 Moses beruhmten Stab: Auch nach einer Uberlieferung aus der hebrai- 
schen Mystik ist jener mit dem unaussprechlichen Gottesnamen be- 
schriebene Stab des Moses nichts anderes als der Baum des Lebens. 
Seine Geschichte wird in den «Sagen der Juden» (gesammelt von 
Micha Josef bin Gorion, Ausgabe Insel-Verlag Frankfurt a.M. 1962, 
Seite 431) so geschildert: 



Als Moses von dem Medianiter Reguel (Jetro), der ihn gefangenge- 
setzt hatte, wieder freigelassen worden war, ging Moses in den Garten 
und dankte dafiir Gott. 

Wie er so betete, erblickte er sich gegeniiber einen herrlichen Stab, mit 
Saphirsteinen besetzt, der aus der Erde wuchs. Er trat nahe heran, und 
siehe, der unverstellte Name Gottes war auf ihm eingeschnitten. Er 
sprach den Namen aus, ergriff den Stab und riB ihn heraus aus der 
Erde, so leicht, wie man ein Strauchlein herausreiBt. Das war der Stab, 
mit dem alle gottlichen Werke vollbracht worden waren, nachdem 
vollendet worden war die Schopfung von Himmel und Erde und all 
ihrem Heer. 

Als namlich Gott den ersten Menschen aus dem Garten Eden vertrie- 
ben hatte, da nahm Adam diesen Stab in die Hand und baute den 
Acker, aus dem er gebildet war. Der Stab gelangte dann zu Noah, und 
dieser iibergab ihn Sem und seinem Geschlecht, bis er danach an 
Abraham, den Hebraer, kam. Als aber Abraham alles, was sein war, 
seinem Sohne Isaak iibergab, gab er ihm auch diesen Stab. Danach 
geschah es, daB Isaaks Sohn Jakob nach Mesopotamien floh; er hatte 
nichts denn diesen Stab, da er iiber den Jordan ging. Er kehrte dann 
zu seinem Vater zuriick, allein den Stab vergaB er nicht und nahm ihn 
mit, als er nach Agypten hinabfuhr. Er schenkte ihn Joseph als ein 
Teil mehr iiber den andern Brudern,* das er mit Gewalt seinem 
Bruder Esau entrissen hatte. Nach dem Tode Josephs kamen die 
Fiirsten Agyptens in das Haus des Regenten, und sein Stab wurde 
Eigentum des. Midianiters Reguel. Dieser verpflanzte ihn dann in 
seinen Garten. 

Nunmehr versuchten sich alle Helden der Keniter daran, den Stab aus 
der Erde zu reiBen, denn, welchem es gelange, der sollte Zippora als 
Gemahlin heimfiihren. Allein keiner vermochte es zu vollbringen. 
Also blieb der Stab im Garten Reguels stecken, bis der kam, mit dem 
das Recht war. Da nun Reguel den wundersamen Stab in der Hand 
Moses gewahrte, staunte er iiber die MaBen und gab ihm seine 
Tochter Zippora zum Weibe. 

162 was Giordano Bruno die Weltseele genannt hat: In seiner Schrift «Von 
der Ursache, dem Prinzip und dem Einen», 2. Dialog, ubersetzt von 
Paul Seliger, Leipzig o. J. (Reclam), Seite 70: «Die universelle Ver- 
nunft ist das innerste, wirklichste und eigenste Vermogen und ein 
potentieller Teil der Weltseele. ..» 

162 Plato ... dafi die Weltenseele: Siehe Hinweis zu Seite 149. 



* Anspielung auf 1. Buch Mose 48, 22. 



163 Denn jedes Ding ist, wie Goethe sagt, nur als ein Gleichnis aufzufassen: 
«Faust» II. Teil SchluBchor: «Alles Vergangliche ist nur ein Gleich- 
nis. » 

167 Goethe in dem «Marchen von der grilnen Schlange und der schdnen Lilie» : 
Siehe hierzu «Goethes Geistesart in ihrer Offenbarung durch seinen 
Faust und durch das Marchen von der Schlange und der Lilie», 
Bibl.-Nr. 22, GA 1979; sowie die beiden Vortrage iiber Goethes 
geheime Offenbarung, exoterisch und esoterisch in «Wo und wie 
findet man den Geist?», Bibl.-Nr. 57, GA 1961. 

169 «Die Siinde ist durch das Gesetz in die Welt gekommen» : Paulus, R6- 
mer 5,13 und 8,2. 



Berlin, 5. Juni 1905 

Textunterlagen: Stenographische Notizen von Walter Vegelahn, Berta Reeb- 
stein-Lehmann sowie langschriftliche Notizen von Marie Steiner-von Sivers. 
Es ist zu beachten, daB die Notizen teilweise stark mangelhaft sind und 
nicht als wortwortliche Wiedergaben betrachtet werden diirfen. 

172 Zwar habe ich schon vor einem Jahr: Im Vortrag vom 23. Mai 1904 
(in diesem Band). 

173 aufsteigender ... absteigender Bogen: Ein theosophischer Terminus da- 
fur, daB eine jegliche Entwicklung in Zyklen verlauft, und zwar 
zuerst in niedersteigender Richtung, also auf dem absteigenden Bo- 
gen, d.h. aus Geistigem in Stofflichkeit, um dann in aufsteigender 
Richtung, auf dem aufsteigenden Bogen vom Stoff zum Geist zu- 
ruckzukehren. 

174 kfismologisch ging unserer Erdenentwickelung voran: Tax den hier folgen- 
den Darstellungen siehe die grundlegenden Schriften «Aus der 
Akasha-Chronik», Bibl.-Nr. 11, GA 1973, und «Die Geheimwissen- 
schaft im UmriB», Bibl.-Nr. 13, GA 1977. 

174 Runde ... Arupa ... Rupa ... Astral... Globus: Hierzu ist zu ver- 
vollstandigen, daB die Entwicklung des Erdplaneten durch 7 soge- 
nannte Runden oder Reiche (1., 2., 3. Elementarreich, 4. Mine- 
ralreich, 5. Pflanzen-, 6. Tier-, 7. Menschenreich) geht. Jede Runde 
oder Reich geht wiederum durch 7 Formzustande, auch Globen 
genannt (arupa-mental, rupa-mental, astral, physisch, plastisch-astral, 
intellektuell, archetypisch). Jeder Globus oder Formzustand geht 
wiederum durch 7 Perioden, in unserem derzeitigen Globus Wur- 
zelrassen genannt. 



182 Zu dem Satz: Die Eingeweihten machen den Weg vorher.,. (Liicke): 
Hier folgen noch einige in alien Notizen nur unklar festgehaltene 
Satze. In der Nachschrift von Vegelahn lauten sie: «Dann wird der 
Astralleib von dem Manasischen durchzogen, Buddhi tritt in den 
Atherleib und das Vaterprinzip in den physischen Leib. Das wirkt 
soweit durch, daB ein Gehirn sich ausbilden kann, bis zu dem Punkt, 
wo das Wesen Ich sagen lernt. Das war bei den Ursemiten der Fall.» 

184 In «Licht aufden Weg» stent: Schrift der Theosophin Mabel Collins 
(1851-1927) mit dem Untertitel «Schrift zum Frommen derer, wel- 
che, unbekannt mit des Morgenlandes Weisheit, unter deren Ein- 
fluB zu treten begehren». Rudolf Steiner schrieb 1903/04 eine Ex- 
egese dazu, siehe «Anweisungen fiir eine esoterische Schulung», 
GA 266. 

184 Heraklit ... Wenn du dem Irdischen entflohen: Von Rudolf Steiner frei 
zitiert nach Vincenz Knauer «Die Hauptprobleme der Philosophic 
in ihrer Entwicklung und teilweisen Losung von Thaies bis Hamer- 
ling», 1892 (Seite 97). Da heiBt es iiber die vom Leibe abgeschiedene 
Seele des Menschen: «So lesen wir bereits in dem Lehrgedichte 
Heraklits: 

Wenn du befreit vom Leibe zum freien Ather emporsteigst, 
Wird ein unsterblicher Gott sie sein, dem Tode entronnen.» 

185 In der Benennung der Wochentage: Siehe hierzu die schriftliche Dar- 
stellung Rudolf Steiners in «Briefwechsel und Dokumente 1901- 
1925», Bibl.-Nr. 262, GA 1967. 



Berlin, 21. Oktober 1905 (Notizen) 

Textunterlagen: Langschriftliche Notizen von Anna WeiBmann, Stuttgart, 
sowie von Marie Steiner-von Sivers. Auf den Notizen von Anna WeiB- 
mann heiBt es «Vortrag im engsten Kreise». Zum Thema vergleiche man 
auch den Sonderhinweis auf Seite 354. 

186 Devas: Gotter der Devachan-, d.h. himmlischen Welt. 

187 Die Zeit, wahrend der die Sonne durch ein Sternbild geht ... dauert etwa 
2600 Jahre... : Spater hat Rudolf Steiner diese Zeitangabe genauer 
prazisiert. Danach vollendet der Fruhlingspunkt der Sonne seinen 
Kreislauf durch den Tierkreis in 12 X 2160 = 25920 Jahre, einem 
platonischen Weltenjahr. Die Wiederverkorperungen hangen im all- 
gemeinen mit diesen Epochen von 2160 Jahren zusammen. Aus- 
fiihrlicher dargestellt im Vortrag Dornach, 9. April 1923 in «Vom 



Leben des Menschen und der Erde - Uber das Wesen des Christen- 
tums», Bibl.-Nr. 349, GA 1961. Uber die Wanderung des Friihlings- 
punktes im platonischen Weltenjahr vergleiche man Joachim Schultz 
«Rhythmen der Sterne», Dornach 1977, S. 65ff. 

190 Die okkulten Biicher geben aber Beschreibungen der Atome, Bilder von 
Atomen: Rudolf Steiner bezieht sich hier offenbar auf die Abbil- 
dungen von Atomformen, wie sie in der theosophischen Literatur 
erschienen waren. Gerade zur Zeit dieser Ausfiihrungen war eine 
Studie von Annie Besant und C. W. Leadbeater aus dem Jahre 1895 
«Occult Chemistry» mit Abbildungen neu erschienen. Einige davon 
waren auch in Annie Besants meistgelesenem Werk «The ancient 
Wisdom» (2. Auflage 1899) abgebildet. Der erste, der in dieser 
Weise Atomformen wiedergab, war der Amerikaner Babbitt in sei- 
nem Werk «The principles of Light und Color» (1878), der in der 
Besant-Leadbeater Studie auch erwahnt wird. 

190 Es gibt eine besondere weifie Loge, welche zwolf Mitglieder hat, von denen 
sieben besonders wirken: Naheres hierzu in dem Dokumentations- 
band «Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung 
der Esoterischen Schule 1904-1914», GA 264. 

192 die neue physische Erde derfiinften Runde: « Runde »ist die theosophische 
Bezeichnung fiir die 7 Phasen des Lebens, von Rudolf Steiner auch 
«Lebensbereiche» (1., 2., 3. Elementarreich, 4. Mineralreich, 5. Pflan- 
zen-, 6. Tier-, 7. Menschenreich) genannt. Jedes Reich geht wiederum 
durch 7 Formzustande: arupa, rupa, astral, physisch, plastisch, intel- 
lektuell, archetypisch. Wir befinden uns jetzt auf der 4. Stufe des 

4. Reiches (Mineralreich). Mit der neuen physischen Erde der 

5. Runde ist somit die 4., die physische Stufe des 5. Reiches 
(Pflanzenreich) gemeint. Vgl. «Die Apokalypse des Johannes», 
Bibl.-Nr. 104, GA1979. 

193 Dionysius Areopagita: In der Apostelgeschichte 17,34 als Schuler des 
Paulus erwahnt. Unter seinem Namen erschienen Ende des S.Jahr- 
hunderts in Syrien die Schriften «Von der himmlischen Hierarchie» 
und «Von der kirchlichen Hierarchies die im 9. Jahrhundert von 
Scotus Erigena aus dem Griechischen ins Lateinische ubertragen 
wurden. Deutsche Ausgabe «Des heiligen Dionysius Areopagita an- 
gebliche Schriften», ubersetzt von J. G. V. Engelhardt, Sulzbach 
1823; Dionysius Areopagita, «Die Hierarchie der Engel und der 
Kirche», Miinchen 1955. 

193 Nicolaus Cusanus, 1401-1464: Deutscher Mystiker. Vgl. Rudolf Stei- 
ner «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und 
ihr Verhaltnis zur modernen Weltanschauung», GA Bibl.-Nr. 7. 

194 wenn Goethe vom Erdgeist spricht: «Faust», I. Teil, Studierzimmer. 



Berlin, 22. Oktober 1905 



Textunterlage: Stenographische Nachschrift von Franz Seiler, fur den Druck 
vorbereitet von Marie Steiner. 

199 Ich mochte noch einmal bekanntgeben: Die erste Bekanntgabe erfolgte 
sicherlich wahrend der vorangegangenen Generalversammlung der 
Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft. 

199 Besant-Zweig (damaliger Name des Berliner Zweiges) seine ordentliche 
Versammlung haben wird: Gemeint ist der regelmaBige Zweigabend. 

204 Lehre der Sphdrenmusik des Pythagoras: Ein Grundzug der Weltan- 
schauung des Pythagoras (um 582 bis um 500 v.Chr.) war, daB die 
Welt als ein harmonisch geordnetes Ganzes (Spharenharmonie) ge- 
dacht wurde. 

205 Veden der Inder: Veda, d.h. «heiliges Wissen», nennt sich die Ge- 
samtheit der altesten in der Sanskritsprache abgefaBten religiosen 
Schriften der Hindus, denen ein iiberirdischer Ur sprung zugeschrie- 
ben wird. Es handelt sich um eine umfangreiche Literatur, die lange 
Zeit nur mundlich weitergegeben wurde. Die vedischen Uberliefe- 
rungen gliedern sich hauptsachlich in 1. die Sanhitas, 2. die Brah- 
manas und 3. die Aranyakas und Upanishads. Die Sanhitas sind 
«Sammlungen» von Liedern, Opferformeln und Zauberspruchen. 
Man unterscheidet vier derartige Sammlungen, die man allgemein 
vereinfacht die «vier Veden» nennt. 

210 So wie die Tiere in den finstern Hdhlen von Kentucky ihre Sehkraft ver- 
loren: Dieses Beispiel wird von Rudolf Steiner sehr oft angefuhrt. 
In den amerikanischen Hohlen stieB man zuerst auf das Phanomen 
der rudimentaren Organe. Siehe Darwin «Entstehung der Arten», 
5. Kapitel: Gesetze der Abanderung. 



Vortrag Berlin, 23. Oktober 1905 (nur fur Manner) 

Textunterlage: Stenographische Nachschrift von Franz Seiler. Fur den Druck 
wurde das Originalstenogramm neu iiberpruft. 

215 dafi es in der Freimaurerei, wenigstens bis zum Ende des 17. Jahrhunderts, 
streng verpont war, irgendwelche weiblichen Mitglieder zu haben: Vgl. 
Hinweis zu Seite 226 «Adoptionslogen». 



216 aufiere Abfassung der Bibel: Im S.Jahrhundert vor Christus durch den 
jiidischen Schriftgelehrten Esra nach der Ruckkehr der Juden aus der 
babylonischen Gefangenschaft. 

217 in der alten griechischen Mythologie wird Zeus dargestellt mit mdchtigen 
Frauenbriisten: Es gibt einen Zeustyp, von dem sich im kleinasiati- 
schen Raum noch einige Darstellungen erhalten haben, bei dem der 
Oberkorper mehrere Briiste oder Buckel aufweist, ahnlich dem Ober- 
korper der beruhmten Statue der Artemis Ephesia: Relief des «Zeus 
Stratios» und Munzbilder u.a. des «Zeus Labrandeus» von Karlen. 

220 das ist ein Vorgang im Menschen selbst: Siehe hierzu die spateren Dar- 
stellungen Rudolf Steiners in «Welche Bedeutung hat die okkulte 
Entwickelung des Menschen fiir seine Hiillen - physischer Leib, 
Atherleib, Astralleib - und sein Selbst?», Bibl.-Nr.145 , GA 1976. 

220 Zu dem Satz: Ich habe mir vorbehalten,,,: Franz Seiler hat sein Steno- 
gramm an dieser Stelle so iibertragen: «Ich habe mir vorbehalten, 
eine Neigung zu erzahlen von denen aus Abels und denen aus Kains 
Geschlecht.» Bei der Neupriifung des Stenogramms zeigte sich, daB 
der Satz auch so gelesen werden konnte: «Ich habe mir vorbehal- 
ten, eine Einigung zu erzielen zwischen denen aus Abels und denen 
aus Kains Geschlecht.» 

226f. Adoptionslogen ... 1775 wurde die erste gegrundet: Als im Anfang des 
18. Jahrhunderts in Frankreich mehrere Vereinigungen entstanden, 
die in den AuBerlichkeiten der Freimaurerei ahnelten und die auch 
Frauen aufnahmen, entstanden in der Freimaurerei selber die soge- 
nannten Adoptionslogen. Der Name bedeutet, daB jede solche Loge 
von einer regelrechten Maurerloge adoptiert werden muBte, das 
heiBt, jede Wurdentragerin von einem mannlichen Wurdentrager 
gleichen Ranges unterstiitzt wird. Die Eroffnung der ersten Adop- 
tionsloge erfolgte 1775 in Paris, nachdem der GroBorient von Frank- 
reich ein die Leitung der Adoptionslogen regelndes Statut erlassen 
hatte. (Heckethorn a.a.O. Seite 449f.) 

227 Mitglied einer solchen Adoptionsloge war auch die Grunderin unserer Ge- 
sellschaft: Dies bezieht sich auf H. P. Blavatsky (1831-1891), der 
nach dem Erscheinen ihres ersten groBen Werkes «Isis Unveiled» 
im Jahre 1888 von John Yarker (vgl. Hinweis zu Seite 110) der 
hochste Adoptionsgrad der Memphis-Misraim-Maurerei verliehen 
wurde. 



Vortrag Berlin, 23. Oktober 1905 (nur fiir Frauen) 



Textunterlagen: Dem Text wurde die ausfiihrlichste von vier verschiedenen 
Nachschriften zugrunde gelegt, erganzt durch die drei anderen. 

229 Esra: Vgl. Hinweis zu Seite 216. 

231 Zeus ... mit einer Frauenbiiste ... dargestellt: Vgl. Hinweis zu Seite 
217. 

235 mit Hiram waren wir an der Grenze zwischen der dritten und vierten Unter- 
rasse angelangt: Hiram fallt in die Regierungszeit Salomos, die von 
993 bis 953 v. Chr. gerechnet wird. Den Beginn der vierten Unter- 
rasse setzt Rudolf Steiner auf 747 v. Chr. 

236 Manvantara : Indisch-theosophischer Ausdruck fiir einen groBen kos- 
mischen Entwicklungszeitraum. 

238 In der alten hebrdischen Sprache gibt es ein Wort, ein Mantram, von dem 
gesagt wird, dafi es geniigend stark ausgesprochen, die Welt hervorbringt: 
Gemeint sein diirfte der unaussprechliche Name Gottes, der nach 
Hans Ludwig Held in «Von Golem und Schern» («Das Reich», 
l.Jahrg., Buch 4, Januar 1917) «eine schwierige Formelfolge ge- 
wesen sei, die etwa dem 12-, 42- oder 72buchstabigen Namen ent- 
sprochen habe» dessen Wissen «das Geheimnis von den Werken 
Gottes oder Gottes Tun von Anfang bis zum Ende enthulle» 
(a.a.O. S.528). 

238 «Es wird Feindschaft sein zwischen dir und dem Weibe, zwischen ihrem 
Somen unddeinem Samen»: 1. Moses 3,15. 

240 Adoptionslogen ... einer solchen gehdrte auch H. P. Blavatsky an: Vgl. 
Hinweis zu Seite 226. 



Vortrag Berlin, 23. Oktober 1905 (abends) 

Textunterlagen: Stenographische Nachschrift von Franz Seiler, erganzt durch 
Nachschriften von drei anderen, unbekannten Zuhorern. 

243 Ich habe schon vor acht Tagen angedeutet: Beim letzten Mitgliedervor- 
trag des Berliner Zweiges (Montag, 16. Oktober). Da machte Ru- 
dolf Steiner bei der Ankundigung der nachsten Veranstaltungen die 
Bemerkung: «In der Versammlung am nachsten Montag werde ich 
sprechen iiber Okkultismus, Esoterikund Theosophie. Ich bitte dar- 
auf aufmerksam zu machen, daB dieses Thema mit den augenblick- 
lichen Stromungen zusammenhangen wird. Ich bitte, so viel wie 
moglich auch auswartige Mitglieder einzuladen.» 



Vortrag Berlin, 2. Januar 1906 



Textunterlagen: Es liegen mehrere Nachschriften vor: 

a) eine Handschrift imbekannter Herkunft (ausfiihrlichster Text); 

b) die maschinengeschriebene Reinschrift des Stenogramms von Franz 
Seiler, Berlin. Hiervon liegt auch das Originalstenogramm vor. Des- 
sen Neuiiberpriifung ergab, daB es liickenhaft ist und von Seiler bei der 
Ubertragung frei erganzt und geglattet wurde, teilweise durch die Nach- 
schrift a), die ihm offensichtlich zur Verfiigung gestanden haben muB; 

c) eine stark gekiirzte Nachschrift unbekannter Herkunft, textlich weit- 
gehend iibereinstimmend mit der Nachschrift a); 

d) eine stark gekiirzte und Liicken markierende Nachschrift von Berta 
Reebstein; 

e) Notizen von Marie Steiner-von Sivers; 

f) Notizen unbekannter Herkunft. 

Dem Druck wurde die Nachschrift a) zugrunde gelegt unter Hinzuziehung 
der mit dem Stenogramm neu verglichenen Nachschrift b) und der anderen 
Vorlagen. 

Textstellen, die in alien Nachschriften nur mangelhaft festgehalten sind, 
werden im folgenden nachgewiesen. 

Zu den Zeichen im Text: 

Das Hexagramm als Symbol des Heiligen Gral 

Die Ausfuhrungen hierzu (Seite 278) scheinen unklar festgehalten worden 
zu sein. Es fallt auf, daB nur von dem Dreieck gesprochen wird und nicht 
vom Hexagramm. Aber im Stenogramm Seiler ist nach dem Satz: «In der 
Form des Dreiecks driickte der mittelalterliche Okkultist das Symbol des 
Grals aus, das Symbol fiir die Erweckung der Meisterschaft im Lebendi- 
gen», das Hexagramm gezeichnet und kann nur wahrend des Stenogra- 
phierens selbst gezeichnet worden sein. - So wie die beiden Dreiecke und 
das Hexagramm hier im Buchdruck wiedergegeben sind, sind sie der Nach- 
schrift d) (Reebstein) entnommen, da diese die meisten Zeichnungen auf- 
weist. 

In den Notizen f) ist das Zeichen mit dem dazugehorigen Text so fest- 
gehalten : 

menschl, «Dies Dreieck ist das Symbol des Heiligen Gral und auch 

K^ft A das Symbol der Erweckung der Meisterschaft im Leben- 



gottl. 
Kraft 




digen. Das ist die Christuskraft, die beschrieben ist als 
Vril im Zanoni. Sie ist jetzt im elementaren Keimzustand 
und sie wird das sein, was die konigliche Kunst in 
Zukunft als eigentlichen Inhalt fiir die Hochgrade ent- 
halten wird. Der Mensch muB sie sich ganz allein, ohne 
viel zu fragen, erringen.» 



Die Notizen f) enthalten auch noch eine Variante, die sich in den anderen 
Nachschriften nicht findet: «Alles, was hervortritt in Kunst, Wissenschaft 
und Religion, soweit es nicht ein Geschenk der Gotter ist und deshalb im 
Symbol des Kreuzes ausgedriickt wird, ist der Freimaurerei entsprungen. 
Somit also das Zeichen der Freimaurerei 



Die anderen Nachschriften haben diese Zeichen iiberhaupt nicht. 

Zu der Deutung des Hexagramms als Symbol vergleiche man Rudolf Stei- 
ners Vortrag vom 12. Januar 1924 in «Mysterienstatten des Mittelalters», 
Bibl.-Nr. 233a, GA 1979. Eine personliche AuBerung Rudolf Steiners ver- 
mittelte Alexander Strakosch (in «Mitteilungen aus der anthroposophischen 
Arbeit in Deutschland», 12. Jg., Heft 4, laufende Nr. 46, Weihnachten 
1958): In dem 1911 fiir die anthroposophische Arbeit errichteten Haus in 
Stuttgart, LandhausstraBe 70, war im oberen Teil der Saalfenster das Hexa- 
gramm angebracht. Strakosch, der dort das Pentagramm erwartet hatte, 
frug Rudolf Steiner danach und erhielt die Antwort, «das Hexagramm 
sei eigentlich das Zeichen fiir den Christus und die Venusentwickelung». 



Die Erklarungen dazu (Seite 284 f.) sind fragmentarisch und in alien Nach- 
schriften verschieden festgehalten. 

In der Nachschrift a) lautet der Text: «Dieses Tau-Zeichen spielt in der 
Freimaurerei eine groBe Rolle. Es ist im Grunde genommen nichts andres 
als das Kreuz, an dem der obere Balken weggenommen ist. Im ubertrage- 
nen Sinne ist also das Mineralreich weggelassen. Um aber iiberhaupt das 
Kreuz zu bekommen, lassen Sie das Pflanzenreich in Aktion treten, wo- 
durch Sie das nach oben gerichtete Kreuz erhalten X.» 
Text und Zeichen scheinen fraglich. Marie Steiner, die einmal die Nachschrift 
a) vorkorrigierte, hat dieses Zeichen weggelassen und es so ersetzt: «Um 
aber iiberhaupt das Kreuz zu bekommen, laBt man das Pflanzenreich in Ak- 
tion treten, wodurch das nach oben gerichtete Kreuz erhalten wird ( \ f T)-» 

In der Nachschrift b) lautet der Text: «Dieses Tau-Zeichen spielt in der Frei- 
maurerei eine groBe Rolle. Das ist nichts anderes als das Kreuz. Nur ist der 
eine der Balken weggelassen. Das Mineralreich ist weggelassen, um iiber- 
haupt das Kreuz zu bekommen. Lassen Sie das Pflanzenreich in Aktion 
treten, so bekommen Sie das nach oben gerichtete Kreuz X*» Im Steno- 
gramm ist nach «um iiberhaupt das Kreuz zu bekommen» eine Liicke. Da- 
fur ist nach «das nach oben gerichtete Kreuz» das Zeichen eingesetzt J_ , 
aber in die Reinschrift nicht ubernommen worden. 

In der Nachschrift d) heiBt es nur: 
«Das Tau spielt eine groBe Rolle. T 
Es ist nichts anderes als das Kreuz. 
Wenn Pflanze Produktionskraft ...» 




Abel.» 



Das Tau-Zeichen 



Auffallend ist, daB zwar das Tau gezeichnet ist, aber nicht das umgekehrte, 
obwohl diese Nachschrift sonst alle Zeichen wiedergibt. 

In den Notizenf) heiBt es: «Das Tau ist das Kreuz, an dem der obere 
Balken weggenommen ist. Das Mineralreich ist weggelassen, der Mensch 
beherrscht es bereits. Dann lasse man das Pflanzenreich in Aktion treten, 
dann erhalt man das X- Das was aus der Erde heraus, aus der Seele her- 
aus als Macht iiber die Erde sich entfaltet, ist das Symbol der zukiinftigen 
Freimaurerei.» 

Die anderen Nachschriften haben diese Ausfiihrung nicht festgehalten. 

258 Die meisten von Ihnen wissen, dafi ich ... iiber dasselbe Thema bereits ge- 
sprochen habe; Im Doppelvortrag vom 23. Oktober 1905 (in diesem 
Band). 

258 Es sindjetzt vielleicht siebzehn oder achtzehn Jahre her...: Rudolf Steiner 
bezieht sich hier auf seinen Verkehr im Kreise der Dichterin Marie 
Eugenie delle Grazie in Wien in den achtziger Jahren des 19.Jahr- 
hunderts. Siehe hierzu «Mein Lebensgang», Bibl.-Nr. 28, GA 1962. 

260 Das wurde als eine ganz ernsthafte Sache diskutiert: Die Veranlassung 
dazu lag in der damaligen Auseinandersetzung zwischen Kirche und 
Freimaurerei durch das aufsehenerregende Werk von Leo Taxil iiber 
Teufelszeremonien der Freimaurer («Die Drei-Punkte-Bruder»), 
das zur Zeit der Diskussion bereits in etwa 100000 Exemplaren ab- 
gesetzt gewesen sein soil. Siehe den folgenden Hinweis. 

260 Die Sache ist nun so ... Leo Taxil: Rudolf Steiner bezieht sich hier 
auf den beruhmt gewordenen Taxil-Vaughan-Schwindel. 
Leo Taxil (Pseudonym fur Gabriel Jogand Pages), 1854-1907, von 
Jesuiten erzogen und seit den siebziger Jahren bekannt als antikle- 
rikaler Schriftsteller und Grunder von zahlreichen Freidenkerver- 
einen, trat 1881 der Pariser Loge «Le Temple de l'Honneur Fran- 
cais» bei, wurde jedoch kurz darauf ausgestoBen, weil er Briefe 
der . •. Br. Victor Hugo und Louis Blanc gefalscht haben soil. Im 
April 1885 inszenierte er seine reumutige Riickkehr zur Kirche. In 
Befolgung der Enzyklika Leo XIII. vom 20. April 1884 «Huma- 
nuni genus», in der zur Entlarvung der Freimaurer als Teufels ver- 
bundete aufgefordert wurde, begann er mit seinem Hauptwerk «Les 
Freres Trois-Points» (Paris 1885, deutsch von H. Gruber S.J. «Die 
Drei-Punkte-Bruder», Paderborn 1886-1887) und in weiteren Schrif- 
ten seine Entlarvungskampagne mit seinem erdichteten freimaureri- 
schen System «Palladismus» und wurde 1887 von Leo XIII. sogar 
in Privataudienz empfangen. Sein und seiner beiden weiteren Mit- 
spieler, dem Deutschen Karl Hacks (Pseudonym: Dr. Bataille; 
Schwager des Verlegers der ultramontanen «K6lnischen Volkszei- 
tung») und dem Italiener Domenico Margiotta beispielloser Erfolg 



in den Kreisen der katholischen Kirche erreichte den Hohepunkt, 
als Taxil die Zeugin Miss Diana Vaughan erfand («Miss Diana 
Vaughan. Memoires d'une Expalladiste. Publication mensuelle.» 
Lieferungswerk 1895-1897). Unter Mitwirkung hochster kirchlicher 
Wiirdentrager griindete Taxil 1895 eine Antifreimaurerunion, die fur 
September 1896 einen ersten internationalen AntifreimaurerkongreB 
nach Trient einberief. An dem KongreB nahmen 36 Bischofe, 50 bi- 
schofliche Delegierte und iiber 700 meist Priesterwiirden beklei- 
dende Logengegner teil. Den Vorsitz fuhrten Kardinal Fiirstbischof 
Haller von Salzburg und der Fiihrer des katholischen Adels in 
Deutschland, Fiirst Karl zu Lowenstein. Der KongreB wurde zu 
einer offentlichen Kundgebung fiir die Enthullungen Taxils und der 
Miss Vaughan, nur wenige Skeptiker verlangten Beweise. Der erste, 
der die Taxiliade zu enthullen begann, war der Freimaurer Gottfried 
Joseph Findel mit seiner bereits 1896 erschienenen Schrift «Katho- 
lischer Schwindel». Allgemein jedoch gilt H. Gruber S.J., der 
selbst lange an Taxil geglaubt hatte, mit seinem dreiteiligen Werk 
«Leo Taxils Palladismus-Roman» als der erste. Das Werk erschien 
jedoch erst 1897. Nunmehr gestand Taxil in einer groBen Versamm- 
lung in Paris am 19. April 1897, daB alles ein von ihm inszenierter 
Schwindel war, der Teufel Bixtru und die Teufelsbraut Miss Vaughan 
niemals existiert haben. Nach dem «Allgemeinen Handbuch der 
Freimaurerei», Band II (M-Z) der 3. Auflage (1901), S. 449 (Stich- 
wort Taxil), erfolgte Taxils Selbstenthullung friiher als beabsich- 
tigt war, «weil er nach eigenem Gestandnis die Mystifikation nach 
dem Erscheinen von Findeis Schrift nicht gut weiterfuhren konnte». 
Lit.: Graf von Hoensbroech, Das Papsttum in seiner sozial-kultu- 
rellen Wirksamkeit, 2 Bde., Leipzig 1900, Band 1, Seite 338ff. - 
Karl Heise, Entente-Freimaurerei und Weltkrieg, 2./3. Auflage 
Basel 1920, Seite 24/25. - Friedrich Hasselbacher, Entlarvte Frei- 
maurerei, Band IV, Berlin 1939. 

was Lessing, der selbst Freimaurer war, gesagt hat: Nach Monckeberg, 
«G. E. Lessing als Freimaurer», Hamburg 1880, soil Lessing nach 
der Aufnahme in die Loge am 15. Oktober 1771 in Hamburg auf 
die Frage des Meisters vom Stuhl v. Rosenberg: «Nun! Sie sehen 
doch, daB ich die Wahrheit gesagt? Sie haben doch nichts wider die 
Religion oder den Staat gefunden!», geantwortet haben: «Ha, ich 
wollte, ich hatte dergleichen gefunden. Das sollte mir lieber sein.» 

Es gibt eine Schrift - 1875 erschienen — , worin der Verfasser behauptet, der 
erste Freimaurer sei Adam gewesen: Es lieB sich nicht feststellen, auf 
welche Schrift Rudolf Steiner sich hier bezog. Jedoch nach Hecke- 
thorn a.a.O. findet sich diese Angabe bereits in dem 1751 erschie- 
nenen «Konstitutionenbuch fiir irlandische Logen». 



263 sogenannten schottischen oder angenommenen Ritus, in welchem in gewisser 
Beziehung konserviert werde das, was man den agyptischen Ritus, den Mis- 
raim- oder Memphis-Ritus nennt: So lautet der Satz nach Stenogramm 
Seiler. In der Handschrift a) steht: «sogenannten schottischen? oder 
jenem Ritus, welcher in gewisser Beziehung dem gleicht, den man 
den agyptischen, den Misraim- oder Memphis-Ritus nennt. » Nach- 
schrift Reebstein hat nur: « Schottischen oder angenommenen Ritus - 
Memphis-Ritus. » 

264 Goethes Marchen: Siehe Hinweis zu Seite 167. 

265 Das Kunstlerauge schaute auf zu dem, was sich (in den Mysterien) ab- 
spielte: In der Nachschrift a) steht anstelle von «in den Mysterien» 
«in der geistigen Welt» ; im Stenogramm Seiler fehlen diese Worte. 
Fur seine Ubertragung hat er sie offensichtlich aus der Nachschrift a) 
ubernommen. 

265 Zu dem Satz: «Wahrend man es in Indien...: Der Satz ist in alien 
Nachschriften unvollstandig. Er ist im Druck so wiedergegeben, wie 
ihn Marie Steiner in der Nachschrift a) korrigiert hat. 

265 Wer verstehen will, was Aristoteles mit der Reinigung, der Katharsis 
meinte ... wie Lessing nachforschte...: Vgl. auch den Aufsatz «Aristo- 
teles iiber das Mysteriendrama» in «Luzifer-Gnosis», Bibl.-Nr.34 , 
GA 1960; «Gesammelte Aufsatze zur Dramaturgic 1889-1900», 
Bibl.-Nr. 29, GA 1960; «Sprachgestaltung und dramatische Kunst. 
Dramatischer Kurs», Bibl.-Nr. 282, GA 1969. 

268 in der symbolisch tief bedeutsamen Sage vom Heiligen Gral: Rudolf Steiner 
sprach in der Zeit dieser Ausfiihrungen Ofter iiber das Geheimnis 
des Gral, z.B. Berlin, 19. Mai 1905 (in «Was in der Anthroposo- 
phischen Gesellschaft vorgeht - Nachrichten fiir deren Mitglieder», 
1936, Nr. 47-50); Landin, 29. Juli 1906, und Kassel, 16. Januar 1907, 
beide in «Das christliche Mysterium», Bibl.-Nr. 97, GA 1967. 

268 meinen neulichen Vortrag: Doppel Vortrag vom 23. Oktober 1905 (in 
diesem Band). 

268 Zu dem Satz: «Andererseits wissen Sie auch, dafi diese Symbole zusam- 
menhdngen...» : Der Satz ist nicht wortwortlich. Die verschiedenen 
Nachschriften weichen voneinander ab. Wortlaut der Nachschrift a): 
«Andrerseits wissen Sie auch, daB diese Symbole zusammenhangen - 
und das betone ich noch ganz besonders - mit den zwei durch die 
ganze Welt gehenden und auch bis in die hochsten Gebiete hinauf- 
ragenden Kraften des Mannlichen und Weiblichen.» 
Die Seiler-Reinschrift hat denselben Wortlaut, jedoch das Steno- 
gramm weist eine Liicke auf. 



In der Nachschrift d) (Reebstein) heiBt es: «Die Symbole hangen 

zusammen mit den durch die ganze Welt gehenden Fragen, welche 

Bedeutung ... Grundkrafte des Mannlichen und Weiblichen.» 

In den Notizen von Marie Steiner-von Sivers heiBt es: «Die zwei 

Geschlechter sind nur ein Ausdruck fiir die zwei groBen Stromun- 

gen, die uns als das Gesetz der Polaritat entgegentreten.» 

Der gedruckte Wortlaut ist vom Herausgeber sinngemaB redigiert. 

272 Plato ... Die Weltenseele ist an das Kreutz des Weltenleibes geschlagen: 
Vgl. hierzu Hinweis zu Seite 149. 

274 wodurch wieder eine Beseelung (Besiegung) des in derNatur befindlichen 
Unlebendigen stattfindet: Nachschrift a) und b) haben «Beseelung», 
dagegen Nachschrift d) «Besiegung». 

275 Zu dem Satz: «Und auch der Staatsmann formt die Natur [?]...»: 
Das fragliche Wort «Natur» enthalten sowohl die Nachschriften a) 
und b). In den anderen Nachschriften fehlt dieser Passus. 

275 Zu dem Satz: «Und das Mittelalter mit seinem Chaos.. .» : Der Satz ist 
in den Nachschriften a) und b) unvollstandig und wurde auf Grund 
der Vorlagen d) und e) erganzt. 

275 das lafit sich sogar literarisch nachweisen: Rudolf Steiner hat hier offen- 
sichtlich (gemaB seinen Ausfiihrungen im Vortrag Berlin, 19. Mai 
1905, vgl. unter Hinweis zu Seite 268) die Sage «Der arme Heinrich» 
von Hartmann von Aue (um 1165 bis um 1215) im Auge, der dem 
Zeitalter von Wolfram von Eschenbach angehort. Rudolf Steiner 
weist auch spater noch des ofteren auf diese Dichtung hin, z.B. in 
«Alte und neue Einweihungsmethoden» (Vortrag Dornach, 26. Fe- 
bruar 1922), Bibl.-Nr. 210, GA 1967. 

276 Kain dagegen hat das geopfert, was er durch eigene Arbeit der Erde als 
Friichte seines Fleifies abgerungen hat: Dieser Satz steht nur in der 
Nachschrift a). Die Nachschrift d) (Reebstein) enthalt noch den 
Satz, den alle anderen Nachschriften nicht haben: «Abel ist derje- 
nige, der in Zukunft das Heilige durch die Seele zu schaffen ver- 
mag.» 

278 Zu dem Satz: «Diese Gesamtkraft (Gemeinsamkeitskraft), die dem 
Menschen Macht gibt iiber dasjenige, was durch das Kreuz symbolisiert 
wird»: Die Nachschrift a) hat «Gemeinsamkeitskraft», in der Rein- 
schrift Seiler steht «Gesamtkraft», im Stenogramm kann jedoch auch 
Gemeinsamkeitskraft gelesen werden. In der Nachschrift d) (Reeb- 
stein) heiBt der ganze Passus: «Objektive Liebe war vorhanden bei 
den Gottern, die den Kosmos schufen. Etwas Ubermenschliches 
regt sich, was heute Verstand ist, wird spater Liebe sein. Manas, 
Buddhi, Atma ist eine Gesamtkraft, die Macht gibt iiber das Kreuz 1» 



279 Zu dem Satz: « Und was niitzt es, wenn eine Korperschaft die Kraft des 
Kreuzes enthalt? Willich die Kraft des Kreuzes...»: Die Nachschrift a) 
hat anstelle von «Kreuzes» das Wort «Christus», dagegen Rein- 
schrift und Stenogramm Seiler sowie die Nachschrift d) (Reebstein) 
haben «Kreuzes». 



279 Wolfram von Eschenbachs «Parzivah: Entstanden ca. 1200 bis 1210, 
Erstdruck 1477. Dann lange verschollen und wieder bekannt um 
1750. Kritische Ausgabe von Lachmann (1833) und zahlreiche wei- 
tere Ausgaben. 

281 Bulwer in seinem Zukunftsroman «Vril»: Edward George Earl Bul- 
wer-Lytton (1803-1873), «The Coming Race» (1870), deutsch «Vril 
oder eine Menschheit der Zukunft», iibersetzt auf Veranlassung 
Rudolf Steiners von Guenther Wachsmuth, Stuttgart 1922, Neu- 
aufl. Dornach 1958. In einer Fragenbeantwortung nach dem Vor- 
trag Leipzig, 13. Oktober 1906 (in «Das christliche Mysterium», 
Bibl-Nr. 97, GA 1967) heiBt es auf die Frage nach der Bedeutung 
des Romans «Vril» von Edward Bulwer: «Alles, was es friiher in der 
Welt gab, kommt wieder. Der Vril-Kraft liegt etwas Besonderes 
zugrunde. Jetzt kann der Mensch eigentlich nur die Krafte der mine- 
ralischen Natur benutzen. Schwerkraft ist mineralisch, Elektrizitat 
ebenfalls mineralisch. Den Bau von Eisenbahnen verdanken wir der 
Steinkohle. Was aber der Mensch nicht versteht zu benutzen, das ist 
die pflanzliche Kraft. Die Kraft, die in einem Getreidefeld die Halme 
herauswachsen laBt, ist noch eine latente Kraft, und diese wird der 
Mensch ebenso in seinen Dienst zwingen wie die Kraft der Stein- 
kohle. Das ist Vril. Es ist dieselbe Kraft, die die Fakire noch be- 
nutzen. Sie leben im Atavismus - Ahnenzustandsmerkmal.» 



285 Wer meinen vorigen Vortrag iiber die Maurerei gehort hat: Gemeint ist 
der Doppelvortrag vom 23. Oktober 1905 (in diesem Band). 

285 An die Bemerkung, mit der ich das letzte Mai schlofi: Im Vortrag 
vom 28. Dezember 1905 (bisher ungedruckt) heiBt es: «Lassen Sie 
mich die Betrachtungen des alten Jahres abschlieBen mit dem Hin- 
weis, den ich schon einmal gemacht habe [in den Vortragen vom 
Dezember 1904 in diesem Band]. Viel Zerstorungswerk wird um uns 
herum geleistet, vieles, was den aufmerksamen Betrachter, auch wenn 
er nicht Hellseher ist, darauf hinweisen konnte, daB wir am Anfange 
eines groBen Zerstorungswerkes sind in bezug auf das auBere Mate- 
rielle, das sich im verflossenen Jahrhundert entwickelt hat, denn 
nur bis zu einem gewissen Punkte geht die materielle Entwicke- 
lung.» 



286 Keely einen Motor konstruiert hat: Der Amerikaner John Worrell 
Keely (geb. 1837) machte in der zweiten Halfte des 19. Jahrhun- 
derts als Erfinder des Selbstmotors, des sogenannten Keely-Motors, 
von sich reden. Eine Abhandlung iiber seine Experimente findet sich 
in H. P. Blavatskys «Geheimlehre», 1. Band (IX. «Die kommende 
Kraft»), aus dem Englischen der 3. Auflage Leipzig o. J., S.604ff. - 
In Rudolf Steiners Vortragswerk finden sich verschiedentlich AuBe- 
rungen dazu, z.B. im Vortrag Berlin, vom 20.Juni 1916 (in «Welt- 
wesen und Ichheit», Bibl.-Nr.169 , GA 1963). In diesem wahrend 
des Ersten Weltkrieges gehaltenen Vortrag auBerte Rudolf Steiner 
u.a.: «Es war noch ein Ideal. Gott sei Dank, daB es damals ein 
Ideal war, denn was ware dieser Krieg geworden, wenn wirklich 
dieses Keelysche Ideal sich dazumal verwirklicht hatte!» Vgl. auch 
Vortrag Dornach 1. Dezember 1918, in «Die soziale Grundforde- 
rung unserer Zeit. - In geanderter Zeitlage», Bibl.-Nr. 186, GA 1963. 

286 Diese Kraft ist symbolisiert durch das Tau-Zeichen und wurde schon poetisch 
angedeutet durch das Bild des Heiligen Grals: Die Nachschriften a) und 
b) haben beide « durch das Tau des Heiligen Grals », die andern 
Nachschriften haben diese Passage nicht. «Bild des Heiligen Grals» 
ist die Korrektur von Marie Steiner; vielleicht aber handelt es sich 
um einen Schreibfehler, und es muBte vielleicht heiBen «durch die 
Taube des Heiligen Grals». 

286 Goethe im zweiten Teil des « Faust » in der Episode des Homunkulus... 
Darin liegen noch viele Mysterien, die erst gehoben werden miissen: Vgl. 
hierzu die spateren Vortrage «Geisteswissenschaftliche Erlauterun- 
gen zu Goethes Faust», 2 Bande, Bibl.-Nr.272 und 273, GA 1967. 

290 eine Arbeit, die uns obliegt aufeinem Gebiete, das mit der theosophischen 
Bewegung parallel lauft: Rudolf Steiner bezieht sich hier auf die bald 
darauf eingerichtete symbolisch-kultische Abteilung seiner Esote- 
rischen Schule. Vgl. hierzu «Mein Lebensgang», Bibl.-Nr. 28, 
GA 1962, sowie den in Vorbereitung befindlichen Dokumentations- 
band zur Geschichte der Esoterischen Schule Rudolf Steiners. 



SONDERHINWEIS 



zu den in diesen Vortragen gemachten AuBerungen iiber das Atom 
im Zusammenhang mit der Freimaurerei 

Im Gesamtwerk Rudolf Steiners finden sich die verschiedensten AuBerungen 
iiber Atomismus, das Atom und zukiinftige neue Naturkrafte. Sollen nicht 
schwerwiegende MiBverstandnisse entstehen, miissen diese verschiedenen 
AuBerungen differenziert beurteilt werden. Vor allem muB unterschieden 
werden seine Kritik der Atomtheorie als Weltanschauung von seinen 
AuBerungen iiber die Natur des Atoms vom Standpunkt des Okkultismus. 

Die Kritik der Atomtheorie als Weltanschauung, bereits einsetzend in 
zwei seiner friihesten Abhandlungen «Einzig mogliche Kritik der atomisti- 
schen Begriffe» (1882) und «Die Atomistik und ihre Widerlegung» (1890) *, 
zielt darauf, daB es nicht angeht, im Atom «das Grundprinzip alien Da- 
seins» sehen zu wollen. So wie beim Telegramm Draht und Elektrizitat 
nur Vermittler der Sache selbst sind, so konnten auch Atome nur als Ver- 
mittler oder Trager von Geistwirkungen verstanden werden. Diese Grund- 
haltung zieht sich durch sein ganzes Werk. Auch noch in einer seiner letz- 
ten Schriften, in seiner Selbstbiographie «Mein Lebens gang» (32. Kapi- 
tel), heiBt es: « Atome oder atomistische Strukturen konnen nur Ergebnisse 
von Geistwirkungen, von organischen Wirkungen sein.» 

Um etwas vollig anderes handelt es sich bei den AuBerungen iiber das 
Atom in den vorliegenden Vortragen. Hier wurde fiir einen sehr kleinen 
Kreis vom Standpunkt des Okkultismus iiber das Atom als den Urbaustoff 
der Natur im Zusammenhang mit der Freimaurerei gesprochen. Denn so, 
wie durch die freimaurerische Kultsymbolik urspriinglich der Naturdienst 
geheiligt werden sollte, so wollte Rudolf Steiner durch die von ihm mit 
diesen Vortragen vorbereitete kultsymbolische Abteilung seiner Esoteri- 
schen Schule Verstandnis dafiir erwecken, daB «der Laboratoriumstisch 
kiinftig zum Altar» werden und dem ganzen Sozialleben der Selbstlosig- 
keitsimpuls eingepflanzt werden muB, soil unsere vom Niitzlichkeitsprin- 
zip beherrschte Kultur nicht im Egoismus untergehen. Daher veroffent- 
lichte er damals gleichzeitig das aus dem Okkultismus heraus aufgewiesene 
«soziale Hauptgesetz» der Zukunft, das lautet: «Das Heil einer Gesamt- 
heit von zusammenarbeitenden Menschen ist um so groBer, je weniger der 
Einzelne die Ertragnisse seiner Leistungen fiir sich beansprucht, das heiBt 
je mehr er von diesen Ertragnissen an seine Mitarbeiter abgibt und je 
mehr seine Bediirfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Lei- 
stungen der andern befriedigt werden. » * * 

* Abgedruckt in «Beitrage zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe», Nr. 63, Michaeli 
1978. 

** In dem Aufsatz «Theosophie und soziale Frage» (Oktober 1905) in «Luzifer-Gno- 
sis», Bibl.-Nr. 34, auch als Sonderdruck unter dem Titel «Geisteswissenschaft und 
soziale Frage». 



Die nicht aus dem Okkultismus, sondern aus der auBeren Wissenschaft 
kommende Veranlassung, urn iiber das Atom vom okkulten Standpunkt 
zu sprechen, resultierte aus der Voraussicht dessen, was durch die neue- 
sten physikalischen Erkenntnisse von der Wende des 19. zum 20. Jahr- 
hundert auf die Menschheit zukommen wiirde. Die Einsicht, daB die mo- 
derne Naturerkenntnis und Technik Entwicklungsstadien zueilt, welche nur 
dann zum Heile der Menschheit ausschlagen konnen, wenn die Seelen der 
Menschen im Sinne der geisteswissenschaftlichen Lebensauffassung vertieft 
sein werden, hatte Rudolf Steiner grundsatzlich dazu bestimmt, fur die 
offentliche Verbreitung des Geheimwissens einzutreten. DaB die Physik da- 
mals anfing, den Zusammenhang von Atom, Elektrizitat und Ather zu er- 
forschen, erkannte Rudolf Steiner als einen ungeheuer wichtigen Wende- 
punkt in der Entwicklung des menschlichen Denkens, weil er als Okkul- 
tist wuBte, daB «ein neuer Ausgangspunkt aus dem Atom heraus in die 
mineralisch-physische Welt hinein» kommen werde. (16. Dezember 1904, 
in diesem Band.) 

Aus diesem Grunde maB er einer in diese Richtung weisenden Rede des 
damaligen englischen Premierministers Balfour eine auBerordentliche Be- 
deutung bei. Diese Rede, gehalten am 14. August 1904 in der British 
Association, erschien noch im gleichen Jahr auf deutsch unter dem Titel 
«Unsere Weltanschauung», Leipzig 1904. Zu der Zeit, als Rudolf Steiner 
in den Vortragen vom Dezember 1904 auf diese Rede hinwies, hatte er sie 
schon in der Novembernummer seiner Zeitschrift «Luzifer-Gnosis» be- 
sprochen. (Siehe Bibl.-Nr. 34.) 

Mit der Voraussage, in den drei Vortragen vom 9., 16. und 23. Dezem- 
ber 1904, daB der Mensch bis in das Atom hinein denken lernen und im- 
stande sein werde, dessen Kraft anzuwenden, ist aber nicht nur die War- 
nung verbunden vor den schweren Gefahren, die drohen, wenn diese Kraft 
nicht selbstlos in den Dienst des Ganzen gestellt werde, sondern auch noch 
der Hinweis darauf, als dem «Wichtigsten fiir die Zukunft», daB mit den 
Atomen als «den kleinsten Bausteinen» in zukunftigen Zeiten wird gebaut 
werden konnen. 

Diese zweite, nicht weiter ausgefiihrte Andeutung, wird etwas kontu- 
rierter durch die Notizen vom 21. Oktober 1905 und die angefiigte Er- 
ganzung aus dem Vortrag vom 21. Oktober 1907, wonach der Okkultist 
imstande ist, das Atom «wachsen» zu lassen.* Gleichzeitig ist auch von der 
Fahigkeit des Verkleinerns die Rede. Den damaligen Zuhorern waren dies 
nicht vollig unbekannte Gedanken. Denn in der Literatur der Theosophical 

* Viele Jahre spater, im Vortrag Berlin 22. Juni 1915 in «Menschenschicksale, Volker- 
schicksale», Bibl.-Nr. 157, GA 1960, kam Rudolf Steiner wieder im Zusammenhang mit 
der Jupiterentwicklung auf die Atome zu sprechen und erwahnt dabei die nun hier ver- 
offentlichten Vortrage. Wortlich heiBt es dort: «Ich habe iiber das Atom, als zubereitet 
aus dem ganzen Kosmos heraus, friiher einmal gesprochen. In jenen alteren Vortragen 
konnen Sie das wiederfinden, die ganz im Anfange unseres Berliner Wirkens gehalten 
wurden.» 



Society, insbesondere von C. W. Leadbeater und Annie Besant, war viel 
von der Kraft des VergroBerns und Verkleinerns als einem besonders aus- 
zubildenden Vermogen des atherischen Hellsehens die Rede; zumeistim Zu- 
sammenhang mit der Schilderung hellseherischer Untersuchungen von 
Atomen. Gerade im Jahre 1905 hatte Annie Besant dariiber verschiedent- 
lich gesprochen und geschrieben. Auch war eine von beiden gemeinsam 
veroffentlichte Studie aus dem Jahre 1895 iiber «Occult Chemistry» zu die- 
ser Zeit neu erschienen.* Rudolf Steiner lehnte diese Darstellungsart als 
materialistischen Spiritualismus genau so ab, wie die naturwissenschaftliche 
Atomistik als Grundlage einer Weltanschauung, denn auch in dieser theo- 
sophischen Literatur wurden die Atome als Grundprinzip des Daseins be- 
trachtet, statt sie als Ergebnisse und Vermittler von konkreten Geistwir- 
kungen zu erkennen. 

Aus demselben Grunde sprach er auch nicht iiber eine nur auBerliche 
Technik der atherischen VergroBerung und Verkleinerung, sondern davon, 
daB von unserem 20. Jahrhundert ab langsam und allmahlich ein atheri- 
sches Hellsehen als eine neue natiirliche Fahigkeit der Menschen auftreten 
werde und dadurch der im Atherischen wiedererscheinende Christus wird 
wahrgenommen werden konnen.** Dann werde es auch Chemiker und 
Physiker geben, die nicht mehr lehren werden, daB es nur stoffliche Atome 
gibt, sondern daB die Materie aufgebaut ist in dem Sinne, wie «der Chri- 
stus sie nach und nach angeordnet hat».*** 

DaB es sich bei der Andeutung - in zukiinftigen Zeiten werde mit den 
Atomen gebaut werden konnen - um die Bemeisterung der atherischen, der 
lebendigen Krafte handelt, wird deutlich aus dem Vortrag vom 2. Januar 
1906 (in diesem Band). In einem etwas spater gehaltenen Vortrag (Miin- 
chen, 4. Dezember 1907, enthalten in GA 98) findet sich dies noch einmal 
ganz klar ausgesprochen, wenn es heiBt: 

«... Wenn der Mensch einmal soweit an sich gearbeitet haben wird, daB 
er auf der ersten Stufe des Hellsehens ist, dann wird ihm das Leben der 
Pflanzen, werden ihm die Gesetze des Lebens geradeso klar sein, wie es 
uns jetzt die Gesetze der mineralischen Welt sind. 

Setzen Sie eine Maschine zusammen, bauen Sie ein Haus, so sind diese 
nach den Gesetzen der mineralischen Welt gebaut. Eine Maschine ist nach 
den Gesetzen der mineralischen Welt gebaut, eine Pflanze aber konnen wir 
nicht so bauen. Wenn Sie eine Pflanze haben wollen, miissen Sie diese 
Arbeit den Wesenheiten iiberlassen, die der Natur zugrunde liegen. Spater 
wird man Pflanzen im Laboratorium herstellen konnen, aber erst dann, 
wenn das fiir den Menschen ein Sakrament, eine heilige Handlung sein 

* Spater erweitert und mit dem Titelzusatz «Atomlehre» auch auf deutsch erschie- 
nen. Ein Exemplar befindet sich in der Bibliothek Rudolf Steiners. 

** Siehe «Das Ereignis der Christus-Erscheinung in der atherischen Welt», Bibl.-Nr. 
118, GA 1977. 

*** Siehe «Die geistige Fiihrung des Menschen und der Menschheit» (Kap. Ill), 
Bibl.-Nr. 15, GA 1974. 



wird. Alle Herstellung des Lebendigen wird dem Menschen erst dann er- 
laubt sein, wenn er so ernst und gelautert sein wird, daB ihm der Labo- 
ratoriumstisch zum Altar wird. Vorher wird nicht das Geringste davon 
verraten werden, wie die lebendigen Wesen zusammengefugt sind. Mit 
anderen Worten: Das Ich als erkennendes lebt im Mineralreich und wird 
aufsteigen zum Pflanzenreich und wird dieses dann ebenso begreifen lernen 
wie heute das Mineralreich. Spater wird es auch die GesetzmaBigkeit des. 
Tierreiches und dann die des Menschenreiches begreifen lernen. Alle Men- 
schen werden lernen, das Innere der Pflanze, des Tieres und des Menschen 
zu begreifen; das sind Zukunftsperspektiven. Was man wirklich begreift, 
das kann man auch darstellen, zum Beispiel eine Uhr. Der heutige Mensch 
wird niemals etwas aus der lebendigen Natur darstellen konnen ohne Hilfe 
der Wesenheiten, die hinter der Natur stehen, solange es nicht eine sakra- 
mentale Handlung fiir ihn sein wird.» 



ERGANZUNGEN 



Aus dem Werk von Charles William Heckethorn «Geheime Gesellschaften, 
Geheimbunde und Geheimlehren» (deutsche Ausgabe Leipzig 1900) wer- 
den nachfolgend die Darstellungen iiber die Druiden und die Skandinavi- 
schen Mysterien (siehe Vortrag vom 20. September 1904), sowie die Schil- 
derung der Tempellegende wiedergegeben. Das Buch, welches sich in der 
Bibliothek Rudolf Steiners befindet, tragt Anstreichungen von seiner Hand 
und wurde offensichtlich von ihm im Zusammenhang mit den in diesem 
Band enthaltenen Vortragen benutzt. 

DIE DRUIDEN 

Etymologisches - Tempel - Einweihungsorte - Riten - Lehren - Politische und richter- 
liche Macht - Priesterinnen - Verfall und Ende 

Die Geheimlehren der Druiden ahnelten vielfach denen der morgen- 
landischen Priester des Altertums und zerfielen in exoterische und esote- 
rische. Sowohl in Gallien als auch in Britannien geiibt, erlangten die druidi- 
schen Riten ihre groBte Ausbildung in dem letzteren Lande, wo die Insel 
Anglesey als ihr Hauptsitz gait. Gewohnlich wird das Wort «Druiden» 
vom griechischen dgvq (= Eiche) abgeleitet, einem Baum, der als beson- 
ders heilig verehrt wurde; doch laBt es sich auch vom galischen «druidh» 
ableiten, das einen «weisen Mann» oder «Zauberer» bedeutet. 

Die Tempel, in denen die Druiden ihr heiliges Feuer aufbewahrten, stan- 
den zumeist auf Anhohen und in dichten Eichenhainen. Ihre Bauart war 
entweder kreuzformig, weil das Kreuz als das Sinnbild der Wiedergeburt 
betrachtet wurde, oder kreisrund, weil der Kreis das Weltall bedeutete, 
oder flugeiformig, um die Bewegung des gottlichen Geistes anzudeuten, 
oder schlangenartig, weil die Schlange das Symbol des druidischen Osiris - 
Hu - bildete, oder eirund, um an das Welt-Ei zu erinnern, aus dem nach 
der Uberlieferung vieler Volker das Weltall, nach anderen Uberlieferungen 
das erste Menschenpaar hervorging. Der Bau wurde aus unbehauenen Stei- 
nen aufgefuhrt, deren Zahl sich nach gewissen astronomischen Berechnun- 
gen richtete. Der Mittelstein war groBer als alle iibrigen und genoB als 
Vertreter der Gottheit hohe Ehren. Besonders hervorragend waren die 
Steintempel von Stonehenge, Avebury und Shap in England. Wo kein Stein- 
material zur Verfugung stand, traten an dessen Stelle rohe Erdaufschuttun- 
gen; in solchen Fallen bestand der Tempel aus einem von Graben um- 
gebenen hohen Wall. An die Herstellung dieser Tempelhiigel wandte man 
eine Riesenarbeit; so z.B. wurde heutzutage nach Stukeleys Berechnung 
das Aufwerfen eines Hiigels wie der Silbury-Hill etwa zwanzigtausend 
Pfund Sterling kosten. 

Das Aiierheiligste der Mysterien nannte man einen Kromlech oder Dol- 
men. Es wurde als Pastos (Ort der Einweihung oder Wiedergeburt) be- 
nutzt und bestand aus drei aufrecht stehenden Steinen, auf denen ein flacher 
Querstein lag, so daB eine Art Zelle entstand. Doch bildeten diese Krom- 



lechs oder Dolmens nur einen kleinen Teil der ausgedehnten Raume, die 
zum Einweihungsapparat notwendig waren. Der Gesamtsitz der Mysterien 
hieB Coer Sidi und umfaBte eine lange Reihe von an den eigentlichen Tem- 
pel angebauten Gebauden mit zahlreichen Gemachern, Zellen, Gewolben, 
Badern, kunstvollen Gangen usw., die mit den in alien Mysterien iiblichen 
Vorrichtungen zur Erschreckung und Erprobung der Einweihungskandi- 
daten versehen und in der Regel unterirdisch waren. 

Der Druidismus umfaBte alle zu seiner Zeit in jenen Landern bekannten 
religiosen und philosophischen Studien. Die Riten bezogen sich unzweifel- 
haft auf astronomische Tatsachen. Die Hauptgottheiten lassen sich in zwei 
zusammenfassen: eine mannliche und eine weibliche, den groBen Vater und 
die groBe Mutter: Hu und Ceridwen, die in jeder Hinsicht Osiris und Isis 
oder Bacchus und Ceres etc. entsprechen. Die Einweihungsfeierlichkeiten 
fanden vierteljahrlich statt; die genaue Zeit hing vom Lauf der Sonne ab, 
namentlich vom Eintritt der Wenden und der Gleichen. Das Jahresfest 
wurde am Vorabend des 1. Mai abgehalten und mit dem Anziinden von 
Freudenfeuern auf samtlichen Steinhugeln und Kromlechs des ganzen 
Landes eingeleitet. Dieselben brannten die Nacht hindurch und um sie 
herum wurden zu Ehren der Sonne, die damals vermeintlich aus dem 
Grabe stieg, Tanze mit Chorgesang aufgefuhrt. Das ausgelassene Fest fand 
seine Fortsetzung bis zur Mittagszeit des ersten Mai; sobald das Tages- 
gestirn im Zenith stand, zogen sich Priester und Publikum in die Walder 
zuriick, um sich den schlimmsten Orgien hinzugeben. 

Die feierliche Einweihung von Kandidaten erfolgte um Mitternacht und 
umfaBte drei Grade: die Eubaten, die Barden und die Druiden. Der Auf- 
nahmebewerber wurde in einen Sarg gelegt, womit der Tod Hu's, das heiBt 
der Sonne, angedeutet werden sollte, wahrend seine Auferstehung im drit- 
ten Grade das Wiedererscheinen der Sonne versinnbildlichte. Die Erpro- 
bungen seines Mutes ahnelten den bei den anderen Mysterien des Alter- 
tums iiblich gewesenen. 

Das Fest des 25. Dezember wurde mit dem Anziinden groBer Hiigelfeuer 
behufs Verkundigung des Geburtstages des Sonnengottes gefeiert. An die- 
sem Tage - so glaubte man - begann er, nach der vermuteten Wintersonn- 
wende, zu wachsen und allmahlich aufzusteigen. Dieses Fest begingen nicht 
nur die Druiden, sondern die ganze alte Welt. Die Feuer stellten die Kraft 
und Glut der Sonne dar, wahrend das benutzte Immergrun die Einwir- 
kung der erneuten Macht des Tagesgestirns auf die Vegetation darstellte. 
Die Feier der Sommersonnwende fand am 24. Juni statt. Auch die christliche 
Kirche hat diese heidnischen Festtage ubernommen, den einen als Weih- 
nachtstag, den andern als Sankt-Johannistag, nur daB an die Stelle der ein- 
stigen astronomischen Bedeutung eine theologische getreten ist. Der Ge- 
brauch von Immergrun in christlichen Kirchen zur Weihnachtszeit bildet 
eine Fortsetzung der gleichen Sitte der Druiden. 

Die Hauptlehren der Druiden betrafen ein einziges hochstes Wesen, ein 
Jenseits mit Belohnungen und Strafen, die Unsterblichkeit der Seele und 
die Seelenwanderung. Ferner glaubten sie, daB das Wasser das eigentliche 
Urprinzip sei und vor der Schopfung in unbefleckter Reinheit vorhanden 
war. Diese Ansicht stand offenbar im Widerspruch mit einer anderen ihrer 
Lehren: daB namlich der Tag aus der Nacht hervorging, weil die letztere 
(= das Chaos) vor der Erschaffung des ersteren bestand. Sie hegten auch 



die Anschauung, daB die Zeit nur ein aufgefangenes Bruchstiick der Ewig- 
keit sei und daB es eine endlose Reihe von Welten gebe. Im groBen ganzen 
glichen ihre Lehren denen der Pythagoraer. Hohe Verehrung zollten sie 
den Zahlen 3, 7, 19 (= der Mondzyklus) und 147 - der letzteren, weil sie 
das Ergebnis der Multiplikation der zweiten Potenz von 7 (49) mit 3 ist. 
Auch auf das Wahrsagen hielten sie groBe Stiicke; sie bedienten sich dabei 
des Vogelfluges, der Menschenopfer, der weiBen Pferde, des Kreiseziehens 
des Wassers, sowie des Loseziehens. Doch besaBen sie auch betrachtliche 
wissenschaftliche Kenntnisse. 

Die Macht der Druiden iiberstieg haufig die der Herrscher. Sie waren 
die einzigen Ausleger der Religion und hatten die Aufsicht iiber alle Opfe- 
rungen; ohne ihre Genehmigung durfte keine Privatperson ein Opfer dar- 
bringen. Sie besaBen das Recht, die Exkommunikation zu verhangen - die 
furchtbarste Strafe nachst der Todesstrafe -, von deren Folgen nicht ein- 
mal die hochsten obrigkeitlichen Personen ausgenommen waren. Ohne Zu- 
stimmung der Druiden konnte der groBe Reichsrat weder Krieg erklaren 
noch Frieden schlieBen. Sie schlichteten alle Streitigkeiten durch unab- 
anderliche Entscheidungen und durften auch zum Tode verurteilen. Ihre 
Altare schwammen in Menschenblut. Zuweilen brachten sie ganze Mengen 
von Mannern, Frauen und Kindern, die in groBe Tiirme aus Flechtwerk 
gesperrt waren, als Brandopfer dar, die zugleich zur Erhohung des Anse- 
hens dieser ehrsiichtigen und blutdurstigen Priesterschaft dienten. Sie zogen 
es - weil angeblich den Gottern angenehmer - vor, Verbrecher zu opfern; 
mangelte es jedoch an solchen, so «begnugten» sie sich mit Unschuldigen. 
Solche Opfer wurden insbesondere am Vorabend eines Krieges oder zu 
Zeiten eines groBen nationalen Unglucks oder zur Erlangung der Gene- 
sung gefahrlich erkrankter hochstehender Personlichkeiten dargebracht. 

Die weiBgekleideten Priesterinnen, die einen Metallgiirtel trugen, weis- 
sagten die Zukunft aus der Beobachtung der Naturerscheinungen, noch 
lieber aber aus den Menschenopfern. Zu ihren Aufgaben gehorte die T6- 
tung der Kriegsgefangenen und der von den Druiden zum Tode verurteil- 
ten Personen; aus den rauchenden Eingeweiden der Umgebrachten und 
aus der Art, in der das Blut aus den Wunden floB, zogen sie ihre prophe- 
tischen Schlusse. Viele von ihnen fiihrten ein Leben ewiger Keuschheit, 
wahrend andere sich der groBten Ziigellosigkeit hingaben. Sie wohnten 
auf einsamen, meerumspulten Felsen, und ihre Wohnungen wurden von den 
Seeleuten fiir Tempel voll unnennbarer Wunder gehalten. Manche dieser 
Priesterinnen wahrsagten den Schiffern, die ihnen alle erdenklichen Krafte 
zuschrieben; dies gilt namentlich von den neun Priesterinnen, die auf der 
Insel Sena oder Liambis - nach der Sage der Geburtsort Merlins - lebten. 
Die in der Nahe der Loiremundung wohnenden Druidenpriesterinnen 
pflegten alljahrlich ihren Tempel zu zerstoren und einen neuen zu bauen; 
passierte es nun einer, daB sie etwas von dem neuen «heiligen» Baumaterial 
fallen lieB, so stiirzten sich die iibrigen unter gellendem Geschrei auf sie, 
um sie in Stiicke zu zerreiBen und ihre blutigen Glieder umherzustreuen. 

Je weiter die Romer vordrangen, desto mehr verfiel die Macht der 
Druiden. SchlieBlich wurden sie 61 n. Chr. in ihrer Hauptveste auf der Insel 
Anglesey von Suetonius Paulinus - der unter Nero Gouverneur von Bri- 
tannien war - angegriffen, grundlich geschlagen und in groBen Mengen 
auf den Scheiterhaufen verbrannt, welche sie selbst fiir die Romer vorbe- 



reitet hatten, die sie gefangen 2u nehmen gedachten. In Gallien erhielten 
sie sich - namentlich auf dem Kap Finisterre und in der Nahe der Insel 
Sena - urn etwa zweihundert Jahre langer, bis das Uberhandnehmen des 
Christentums sie endgiiltig verdrangte. War aber der Druidismus als solcher 
auch beseitigt, so blieben viele ihrer Religionsgebrauche doch noch lange 
bestehen; in Britannien z.B. erwies es sich noch unter Kanut (11. Jahrhun- 
dert) als notwendig, dem Volk die Anbetung der Sonne, des Mondes und 
des Feuers zu verbieten. In der Freimaurerei leben noch jetzt manche druidi- 
schen Ubungen fort; dieselbe ist im Grunde nichts anderes als Gestirn- 
verehrung, und einzelne Fachschriftsteller wollen beweisen, daB die Frei- 
maurerei bald nach dem Edikt Kanuts und infolge desselben gegrundet 
wurde, sowie daB der Grund der iiberaus strengen Geheimhaltung eben in 
dem ganzlichen Verbot des Druidismus zu suchen ist. 

SKANDINAVISCHE MYSTERIEN 
Die Drotten - Ihre Ausrottung - Das Rituale - Astronomische Auslegung - Das Julefest 

Die altskandinavische Priesterschaft hieB die «Drotten» und wurde von 
Sigge ins Leben gerufen, einem skythischen Prinzen, der nach der Legende 
spater den Namen Odin angenommen haben soil. Diese Korperschaft be- 
stand aus zwolf Personen, die iibrigens auch das Richteramt versahen; hier- 
in ist der Ursprung der zuerst in England, spater in vielen anderen Lan- 
dern aufgekommenen zwolfgliedrigen Geschwornengerichte zu suchen. Ihre 
Macht war so groB, daB sie die zur Opferung bestimmten Menschen nach 
Belieben auswahlen durften - sogar den Herrscher, wenn es ihnen paBte. 
Hieraus ergab sich das allseitige Bestreben, sich mit diesen allmachtigen 
Priestern auf guten FuB zu stellen; und da der Orden auf eine einzige Fa- 
milie beschrankt blieb, wurde er ungeheuer reich. Seine Willkurwirtschaft 
iiberstieg schlieBlich alle Grenzen und nur darum, weil es derselben ein 
Ende zu machen versprach, wurde das Christentum in Skandinavien mit 
groBer Begeisterung aufgenommen. Vom Durst nach Rache fur die ange- 
haufte Unbill, die sie erlitten, angetrieben, totete die Bevolkerung die Drot- 
ten, riB ihre Palaste und Tempel nieder, zerbrach die Standbilder ihrer Got- 
zen und zerstorte alles Drum und Dran des gotischen Aberglaubens. Nur 
was der Vernichtung durch Menschenhand widerstand, blieb bestehen: 
einige Kromlechs, einige groBartige Rohstein-Denkmaler, mehrere in Na- 
turfelsen gehauene Hohlenreihen und eine kleine Anzahl natiirlicher Grot- 
ten, welche Einweihungszwecken gedient hatten. 

Das ganze Rituale hatte eine astronomische Bedeutung. Die Einwei- 
hungsstatten waren, wie bei den meisten ubrigen Mysterien, natiirliche oder 
auch kunstliche Hohlen und der Aufnahmebewerber muBte sich den 
schrecklichsten Erprobungen unterziehen; diese recht grausam zu gestalten, 
lieBen sich die Priester angelegen sein. Der Kandidat hatte aber - im Ge- 
gensatz zu den morgenlandischen Mysterien - nicht sieben, sondern neun 
(neun ist die Quadratzahl der geheimnisvollen Dreizahl) unterirdische 
Raume zu durchwandern. Er empfing die Weisung, den Leichnam Baldrs, 
des skandinavischen Osiris, zu suchen, der von Loki, dem Fiirsten der 
Finsternis, getotet worden war; und er hatte die Aufgabe, den toten Son- 
nengott mit Aufbietung aller Mittel ins Leben zunickzurufen. Dies gelang 



ihm denn auch gewohnlich, worauf er im Allerheiiigsten auf ein nacktes 
Schwert einen feierlichen Verschwiegenheitseid leisten und denselben durch 
das Trinken von Met aus einem Menschenschadel bekraftigen muBte. 
SchlieBlich wurde ihm das auch von den Skandinaviern heiliggehaltene 
Kreuzzeichen aufgedriickt und ein Zauberring - das Geschenk Baldrs des 
Guten - iibergeben. 

Im ersten Gesang der «Edda», offenbar eine Schilderung der mit der 
Einweihung in die Mysterien verbundenen Zeremonien, heiBt es, daB der 
Kandidat bestrebt sei, die im Besitz der Gotter (Asen) befindlichen Kennt- 
nisse zu erlangen. Er entdeckt einen Palast, dessen unermeBlich groBes 
Dach mit goldenen Schilden bedeckt ist. Sodann begegnet er einem Mann, 
der damit beschaftigt ist, sieben B lumen aufwarts zu schleudern. Der Palast 
bedeutet die Welt, das Dach den Himmel, die goldenen Schilde sind die 
Sterne, die sieben Blumen sind die sieben Planeten. Nach seinem Namen 
gefragt, antwortet der Kandidat: «Gangler», d.h. Wanderer, hier jemand, 
der rings umher geht, um der Menschheit Lebensbedurfnisse zu spenden. 
Damit ist die Sonne gemeint, die der Einweihungsbewerber darstellt. Der 
Palast ist der des Konigs; so nannten die alten Mystagogen das Tages- 
gestirn. Der Wanderer erblickt alsbald drei Sitze; auf dem niedrigsten 
thront Har, der «erhabene K6nig», auf dem mittleren Jafuhar, «der dem 
Erhabenen Gleiche», auf dem hochsten Sitze die Dreizahl. Diese drei Sit- 
zenden entsprechen den von den Neulingen der eleusinischen Geheimnisse 
erblickten Personlichkeiten: dem Hierophanten, dem Fackeltrager (Dadu- 
chus) und dem Altarpriester (Epibomit); sie entsprechen auch dem Meister 
und dem ersten und zweiten Aufseher der Freimaurerei - sinnbildlichen 
Vertretern der Sonne, des Mondes und des groBen Weltenbaumeisters 
(Demiurgos). Aber die skandinavische Dreieinigkeit wird gewohnlich durch 
den Obergott Odin, dessen erstgebornen Sohn Thor (den Vermittler zwi- 
schen Odin und den Menschen, den Besitzer unbegrenzter Macht iiber das 
Weltall, weshalb sein Haupt von zwolf Sternen umgeben dargestellt wurde) 
und den Hermaphrodit Freya vertreten, welch letztere man mit allerlei Ab- 
zeichen der Herrschaft iiber Liebe und Ehe ausstattete. 

Die dem Neophyten erteilten Weisungen enthielten auch die Belehrung, 
der groBte und alteste Gott heiBe «alfader» (= Allvater) und habe zwolf 
Beinamen. Diese erinnern an die zwolf Attribute der Sonne, die zwolf 
Konstellationen und die zwolf hochsten Gottheiten Agyptens, Griechen- 
lands und Roms. Zu den Gottern der skandinavischen Mythologie gehorte 
Baldr der Gute, dessen Geschichte, wie schon erwahnt, den Gegenstand 
der Einweihungszeremonien bildete. Baldr entspricht dem orientalischen 
Mithras, dem Geliebten der Sonne. Er sieht die ihm drohende Gefahr vor- 
her, denn er traumt davon. Die anderen Gotter der Walhalla - des Olymps 
der alten Skandinavier - denen er seine Furcht mitteilt, beruhigen ihn und 
lassen, damit ihm nichts geschehen konne, alle Dinge der Natur den Eid 
leisten, daB sie ihm nichts zuleide tun werden; nur die Mistel wird wegen 
ihrer auBerordentlichen Harmlosigkeit nicht zum Schwur herangezogen. 
Zum Zeitvertreib bewerfen die Gotter Baldr mit allerlei gefahrlichen Din- 
gen, ohne ihn zu verletzen. Hoder der Blinde (= das Schicksal) beteiligt 
sich anfanglich nicht an der Unterhaltung; aber Loki der Bose (= die Fin- 
sternis, der Winter) gibt ihm einen Mistelzweig in die Hand und beredet 
ihn, denselben zu schleudern. Die Folge ist, daB Baldr tot niederfallt. Des- 



halb pflegten die Druiden Skandinaviens, Galliens und Britanniens urn die 
Wintersonnwende Mistelzweige zu sammeln; sie schnitten dieselben mit 
einem gebogenen Messer ab, urn den Abschnitt des Tierkreises anzudeu- 
ten, unter dessen Walten die Ermordung Baldrs stattfand. In Snorros Edda 
findet sich eine andere Sage, wonach Odin getotet wurde und Freya, die 
skandinavische Isis oder Venus, ausging, um seinen Leichnam zu suchen - 
genau dieselbe Legende, welche die Agypter von Osiris und Isis, die Grie- 
chen von Ceres und Proserpina erzahlten; auch die astronomische Bedeu- 
tung ist die gleiche. 

Einer der Hauptfeiertage der Skandinavier, wie der Druiden, war das 
Fest der Wintersonnwende. Da es sich hier um die langste Nacht des Jan- 
res handelte, schrieb man ihr die Erschaffung der Welt aus der Urfinsternis 
heraus zu und nannte sie «Mutter-Nacht». Dieses Fest hieB «Jule» (aus 
Helios = Sonne verdorben) und wurde mit Freudenbezeigungen gefeiert. 
In England und Schottland gebraucht man fur Weihnachten noch heute 
das Wort «yule» fast ebenso haufig wie das Wort «christmas». 



DIE TEMPELLEGENDE 

Nachdem Salomo sich zum Bau des Tempels entschlossen hatte, lieB er 
Baukunstler kommen, teilte sie in Gruppen und stellte sie unter den Be- 
fehl des ihm von dem befreundeten und verbundeten Konig von Tyrus, 
Hiram, gesandten Architekten Adoniram oder Hiram Abiff. Nach der 
Uberlieferung war die Abstammung der Erbauer des mystischen Tempels 
die folgende. Einer der Elohim (Urgeister) ehelichte Eva, die ihm einen 
Sohn namens Kain gebar; aber Jehovah oder Adonai, ebenfalls einer der 
Elohim, schuf Adam und verband ihn mit Eva, die nun Abel gebar. Zur 
Strafe fur den Ungehorsam Evas unterwarf Adonai die Sonne Kains der 
Familie Abels. Wahrend Kain trotz seines eifrigen Ackerbaus wenig Ertrag 
erzielte, hiitete Abel in MuBe seine Herden. Jehovah verwarf die Opfer- 
gaben Kains und erregte Zwietracht zwischen den aus dem Feuer entstan- 
denen Sohnen der Elohim und den bloB aus der Erde hervorgegangenen 
Menschen. Die Folge war, daB Kain Abel totete. Nun verfolgte Adonai 
Kains Sonne und machte die edle Familie, welche die Kiinste und Wissen- 
schaften aufgebracht hatte*, den Sohnen Abels untertan. 

Enoch, ein Sohn Kains, lehrte die Menschen die Kunst, Steine zu be- 
hauen, Hauser zu bauen und burgerliche Gesellschaften zu bilden. Enochs 
Sohn Irad und sein Enkel Mehujael errichteten Damme und machten aus 
Zederstammen Balken. Ein andrer SproB Kains, Methusael, ersann die heili- 
gen Buchstaben, die Tau-Biicher und das sinnbildliche T, an dem die vom 
Feuer herstammenden Arbeiter einander erkannten. Lamech, dessen Weis- 
sagungen den Profanen unverstandlich sind, hatte vier Kinder: Jabal, der 
als Erster die Bearbeitung der Kamelhaut lehrte; Jubal, den Erfinder der 
Harfe; Naamah, die Mutter der Spinnerei und Weberei; Tubal-Kain, der 
den ersten Schmelzofen errichtete, der erste Metallarbeiter war und in den 
Bergen unterirdische Hohlen grub, um sein Geschlecht gegen die Sintflut 

* Die Puranas lobpreisen begeistert die Intelligenz der Nachkommen Kains und die 
Vollkommenheit, zu der sie die Kiinste des biirgerlichen Lebens brachten. 



zu schiitzen. Trotz dieser Hohlen kamen nur Tubal-Kain und sein Sohn 
mit dem Leben davon. Die Gattin Harns, des zweiten Sohnes Noah, ver- 
liebte sich in den Sohn Tubal-Kains und machte ihn zum Vater Nimrods, 
der die Jagd erdachte und Babylon grundete. Adoniram, ein Nachkomme 
Tubal-Kains, schien von Gott berufen zur Fiihrung der Miliz der freien 
Manner, welche die Sonne des Feuers mit den Sohnen des Gedankens, des 
Fortschritts und der Wahrheit verbinden sollte. 

Hiram erbaute den wunderbaren Tempel Salomonis, errichtete den herr- 
lichen goldenen Konigsthron und fiihrte viele prachtvolle Bauten auf. Aber 
trotz seiner GroBe fiihlte er sich vereinsamt und unverstanden. Wenige 
liebten, viele haBten ihn; auch Salomo war ihm gram, denn er beneidete 
ihn um sein Genie und seinen Ruhm. Der Konig seinerseits war auf der 
ganzen Erde ob seiner hohen Weisheit beruhmt - so sehr, daB eines Tages 
die Konigin von Saba, Balkis, nach Jerusalem kam, um ihn zu begruBen 
und die Wunder seiner Herrschaft kennen zu lernen. Sie fand ihn auf einem 
vergoldeten Zedernthron in vergoldeter Gewandung sitzen und hielt ihn 
im ersten Augenblick fiir eine Goldstatue mit Elfenbeinhanden. Er berei- 
tete ihr einen uberaus festlichen Empfang und zeigte ihr seinen Palast und 
den groBartigen Tempel. Wahrend sie alles begeistert bewunderte, nahm 
ihre eigene Schonheit das Herz des Konigs so sehr gefangen, daB er ihr 
schon nach kurzer Zeit seine Hand anbot. Erfreut, den stolzen Mann er- 
obert zu haben, gabe sie ihm ihr Jawort. Bei ihrem zweiten Besuch des 
Tempels wiederholte sie den Wunsch, den geheimnisvollen Baukunstler zu 
sehen, der so Herrliches vollbracht. Salomo verzogerte die Erfullung die- 
ses Wunsches moglichst lange, muBte sich jedoch schlieBlich dazu beque- 
men, Hiram Abiff vorfiihren zu lassen. Dieser warf der Konigin von Saba 
einen Blick zu, welcher ihr Innerstes erbeben lieB. Alsbald gewann sie ihre 
Fassung wieder und nahm Hiram gegen den Unwillen und die Eifersuchts- 
anwandlung Salomos in Schutz. Als sie die beim Tempelbau beschaftigten 
Arbeitermassen beisammen zu sehen verlangte, erklarte der Konig dies fiir 
unmoglich. Da stieg Adoniram auf einen Stein, um besser gesehen zu wer- 
den, machte in der Luft mit der rechten Hand das symbolische Tau-Zei- 
chen und sofort eilten von alien Seiten die samtlichen Arbeiter herbei. Die 
Member hochlich erstaunte Balkis bereute insgeheim, die Werbung des 
Konigs angenommen zu haben, denn sie entbrannte in Liebe zu dem mach- 
tigen Architekten. Der eifersiichtige Salomo beschloB nun, Hiram zu de- 
mutigen und zu Grunde zu richten, weil er in ihm einen Nebenbuhler er- 
blickte. 

Unter den Tempelarbeitern befanden sich drei Gesellen, die gegen Hiram 
eingenommen waren, weil er sich wegen ihrer Untiichtigkeit und Tragheit 
geweigert hatte, sie zu Meistern zu befordern: der syrische Maurer Fanor, 
der phonikische Zimmermann Amru und der hebraische Grubenarbeiter 
Metusael. Dieses Kleeblattes bediente sich Salomo gegen Hiram und die 
Verschworenen faBten den Plan, das Gelingen des Gusses des ehernen 
Meeres zu verhindern - einer Leistung, die bestimmt war, dem Ruhm 
Hirams die Krone aufzusetzen. Der junge Arbeiter Benoni, ein besondrer 
Verehrer seines Meisters, kam hinter die bose Absicht jener Drei und ver- 
riet sie an den Konig, damit dieser sie vereitle. Als es zum GuB kam, dem 
auch Balkis beiwohnte, und die flussigen Erzmassen nach Offnung des 
Schmelzofens sich in die Riesenform ergossen, flossen sie iiber die letztere 



hinweg und stromten auf dem Erdboden fort, sodaB die versammelte 
Menge die Flucht ergreifen muBte, urn nicht verbrannt zu werden. Ver- 
geblich versuchte Hiram, der eine gottergleiche Ruhe bewahrte, durch 
Anwendung groBer Wassermassen den Feuerstrom aufzuhalten. Die Mi- 
schung des Wassers mit dem Feuer erzeugte heiBe Dampfe, welche auf- 
stiegen, urn als totbringender Feuerregen wieder niederzufallen. Der un- 
gliickliche Bauherr wollte bei einem treuen Herzen Trost suchen und daher 
mit Benoni sprechen; aber er konnte ihn nicht finden, denn der edle Jiing- 
ling war umgekommen, als er die Niederlage des Meisters zu verhindern 
trachtete, weil er sah, daB Salomo sie trotz der Warnung nicht verhindert 
hatte. 

Hiram verblieb auf dem Schauplatz seines Unglucks; in seinen Gram ver- 
sunken, achtete er nicht des lebensgefahrlichen Herannahens des Feuer- 
meeres. In erster Reihe dachte er an die bittere Enttauschung der Konigin 
von Saba, die gekommen war, um ihn zu dem erwarteten groBen Triumph 
zu begliickwimschen. Plotzlich ertonte von oben eine seltsame Stimme, wel- 
che ausrief: «Hiram! Hiram! Hiram !» Aufblickend, sah er hoch in der 
Luft eine Riesengestalt schweben, die ihn ansprach: «Sei ohne Furcht, 
mein Sohn, denn ich habe dich unverbrennbar gemacht; stiirze dich in die 
Flammen!» Er betrat den Schmelzofen, ohne sich zu verletzten; ja, er emp- 
fand ein unbeschreibliches Entziicken, als er, von einer unwiderstehlichen 
Kraft angetrieben, immer weiter vordrang. «Wohin fiihrst du mich?» 
fragte er. - «In den Mittelpunkt der Erde, in die Seele der Welt, ins Reich 
des groBen Kain, wo die Freiheit herrscht. Dort hort der tyrannische Neid 
Adonais auf; dort konnen wir, seines Zornes spottend, die Frucht vom 
Baum der Erkenntnis kosten; dort ist das Heim deiner Vater. » - «Wer bin 
ich und wer bist du?» - «Ich bin der Vater deiner Vater, ich bin Tubal- 
Kain, der Sohn Lamechs.» 

Tubal-Kain fiihrte Hiram ins Heiligtum des Feuers ein, wo er ihm die 
Schwachen und niedrigen Leidenschaften Adonais darlegte, der seinem eig- 
nen Geschopf feindlich gesinnt sei und es unerbittlich zum Tod verurteile, 
um sich an den Feuergeistern zu rachen, die es - den Menschen - mit 
Wohltaten iiberhauft haben. Hiram stand bald vor seinem Urvater Kain, in 
dessen Schonheit sein Erzeuger, der Lichtengel, sich widerspiegelte. Kain, 
dessen edle Gesinnung den Neid Adonais erregt hatte, erzahlte Hiram von 
den Leiden, die der grausame Jehovah iiber ihn verhangte. Plotzlich erscholl 
die Stimme des «Abk6mmlings Tubal-Kains und seiner Schwester Naa- 
mah» : «Dir wird ein Sohn geboren werden, den du zwar nicht sehen wirst, 
dessen zahlreiche Nachkommen jedoch dein Geschlecht verewigen werden. 
Dem Geschlecht Adams iiberlegen, wird das deinige die Herrschaft der 
Welt erringen. Viele Jahrhunderte lang wird es seinen Mut und seine hohen 
Fahigkeiten dem Dienste des stets undankbaren Geschlechtes Adams wid- 
men, bis schlieBlich die besten die starksten werden und auf Erden die 
Feueranbetung wieder einfiihren. Deine unbesiegbaren Abkommlinge wer- 
den die Macht der Konige, der Heifer Adonais bei seiner Willkurherr- 
schaft, zerstoren. Gehe, mein Sohn, die Feuergeister sind mit dir!» Tubal- 
Kain iibergab ihm den Hammer, mit dem er selbst so viel GroBes voll- 
bracht hatte, und fiigte hinzu: «Dieser Hammer und die Feuergeister sollen 
dir dazu verhelfen, das durch menschliche Dummheit und Bosheit unvoll- 
endet gebliebene Werk schleunig zu beenden.» Kaum wieder auf der Erd- 



Oberflache, erprobte Hiram die wunderbare Kraft des kostbaren Hammers 
und bei Morgenanbruch war der GuB des ehernen Meeres vollkommen 
gelungen. Der Kiinstler und Balkis waren entziickt und das herbeieilende 
Volk bestaunte die geheime Macht, durch welche das gestrige Ungliick in 
einer Nacht wettgemacht worden war. 

Bald darauf ging Balkis eines Tages in Begleitung ihres Gefolges auBer- 
halb Jerusalems spazieren und begegnete unterwegs Hiram, der allein und 
in Gedanken versunken war. Die beiden gestanden einander ihre Liebe. 
Als Had-had (der bei der Konigin von Saba das Amt eines Boten der Feuer- 
geister versehende Vogel) Hiram in der Luft das mystische T-Zeichen 
machen sah, umflog er sein Haupt und lieB sich dann auf seinem Hand- 
gelenk nieder. Da rief Sarahil, die einstige Amme der Konigin: «Die Weis- 
sagung ist erfiillt! Had-had erkennt den Gatten, den die Feuergeister fiir 
Balkis bestimmt haben und dessen Liebe allein sie annehmen darf!» Das 
Paar zogerte nun nicht langer, sich zu verloben und beriet dann iiber die 
weiteren MaBregeln. Hiram sollte Jerusalem zuerst verlassen und sich nach 
Arabien begeben, wohin Balkis ihm folgen wollte, sobald es ihr gelungen 
sein werde, die Wachsamkeit des Konigs zu tauschen und zugleich ihre 
Verlobung mit ihm riickgangig zu machen. Beides gelang ihr, als Salomo 
sich eines Tages berauschte; sie zog ihm den Verlobungsring vom Finger. 
In seiner Eifersucht gab er den drei Gesellen, die den GuB des ehernen 
Meeres verdorben hatten, den Wink, daB ihm die Beseitigung des Neben- 
buhlers erwiinscht ware. Vor der geplanten Abreise erschien Hiram noch- 
mals im Tempel und hier wurde er von den Dreien erschlagen. Doch ge- 
lang es ihm vor dem Aushauchen des letzten Seufzers, das goldne Dreieck, 
das er um den Hals trug und auf dem das Meisterwort eingraviert war, in 
einen tiefen Brunnen zu werfen. Die Morder hullten den Leichnam ein, be- 
gruben ihn auf einem einsamen Hiigel und pflanzten einen Akazienzweig 
aufs Grab. 

Als Hiram sich sieben Tage lang nicht zeigte, muBte Salomo, wenngleich 
ungern, dem Wunsche des Volkes nachgeben und ihn suchen lassen. Drei 
Meister entdeckten die Leiche, und da sie jene drei Gesellen des Mordes 
verdachtigten, weil sie wuBten, daB Hiram ihnen den Meistergrad verwei- 
gert hatte, beschlossen sie vorsichtshalber, das Meisterwort abzuandern. 
Das erstbeste Wort, welches wahrend der Emporhebung des Leichnams 
zufallig fallen wurde, sollte das kunftige Meisterwort werden. Als nun einer 
von ihnen sah, daB sich die Haut vom Korper losloste, rief er aus: «Mak- 
benach!» (etwa «Bruder erschlagen» oder «Fleisch vom Knochen getrennt») 
und so wurde «Makbenach» zum Kennwort des Meistergrades. Man er- 
wischte die drei Morder und sie entleibten sich, um nicht in die Hande der 
Gerechtigkeit zu fallen; ihre Kopfe wurden dem Konig iiberbracht. Da sich 
das goldne Dreieck nicht bei der Leiche Hirams vorfand, forschte man da- 
nach und fand es schlieBlich in jenem Brunnen. Salomo lieB es auf einen 
dreieckigen Altar legen, der sich in einem geheimen Gewolbe unterhalb 
des entlegensten Teiles des Tempels befand; um das goldne Dreieck noch 
besser zu verbergen, stellte man darauf einen kubischen Stein, der die zehn 
Gebote enthielt. SchlieBlich wurde das Gewolbe, dessen Vorhandensein 
nur 27 Erwahlten bekannt war, zugemauert. 



DER GRAF VON SAINT-GERMAIN 

(aus Gustav Berthold Volz «Der Graf von Saint- Germain») 
Erganzung zu Hinweis 107, Seite 325 

Bei meiner Riickkehr aus Berlin und Hanau sah ich in Altona den 
beriichtigten Grafen Saint-Germain, welcher mir seine Freundschaft zuzu- 
wenden schien, besonders als er horte, daB ich kein Jager sei und auch 
keine anderen Liebhabereien habe, welche dem Studium der hoheren 
Naturwissenschaften hinderlich sind. Er sagte mir damals: «Ich werde Sie 
in Schleswig besuchen, und Sie sollen sehen, was wir zusammen fiir groBe 
Dinge ausrichten werden.» Ich gab ihm zu verstehen, daB ich viele Griinde 
hatte, die Gunst, die er mir erweisen wolle, fiir den Augenblick nicht 
anzunehmen. Er entgegnete: «Ich weiB, daB ich zu Ihnen kommen muB, 
und ich muB Sie sprechen.» Ich wuBte kein anderes Mittel, um den 
Erorterungen auszuweichen, als ihm zu sagen, der Oberst Koeppern, 
welcher krank zuruckgeblieben war, wiirde mir in einigen Tagen folgen 
und er mochte mit diesem daniber reden. Dann schrieb ich an Koeppern 
einen Brief, um ihm zu sagen, er mochte sein Moglichstes tun, um dem 
Grafen Saint-Germain zuvorzukommen und ihm, soviel als moglich, abzu- 
raten, hierher zu kommen. Koeppern kam nach Altona und sprach mit 
ihm, aber der Graf antwortete ihm: «Sie konnen sagen, was Sie wollen, ich 
muB nach Schleswig gehen und werde nicht davon abstehen. Das Ubrige 
wird sich finden. Sie werden Sorge tragen, mir dort eine Wohnung bereit 
zu halten usw.» Koeppern teilte mir dies Ergebnis ihrer Unterhaltung mit, 
welches ich nicht billigen konnte. 

Ich hatte ubrigens bei der preuBischen Armee viele Erkundigungen iiber 
diesen ungewohnlichen Mann eingezogen und hatte besonders mit meinem 
Freund, dem Obersten Frankenberg, iiber ihn gesprochen. Dieser sagte 
mir: «Sie konnen iiberzeugt sein, daB er kein Betriiger ist, und daB er groBe 
Kenntnisse besitzt. Er war in Dresden, als ich mit meiner Frau dort war. 
Er wollte uns Beiden wohl. Meine Frau wollte ein Paar Ohrgehange 
verkaufen; ein Juwelier bot ihr eine Kleinigkeit dafiir. Sie sprach in 
Gegenwart des Grafen davon, welcher zu ihr sagte: <Wollen Sie sie mir 
zeigen?> Was sie auch tat. Dann sagte er: <Wollen Sie mir dieselben fiir 
einige Tage anvertrauen?> Er gab sie ihr zuriick, nachdem er sie verscho- 
nert hatte. Der Juwelier, welchem sie meine Frau darauf zeigte, sagte: <Das 
sind schone Steine; die sind ganz anders als die, welche Sie mir friiher 
zeigten!) und er bezahlte mehr als das Doppelte dafur.» 

Saint-Germain kam bald darauf nach Schleswig. Er sprach mit mir von 

froBen Dingen, welche er zum Besten der Menschheit tun wolle usw. Ich 
atte keine Lust dazu, aber zuletzt machte ich mir ein Gewissen daraus, 
Kenntnisse, die in jeder Hinsicht wichtig waren, auf Grund einer vermeint- 
lichen Weisheit oder aus Geiz zuriickzuweisen, und ich wurde sein Schuler. 

Er sprach viel von der Verschonerung der Farben, welche fast nichts 
kostete, von der Verbesserung der Metalle, indem er hinzufugte, daB man 
durchaus kein Gold machen miisse, selbst wenn man es verstande, und 
diesem Grundsatz blieb er unbedingt treu. Die Edelsteine kosten den 
Einkaufspreis; aber wenn man ihre Verbesserung versteht, so wird ihr 
Wert unendlich gesteigert. Es gibt fast nichts in der Natur, was er nicht zu 



verbessern und niitzlich zu machen verstand. Er vertraute mir fast alle 
seine Kenntnisse von der Natur der Dinge an, aber nur die Anfangsgriinde, 
und lieB mich dann durch Versuche die Mittel zu Erreichung des Zwecks 
selbst suchen und freute sich ungemein iiber meine Fortschritte. So machte 
er es in bezug auf die Metalle und die Steine; aber die Farben teilte er mir 
wirklich mit, sowie einige andere sehr wichtige Kenntnisse. 

Man wird vielleicht neugierig sein, seine Geschichte kennen zu lernen, 
und ich will sie durchaus wahrheitsgetreu mit seinen eigenen Worten 
wiedergeben und nur die notigen Erklarungen hinzufiigen. 

Wie er mir erzahlte, war er 88 Jahre alt, als er hierher kam, und er starb 
in einem Alter von 92 oder 93. Er sagte mir, er sei der Sohn des Fiirsten 
Rakoczy von Siebenburgen und dessen erster Gattin, einer Tokoly. Er 
wurde unter den Schutz des letzten Medici gestellt, der ihn als Kind in 
seinem eigenen Zimmer schlafen lieB. Als er horte, daB seine beiden 
Briider, Sonne der Prinzessin von Hessen-Rheinfels oder Rotenburg, wenn 
ich mich nicht irre, sich dem Kaiser Karl VI. unterworfen und nach dem 
Kaiser und der Kaiserin die Namen San Carlo und Santa Elisabetta erhalten 
hatten, sagte er zu sich selbt: «Gut, dann will ich mich Sanctus Germanus, 
den heiligen Bruder, nennen.» 

Ich kann allerdings seine Herkunft nicht verbiirgen; aber daB er von 
dem letzten Medici auBerordentlich begiinstigt wurde, das habe ich auch 
von anderer Seite gehort. Dieses Haus war, wie bekannt, in den hochsten 
Wissenschaften bewandert, und es ist nicht zu verwundern, daB er dort 
seine ersten Kenntnisse schopfte. Aber er behauptete, die Krafte der Natur 
durch seinen eigenen FleiB und seine Untersuchungen erforscht zu haben. 
Er kannte die Krauter und Pflanzen aus dem Grunde und hatte Arzneien 
erfunden, deren er sich standig bediente, und welche sein Leben und seine 
Gesundheit verlangerten. Ich habe noch alle seine Rezepte, aber nach 
seinem Tode eiferten die Arzte sehr heftig gegen seine Wissenschaft. Wir 
hatten einen Arzt Lossau, welcher Apotheker gewesen war, und dem ich 
jahrlich 1200 Taler gab, um die Arzneien zuzubereiten, welche der Graf 
Saint-Germain ihm vorschrieb, unter anderen und vorzugsweise seinen 
Tee, den die Reichen gegen Bezahlung und die Armen umsonst erhielten. 
Letztere genossen auch die Pflege dieses Arztes, welcher eine Menge Leute 
heilte und welchem meines Wissens niemand starb. Aber nach dem Tode 
desselben ward ich der AuBerungen miide, die ich von alien Seiten zu 
horen bekam, nahm alle meine Rezepte zuriick und ersetzte Lossau nicht 
wieder. 

Die Farbenfabrik wollte Saint-Germain hier im Lande grunden. Die des 
verstorbenen Otte in Eckernforde stand leer und verlassen. Ich hatte somit 
Gelegenheit, diese Gebaude vor der Stadt billig zu kaufen, und setzte den 
Grafen Saint-Germain dorthin. Auch kaufte ich Seidenzeuge, Leinen usw. 
AuBerdem waren vielerlei Geratschaften zu einer solchen Fabrik erforder- 
lich. Ich sah dort nach der Art, wie ich es gelernt und in einer Tasse selbst 
versucht hatte, 15 Pfund Seide in einem groBen Kessel farben. Das gelang 
vollkommen. Man kann also nicht sagen, daB es im GroBen nicht gehe. 

Das Ungluck wollte, daB der Graf Saint-Germain, als er nach Eckern- 
forde kam, unten in einem feuchten Zimmer wohnte, wo er einen sehr 
starken Rheumatismus bekam, von welchem er sich trotz aller seiner 
Heilmittel nie wieder ganz erholte. 



Ich besuchte ihn oft in Eckernforde und kehrte nie ohne neue hochst 
interessante Belehrungen zuriick, da ich mir haufig die Fragen aufschrieb, 
welche ich ihm vorlegen wollte. In seiner letzten Lebenszeit fand ich ihn 
eines Tages sehr krank und, wie er glaubte, auf dem Punkte zu sterben. Er 
schwand zusehends dahin. Nachdem ich in seinem Schlafzimmer das 
Mittagessen eingenommen hatte, muBte ich mich allein vor sein Bett 
setzen, und er sprach dann viel ruckhaltsloser iiber viele Dinge, sagte mir 
vieles voraus und ersuchte mich, so bald wie moglich wiederzukommen, 
was ich auch tat. Indes fand ich ihn bei meiner Ruckkehr weniger krank, 
dafiir aber desto schweigsamer. Als ich 1783 nach Kassel ging, sagte er mir, 
daB ich, im Fall er wahrend meiner Abwesenheit sterben sollte, ein versie- 
geltes Billet von seiner Hand finden wiirde, welches mir geniigen werde. 
Aber dieses Billet fand sich nicht; vielleicht hatte er es ungetreuen Handen 
anvertraut. Oftmals bin ich in ihn gedrungen, mir noch wahrend seines 
Lebens das mitzuteilen, was er mir in diesem Billet hinterlassen wollte. 
Dann ward er traurig und rief: «Ach, wie ungliicklich wiirde ich sein, mein 
lieber Prinz, wenn ich zu sprechen wagte!» 

Er war vielleicht einer der groBten Weltweisen, welche je gelebt haben. 
Er liebte die Menschheit; Geld verlangte er nur, um es den Armen zu 
geben. Er liebte selbst die Tiere, und sein Herz beschaftigte sich nur mit 
dem Gliick anderer. Er glaubte, die Welt dadurch zu beglucken, daB er ihr 
zu billigeren Preisen neue Vergnugungen, schonere Stoffe und schonere 
Farben verschaffte; denn seine herrlichen Farben kosteten fast nichts. Ich 
habe nie einen Mann von klarerem Geiste gesehen, und dabei besaB er eine 
Gelehrsamkeit, besonders in der Geschichte, wie ich selten gefunden habe. 

Er war in alien Landern Europas gewesen, und ich kenne fast keines, wo 
er sich nicht langere Zeit aufgehalten hatte. Er kannte sie alle von Grund 
aus. In Konstantinopel und in der Tiirkei war er oft gewesen. Frankreich 
schien jedoch das Land zu sein, welches er am meisten liebte. Er wurde 
Ludwig XV. bei der Frau von Pompadour vorgestellt und nahm auch an 
den kleinen Soupers des Konigs teil. Ludwig XV. hatte viel Vertrauen zu 
ihm. Er benutzte ihn unter der Hand, um einen Frieden mit England zu 
unterhandeln, und schickte ihn nach dem Haag. Es war die Gewohnheit 
Ludwigs XV., ohne Vorwissen seiner Minister Emissare zu benutzen, 
die er jedoch im Stiche lieB, sobald sie entdeckt wurden. Der Herzog 
von Cnoiseul hatte von seinen Umtrieben Kunde erhalten und wollte 
ihn festnehmen lassen. Er fluchtete aber noch bei Zeiten. Er ver- 
tauschte nun den Namen Saint-Germain mit dem eines Grafen Welldone. 

Seine philosophischen Grundsatze iiber Religion waren der reine Mate- 
rialismus, den er aber so scharfsinnig vorzutragen wuBte, daB es schwer 
war, ihm siegreiche Beweise entgegenzustellen; aber ich hatte ofters das 
Gliick, die Mangel der seinigen darzutun. Er war nichts weniger als ein 
Verehrer Christi, und da er sich in bezug auf diesen AuBerungen erlaubte, 
die mir unangenehm waren, so sagte ich zu ihm: «Mein lieber Graf, es 
hangt von Ihnen ab, ob Sie an Jesus Christus glauben wollen oder nicht; 
aber ich gestehe Ihnen offen, daB Sie mir vielen Kummer verursachen, 
wenn Sie bei mir gegen Den sprechen, welchem ich so ganzlich ergeben 
bin.» Er blieb einen Augenblick nachdenklich und antwortete: «Jesus 
Christus ist Nichts; aber Ihnen Kummer verursachen, das ist Etwas. Also 
verspreche ich Ihnen, nie wieder dariiber mit Ihnen zu reden.» Auf seinem 



Sterbebette, wahrend meiner Abwesenheit, trug er eines Tages Lossau auf, 
mir, wenn ich von Kassel zuriickkame, zu sagen, daB Gott ihm die Gnade 
erwiesen habe, ihn seine Ansicht noch vor seinem Tode andern zu lassen, 
und fiigte hinzu, er wisse, wieviel Freude mir das machen und daB ich noch 
viel fiir sein Gliick in einer anderen Welt tun werde. 



NAMENREGISTER 



Personen 



d'Adhemar, Grafin 64, 107 

Aeschylos 265 

Aristoteles 265 

Augustinus 68-70, 73, 74, 78 

Balfour, Arthur James 101,112,113 
Besant, Annie 21 

Blavatsky, Helena Petrowna 47, 112, 
240 

Bruno, Giordano 162 
Buddha 190 

Bulwer-Lytton, Edward George Earl 
281 

Cagliostro, Graf Alexander 104-106 
Collins, Mabel 106 
Cusanus, Nicolaus 193 

Dante, Alighieri 152 
Desaguliers, John Theophilus 95 
Dionysius Areopagita 193 

Elisabeth, Konigin von England 42 

Frankfurter, der 117 

Goethe, Johann Wolf gang von 30*, 69, 
92,93,162,163,167,194,264,275,280 

Hartmann, Franz 111 
Hartmann von Aue 42 
Heraklit 184 
Homer 187, 283 

Jean Paul (Jean Paul Friedrich 
Richter) 143 

Keely, John Worrell 286 
Kellner, Carl 111 



Landgraf von Hessen, Prinz Karl 107, 
108 

Lessing, Gotthold Ephraim 261, 266 
Livius, Titus 132 
Ludwig XVI. 107 
Luther, Martin 73, 74 

Marie- Antoinette, Konigin von 

Frankreich 40, 64, 107 
Michelangelo Buonarroti 209, 283 
Molay, Jacob von 146 

Nietzsche, Friedrich 77 
Nostradamus (Michel de Notre - 
Dame) 40 

Pius IX., Papst (Graf Giovanni 
Maria Maetai-Feretti) 115 
Plato 149, 162, 272 
Pythagoras 144, 190, 204, 287 

Raffed Santi 204 
ReuB, Theodor 111 

Schaffte, Albert 142 

Saint- Germain, Graf von 22, 64, 107 

Scott-Elliot, W. 52 

Sinett, Alfred Percy 40 

Sophokles 365 

Taxil, Leo 260 
Thaies von Milet 265 
Tolstoi, Leo 256 

Vaughan, Miss 260 

da Vinci, Leonardo 209 

Vitruvius, Pollio 80, 88, 100 

Wolfram, von Eschenbach 279 

Yarker, John 110 



UBER DIE VORTRAGSNACHSCHRIFTEN 



A us Rudolf Steiners Autobiographic 
«Mein Lebensgang» (3S. Kap., 1925) 

Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergeb- 
nisse vor; erstens meine vor aller Welt veroffentlichten Biicher, zwei- 
tens eine groBe Reihe von Kursen, die zunachst als Privatdruck ge- 
dacht und verkauflich nur an Mitglieder der Theosophischen (spater 
Anthroposophischen) Gesellschaft sein sollten. Es waren dies Nach- 
schriften, die bei den Vortragen mehr oder weniger gut gemacht wor- 
den sind und die - wegen mangelnder Zeit - nicht von mir korrigiert 
werden konnten. Mir ware es am liebsten gewesen, wenn miindlich 
gesprochenes Wort miindlich gesprochenes Wort geblieben ware. Aber 
die Mitglieder wollten den Privatdruck der Kurse. Und so kam er zu- 
stande. Hatte ich Zeit gehabt, die Dinge zu korrigieren, so hatte vom 
Anfange an die Einschrankung «Nur fur Mitglieder» nicht zu be- 
stehen gebraucht. Jetzt ist sie seit mehr als einem Jahre ja fallen ge- 
lassen. 

Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen, 
wie sich die beiden: meine veroffentlichten Biicher und diese Privat- 
drucke in das einfiigen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete. 

Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fiir das Hinstellen 
der Anthroposophie vor das BewuBtsein der gegenwartigen Zeit ver- 
folgen will, der muB das an Hand der allgemein veroffentlichten Schrif- 
ten tun. In ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, was 
an Erkenntnisstreben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, was 
sich mir in «geistigem Schauen» immer mehr gestaltete, was zum Ge- 
baude der Anthroposophie - allerdings in vieler Hinsicht in unvoll- 
kommener Art - wurde. 

Neben diese Forderung, die «Anthroposophie» aufzubauen und da- 
bei nur dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus 
der Geist-Welt der allgemeinen Bildungswelt von heute zu iibergeben 
hat, trat nun aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was 
aus der Mitgliedschaft heraus als Seelenbediirfnis, als Geistessehnsucht 
sich offenbarte. 

Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien 
und den Schrift-Inhalt der Bibel iiberhaupt in dem Lichte dargestellt 



zuhoren, das sichals das anthroposophische ergeben hatte. Man wollte 
in Kursen iiber diese der Menschheit gegebenen Offenbarungen horen. 

Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten 
wurden, kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vortragen waren nur 
Mitglieder. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthropo- 
sophie bekannt. Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vor- 
geschrittenen auf dem Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung die- 
ser internen Vortrage war eine solche, wie sie eben in Schriften nicht 
sein konnte, die ganz fiir die Offentlichkeit bestimmt waren. 

Ich durfte in internen Kreisen in einer Art iiber Dinge sprechen, 
die ich fiir die offentliche Darstellung, wenn sie fiir sie von Anfang an 
bestimmt gewesen waren, hatte anders gestalten miissen. 

So liegt in der Zweiheit, den offentlichen und den privaten Schrif- 
ten, in der Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergriinden 
stammt. Die ganz offentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was 
in mir rang und arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die 
Gesellschaft mit. Ich hore auf die Schwingungen im Seelenleben der 
Mitgliedschaft, und in meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was 
ich da hore, entsteht die Haltung der Vortrage. 

Es istnirgends auchnurin geringstem Ma6e etwas gesagt, was nicht 
reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie ware. Von 
irgend einer Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen der 
Mitgliedschaft kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke liest, 
kann sie im vollsten Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie 
zu sagen hat. Deshalb konnte ja auch ohne Bedenken, als die Anklagen 
nach dieser Richtung zu drangend wurden, von der Einrichtung abge- 
gangen werden, diese Drucke nur im Kreise der Mitgliedschaft zu 
verbreiten. Es wird eben nur hingenommen werden miissen, da6 in 
den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet. 

Ein Urteil iiber den Inhalt eines solchen Privatdruckes wird ja allerdings 
nur demjenigen zugestanden werden konnen, der kennt, was als Ur- 
teils-Voraussetzung angenommen wird. Und das ist fiir die allermei- 
sten dieser Drucke mindestens die anthroposophische Erkenntnis des 
Menschen, des Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie 
dargestellt wird, und dessen, was als «anthroposophische Geschichte» 
in den Mitteilungen aus der Geist-Welt sich findet.